Héctor Germán Oesterheld
Héctor Germán Oesterheld (* 23. Juli 1919 in Buenos Aires; † 1978?) war ein argentinischer Journalist, Comicautor und Verleger.
Leben
Oesterheld stammte aus einer Familie von Einwanderern, sein Vater war Deutscher, seine Mutter Baskin.[1] Er studierte an der Universidad de Buenos Aires Geologie und begann bereits während dieser Zeit mit ersten literarischen Versuchen.[2] Sein Debüt als Journalist war im Feuilleton der argentinischen Tageszeitung „La Prensa“ zu lesen. In dieser Zeit lernte er auch die konstruierte Sprache Esperanto und begann darin internationale Korrespondenzen zu führen.[3] Oesterheld war unter seinen Freunden wegen seiner europäischen Abstammung als „der Deutsche“ und als „Sokrates“ bekannt.[4] Er arbeitete auch unter vielen Künstlernamen:HGO, Alberto González, Artemio, C. De La Vega, Enrico Veronese, Francisco G. Vázquez, Germán Sturgiss, Héctor Sánchez Puyol, PM Cárdenas.[5]
1950 heiratete Oesterheld in Buenos Aires Elsa Sánchez und hatte mit ihr vier Töchter; Estela (* 1952), Diana (* 1953), Beatriz (* 1955) und Marina (* 1957).
1957 gründete Oesterheld zusammen mit seinem Bruder Jorge die Ediciones Frontera; gedacht war dieser Verlag als Basis für Oesterhelds eigene Arbeiten, unter anderem für seine graphic novels, mit denen er sich inzwischen einen Namen gemacht hatte. Hier erschien auch sein Hauptwerk El Eternauta von 1957 bis 1959 in insgesamt 106 Teilen als wöchentlicher Fortsetzungscomic.[6]
Oesterheld hatte eine direkte Verbindung zur italienischen „Venedig-Gruppe“ (Grupo Venecia), einer losen Allianz von Zeichnern und Autoren um den italienischen Künstler Hugo Pratt, die maßgeblich den argentinischen Comicmarkt in den 1950ern und 1960ern prägten. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog Hugo Pratt auf Einladung von Cesare Civita, dem Leiter der Editorial Abril, nach Argentinien und wurde dort zu einem zentralen Mitglied der Gruppe italienischer Comic-Schaffender. Oesterheld arbeitete als Szenarist mehrfach mit Pratt zusammen – unter anderem an den Serien „Sargento Kirk“ und „Ernie Pike“, der durch den Kriegsberichterstatter Ernie Pyle inspiriert war[7], die im von Oesterheld gegründeten Magazin „Hora Cero“ erschienen. Diese künstlerische Kooperation führte zu einer engen kreativen Verbindung zwischen argentinischen und italienischen Comic-Künstlern und machte Buenos Aires in dieser Zeit zu einem Zentrum für internationale Comicproduktion. Die „Venedig-Gruppe“ brachte neue Erzählstile und Perspektiven ein, die Oesterhelds Arbeiten beeinflussten und zur Modernisierung des Mediums Comic beitrugen. So gelten die gemeinsamen Serien von Oesterheld und Pratt als stilbildend für die argentinische Comiclandschaft und werden bis heute in Fachkreisen gewürdigt.[8]
Oesterheld und seine vier Töchter schlossen sich in den 1970er Jahren der linksperonistischen Guerillagruppe Montoneros an, die gegen die Militärjunta in Argentinien kämpfte. Oesterheld begann als unpolitischer Intellektueller, wurde aber durch die politische Atmosphäre und die soziale Arbeit seiner Töchter zum linken Peronismus und schließlich zu den Montoneros hingezogen.[9][6][5]
Als sich 1976 die Junta unter General Jorge Rafael Videla an die Macht geputscht hatte, verhaftete man Oesterheld am 27. April 1977 und ließ ihn verschwinden.[10] Ein Jahr später wurden auch seine vier Töchter verhaftet und erlitten dasselbe Schicksal, nur der Leichnam der jüngsten Tochter wurde jemals gefunden.[9][11] Oesterheld wurde 1978 von Mitgefangenen zuletzt in einem Gefangenenlager in der Gegend um Buenos Aires lebend gesehen.[12][13]
Die Ehefrau bzw. Mutter Elsa Sánchez gehörte zu den ersten Mitgliedern der Organisation Madres de Plaza de Mayo, welche erstmals am 30. April 1977 protestierte. Später wählte man sie zudem noch als Sprecherin der Abuelas de Plaza de Mayo.[11]
Rezeption
Héctor Germán Oesterheld zählt zu den prägendsten Comic-Autoren Argentiniens und sein Werk, insbesondere „El Eternauta“, wurde international als Meilenstein der Comic-Literatur und als Symbol für Widerstand und gesellschaftliches Bewusstsein rezipiert.[6][14][8][15]
Schon zur Veröffentlichung 1957 prägte „El Eternauta“ die argentinische Comickultur entscheidend, indem Oesterheld den Comic zu einem Medium für Erwachsene machte und komplexe politische wie soziale Themen in seine Science-Fiction-Erzählung integrierte.[6][15]
Oesterhelds „El Eternauta“ wird vielfach als prophetische Parabel auf die späteren argentinischen Militärdiktatur gelesen, obwohl die erste Version 20 Jahre vor der argentinischen Junta entstand. Die Geschichte um den Überlebenskampf einer kleinen Gruppe in Buenos Aires wurde rückblickend für ihre Vorwegnahme kollektiver Traumata Argentiniens und für die Darstellung von Solidarität und Widerstand gegen Unterdrückung gefeiert.[6][16][17]
In den 1970ern wurde Oesterhelds eigenes Leben durch sein politisches Engagement gegen die Diktatur geprägt, was sein Schaffen nachträglich mythisierte: Er verschwand als einer der sogenannten „Desaparecidos“ und wurde vermutlich ermordet, was auch zur Ikonisierung seines Werkes beitrug.[6][16][17]
Verfilmung
Eternauta (2025), die Netflix-Verfilmung von „El Eternauta“ verhalf dem Werk von Héctor Germán Oesterheld weltweit zu neuer Popularität. Mit der seriellen Adaption wurde die Modernität und Innovationskraft des Originals hervorgehoben und die Verbindung zum kollektiven Trauma Argentiniens, das Oesterhelds Leben und Werk geprägt hat, deutlich gemacht. Die Serie interpretiert Oesterhelds Vermächtnis als prophetische Warnung und als künstlerische Mahnung gegen Unrecht und Diktatur, wodurch sein literarischer Beitrag für Gegenwart und Zukunft weitergetragen wurde.[14][18]
Videobeiträge
Werke (Auswahl)
- mit Alberto Breccia und Enrique Breccia (Zeichnungen): Che, Carlsen, Hamburg 2008, ISBN 978-3-551-77654-9.
