Geißbocktradition zwischen den Städten Lambrecht und Deidesheim

Die Geißbocktradition zwischen den Städten Lambrecht und Deidesheim geht auf ein mittelalterliches Weiderecht zurück, das Deidesheim dem benachbarten Lambrecht (beide Landkreis Bad Dürkheim, Rheinland-Pfalz) gewährte. Als Gegenleistung musste der jüngste Lambrechter Bürger alljährlich am Dienstag nach Pfingsten einen Geißbock in Deidesheim abliefern. Erstmals urkundlich erwähnt wurde ein Geißbock als Entgelt für die Weiderechte 1534; mindestens seit damals wird – von Unterbrechungen in Kriegszeiten abgesehen – ein solcher in Deidesheim abgeliefert. Über Jahrhunderte hinweg war die Übergabe ein formaler Akt zur Erfüllung einer vertraglichen Pflicht. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich aus der ehemals ernsten Abmachung mehrere Festivitäten mit hoher zivilgesellschaftlicher Partizipation, die in beiden Städten stattfinden. Der Höhepunkt ist die Geißbockversteigerung, bei welcher der Geißbock schließlich an den Meistbietenden verkauft wird.

Die Geißbocktradition wurde 2025 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Geographie

In der Umgegend von Lambrecht und Deidesheim gibt es weitere Orte, bei denen die Abgeltung von Weiderechten mit brauchtümlichen Handlungen bekannt ist, die auf einen gerechten wirtschaftlichen Ausgleich bedacht und rechtsverbindlich waren: Der Käskönig von Dürkheim, der „Weiberbraten“ von Berghausen, die Käselieferungen in Enkenbach und die der Gommersheimer an die Harthausener, die Ablieferung von Milchsuppe und Eierfladen in Herxheim am Berg sowie das Heimat- und Karpfenfest in Otterstadt, das auf die Abgabe eines Karpfens an die Schifferstädter zurückgeht.[1]

Geschichte

Seit dem hohen Mittelalter hatte Deidesheim einen ausgedehnten Waldbesitz, der bis an das Kloster St. Lambrecht heranreichte. Einen Teil ihres eigenen Waldbesitzes veräußerten die Dominikanerinnen des Klosters an Deidesheim. Wann genau dies geschah, ist unbekannt; möglicherweise um 1350, als sie Geld für den Bau der Klosterkirche aufbringen mussten. Wahrscheinlich gewährte Deidesheim aus diesem Anlass ein Weiderecht für Großvieh zugunsten der Klostergemeinde St. Lambrecht.[2] Im Jahr 1404 bestätigte König Ruprecht den Dominikanerinnen das Recht, Großvieh im Deidesheimer Wald weiden zu lassen.[3]

Die erste urkundliche Erwähnung eines Geißbocks als Gegenleistung für das Weiderecht stammt aus dem Jahr 1534; die Stadt Deidesheim beschwerte sich bei ihrem Stadtherrn, dem Speyerer Fürstbischof Philipp von Flersheim, dass die Lambrechter auch ihre Schweine in den Wald trieben, obwohl das Weiderecht nur für Großvieh galt. Den ältesten Hinweis auf den Geißbock findet man – indirekt – in einer Auflistung Lambrechter Gerechtsame aus dem Jahr 1685, in der es heißt:

„In dem Deydesheimer Gewäldt ist der Ort St. Lambrecht mit seinem Vieh zu Weidgang ohne Unterschied berechtsamet, hingegen die Gemeind obligiret, jährlich alldahin auf den Pfingstdienstag einen wohlgehörnten (bene cornutus et bene capabilis) Bock zu liefern ...“

Der Passus bene cornutus et bene capabilis (lat. für gut gehörnt und wohl gebeutelt) ist wohl der Originalurkunde entnommen, die heute nicht mehr auffindbar ist. Sie wurde wahrscheinlich spätestens in der Mitte des 14. Jahrhunderts verfasst, denn später setzte sich die deutsche Sprache in weltlichen Urkunden durch.[4]

