Hans Georg Rammelmayr

Hans Georg Rammelmayr (* 1940 in München; † 4. August 1971 ebenda) war ein deutscher Bankräuber und Geiselnehmer.

Leben und Tod

Der ausgebildete Chemograph stammte aus München-Giesing. Er war zusammen mit seinem Komplizen Dimitri Todorov der erste Bankräuber der deutschen Nachkriegsgeschichte, der bei Begehung der Tat gemeinschaftlich Geiseln nahm. Rammelmayr wurde beim Versuch, eine der Geiseln zu befreien, von der Polizei erschossen.

Ablauf des Bankraubs

Am 4. August 1971 um 15:55 Uhr überfielen die beiden Komplizen eine Filiale der Deutschen Bank in der Prinzregentenstraße 70[1] in München. Um ihrer Forderung nach zwei Millionen Deutschen Mark und einem Fluchtwagen Nachdruck zu verleihen, nahmen sie die in der Bank anwesenden 18 Personen als Geiseln.[2]

Nach Verhandlungen mit der Polizei wurden gegen 23 Uhr die geforderte Summe und ein Fluchtfahrzeug bereitgestellt. Die Einsatzleitung der Polizei war von Oberstaatsanwalt Erich Sechser übernommen worden, der entschied, dass die Täter „so rasch wie möglich ausgeschaltet werden“ sollten. Zunächst verließ eine weibliche Geisel mit einem Bankangestellten die Bank und wurde ins Fluchtfahrzeug gesetzt, anschließend kehrte der Bankangestellte – der Kassierer – in die Bank zurück. Kurz darauf verließ Rammelmayr die Bank und setzte sich zu der Geisel in das bereitgestellte Fahrzeug. Die Scharfschützen und MP-bewaffneten Polizisten schossen dann mehrmals in das Fahrzeug, obwohl sich die Geisel unmittelbar neben dem Räuber befand. Rammelmayr wurde tödlich verletzt, die sofortige Bergung der Geisel Ingrid Reppel aus dem Auto durch den Münchner Bürgermeister Hans Steinkohl konnte ihr Leben nicht retten; sie verstarb, von fünf Schüssen getroffen, trotz Notoperation im Krankenhaus.

Todorov befand sich zu diesem Zeitpunkt noch mit den restlichen Geiseln in der Bank. Während der Erstürmung des Gebäudes kam es zu einer Schießerei zwischen Todorov und Polizeibeamten, dabei gab es keine Verletzten.

Todorov wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wegen räuberischer Erpressung, fünffachen versuchten Mordes und Freiheitsberaubung.

In Folge der Tat wurden mit Wirkung zum 19. Dezember 1971 die neuen Straftatbestände erpresserischer Menschenraub und Geiselnahme in der Bundesrepublik Deutschland eingeführt.

Todorov war 22 Jahre lang inhaftiert, bevor er vorzeitig entlassen wurde.

Einsatz von Präzisionsschützen und Konsequenzen

  • Es gab in den Reihen der Polizei keine ausgebildeten „Präzisionsschützen“, so dass Beamte mit Jagdschein und Jagderfahrung abgestellt wurden, da diesen der Einsatz von Zielfernrohren vertraut war. Laut einer NDR-Reportage[3] absolvierten diese noch am Einsatztag ein Schießtraining in einer Kiesgrube, um sich auf ihren Einsatz vorzubereiten. Da ihre Jagdwaffen aber nicht dienstlich geliefert waren, mussten sie auf Heckler & Koch G3 mit Zielfernrohren zurückgreifen bzw. einsetzen, welche sich im Bestand der Münchner Polizei befanden. Diese Waffen lagen den Jägern aber nicht, da diese vom Militär stammten und somit ein deutlich höheres Abzugsgewicht von ca. 4 kg hatten. Im Vergleich zu einem klassischen Jagdgewehr ist das Abzugsgewicht bei halb- und vollautomatischen militärischen Waffen etwa doppelt so hoch. Verfügt das Jagdgewehr über einen Stecher, wie die meisten Jagdgewehre des 20. Jahrhunderts, dann ist das Abzugsgewicht etwa viermal so hoch. Das hohe Abzugsgewicht bei Militärwaffen ist ein reiner Sicherheitsaspekt, der aber eher hinderlich für das präzise Schießen ist. Des Weiteren besitzt das G3, als militärische Infanteriewaffe, nicht die Präzision einer hochwertigen Jagdwaffe.[4][5]
  • Von den Fenstern des gegenüber der Bank liegenden Edelrestaurants Feinkost Käfer aus beobachteten die Gäste, darunter Franz Josef Strauß und der damalige Innenstaatssekretär Erich Kiesl, die Szenerie.[6] Franz Josef Strauß soll dabei sein eigenes Jagdgewehr zur Lösung des Falles angeboten haben, mit den Worten: „Diese Schweine knall ich persönlich ab.“[7]

