Günther Riebow
Günther Anton John Riebow (* 9. Mai 1901 in Hamburg; † 20. November 1980 ebenda) war ein deutscher Jurist und Sportverbandsfunktionär.
Herkunft
Seine Eltern waren Louis Riebow († 1929)[1] und Franziska, geb. Hildebrandt († 1928).[2] Sein Vater war Inhaber der 1884 gegründeten Hamburger Import-Maklerfirma L. Riebow im Kontorhaus Barkhof. Sein Onkel John Riebow († 1932[3]), Geschäftspartner seines Vaters, war zudem Generalkonsul von Costa Rica in Hamburg.[4][5][6]
Vor und während des Zweiten Weltkriegs
Günther Riebow machte am Hansa-Gymnasium Bergedorf 12. Juni 1918 Notabitur und trat als 17-jähriger in Konstanz dem 6. Badischens Infanterie-Regiment „Kaiser Friedrich III.“ Nr. 114 bei, wo er das Ende des Ersten Weltkriegs ohne Fronteinsatz verbrachte.[7]
Zurück in Hamburg schloss er sich dem Freikorps Bahrenfeld an, das bei Unruhen die Bahrenfelder Polizei unterstützte. Zeitgleich wurde er Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). Parallel dazu begann er 1919 sein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg. Nach einem Semester wechselte er zum 5. Juni 1919 an die Universität Tübingen. Dort trat er als Korpsstudent der Reserve-Sicherungskompanie Tübingen bei. Laut Riebows Biograf Arthur Heinrich – mit den Forschungsschwerpunkten Zeitgeschichte des Sports, Sport im Nationalsozialismus – war er beim Kapp-Putsch im März 1920 beteiligt. „Auch wenn ungeklärt ist, ob Riebow an Aktionen gegen die Republik beteiligt war − fest steht (so Heinrich[8]), dass er als Korpsstudent, als Mitglied der DNVP und als Freiheitskämpfer gleich drei Zusammenschlüssen angehörte, die ein fest gefügtes Feindbild verband, und das hieß: Spartakus und Bolschewismus. Der jungen Weimarer Demokratie, die die Existenzberechtigung auch der politischen Linken grundsätzlich anerkannte, konnten sie nichts abgewinnen. In diesem Milieu fühlte sich Riebow zuhause.“
Im Sommer 1921 wechselte er für ein Semester an die Universität München. Zurück in Hamburg bestand er 1923 sein erstes Staatsexamen im zweiten Anlauf. 1924 promovierte mit einer Dissertation zum Thema Der Kauf auf Umtausch[9][10] und absolvierte sein zweites Staatsexamen mit der Note „voll ausreichend“. 1926 wurde er von der Justizverwaltung zum Assessor[11] ernannt und auf eigenen Wunsch der Staatsanwaltschaft zugeteilt.[12]
1928 wurde er zum Richter am Amtsgericht Hamburg berufen und 1930 von der Hamburger Justiz für mehrere Monate nach London entsandt, um sich mit Grundzügen des britischen Rechtssystems vertraut zu machen und seine Englischkenntnisse zu verbessern. Während dieses dienstlichen Aufenthalts nutzte er seine Kontakte im Deutschen Fußball-Bund, um im Scotland-Yard-Kriminalmuseum die Entfernung von „Memorabilien“ zu erreichen, die an die deutschen Zeppelin-Attacken während des Ersten Weltkriegs auf die britische Hauptstadt erinnerten. In seinem Bericht an die Landesjustizverwaltung kritisierte er zudem, dass die deutsche Botschaft in dieser Frage keine Initiative ergriffen habe.[13][14][15][16]
Laut einer Beurteilung der „höheren NS-Reichsbehörde“ gehörte Riebow „zu den besten jungen Richtern des Amtsgerichts. Er ist erheblich über Durchschnitt begabt und ein vorzüglicher praktischer Richter. Dazu ist er politisch aktiv und interessiert. Er wird bald zur Beförderung vorgeschlagen.“ Welche politischen Aktivitäten gemeint waren, ist unklar, so Heinrich, da er in der NSDAP kein Amt ausübte und erst 1938 Zellenobmann im Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund wurde. 1937 wurde er Amtsgerichtsrat. Für Urteile im KZ Neuengamme trägt er die Verantwortung.[17] Riebow galt als „besonders willfähriger NS-Richter“,[18][19][20] auch als Leiter des DFB-Sportgerichts.[21]
Riebows Karriere als Sportfunktionär verlief parallel. 1929 wurde er zum Vorsitzenden des Norddeutschen Sport-Verbands (NSV)[22][23] und Mitglied des Bundesvorstands des Deutschen Fußball-Bunds gewählt. Nach der Machtergreifung trat er zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.735.282).[24][25] Unter seiner Beteiligung wurde der NSV im Juli 1933 aufgelöst[26][27] und Riebow zum Gaufachwart Fußball im Gau VII Nordmark des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibesübungen und 1937[28][29] zum Bundesrechtswart im Stab des Reichsfachamtsleiters Fußball ernannt.
