Giovanni Michelucci

Giovanni Michelucci (* 2. Januar 1891 in Pistoia; † 31. Dezember 1990 in Florenz) war ein italienischer Architekt, Stadtplaner und Hochschullehrer.

Leben und Werk

Michelucci wurde 1891 in Pistoia als Sohn von Bartolommeo Michelucci und Ida Borri geboren, der Vater starb einige Jahre später am 9. Juni 1906. Seine Familie besaß eine Werkstatt für künstlerische Metallarbeiten, die 1864 von Großvater Giuseppe Michelucci († 1912) gegründet worden war.[1.1][2]

Von 1908 bis 1911 studierte er am Istituto Superiore d‘Architettura in Florenz bei Giovanni Fattori und Adolfi De Carolis. Unter seinen Kommilitonen waren Luigi Zumkeller und Ottone Rosai.[1.1] Er schuf anschließend eine Reihe von Holzschnitten und Gemälden, die auch ausgestellt wurden. 1914 erhielt er das Diplom als Hochschullehrer für Architekturzeichnung. Als Soldat im Ersten Weltkrieg (ab 1915) realisierte er eine kleine Kapelle in Ladra bei Caporetto – seine erste architektonische Arbeit (1916–17). 1918 starben seine beiden Brüder Alfredo und Giuseppe, die die Familienwerkstatt leiteten, an der spanischen Grippe, im Folgejahr übernimmt er diese, bevor er sie schließlich 1921 verkaufte.[1.1]

1920 gründete er mit dem Maler Fabio Casanova, dem Bildhauer Ulisse Lippi und dem Architekten Giulio Meloni eine private Kunstschule in Pistoia, wo er Architektur und Zeichnen unterrichtet. 1923 wurde er Mitglied der Kunstkommission von Pistoia (bis 1926) und begann für verschiedene Zeitungen zu schreiben. 1925 zog er nach Rom (Via Giulia 127) und trat im selben Jahr der Faschistischen Partei Italiens bei.[1.1] Seine Mitgliedschaft brachte ihn in Kontakt mit Alessandro Pavolini, Giuseppe Bottai und Mussolinis Sekretär Alessandro Chiavolini.[2] 1928 kehrte er nach Florenz zurück. Seine Tätigkeit als Architekt begann mit kleineren Wohnbauten. 1933 erhielt er, dank seiner Parteimitgliedschaft, mit dem Gruppo Toscano (Nello Baroni, Pier Niccolò Berardi, Italo Gamberini, Sarre Guarnieri, Leonardo Lusanna) den ersten Preis im Wettbewerb um den neuen Hauptbahnhof von Florenz.[3] Das 1935 fertiggestellte Projekt erregte wegen seiner betont modernen Formensprache auch im Ausland Aufsehen.

Als bereits etablierter Architekt wurde Michelucci nun Mitarbeiter des einflussreichen faschistischen Staatsarchitekten Marcello Piacentini im Zusammenhang mit dem Projekt der „Città universitaria“ in Rom. Auf dem Campus der Universität La Sapienza realisierte Michelucci das an der Formensprache der Klassischen Moderne orientierte Institutsgebäude für Mineralogie, Geologie und Paläontologie (1932–35). 1939 wurde Michelucci Professor an der Universität Florenz. Nach dem italienischen Kriegseintritt in den Zweiten Weltkrieg am 10. Juni 1940 stagnierte seine Arbeit als Architekt. 1944 begann er eine Gruppe von Intellektuellen um Carlo Ludovico Ragghianti zu frequentieren, die im Umfeld der Resistenza dem Komitee der nationalen Befreiung (CNL) angehörten. Dank Ragghianti wurde er Ende 1944, nicht ohne Proteste aufgrund seiner faschistischen Vergangenheit, zum Vorsitzenden der Architekturfakultät der Universität Florenz gewählt.[2]

Der historisierende Wiederaufbau der gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zerstörten Altstadtviertel um den Ponte Vecchio enttäuschte allerdings Michelucci schwer – er hatte für den südlichen Bereich vor der Brücke deutlich modernere Pläne mit Hochhäusern vorgelegt. Resigniert verließ Michelucci 1948 die Architekturfakultät der Universität Florenz und lehrte daraufhin an der Ingenieurfakultät der Universität Bologna, realisierte aber immer wieder auch Projekte in der heimatlichen Toskana.

