Gaudenzio Olgiati

Gaudenzio Olgiati (vollständiger Name Gaudenzio Andrea Olgiati; * 14. Juli 1836 in Poschiavo; † 18. Mai 1892 in Lausanne) war ein Schweizer Jurist, Politiker (Freisinniger) und Rechtshistoriker. Er wirkte als Regierungsstatthalter, Verfassungsrichter und von 1875 bis zu seinem Tod als Richter am schweizerischen Bundesgericht, dem er in den Jahren 1885 und 1886 als Präsident vorstand. Besondere historische Bedeutung erlangte er durch die erste systematische Aufarbeitung der Hexenverfolgung im Puschlav.

Herkunft und familiärer Hintergrund

Gaudenzio Olgiati entstammte einer einflussreichen Familie aus Poschiavo und war reformierter Konfession.[1] Er war der Sohn des Podestà und Weinhändlers Ludwig Olgiati und der Anna Barbara, geborene Jenatsch.[1] Im Jahr 1867 heiratete er Catharina Anna Mini, die ebenfalls aus Poschiavo stammte.[1]

Die konfessionelle Zugehörigkeit der Familie geht auf eine historisch signifikante Konversion im 18. Jahrhundert zurück. Der Ururgrossvater von Gaudenzio, Gian Giacomo Olgiati (Sohn des katholischen Dekans Filippo Antonio de Olzati), trat 1734 unter dem Eindruck der Konversion seiner drei Söhne ebenfalls zum Protestantismus über.[2] Gian Giacomo galt laut lokalen Chroniken als der letzte Katholik in Poschiavo, der diesen Schritt vollzog, nachdem seine Söhne bereits zuvor – teils unter dem Schutz des Gouverneurs Arturo de Salis – die neue Konfession angenommen hatten.[2]

Ausbildung und juristische Laufbahn

Nach dem Besuch der Kantonsschule Chur nahm Olgiati 1855 ein Studium der Rechtswissenschaften auf, das ihn an die Universitäten in Heidelberg, München, Berlin und Siena führte.[1][3]

Eine Besonderheit seiner juristischen Karriere ist der Umstand, dass Olgiati – wie es in der damaligen Zeit noch möglich und nicht unüblich war – seine Studien ohne einen formalen akademischen Titel (Dr. iur.) abschloss und auch kein bündnerisches Advokaturexamen ablegte.[3] Sein Aufstieg in die höchsten Ämter der Justiz basierte somit nicht auf formalen Qualifikationen, sondern auf seiner praktischen Bewährung und seinem Ruf als fähiger Jurist. Er etablierte sich erfolgreich als Anwalt, zunächst in seiner Heimatgemeinde Poschiavo und ab 1866 in Chur.[1] Zeitweise übernahm er auch die Leitung der väterlichen Weinhandlung.[1]

Seine juristische Kompetenz wurde über die Kantonsgrenzen hinaus geschätzt: Im Jahr 1872 wurde er als Untersuchungsrichter in der sogenannten Tessiner Wahlaffäre eingesetzt, um Streitigkeiten im Nachgang von Nationalratswahlen zu klären.[1] 1874 wirkte er als Mitglied des Kreisgerichts Chur.[1]

Politische Karriere und Ämterkumulation

Olgiati engagierte sich als freisinniger Politiker und galt als vehementer Anhänger der Revision der Bundesverfassung.[3]

Während seiner politischen Tätigkeit im Kanton Graubünden kam es zu einer für das 19. Jahrhundert charakteristischen Ämterkumulation auf kantonaler und regionaler Ebene. Olgiati war Mitglied des Bündner Grossen Rates (Legislative) in den Perioden 1860–1863 und 1869–1872.[1] Parallel zu seinem Parlamentsmandat übte er in den Jahren 1871 und 1872 das Amt des Regierungsstatthalters (Exekutive) aus.[1]

Anders als viele seiner Zeitgenossen (wie etwa Jost Weber oder Josef Bläsi) verzichtete Olgiati jedoch auf eine Ämterkumulation auf Bundesebene. Mit seiner Wahl an das Bundesgericht beendete er seine politische Laufbahn und übte kein Mandat in der Bundesversammlung aus.

