Geißbockversteigerung

Die Geißbockversteigerung ist ein altes Stadtfest, das jedes Jahr am Dienstag nach Pfingsten in der vorderpfälzischen Stadt Deidesheim an der Weinstraße (Rheinland-Pfalz) gefeiert wird. Höhepunkt ist die Versteigerung eines Geißbocks. Das Fest ist Bestandteil der Geißbocktradition zwischen den Städten Lambrecht und Deidesheim, die 2025 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. Schätzungen zufolge lockt es jedes Jahr etwa 4000 Besucher in die Stadt.[1]

Geschichte

Das Fest geht zurück auf einen alten Pfingst-Rechtsbrauch: Mehrere Jahrhunderte lang hatte die Stadt Lambrecht als Ausgleich für die Gewährung von Weiderechten im Waldgebiet der Stadt Deidesheim alljährlich einen Geißbock zu liefern. Bereits im 19. Jahrhundert galt dieses Rechtsverhältnis als antiquiert; die Stadt Lambrecht hätte 1845 die Geißbocklieferungen gerne gegen eine einmalige Geldzahlung eingestellt; auch 1928, 1933 und nach dem Zweiten Weltkrieg gab es weitere solcher Vorstöße von Lambrecht. Deidesheim bestand aber auf die Fortführung des Brauchs.[2]

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts ist nachweisbar, dass der Geißbock öffentlich versteigert wurde.[3] Die Geißbockversteigerung entwickelte sich allmählich zu einem Volksfest; Deidesheim inserierte in überregionalen Zeitungen, und um 1900 vermeldete die Presse bereits größere Besuchermassen.[2]

Die Steigerer des Geißbocks lassen sich seit mindestens 1900 lückenlos auflisten; zu ihnen zählen der Holiday Park, „die Gastronomen und der Pälzer Parrer“ aus Weisenheim am Berg, Norbert Schindler, das Gasthaus zur Kanne und Buochs, die Schweizer Partnergemeinde Deidesheims.[4]

Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurde in jedem Jahr ein Geißbock geliefert und versteigert, allerdings wurde die Versteigerung 1944 wegen der Gefahr von Luftangriffen nicht vor dem Rathaus, sondern in der Halle der Winzergenossenschaft abgehalten. Auch im Mai 1945, wenige Tage nach der Kapitulation des Dritten Reichs im Zweiten Weltkrieg, fand die Geißbockversteigerung statt.[5]

Seit 1972 wird das Historienspiel, das der Versteigerung vorangeht, in seiner gegenwärtigen Form aufgeführt, und seit 1977 gehört der Geißbockmarsch nach Deidesheim zum Programm, der frühmorgens an der Friedrich-Ebert-Brücke in Lambrecht startet.[6]

In den Jahren der COVID-19-Pandemie, 2020 und 2021, wurde von Lambrecht wie üblich ein Geißbock an Deidesheim abgeliefert, allerdings war es nicht möglich, eine öffentliche Versteigerung abzuhalten. Deshalb wurden am Pfingstdienstag 2022 gleich drei Geißböcke nacheinander versteigert.[7]

Festablauf

Wanderung nach Deidesheim

Der Tributbock muss durch das jüngste Lambrechter Brautpaar zum Sonnenaufgang an der Deidesheimer Waldgrenze übergeben werden. Diese liegt etwa drei Fußstunden von Lambrecht entfernt.[8] Um 5:30 Uhr morgens setzt sich in Lambrecht eine Art Volkswanderung in Bewegung, denn das junge Brautpaar wird auf dem Geißbockweg von bis zu 400 Personen begleitet.[9]

An der Deidesheimer Hütte wird die Gruppe dann von einem als „fürstbischöflicher Waldhüter“ kostümierten Deidesheimer nebst einem Fähnlein „Stadtsoldaten“ begrüßt. Der Waldhüter verliest den Geleitbrief und kredenzt dem Lambrechter Ehepaar einen Schluck Wein aus seinem Schlotterkrug. Nach dem Absingen des Lambrechter Geißbockliedes erfolgt der Marsch zur Deidesheimer Stadtgrenze.

