Gerichtsschenke (Burg bei Magdeburg)
Die Gerichtsschenke war eine historische Gaststätte in der Stadt Burg (bei Magdeburg). Das Gebäude befindet sich im Breiten Weg 39. Im Laufe ihrer Geschichte trug die Einrichtung verschiedene Namen, darunter Café Lincke und während der Zeit des Nationalsozialismus den Beinamen Braunes Haus. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde der Gastronomiebetrieb eingestellt.[1]
Geschichte
Gründung und Kaiserzeit
Die gastronomische Nutzung des Gebäudes begann im späten 19. Jahrhundert. Am 8. April 1888 annoncierte Louis Ferchland im Burger Tageblatt die Eröffnung eines Cafés neben seiner bereits bestehenden Konditorei am Breiten Weg 39.
Etwa sechs Jahre später übernahm der Konditor Carl Lincke sowohl die Bäckerei als auch das Café. Lincke verlegte damit seinen geschäftlichen Standort vom Markt 31 in die Straße zum Rathaus. Unter seiner Führung etablierte sich der Name Café Lincke.
Zeit des Nationalsozialismus
Im Juli 1932 erfolgte eine Neueröffnung unter dem Betreiber Otto Ulrich, einem überzeugten Nationalsozialisten. Ulrich gab dem Café Lincke die politisch motivierte Zusatzbezeichnung „Braunes Haus“, um bereits vor der Machtergreifung der NSDAP einen weltanschaulichen Treffpunkt zu etablieren. Ulrich erwarb später auch Lachmunds Hotel in der Bahnhofstraße 8, wandelte es zum „Hotel Potsdam“ um und etablierte dort nach 1933 den Sitz der Kreis-NSDAP.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 übergab Ulrich die Gaststätte am Breiten Weg an seinen Nachfolger Willi Plattè. In diesem Zuge erhielt das Lokal den Namen Gerichtsschenke. Der Name leitete sich von der unmittelbaren räumlichen Nähe zum damaligen Kreisgericht und dem städtischen Gefängnis ab.
DDR-Zeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gaststätte in der DDR als Betrieb der Handelsorganisation (HO) weitergeführt. Die HO-Gerichtsschenke erwarb sich in den 1950er Jahren einen guten Ruf für ihre Küche. Anfang 1958 wurde das Gaststättenkollektiv mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet.
Wie viele HO-Gaststätten wurde auch die Gerichtsschenke periodisch renoviert. Im Zuge einer Neugestaltung in den 1970er Jahren schuf der HO-Werbegrafiker Max Brandt ein Kunstwerk im Innenraum, das den „Trommler von Burg“ darstellte. Das Bild nahm Bezug auf eine lokale Sage, nach der ein Trommler als Wetteinsatz von der ehemaligen Ratsweinschenke (die sich einst auf dem Gelände des nahen Gerichtes befand) in ein unterirdisches Gangsystem stieg und dort verschwand.
Schließung
Nach der politischen Wende 1989/90 wurde der Gastronomiebetrieb in der Gerichtsschenke eingestellt. Trotz der zentralen Lage in der Altstadt blieb das Gebäude ungenutzt. Im Mai 1995 wurde das ca. 300 Quadratmeter große Grundstück für 130.000 DM zum Kauf angeboten.
Bedeutung und Anekdoten
Die Gerichtsschenke war über Jahrzehnte ein zentraler Punkt des gesellschaftlichen Lebens in Burg.
- Karneval: Die Kneipe diente über Jahre hinweg als Treffpunkt des Elferrates des Burger Karnevalsvereins. Während der Umzüge nutzte der Vorstand die Räumlichkeiten für Pausen oder startete von dort aus den symbolischen „Generalangriff“ auf das Rathaus zur Eroberung der Stadtschlüssel.
- Der Vorfall in den 1980er Jahren: In der lokalen Überlieferung hält sich eine Episode aus den frühen 1980er Jahren, die in den offiziellen Medien der DDR verschwiegen wurde. Ein führender ziviler SED-Kreisfunktionär soll in stark alkoholisiertem Zustand versucht haben, Gäste der Gerichtsschenke unter Vorhalt seiner Dienstpistole zu verhaften. Der Vorfall führte zwar nicht zu Presseberichten, aber zur Enthebung des Funktionärs aus seinem gehobenen Parteiamt.
Architektur und Außengestaltung
Das Gebäude ist ein zweigeschossiger, traufständiger Putzbau, der von einem mit roten Ziegeln gedeckten Satteldach abgeschlossen wird. Die Fassade ist durch eine symmetrische Gliederung und aufwendige, dunkel abgesetzte Wanddekorationen geprägt.
Fassadengliederung
Das Obergeschoss verfügt über vier gleichmäßig angeordnete Fensterachsen. Die Fenster sind von gemalten, geometrischen Bändern (Rautenmuster) gerahmt, die seitlich an den Fensterlaibungen herablaufen. Über jedem Fenster befindet sich eine stilisierte, florale Bemalungen in Form von geschwungenen Ornamenten, die an Blattwerk erinnern. Den oberen Abschluss der Fassade bildet unterhalb der Dachtraufe ein durchlaufender Fries aus geometrischen Formen.
Schriftzug und Symbolik
Zwischen dem Erd- und Obergeschoss verläuft ein breites Schriftband. Historische Aufnahmen zeigen hier den in Frakturschrift ausgeführten Namen der Gaststätte „Gerichtsschenke“.
Zentrales Element dieses Schriftbandes, direkt über dem Haupteingang, ist die Darstellung der Justitia (Gerechtigkeit). Sie ist als weibliche Figur mit verbundenen Augen dargestellt. In der historischen Ansicht ist erkennbar, dass sie in der rechten Hand ein Schwert und in der linken Hand eine Waage hält – eine direkte visuelle Anspielung auf den Namen des Hauses und die Nähe zum Amtsgericht. In späteren Jahren ist die Malerei stark verwittert, sodass die Attribute der Figur (Waage und Schwert) kaum noch zu erkennen sind.
Erdgeschoss
Das Erdgeschoss wird durch zwei große Schaufenster und zwei Türen (einen Haupteingang und einen seitlichen Eingang rechts) gegliedert. Auch hier finden sich dekorative Rahmungen mit Rautenmustern an den Türgewänden.
Über den Schaufenstern befinden sich spezifische Symbole, die auf die Nutzung des Hauses hinweisen:
- Linkes Fenster: Ein Korb oder eine Garbe (vermutlich Getreide/Ähren) mit gekreuzten Werkzeugen. Aufgrund der im Text erwähnten Vornutzung durch Bäcker und Konditoren könnte es sich hierbei um Bäckerschieber handeln.
- Rechtes Fenster: Ein Korb mit Weinlaub und Trauben sowie einer Flasche, was die Funktion als Weinstube oder Schenke symbolisiert.
Zustand
Historische Fotografien belegen, dass ursprünglich schmiedeeiserne Laternen über den Schaufenstern angebracht waren und der Haupteingang durch eine kastenförmige Leuchtreklame betont wurde. Auf jüngeren Aufnahmen zeigt sich das Gebäude in einem stark sanierungsbedürftigen Zustand mit abblätterndem Putz, verwitterten Malereien und Graffiti im Sockelbereich.
Einzelnachweise
- ↑ Gerichtsschenke – Burg bei Magdeburg und Umgebung. Archiviert vom am 20. September 2020; abgerufen am 16. Dezember 2025 (deutsch).
Koordinaten: 52° 16′ 20,4″ N, 11° 51′ 37″ O