Ein ähnliches Abkommen wie mit Lambrecht hatte Deidesheim mit den Ortschaften Neustadt, Haardt und Gimmeldingen getroffen: Zur Abgeltung ihrer Weiderechte mussten diese Orte dem Rat von Deidesheim alljährlich einen Imbiss geben. Aus dieser Verpflichtung konnten sich die drei Orte jedoch 1755 mit einer Einmalzahlung freikaufen.[5]

Zwischen den beiden Städten gab es immer wieder Streitigkeiten um die Qualität des Bocks. Anfang des 19. Jahrhunderts – inzwischen gehörte die linksrheinische Pfalz vorübergehend zum französischen Staatsgebiet – kam es wieder einmal zu einer Auseinandersetzung. Deidesheim schickte einen Boten zu Napoleon Bonaparte, damit dieser den Streit beende. In seinem Feldlager im spanischen Aranda de Duero unterzeichnete der Feldherr am 26. November 1808 einen Vergleich, der Lambrecht seine Weiderechte und Deidesheim die Lieferung eines gut gehörnten und wohl gebeutelten Bocks („un bouc bien cornut et bien capable“) bestätigte.[6]

Im Jahr 1851 – nun unter bayerischer Verwaltung – entbrannte neuerlicher Streit. Deidesheim lehnte den von Lambrecht gelieferten Bock ab, weil er die geforderten Eigenschaften nicht besitze und zudem die Lieferung erst nach Sonnenaufgang erfolgt sei. Auch im nächsten Jahr wurde der Geißbock nicht akzeptiert, so dass Lambrecht die Lieferungen einstellte. Schließlich erhob Deidesheim Klage, und 1857 entschied das Appellationsgericht in Zweibrücken den Prozess: Lambrecht musste die vertraglich zugesicherten Böcke für die Jahre 1851 bis 1857 nachliefern und Deidesheim die Gerichtskosten übernehmen. Deshalb wurden im Jahr 1858 acht Böcke geliefert, von denen allerdings auch wieder einer abgelehnt wurde.[7]

Abgesehen von den Streitigkeiten um den Geißbock waren es Kriegszeiten, die eine Geißbocklieferung verhinderten: So wurde 1704 kein Geißbock von Lambrecht an Deidesheim geliefert, als zu Beginn des Spanischen Erbfolgekriegs französische Truppen unter General Tallard das Neustadter Tal besetzt hielten; aus den Jahren 1794–1797, während des Ersten Koalitionskriegs, gibt es keine Aufzeichnungen darüber, dass ein Geißbock geliefert wurde.[8]

Lange Zeit war es für die Stadt Lambrecht nicht einfach, einen geeigneten Geißbock zu beschaffen; 1910 musste gar ein Bock aus Thüringen angekauft werden. Der Grund war, dass die damals in der Pfalz bevorzugt gehaltene Saanenziege keine Hörner hatte, den Anforderungen also nicht entsprechen konnte.[9]

Ursprünglich war es Aufgabe des jüngsten Lambrechter Bürgers, den Geißbock nach Deidesheim zu bringen. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts übernahm diese ein Lambrechter Ziegenhirte. Schließlich ist es seit 1934 das jüngste Lambrechter Brautpaar, das den Geißbock nach Deidesheim bringt; diese Neuerung fußte auch auf der Familienideologie der damaligen nationalsozialistischen Machthaber.[10]

Mit der Verbreitung der permanenten Stallfütterung und dem Bedeutungsverlust der Landwirtschaft wurden Weideberechtigungsbräuche ihres eigentlichen Kerns beraubt. In einigen Fällen wurden sie von neuen Brauchtumsträgern weitergepflegt; die Geißbocklieferung von Lambrecht nach Deidesheim ist ein Beispiel dafür, wie das Weiterbestehen eines antiquierten Brauchs durch die Anbindungen an ein Fest als touristische Spielhandlung gesichert wurde.[11] In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus der ehemals ernsten Abmachung, der Bringschuld Lambrechts, mit der Geißbockversteigerung ein Volksfest, das sich erfolgreich um die Bewahrung der alten Tradition bemüht. Heute wird es von weiteren Feierlichkeiten in Lambrecht flankiert.

