Gedankenentzug

Klassifikation nach ICD-11
MB26.12 Gedankenentzug
ICD-11: EnglischDeutsch (Entwurf)

Gedankenentzug (engl.:thought withdrawal) ist eine bei psychischen Erkrankungen, besonders Schizophrenie, auftretende Ich-Störung. Betroffene erleben ein subjektiv fremdbeeinflusst empfundenes Fehlen von Gedanken, auch ein abruptes „Abreißen“ ihres Gedankenganges. Gedankenentzug gilt als Positivsymptom der Schizophrenie und gehört zu den Symptomen ersten Ranges bei Schizophrenie nach Bleuler.

Definition (Beschreibung des Symptoms)

Betroffene erleben ein abruptes „Wegnehmen“ der Gedanken oder das vollständige Fehlen der Gedanken[1], die dann für den Patienten nicht mehr verfügbar sind. Die Patienten erleben das Symptom als unmittelbare Gewissheit, oder mittelbar (Entzug durch Hypnose, Strahlen o ä.)[2]. Allein die bloße Unfähigkeit, einen Gedanken weiter fortzuführen, gilt jedoch nicht als Gedankenentzug im Sinne eines psychotischen Erlebens. Dies kann auch durch Konzentrationsschwäche und Zerstreutheit hervorgerufen werden.

Die Diagnose des Symptoms Gedankenentzug gilt nur dann als gesichert, wenn Betroffene berichten, dass andere (z. B. Menschen, der Teufel, Außerirdische, Geheimdienste etc.) die Gedanken abziehen.[3] Es geht hierbei nicht um die Ausbreitung der weiter verfügbaren eigenen Gedanken nach außen (Gedankenausbreitung).

„Wir sind kaum imstande, uns anschaulich zu machen, was bei Gedankenabzug erlebt wird, und müssen uns damit begnügen, aus der Art der Schilderung dies übrigens leicht wiederzuerkennende Phänomen gleichsam von außen zu konstatieren. Wir verwechseln es nicht mit der Fremdheit eines Inhalts, nicht mit ungenügender Motiviertheit des Einfalls, nicht mit Zwangserscheinungen (Jaspers 1946).[4]

Beispiele

„Es war einmal in der Kirche: Ich wollte beten, da merkte ich plötzlich, wie der Teufel mir einen Gedanken wegnahm. Aber mehr hat er nicht geschafft."

„Es fühlt sich an, als ob ein Staubsauger an meinen Kopf gelegt wird. Ich spüre richtig, wie mir die Gedanken rausgesaugt werden. Es tut wahnsinnig weh. Und dann dauert es wieder lange, bis ein neuer Gedanke entstehen kann. Und so geht es immer weiter. Es ist eine einzige Quälerei."[5]

Klassifizierung

Das AMDP-System (Hilfsmittel zur Erstellung eines psychopathologischen Befundes) listet Gedankenentzug unter Nr. 56 bei anderen Ich-Störungen auf.[5]

Ätiologie (Ursachen)

Gedankenentzug ist charakteristisch für Schizophrenie. Selten kommt es auch bei organischen Störungen vor, oder in Einzelfällen im Verlauf affektiver (v. a. manischer) Erkrankungen.[2]

Diagnose (Krankheitsfeststellung)

Das Symptom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert. Es wird nicht immer spontan, ohne weiteres vom Patienten berichtet. Man kann dann z. B. folgende Frage stellen: „Haben Sie das Gefühl, dass andere Ihnen Ihre Gedanken wegnehmen?“[6]

Auch kann sich der Gedankenentzug in Form einer „Sperrung“ äußern. Der untersuchende Arzt erhält auf eine Frage plötzlich keine Antwort mehr.[7]

Differentialdiagnose (Abgrenzung von anderen Denkstörungen)

  • Gedankenausbreitung
  • Gedankeneingebung
  • andere Fremdbeeinflussungserlebnisse: das Gefühl, eigene Gedanken, auch Aktivitäten, sind von außen veranlasst.
  • gesperrt (Gedankenabreißen). „den Faden verlieren"

Therapie (Behandlung)

Diese erfolgt im Rahmen der Behandlung der psychotischen Erkrankung. Im Rahmen eines Gesamtkonzeptes kommt der medikamentösen Therapie die entscheidende Rolle zu. Mit dem Behandlungsfortschritt treten die Denkstörung wie andere psychotische Symptome zuerst in den Hintergrund, werden ev. in Frage gestellt und verschwinden dann allmählich.

Literatur

  • Das AMDP-System (Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes), 11. Aufl. 2023, hogrefe ISBN 978-3-8017-3193-9.

Einzelnachweise

  1. DocCheck Medical Services GmbH: Gedankenentzug. Abgerufen am 3. März 2022.
  2. a b Dieter Ebert: Psychiatrie systematisch. 10. Auflage. Uni-med, Bremen 2021, ISBN 978-3-8374-1617-6, S. 35.
  3. Kurt Schneider: Klinische Psychopathologie. In: Georg Thieme Verlag ISBN 978-3133982153. Google Books, abgerufen am 27. Januar 2014.
  4. Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 4. Auflage. Springer, Berlin und Heidelberg 1946, S. 103.
  5. a b Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System. 11. Auflage. Hogrefe, Göttingen 1923, ISBN 978-3-8409-3157-4, S. 97.
  6. Erdmann Fähndrich, Rolf-Dieter Stieglitz: Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes. 6. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3114-4, S. 92.
  7. Uwe Henrik Peters: Lexikon der Psychiatrie. 7. Auflage. Elsevier, Göttingen 2017, ISBN 978-3-437-15063-0, S. 231.