- mit Francisco Solano López (Zeichnungen): Eternauta. Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch Claudia Wente. Avant, Berlin 2016, ISBN 978-3-945034-35-4.[19]
Literatur
- Germán Cáceres: Oesterheld. Ediciones del Dock, Buenos Aires 1992.
- Judith Gociol: Héctor Oesterheld. UNSAM, San Martín 2006.
- Judith Gociol, Diego Rosemberg (Hrsg.): La historieta argentina. Una historia. 2. Aufl. Ediciones de la flor, Buenos Aires 2000, ISBN 950-515-568-9.
- Roberto von Sprecher: El eternauta. La sociedad como imposible; modelos de sociedad en las obras de Héctor Germán Oesterheld. JCV Editorial, Córdoba 1998, ISBN 978-987-9323-01-4.
Einzelnachweise
- ↑ Oesterheld, YPF, el petróleo y El Eternauta. In: Vacamuerta.ar. 6. Mai 2025, abgerufen am 1. Oktober 2025 (spanisch).
- ↑ Fernando Krakowiak: El Eternauta: Héctor Oesterheld, el joven geólogo que se convirtió en el autor. In: Econojurnal.com. 5. Mai 2025, abgerufen am 1. Oktober 2025 (spanisch).
- ↑ Verko de malaperigita esperantisto ĉe Netflix ("Ein Werk eines verschwundenen Esperantisten bei Netflix"). In: Libera Folio. Kalle Kniivilä, 28. Mai 2025, abgerufen am 1. Juni 2025 (Esperanto).
- ↑ ‘El Eternauta’, una parábola que anticipa las tragedias de su autor, Héctor Germán Oesterheld, y de Argentina. In: El Salto Diario. 16. Mai 2025, abgerufen am 24. September 2025 (local).
- ↑ a b Héctor Germán Oesterheld (b. 1919). In: Comics.org. Abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ a b c d e f Janina Martens: Argentinische Comicfigur als Volksheld – DW – 18.03.2016. Abgerufen am 24. September 2025.
- ↑ Ralph Trommer: Graphic Novel „Ernie Pike“: Archetyp des Kriegsreporters. In: Die Tageszeitung: taz. 6. Dezember 2022, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 25. September 2025]).
- ↑ a b Bustos Domecq: Legendäre Graphic Novel : Der ewig Suchende | woxx. In: Woxx.lu. Abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ a b deutschlandfunk.de: Familiengeschichte von Héctor Oesterheld - Argentinischer Comic-Autor kämpfte gegen Militärdiktatur. 31. Oktober 2016, abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ Jürgen Vogt: Sie stand für die Opfer des Militärs. In: Die Tageszeitung: taz. 24. Juni 2015, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 26. September 2025]).
- ↑ a b Gregorio Belinchón: Family tragedy, the repression of Argentina’s military dictatorship and the delicate legacy hidden in ‘The Eternaut’. In: El Pais. 20. Juli 2025, abgerufen am 25. September 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Fernanda Nicolini, Alicia Beltrami: „Los Oesterheld“ Sudamericana, 2016
- ↑ Sabine Meier: Die Familien-Tragödie hinter dem Netflix-Meisterwerk «Eternauta». In: Watson.ch. Abgerufen am 27. September 2025.
- ↑ a b Thomas Wörtche: Ein Jahrhundert-Comic und ein Missverständnis – „Eternauta“ – Comic.de. In: Comic.de. Abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ a b Jessica Zeller: Ein kleiner Trupp von Überlebenden. In: Jungle World. Abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ a b Der Mythos "Eternauta". In: Kulturstiftung des Bundes. Abgerufen am 25. September 2025 (deutsch).
- ↑ a b deutschlandfunk.de: Familiengeschichte von Héctor Oesterheld - Argentinischer Comic-Autor kämpfte gegen Militärdiktatur. 31. Oktober 2016, abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ Florian Schmid: Verfilmung von Graphic Novel „Eternauta“: Toxischer Schnee. In: Die Tageszeitung: taz. 30. April 2025, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 25. September 2025]).
- ↑ Das stille Sterben in Buenos Aires in FAZ vom 15. März 2016, Seite 13