Veranstaltungen

Heimatfest mit Geißbock-Übergabe

Am Pfingstsonntag feiert die Stadt Lambrecht ein Heimatfest auf dem Schulhof der Grundschule, bei dem ein Theaterstück einheimischer Autoren aufgeführt wird. Danach wird der Geißbock mitsamt einem Geleitbrief an das zuletzt in Lambrecht getraute Ehepaar übergeben, das den Geißbock am darauffolgenden Dienstag nach Deidesheim bringen wird. Ebenfalls zum Programm gehört die Jubiläums-Ehrung von Brautpaaren, die bereits früher einen Tributbock nach Deidesheim geführt haben.[12]

Geißbockfestspiel

Das Geißbockfestspiel mit bis zu 120 Schauspielern wird im Fünf-Jahres-Turnus auf einer Freiluftbühne in Lambrecht aufgeführt. Das Stück aus dem Jahr 1933 stammt aus der Feder von Ernst Schäfer, einem Dramaturg am Saarpfälzischen Landestheater, der damals in Lambrecht wohnte. Es wurde 1934 erstmals im Bärental aufgeführt, damals mit professionellen Schauspielern des Landestheaters. Heute besitzt der Lambrechter Verkehrsverein die Aufführungsrechte; der Aufführungsort wurde mittlerweile in die Stadt verlegt und das Stück in acht Bildern von Laiendarstellern aufgeführt. Die letzte Aufführung war 2023.[13]

Geißbockversteigerung

Die Geißbockversteigerung findes jedes Jahr am Pfingstdienstag in Deidesheim statt. Zum Programm gehört der Geißbockmarsch, der vom Lambrechter Verkehrsverein organisiert wird, die Übergabe des Geißbocks der Lambrechter an die Deidesheimer und Verlesen des Geleitbriefs, ein Historienspiel und folkloristische Einlagen. Am Abend wird der Geißbock öffentlich ausgeboten und an den Meistbietenden versteigert.

Tierschutz

Das Tierwohl stand lange Zeit nicht im Vordergrund, wenn der Bock präsentiert und versteigert wurde. Oftmals wurde er vom Bockführer durch die Lokale geführt, wo er Kautabak und Bier bekam. „Man wusste manchmal nicht, wer betrunkener war, der Bock oder der Bockführer“, berichtet der Lokalhistoriker Berthold Schnabel. In den 1930er Jahren gab es Beschwerden, die ein Mannheimer Tierschutzverein an den Lambrechter Bürgermeister richtete. Danach besserte sich die Situation.[10] Im Sinne des Tierschutzes wird der Geißbock heute von Lambrecht nach Deidesheim gefahren und nach seiner Versteigerung nicht geschlachtet, sondern auf einen Gnadenhof gebracht, wo er artgerecht weiterleben kann.[14]

Immaterielles Kulturerbe

Bevor die Geißbocktradition 2025 sich Immaterielles Kulturerbe nennen durfte, stellten die Schauspielgruppen aus Lambrecht und Deidesheim drei Anträge an die zuständige Kommission, erstmals 2017, von denen die ersten beiden aus formalen Gründen abgelehnt wurden. Der dritte Antrag war erfolgreich. Maßgeblich beteiligt waren auf Lambrechter Seite Volker Edel, der Herausgeber der Talpost, und Hans-Joachim Hinrichs, der Vorsitzende des Verkehrsvereins; auf Deidesheimer Seite waren es der Lokalhistoriker Berthold Schnabel und der Volkskundler Heinz Schmitt.[10]

Die auf den 26. März 2025 datierte Urkunde zur Aufnahme ins Verzeichnis wurde am 19. November 2025 an Vertreter der Städte Lambrecht und Deidesheim im Schloss Saarbrücken überreicht.[15]

Künstlerische Verarbeitung

Zwei pfälzische Bildhauer schufen in den beiden beteiligten Städten jeweils einen Brunnen, der die Geschichte der Geißbocktradition als Motiv hat – Gernot Rumpf aus Neustadt an der Weinstraße 1985 den Geißbockbrunnen an der Deidesheimer Stadthalle und Theo Rörig aus Hettenleidelheim im Jahr 2000 den Geißbockbrunnen auf dem Herzog-Otto-Platz in Lambrecht.