Die 1950 fertiggestellte Warenbörse (italienisch Borsa merci) in Pistoia zeigt beispielhaft seine Auffassung des neuen Bauens in einem historischen Kontext. Die Haltung einer radikalen Erneuerung, die Michelucci noch bei seinem Florentiner Hochhausprojekt offenbarte, ist bei der Warenbörse deutlich relativiert: Hier wurde die vorhandene Bebauung der benachbarten Cassa di Risparmio dell'Azzolini (aus 1905) zur wichtigen Referenz seiner zeitgenössischen Architektur. Trotz der bewusst gewählten, modernen Materialien – Stahlbeton, Glas und Stahl – gelang ihm eine überzeugende Einbindung des Modernen.

In den 1950er Jahren wurde er zum Protagonisten des modernen Kirchenbaus, entwarf aber unter anderem auch ein Hochhaus in Livorno (1957–66) und arbeitete am Generalbebauungsplan von Florenz und jenem von Ferrara mit. 1958 erhielt er den bedeutenden Antonio-Feltrinelli-Preis. Mit der Autobahnkirche San Giovanni Battista in Campi Bisenzio (bei Florenz) realisierte Michelucci 1964 ein Schlüsselwerk der organischen Architektur in Italien.

Micheluccis Vorschläge für den Wiederaufbau von Florenz nach der Flut vom Dezember 1966 blieben unrealisiert.

Am 31. Dezember 1990, zwei Tage vor seinem 100. Geburtstag, verstarb er in seinem Haus in Fiesole. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Leonardo Ricci und Aldo Loris Rossi.

Werke (Auswahl)

  • Feldkapelle, Ladra, 1916–17[1]
  • Villa Wnoroska, Rom, 1926–27[1]
  • Casa del Balilla, Pistoia, 1927–29[1]
  • Villino Valiani, Rom, 1929–30[1]
  • Villa Valiani in Rom, 1929–31[1][4]
  • Istituto di Mineralogie-Geologia-Paleontologia e Fisiologia generale-Psicologie-Antropologia della Città universitaria, Rom, 1932–35[1]
  • Bahnhof S. Maria Novella in Florenz, 1933–35[1]
  • Palazzo del Governo in Arezzo, 1936–39[1]
  • Villa Vittoria, Forte dei Marmi, 1937–39[1]
  • Ponte alle Grazie, Florenz, 1945–57[1]
  • Chiesa dei S. Pietro e Gerolamo, Collina di Pontelungo bei Pistoia[1]
  • Chiesa delle S. Maria e Tecla alla Vergine, Pistoia[1]
  • Borsa merci (Warenbörse) in Pistoia, 1948–50[1]
  • Kirche SS. Pietro e Gerolamo (Chiesa di Collina) in Pontelungo (Pistoia), 1947–53
  • Hauptsitz der Cassa di Risparmio (Sparkasse) Florenz, 1953–57
  • Kirche B.V. Maria in Larderello (Pisa), 1954–56
  • Hochhaus an der Piazza Matteotti in Livorno, 1957–66
  • Kirche S. Giovanni Battista in Campi Bisenzio (an der Autostrada del Sole, Florenz), 1960–64
  • Kirche San Giovanni Battista in Arzignano (Vicenza), 1965–67
  • Kirche S. Rosa in Livorno, 1977
  • Bankfiliale der „Monte dei Paschi di Siena“ in Colle Val d’Elsa, 1973–78
  • Theater Michelucci in Olbia, 1988–90.

Literatur

Einträge in Enzyklopädien

Monographien

  • Fernando Clemente, Leonardo Lugli: Giovanni Michelucci. Il Pensiero e le Opere. Bologna 1966.
  • Claudia Conforti, Roberto Dulio, Marzia Marandola: Giovanni Michelucci. Milano 2006.
Commons: Giovanni Michelucci – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m Claudia Conforti, Roberto Dulio, Marzia Marandola: Giovanni Michelucci. Milano 2006.
    1. a b c d S. 380
  2. a b c Mauro Petrecca: Giovanni Michelucci. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI).
  3. Un secolo ed un architetto: Giovanni Michelucci. In: toscananovecento.it. Abgerufen am 25. November 2021 (italienisch).
  4. Luigi Monzo: Ein verlorenes Kleinod: Micheluccis Casa Valiani in Rom (19. März 2012).