Laut seiner Personalakte im Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg war er von 1939 bis 1945 Notar. Er wurde Notariatspartner des sich damals bereits im 62. Lebensjahr befindlichen Paul de Chapeaurouge (zuvor DVP).[30] Als Gründe für seinen Wechsel aus dem Justizdienst und Beamtenverhältnis in ein Notariat mit namentlicher Erwähnung Riebows sieht Heinrich, dass „er glaube als Notar mehr Geld verdienen zu können“.[31][32]
Am 30. August 1939 wurde er von der Wehrmacht eingezogen.[33] Als Kriegsgerichtsrat während des Zweiten Weltkriegs verhängte Riebow Todesurteile.[34] Am 29. Januar 1943 geriet Riebow durch Soldaten der Roten Armee in Stalingrad in Kriegsgefangenschaft. 1949 wurde er vor einem Militärgericht in Gorki wegen Kriegsverbrechen gegen russische Staatsbürger zu 25 Jahren Gulag verurteilt.[35][36]
Nach 1945
Vom Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes der UdSSR wurde am 23. Dezember 1953 seine weitere Verhaftung „nicht zwingend“ angeordnet, Riebow zum Jahreswechsel vom MVD-Lager Nr. 144 in die DDR nach Frankfurt an der Oder verbracht, von dort ins Grenzdurchgangslager Friedland und war Anfang Januar wieder in Hamburg.[37] Von der Hamburger Justizbehörde wurde er umgehend wieder eingestellt und bereits am 4. Mai 1954 erfolgte seine Ernennung zum Landgerichtsdirektor. Zudem wurde er 2. Vorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbands und Mitglied des DFB-Sportgerichts.[38] 1964 wurde Riebow in den engeren Vorstand des Deutschen Sportbundes gewählt,[39] später wurde er Vizepräsident des Dachverbands.[40]
1972 veröffentlichte Riebow unter dem Titel Amtsrichter Pankoken eine Sammlung Justizanekdoten. Darin findet sich unter anderem die Geschichte des sogenannten „Ausgleichs-Cohn“, in der ein traditionelles Stereotyp über jüdische Rechtsanwälte humoristisch aufgegriffen wird. In der Forschung wird diese Anekdote als Beispiel dafür angeführt, dass Riebow auch in der Nachkriegszeit problematische, antisemitisch konnotierte Vorstellungen unreflektiert weitergab.[41][42]
Riebow verstarb nach langer Krankheit im Alter von 79 Jahren und wurde am 24. November 1980 auf dem Waldfriedhof von Aumühle beigesetzt.[43]
Schriften
- Der Kauf auf Umtausch (= Rechtswissenschaftliche Studien. Heft 21). Emil Ebering, Berlin 1924 (mit einem Geleitwort von Hans Reichel).
- Amtsrichter Pankoken. Anekdoten aus der Justiz. Hans Christians, Hamburg 1972, ISBN 3-7672-0196-8 (mit Zeichnungen von Wilhelm Hartung).
Literatur
- Arthur Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. In: Lorenz Peiffer, Dietrich Schulze-Marmeling (Hrsg.): Hakenkreuz und rundes Leder: Fußball im Nationalsozialismus. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2008, ISBN 978-3-89533-598-3, S. 6, 42, 73, 88, 305–322, 344, 346.
- Arthur Heinrich: Als Jude im deutschen Fußball. Die drei Leben des Martin Abraham Stock. In: Hakenkreuz und rundes Leder: Fußball im Nationalsozialismus. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2014, ISBN 978-3-7307-0084-6, S. 54–55.
- Herbert Diercks: Dr. Günther Riebow. Kurzbiografie. In: Hamburger Fußball im Nationalsozialismus. Einblicke in eine jahrzehntelang verklärte Geschichte; Texte, Fotos und Dokumente. KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Hamburg 2016, S. 21 (kz-gedenkstaette-neuengamme.de [PDF; 9,1 MB]).
Weblinks
- Literatur von und über Günther Riebow im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Günther Riebow. Kurzbiografie. In: NS‑Dabeigewesene. Landeszentrale für politische Bildung Hamburg
Einzelnachweise
- ↑ Traueranzeige von Louis Riebow. In: Hamburger Fremdenblatt, Abendausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 18. Mai 1929, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Traueranzeige von Franziska Riebow, geb. Hildebrandt. In: Hamburger Fremdenblatt, Abendausgabe - Deutsches Zeitungsportal. deutsche-digitale-bibliothek.de, 30. April 1928, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Familiennachrichten. In: Hamburger Tageblatt : Zeitung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei - Deutsches Zeitungsportal. Abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ L.Riebow-gegr. 1884 - Damals - über uns. Abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Geschäftsjubiläen. In: Hamburger Fremdenblatt, Abendausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 29. Juni 1934, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Ibero-amerikanische Woche [...] darauf ergriff John Riebow, Gerneralkonsul von Costa Rica das Wort [...]. In: Hamburgischer Correspondent und Hamburgische Börsen-Halle : ältestes Hamburger Handels- u. Börsenbl. ; bedeutendste u. größte Schiffahrts-Zeitung Deutschlands, Morgenausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 7. Oktober 1924, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 305
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 306 f.