Um 10 Uhr wird die Gruppe am südlichen Ortseingang von der Deidesheimer Delegation, bestehend aus Bürgermeister, Stadtrat, Kolpingkapelle, den Grundschülern der Stadt und einer großen Anzahl Schaulustiger, in Empfang genommen. Hier singen die Grundschüler das Deidesheimer Geißbocklied. Gemeinsam ziehen dann alle zum Platz vor dem historischen Rathaus, auf dem sich das Hohe Stadtgericht einfindet.

Verhandlung des „Hohen Stadtgerichts“

Der Bräutigam überreicht die Übergabeurkunde an den „Schultheiß“. Dann beginnt die Verhandlung des Stadtgerichts, in deren Verlauf der Bock auf seine Hörnung und seine Zuchtfähigkeit überprüft wird. Während die Stadtrichter die Frage, ob der Geißbock gut gehörnt ist, durch bloßes Hinsehen für sich selbst beantworten können, bedarf es bei der Frage um die Beschaffenheit seines Beutels der Expertise des „fürstbischöflichen Viehhofmeisters“. Dieser nimmt mit geübten Fingern eine Untersuchung vor und gibt sein Einverständnis mit den Worten: „… und was seine Gebräuchlichkeit angeht, da steh’ ich mit meinem Wort dafür, dass der Bock was taugt für die Zucht.“ Wenn es keine Beanstandungen gibt, gilt der Bock als angenommen.

Weiteren Diskussionsstoff für das Stadtgericht liefert nun die Frage nach der Aufteilung des am Abend fälligen Steigpreises für den Geißbock. Nach einem alten Vertrag ist der Erlös der Auktion zwischen Deidesheim und dem Nachbarort Niederkirchen im Verhältnis 2:1 aufzuteilen, weil beide Orte nach der Teilung der Gemeinden 1819 noch bestimmte Flächen und Wege gemeinsam nutzen. Allerdings muss die Aufteilung nur dann erfolgen, wenn der Bürgermeister von Niederkirchen bei Sonnenaufgang der Bockübergabe im Wald und am Abend der Versteigerung beigewohnt hat. Zur Erheiterung der Festteilnehmer wird jedoch vom Stadtgericht angemerkt, dass er bei der morgendlichen Übergabe gefehlt habe, aber am Vortag in Deidesheim gesehen worden sei. Nach den Worten „So mag ihm der gute Deidesheimer Wein wohl nicht bekommen sein, denn er ist stark und hat schon manchen von den Beinen jäh gerissen“ wird schließlich entschieden, dass der Anspruch Niederkirchens auf ein Drittel des Steigpreises für dieses Jahr wieder einmal verwirkt sei.

Nach der Sitzung des Stadtgerichts bekommt das Lambrechter Brautpaar wie vereinbart Käsebrot und Wein. Die Veranstaltung hat nun bis nachmittags Pause; der Bock darf sich mit frischem Gras für seine Versteigerung stärken.

Vorbereitung der Versteigerung

Um 15 Uhr geht die Veranstaltung weiter mit einem Standkonzert der Kolpingkapelle. Ab 16 Uhr findet ein folkloristisches Programm statt – mit Volkstänzen der Trachtengruppe, mit dem Fassschlüpfen und dem Küferschlag. Das Fassschlüpfen ist ein Wettstreit unter Buben und Mädchen, bei dem es darauf ankommt, möglichst schnell durch das Fasstürchen eines Holzfasses in dieses hinein- und wieder herauszukommen; es erinnert an eine Zeit, als Kinder noch Holzfässer zu säubern hatten, in die ein Erwachsener nicht hineingepasst hätte. Der Küferschlag ist ein historischer Wechselgesang zwischen einem Küfermeister und seinen Gesellen. Da es in Deidesheim keine Küfer mehr gibt, wird das Lied vom Männergesangsverein Liederkranz vorgetragen.