Richter am Bundesgericht

Im Jahr 1874 wurde Gaudenzio Olgiati an das schweizerische Bundesgericht gewählt.[3] Er übte das Richteramt von 1875 bis zu seinem Tod im Jahr 1892 aus. Trotz dem fehlenden akademischen Titel und Anwaltsexamen bewährte er sich am Gericht und genoss hohes Ansehen.[3] Seine Karriere in Lausanne krönte er mit der Übernahme des Bundesgerichtspräsidiums in den Jahren 1885 und 1886.[1]

Ein historisch bedeutsames Ereignis in seiner Amtszeit war der Tessiner Putsch vom 11. September 1890, bei dem radikale Liberale die konservative Kantonsregierung stürzten. Olgiati leitete 1891 als Vorsitzender das Bundesstrafgericht (Bundesassisen) im Prozess gegen die Anführer des Umsturzes.[1] In zeitgenössischen juristischen Kommentaren wurde hervorgehoben, dass er den Geschworenen ihren letztlich politisch motivierten Freispruch durch seine strenge Prozessführung erschwerte, was seinen Ruf als prinzipientreuer und unabhängiger Jurist festigte.[3]

Neben seiner richterlichen Tätigkeit betätigte er sich auch als Übersetzer juristischer Kodifikationen. Gemeinsam mit Prospero Albrizzi übersetzte er das Bündner Zivilgesetzbuch in die italienische Sprache.[1]

Forschung zu Hexenprozessen

In seinen späten Jahren widmete sich Olgiati intensiv der rechtshistorischen Aufarbeitung der Hexenverfolgung in seiner Heimatregion. Zwischen 1880 und 1890 verbrachte er seine Sommerferien mit dem Studium der Akten im Gemeindearchiv von Poschiavo.[4] Er erstellte ein 683 Seiten umfassendes Manuskript, in dem er 128 Hexenprozesse aus der Zeit zwischen 1631 und 1753 dokumentierte und transkribierte.[5][4]

Olgiatis Arbeit gilt als die erste systematische Archivierung dieser Justizverbrechen im Tal. Er rekonstruierte zudem 21 Stammbäume der betroffenen Puschlaver Familien.[4] Seine Forschung deckte auf, dass die Verfolgung, die oft mit Folter und Todesurteilen endete, nicht nur Frauen, sondern auch Männer und Kinder betraf und von einem lokalen Laiengericht ohne nennenswerten Widerstand der Bevölkerung durchgeführt wurde.[5] Olgiati selbst merkte an, dass die Erinnerung an diese Ereignisse den Wunsch wecke, die Fakten vollständig zu kennen, und leistete mit seiner Transkription, die heute im Archiv der Gemeinde sowie im Museum von Poschiavo aufbewahrt wird, einen wesentlichen Beitrag zur historischen Aufklärung.[4]

Literatur

  • Ulrich Christoffel: Bundesrichter Gaudenzio Olgiati 1836–1892. In: Bündnerisches Monatsblatt (BM). 1936, S. 280–287.
  • Eduard Schneider: 150 und 125 Jahre Bundesgericht. Stämpfli Verlag, Bern 1998.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m Adolf Collenberg: Gaudenzio Olgiati. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 4. April 2024, abgerufen am 29. Dezember 2025.
  2. a b Maria Olgiati: Della famiglia Olgiati. In: Quaderni grigionitaliani. Band 5, Heft 1, 1935–1936, S. 80.
  3. a b c d e f Liste der ehemaligen Bundesrichter: Gaudenzio (Andrea) Olgiati. Schweizerisches Bundesgericht, abgerufen am 29. Dezember 2025.
  4. a b c d Witchcraft: The Witch Hunts in Valposchiavo. Marchesi Family, abgerufen am 29. Dezember 2025.
  5. a b Cristina Giulia Codega: Processi di stregoneria. Comune di Poschiavo, abgerufen am 29. Dezember 2025.