- ↑ Eintrag von „Günther Riebow“ im Hamburger Matrikelportal. In: matrikelportal.uni-hamburg.de. 15. August 2022, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Günther Riebow: Der Kauf auf Umtausch. Hamburg 1924 (dnb.de [abgerufen am 25. November 2025]).
- ↑ S. 97. In: Hamburgisches Justitzverwaltungsblatt Nr. 15. 1. Dezember 1926, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 307
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 307
- ↑ [Riebow] Bericht über meine Entsendung nach England zur Einführung in das englische Recht und zur Fortbildung in der englischen Sprache in der Zeit vom 14. März bis 14. Juli, 30 Speptember 1930; StArch HH
- ↑ Anmerkung: Durch von Zeppelinen abgeworfene Bomben von 1915 bis 1918 verursachten die neben den Todesopfern und Verletzten unter britischen Zivilisten auch massive Schäden.
- ↑ Riebow an die Landesjustizverwaltung, 28. Oktober 1930; StArch HH
- ↑ Homosexuelle - 50 Jahre der Verfolgung. In: abendblatt.de. 24. April 2008, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Kurt Hirsch, geb. 9.2.1906, inhaftiert 1936 und 1938, gestorben nach dem 8.11.1941 in Minsk. In: stolpersteine-hamburg.de. Abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Willi Ferdinand Bröckler, geboren am 6. März 1897, inhaftiert 1937, 1938-1940, starb am 22. Oktober 1941 im Gross-Rosen Konzentrationslager. In: Stolpersteine in Hamburg. Abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Bernhard Rosenkranz, Ulf Bollmann, Gottfried Lorenz: Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg 1919–1969. Lambda, Hamburg 2009, ISBN 978-3-925495-32-8, S. 109.
- ↑ Dietrich Schulze-Marmeling: Der FC Bayern, seine Juden und die Nazis. Verlag Die Werkstatt, 2017, ISBN 978-3-7307-0394-6 (google.de [abgerufen am 25. November 2025]).
- ↑ Verbandshistorie. Abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Im Namen der Jugend: Der Bau von Sportplätzen muß wieder als volkswirtschaftlich wertvoll angesehen werden. In: Turnen, Spiel, Sport, Beilage zu den Zeitungen des E. Holterdorfschen Verlages und der Beckumer Zeitung. 19. Februar 1933, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/34791526
- ↑ Arthur Heinrich: Als Jude im deutschen Fußball. Die drei Leben des Martin Abraham Stock. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2014, S. 55.
- ↑ Lokal-Anzeiger für Stadt und Land. 1932-1934 - Deutsches Zeitungsportal. Abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Abschied vom Norddeutschen SV. In: Hamburgischer Correspondent : Morgen-Zeitung d. Börsen-Halle, Abendausgabe - Deutsches Zeitungsportal. 17. Juli 1933, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Bergedorfer Zeitung : unabhängig, überparteilich ; mit amtl. Bekanntmachungen - Deutsches Zeitungsportal. Abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Wilhelmsburger Zeitung : das Echo der Elbinsel : die Stimme deiner Heimat - Deutsches Zeitungsportal. Abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Aufgebot, S. 3. In: Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger. 17. März 1945, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 309
- ↑ „Der Landespräsident an den Präsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichts, datiert 18. März 1954, StArch HH“
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 309
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 309–313
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 313–316
- ↑ Arthur Heinrich: Hakenkreuz und rundes Leder : Fußball im Nationalsozialismus (Abstract). Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), 2008, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 316
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow. S. 316–318
- ↑ Auch Willy Weyer im Präsidium. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 130, 8. Juni 1964, S. 9.
- ↑ Weiter Willi Daume. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 181, 8. August 1966, S. 8.
- ↑ Riebow: Amtsrichter Pankoken. Anekdoten aus der Justiz, 1972, S. 48–49
- ↑ Heinrich: Ein ganz normaler Jurist. Der Werdegang des Günther Riebow Kapitel „Amtsrichter Pankoken“, S. 317
- ↑ Nachruf: Günther Riebow ist tot. Von seinen Ideen lebte der nordische Fußball. Bergedorfer Zeitung vom 24. November 1980