Gedankenausbreitung

Gedankenausbreitung ist ein psychopathologisches Symptom. Es tritt bei psychiatrischen Erkrankungen auf. Es ist die wahnhafte Überzeugung, die eigenen Gedanken würden im Augenblick des Gedachtwerdes von anderen mitgewusst, über die eigenen Körpergrenzen hinweg. Gedankenausbreitung zählt zu den Symptomen ersten Ranges bei Schizophrenie.[1]

Beschreibung

Das Symptom kann erklärt werden als „unmittelbare Teilhabe anderer an den Gedankeninhalten“ (Kurt Schneider). Die an sich treffendere Bezeichnung Gedankenenteignung hat sich im Gebrauch nicht durchgesetzt.[1] Gedanken gehören nicht einem allein, sind nicht mehr privat, sondern andere haben daran teil. Andere wissen also, was die Betroffenen denken.[2] Das wird manchmal auch als Gedankenlesen bezeichnet. Der Patient kann dann annehmen, dass Geräte oder Telepathie im Spiel sind, wenn seine Gedanken von anderen mitgehört werden.[3]

Befürchtungen, andere Menschen könnten das Befinden des Patienten erkennen, sind hier nicht gemeint („Man sieht mir an, wie es mir geht“).

Beispiele
  • „Hin und wieder spüre ich – aber immer nur kurz –, wie sich ein Gedanke einfach so aus meinem Kopf löst und die anderen dann sofort wissen, was ich gerade gedacht habe.“
  • „Es muss so etwas wie Telepathie sein, denn ich bekomme ganz passende Antworten, obwohl ich gar nichts gesagt, sondern nur etwas gedacht habe.“
  • „Alle in der Stadt lesen meine Gedanken mit. Ich kann nichts mehr geheim halten. Deswegen gehe ich nicht mehr zur Arbeit und nur noch nachts raus, wenn alle schlafen.“[2]

Diagnose

Das Symptom wird in der psychiatrischen Untersuchung, im Gespräch zwischen Arzt und Patient, diagnostiziert.[4] Es wird nicht immer ohne weiteres vom Patienten direkt berichtet. Man kann dann z. B. folgende Frage stellen: „Glauben Sie, andere kennen Ihre Gedanken, können wissen, was Sie gerade denken?“[5] Der Patient soll Beispiele dafür anführen.

Abgrenzung (Differentialdiagnose)

  • Gedankenentzug: Gedanken werden dem Betroffenen weggenommen, sind nicht mehr verfügbar. Bei Gedankenausbreitung sind sie bei dem Betroffenen noch vorhanden.
  • Misstrauen: Das Verhalten anderer wird ängstlich oder feindselig auf die eigene Person bezogen.
  • Gedankenlautwerden: Die eigenen Gedanken werden vom Betroffenen laut gehört, nicht nur gedacht.
  • Andere Fremdbeeinflussungserlebnisse: Der Patient erlebt z. B. Körperfunktionen oder Handlungen nicht als eigene, sondern von außen gemacht (Willensbeeinflussung").[6]

Einordnung

Gedankenausbreitung gehört zu den Ich-Störungen, bei denen die Ich-Umwelt-Grenze verschwimmt. Dazu gehören auch Derealisation und Depersonalisation sowie Gedankenentzug und Gedankeneingebung. Das AMDP-System (es dient der Erfassung des psychiatrischen Befundes) listet es unter Nr. 55 bei den Ich-Störungen auf.

Ursachen

Gedankenausbreitung zählt zu den Symptomen ersten Ranges bei Schizophrenie.[1] Sie kommt fast nur dabei vor.

Behandlung

Sie erfolgt im Rahmen der Behandlung der psychotischen Erkrankung. Im Rahmen eines Gesamtkonzeptes kommt der medikamentösen Therapie die entscheidende Rolle zu. Mit dem Behandlungsfortschritt treten Gedankenausbreitung wie andere psychotische Symptome zuerst in den Hintergrund, werden eventuell infrage gestellt und verschwinden dann allmählich.

Literatur

Das AMDP-System (Manual zur Dokumentation des psychischen Befundes), 11. Aufl. 2023, hogrefe, ISBN 978-3-8017-3193-9.

Einzelnachweise

  1. a b c Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie. 7. Auflage. Elsevier, München 2017, ISBN 978-3-437-15063-0, S. 230.
  2. a b Rolf-Dieter Stieglitz, Achim Haug: Das AMDP-System. 11. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3157-1, S. 95.
  3. Dieter Ebert: Psychiatrie systematisch. 10. Auflage. Uni-med, Bremen 2021, ISBN 978-3-8374-1617-6, S. 34.
  4. Achim Haug: Psychiatrische Untersuchung. 8. Auflage. Springer, Berlin 2017, ISBN 978-3-662-54665-9, S. 67.
  5. Erdmann Fähndrich, Rolf-Dieter Stieglitz: Leitfaden zur Erfassung des psychopathologischen Befundes. 6. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8017-3114-4, S. 91.
  6. Gerd Huber: Psychiatrie. 7. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2005, ISBN 3-7945-2214-1, S. 287.