Nun beginnt eine weitere Sitzung des Stadtgerichts. Dabei wird das am Morgen getroffene Urteil bezüglich der Annahme des Geißbocks noch einmal bestätigt. Dann werden mit den Abgesandten von Neustadt, Gimmeldingen und Haardt die Weiderechte für das kommende Jahr verhandelt. Der Niederkirchener Bürgermeister tritt ebenfalls vor das Stadtgericht und erbittet für den Nachbarort den Anteil am Steigpreis; dieser wird ihm jedoch vom Stadtgericht mit dem Verweis auf die Vertragsbedingung abgeschlagen. Nach der Sitzung folgen die Grußworte des Deidesheimer Bürgermeisters, der Pfälzischen Weinkönigin sowie der Weinprinzessin der Verbandsgemeinde Deidesheim.

Seit 1949 gibt es einen Wettbewerb, bei dem das Publikum bis zum Beginn der Versteigerung den voraussichtlichen Steigpreis schätzen kann. Den Personen, die dem Ergebnis am nächsten kommen, winken Gutscheine der Deidesheimer Gastronomie und diverse Weinpreise.

Versteigerung

Nachdem die Versteigerungsbedingungen verlesen sind, beginnt genau um 17:45 Uhr die größte Glocke im Turm der benachbarten katholischen Ulrichskirche zu läuten, und die Auktion auf der doppelseitigen Rathaustreppe nimmt ihren Lauf. Exakt „mit dem Schlag der sechsten Stund“, dem letzten Glockenschlag der Pfarrkirche um 18 Uhr, fällt der Hammer.

Der Ersteigerer muss im Ratssaal den Steigpreis bar auf den Tisch des Bürgermeisters legen, bevor er den Geißbock samt Urkunde mitnehmen darf. Die für die Böcke gezahlten Summen schwanken beträchtlich; sie betrugen in den letzten zehn Jahren zwischen 2100 und 7700 Euro.[10][11][12][13][14][15]

Bühnenwerke und Film

Die Vorlage zum Historienspiel um das Hohe Stadtgericht, das vor dem Deidesheimer Rathaus dargeboten wird, entstammt zu Teilen den Historischen Pfingstfestspielen Deidesheim/Pfalz, die an Pfingsten 1927 mit über hundert Mitwirkenden an der Alten Bleiche aufgeführt wurden. Geschrieben wurde dieses Stück von dem Lambrechter Autor Karl Rauch.[16] Die Handlung des Stückes spielte im Jahr 1528, zu einer Zeit also, in der Deidesheim noch zum Hochstift Speyer gehörte.

Hippolyt August Schaufert (1834–1872) thematisierte die Geißbockversteigerung in seinem Lustspiel Ein Kuß zur rechten Zeit oder der Geißbock von Lambrecht, das 1990 von Bruno Hain unter dem Titel De erschte Schmatz om rechte Platz ins Pfälzische übertragen wurde. Im Jahr 1924 drehte die Europa-Film AG (Berlin) unter dem Titel Fröhlich Pfalz, Gott erhalt’s einen Dokumentarfilm; hierfür wurde am 21. September 1924, einem Sonntag, die Geißbockversteigerung mit allem Drum und Dran zum zweiten Mal im gleichen Jahr aufgeführt. Das Fest der Geißbockversteigerung ist auch Gegenstand der 1956 uraufgeführten Operette Pfälzer Musikanten von Hans Striehl.