Als Folge der Ereignisse (und teilweise in Überlagerung mit der ein Jahr später stattfindenden Geiselnahme von München) wurde eine Reihe von Maßnahmen ergriffen:

  • Spezialeinsatzkommandos (SEK) als speziell ausgebildete Einheiten für entsprechende Einsätze wurden gegründet,[8]
  • ausgebildete Präzisionsschützen wurden in die SEKs integriert,
  • die organisatorischen Verantwortlichkeiten wurden definiert (Festlegung der Einsatzführung in Händen der Polizei).

Film

  • 2025: XY history - Tödliche Entscheidung - Der Banküberfall von München 1971, ZDF

Literatur

  • Erwin Tochtermann: Die Leichen der Bayrischen Justiz. Verlag Bayrischer Informationsdienst, München 1983, ISBN 3-923361-01-7.
  • Sepp Binder: Das Recht zum Todesschuß. In: Die Zeit. 15. August 1975, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 17. Juni 2016; abgerufen am 29. September 2022 (Nr. 34/1975).
  • Christine Thurner: 1971: Tödliche Kugeln statt Millionen-Beute. In: Nürnberger Nachrichten. 31. Juli 2011, abgerufen am 29. September 2022.
  • Ja, sicherlich. Der fragwürdige Schießbefehl eines übereifrigen Staatsanwaltes, dem ein Bankräuber und eine Geisel zum Opfer fielen, hat in München offenbart, wie unzulänglich die Polizei auf ungewohnte Verbrechen reagiert. In: Der Spiegel. 8. August 1971, abgerufen am 29. September 2022 (Nr. 33, 1971, S. 25–28).

Einzelnachweise

  1. Amtliches Fernsprechbuch Ortsnetz München 1970–1971, S. 210.
  2. Gisela Friedrichsen: Durch überlange Haft geprägt. In: Der Spiegel. 25. Januar 1998, abgerufen am 29. September 2022 (Nr. 5, 1998, S. 76 f.).
  3. Der Todesschuss von München (2. Teil der Reihe „Geld her“); ein Film von Tom Ockers, Erstausstrahlung am 25. Juni 2007 im Ersten
  4. https://www.welt.de/geschichte/article68b8377f01ad191d1ad5e069/geiseldrama-in-muenchen-zwei-millionen-mark-und-freies-geleit.html
  5. YouTube-Video: Warum sind Repetierer in der Regel präziser als Halbautomaten.
  6. Gisela Friedrichsen: Durch überlange Haft geprägt. In: Der Spiegel. 25. Januar 1998, abgerufen am 29. September 2022 (Nr. 5, 1998, S. 76 f.).
  7. Axel Schock: Die Autobiografie des ersten Geiselnehmers in Deutschland: Todorovs lange Jahre im Knast. In: Berliner Zeitung. 14. März 2002, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 25. Juli 2021; abgerufen am 2. Oktober 2022.
  8. Spezialeinheiten der Bayerischen Polizei zur Bekämpfung schwerer Gewaltkriminalität – Abschnitt „Historie“. In: Webseite Bayrische Polizei. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 25. Juli 2021; abgerufen am 2. Oktober 2022.