Literatur

  • Karl Heinz Himmler, Berthold Schnabel, Paul Tremmel: Dienstag nach Pfingsten – Der Höhepunkt im Leben des Deidesheimer Geißbocks. Hrsg.: Amt für Fremdenverkehr, Deidesheim. D. Meininger Verlag, Neustadt/Weinstraße 1982, ISBN 3-87524-023-5.
  • Heinz Schmitt: Fest und Alltag. Ein Beitrag zur Volkskunde von Deidesheim. In: Kurt Andermann, Berthold Schnabel (Hrsg.): Deidesheim – Beiträge zu Geschichte und Kultur einer Stadt im Weinland. Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen 1995, ISBN 3-7995-0418-4, S. 327–333.
  • Heinz Schmitt: Geißbock, Wein und Staatsbesuche – Deidesheim in den letzten 150 Jahren. Hrsg.: Stadt Deidesheim. Verlag Pfälzer Kunst, Landau in der Pfalz 2000, ISBN 3-922580-82-3, S. 93–96.
  • Berthold Schnabel: Urkundliche Geschichte des Lambrechter Geißbocks von den Anfängen bis 1809. In: Heimatfreunde Deidesheim und Umgebung e. V. (Hrsg.): Deidesheimer Heimatblätter. Beiträge zur Geschichte des ehemaligen fürstbischöflich-speyerischen Amtes und der heutigen Verbandsgemeinde Deidesheim. Nr. 5, 1990. (OCLC 180565940)

Einzelnachweise

  1. Helmut Seebach: Alte Feste in der Pfalz. Sommertag, Ostertag, Pfingsten, Johannistag. Bachstelz Verlag Helmut Seebach, Mainz-Gonsenheim 1998, ISBN 3-924115-20-6, S. 134.
  2. Arnold Siben: Geschichte des Deidesheimer Stadtwaldes. Verlag G. Braun, Karlsruhe i. B. 1948, S. 201.
  3. Schmitt, 1995, S. 328
  4. Schnabel, 1990, S. 1
  5. Schmitt (1995): S. 329
  6. Berthold Schnabel: Kunsthistorischer Führer durch die Verbandsgemeinde Deidesheim. Volksfeste. Die Deidesheimer Geißbockversteigerung. Deidesheim 1976, S. 11.
  7. Schmitt (1995): S. 328–329
  8. Berthold Schnabel: Urkundliche Geschichte des Lambrechter Geißbocks von den Anfängen bis 1809. In: Heimatfreunde Deidesheim und Umgebung e. V. (Hrsg.): Deidesheimer Heimatblätter. Beiträge zur Geschichte des ehemaligen fürstbischöflich-speyerischen Amtes und der heutigen Verbandsgemeinde Deidesheim. Nr. 5, 1990, S. 3, 22.
  9. Schmitt (1995): S. 330
  10. a b c Lara Kauffmann: Der lange Weg zur Auszeichnung. In: Die Rheinpfalz, Mittelhaardter Rundschau. Nr. 130, 6. Juni 2025.
  11. Helmut Seebach: Alte Feste in der Pfalz. Sommertag, Ostertag, Pfingsten, Johannistag. Bachstelz Verlag Helmut Seebach, Mainz-Gonsenheim 1998, ISBN 3-924115-20-6, S. 132.
  12. Harald König: Heimatabend mit Geißbock-Übergabe. In: Offizielle Homepage der Stadt Lambrecht (Pfalz). Stadt Lambrecht (Pfalz), abgerufen am 22. November 2025.
  13. Harald König: Geißbock-Festspiel 2023. In: Online-Nachrichten aus der Mittelpfalz. 29. Mai 2023, abgerufen am 22. November 2025.
  14. Die Geißbocktradition zwischen den Städten Lambrecht und Deidesheim. Deutsche UNESCO-Kommission e. V., abgerufen am 22. November 2025.
  15. Lara Kauffmann: Immaterielles Kulturerbe: Unesco würdigt Pfälzer Geißbocktradition. In: Die Rheinpfalz. Rheinpfalz Verlag und Druckerei GmbH & Co. KG, Ludwigshafen, 21. November 2025, abgerufen am 22. November 2025 (Nur Artikelanfang frei zugänglich).