Literatur

  • Karl Heinz Himmler, Berthold Schnabel, Paul Tremmel: Dienstag nach Pfingsten – Der Höhepunkt im Leben des Deidesheimer Geißbocks. Hrsg.: Amt für Fremdenverkehr, Deidesheim. D. Meininger Verlag, Neustadt/Weinstraße 1982, ISBN 3-87524-023-5.
  • Heinz Schmitt: Fest und Alltag. Ein Beitrag zur Volkskunde von Deidesheim. In: Kurt Andermann, Berthold Schnabel (Hrsg.): Deidesheim – Beiträge zu Geschichte und Kultur einer Stadt im Weinland. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1995, ISBN 3-7995-0418-4, S. 327–333.
  • Heinz Schmitt: Geißbock, Wein und Staatsbesuche – Deidesheim in den letzten 150 Jahren. Hrsg.: Stadt Deidesheim. Verlag Pfälzer Kunst, Landau in der Pfalz 2000, ISBN 3-922580-82-3, S. 93–96.
  • Berthold Schnabel: Urkundliche Geschichte des Lambrechter Geißbocks von den Anfängen bis 1809. In: Heimatfreunde Deidesheim und Umgebung e. V. (Hrsg.): Deidesheimer Heimatblätter. Beiträge zur Geschichte des ehemaligen fürstbischöflich-speyerischen Amtes und der heutigen Verbandsgemeinde Deidesheim. Nr. 5, 1990. (OCLC 180565940)
Commons: Geißbockversteigerung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Kathrin Keller: Ein Maskottchen für Ruppertsberg. In: Die Rheinpfalz, Mittelhaardter Rundschau. Nr. 124, 31. Mai 2023.
  2. a b Schmitt (2000): S. 93–95
  3. Lara Kauffmann: Alter Brauch, neue Auszeichnung. In: Die Rheinpfalz, Mittelhaardter Rundschau. Nr. 271, 22. November 2025.
  4. Die Steigerer seit 1900! Tourist Service GmbH Deidesheim, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 20. Juni 2019; abgerufen am 18. Juni 2022.
  5. Karl Heinz Himmler, Berthold Schnabel, Paul Tremmel: Dienstag nach Pfingsten – Der Höhepunkt im Leben des Deidesheimer Geißbocks. Hrsg.: Amt für Fremdenverkehr, Deidesheim. D. Meininger Verlag, Neustadt/Weinstraße 1982, ISBN 3-87524-023-5, S. 30.
  6. Himmer, Schnabel, Tremmel (1982): S. 13
  7. Kathrin Keller: „De Bock is unser“ In: Die Rheinpfalz, Mittelhaardter Rundschau. Nr. 131, 8. Juni 2022.
  8. Regionaler Wanderweg. Deidesheim – Geißbockweg. (PDF) Verbandsgemeinde Lambrecht (Pfalz), ehemals im Original (nicht mehr online verfügbar); abgerufen am 7. September 2019.@1@2Vorlage:Toter Link/www.vg-lambrecht.de (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven) (PDF; 1,0 MB)
  9. Jochen Willner: Chinese steigert den Tributbock. In: Die Rheinpfalz. Rheinpfalz Verlag und Druckerei GmbH & Co. KG, Ludwigshafen, 27. Mai 2015, abgerufen am 27. Juli 2024.
  10. Die Steigerer seit 1900! Tourist Service GmbH Deidesheim, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 20. Juni 2019; abgerufen am 18. Juni 2022.
  11. Geißbock-Marsch nach Deidesheim. Harald König, abgerufen am 18. Juni 2022.
  12. Geißbockversteigerung in Deidesheim bringt fast 10.000 Euro ein. Südwestrundfunk, abgerufen am 8. Juli 2023.
  13. Traditionelle Versteigerung in Deidesheim: Geißbock bringt 5.500 Euro. tagesschau.de, abgerufen am 8. Juli 2023.
  14. Kathrin Schnurrer: Geißbockversteigerung: Der Bock bleibt in Deidesheim. In: Die Rheinpfalz. Rheinpfalz Verlag und Druckerei GmbH & Co. KG, Ludwigshafen, 21. Mai 2024, abgerufen am 22. Mai 2024 (Nur Artikelanfang frei zugänglich).
  15. Lara Kauffmann: Geißbockversteigerung: Michael IV. erzielt Rekordsumme. In: Die Rheinpfalz. Rheinpfalz Verlag und Druckerei GmbH & Co. KG, Ludwigshafen, 10. Juni 2025, abgerufen am 11. Juni 2025.
  16. Karl Heinz Himmler: Chronik 75 Jahre Verkehrsverein Lambrecht. Verkehrsverein Lambrecht, 2003, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 18. Mai 2010; abgerufen am 9. Juni 2014.