Friedrich Siebel

Friedrich Wilhelm Siebel (* 2. März 1891 in Broich, heute Mülheim an der Ruhr; † 24. April 1954 in Duisdorf, heute Bonn) war ein deutscher Pilot und Flugzeugfabrikant.

Leben und Wirken

Friedrich („Fritz“) Wilhelm Siebel war der Sohn des Kaufmanns Fritz Siebel und seiner Frau Gertraud geb. Wilke.[1] Nach dem Abitur nahm Siebel 1908 eine kaufmännische Praktikantentätigkeit bei Haniel-Rheinpreußen in Homberg sowie ab 1909 eine kaufmännische Lehrausbildung bei der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG des Stinnes-Konzerns in Dortmund auf. An der Maschinenbaufachschule Dortmund legte Siebel 1910 seine Abschlussprüfung ab.

Bei der Norddeutschen Automobil- und Motorenwerke AG (NAMAG) war Siebel seit 1911 in Bremen-Hastedt als Betriebsingenieur tätig. Siebel wechselte 1913 in den NAMAG-Auslandsvertrieb für Australien und Südamerika. Bei NAMAG entstand ein Siebel-Fahrzeugentwurf, von dem allerdings nur ein Prototyp gebaut wurde. Seit 1912 soll Siebel sich auch mit Flugzeugbau beschäftigt haben. Seinen Flugschein soll Siebel 1912 beim Kölner Flugpionier Heinz Falderbaum erworben haben.[2] Bei Kriegsausbruch kam Siebel als Kriegsfreiwilliger 1914 zur Flieger-Ersatz-Abteilung FEA 3 in Griesheim. Nach Abschluss der Ausbildung flog Siebel ab Januar 1915 bei der Feldflieger-Abteilung FFA 19 an der Westfront, sowie ab 1916 bei der Kasta 5 des Kampfgeschwader I der Obersten Heeresleitung (KAGOHL I). Als technischer Offizier unterstützte er beim KAGOHL I die Entwicklung von Großflugzeugen. Im September 1916 war Siebel mit dem KAGOHL I in Bulgarien und Mazedonien im Einsatz.[3] Im Frühjahr 1918 wurde Siebel aus dem Fronteinsatz abgezogen und zur Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) abgestellt. Siebel wurde Anfang 1919 aus dem Militärdienst als Leutnant entlassen.

Mit Paul Körner gründete Siebel 1919 in Remscheid die Handelsgesellschaft Körner & Siebel, die sich zunächst mit dem Handel allgemeiner Industriegüter und -anlagen beschäftigte und Import/Export-Handel mit dem Ausland betrieb. Siebel war 1919 Mitbegründer des Rings der Flieger, der mit ranghohen Offizieren der ehemaligen deutschen Fliegertruppe eine Wiederaufrüstung der Fliegertruppe anstrebte. Siebel und Körner verlagerten ihre Handelsgesellschaft 1920 nach Berlin und hielten über Siebels Kontakte im Ring der Flieger enge Kontakte zum Reichswehr- und Reichsverkehrsministerium. Zum Aufbau von Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion unterhielten Siebel und Körner seit 1921 auch ein Handelsbüro in Moskau, über das nach dem Vertrag von Rapallo ab 1922 Handelsgeschäfte vornehmlich mit deutsch-russischen Gemeinschaftsunternehmen, wie dem Junkerswerk in Fili, sowie später mit der verdeckten Fliegerschule in Lipezk betrieben wurden.[4]

In Deutschland gehörte Siebel 1924 zu den Mitbegründern der Sportflug GmbH, sowie zu den Unterstützern der Rhön-Rossitten-Gesellschaft, die als getarnte Flugschulen verdeckt die Qualifikationen ehemaliger Kriegspiloten aufrechterhalten sollten. In dieser Phase kam es zu ersten Kontakten mit dem Chefkonstrukteur Hanns Klemm von der Daimler-Motoren-Gesellschaft (DMG), dessen Leichtflugzeugkonstruktion Daimler L20 als preisgünstiges Ausbildungsflugzeug Siebels Interesse fand. Siebel beteiligte sich im Juni 1925 mit einer Daimler L21 am Deutschen Rundflug, den die drei offiziellen DMG-Flugzeuge auf den ersten Plätzen abschlossen. Trotz des DMG-Erfolgs beim Deutschen Rundflug trennte sich die mit wirtschaftlichen Problemen belastete DMG 1926 von ihrem Flugzeugbau. Der Serienbau der Daimler L20 wurde bei DMG nicht aufgenommen.[5]

Siebel unterstützte Klemm daraufhin bei der Gründung der Leichtflugzeugbau Klemm GmbH (LFK), an der er selbst einen kleinen Geschäftsanteil 1927 übernahm. Siebel beschaffte zur Aufnahme der Serienfertigung der Daimler L20 eine einmalige staatliche Subventionszahlung für die LFK und übernahm nach seiner Trennung von Paul Körner 1927 mit seinem Berliner Handelsbüro den internationalen Vertrieb der Klemm-Flugzeuge. Siebel trat bis 1933 auf zahlreichen nationalen und internationalen Wettbewerbsveranstaltungen mit Klemm-Flugzeugen an und wurde zu einem der bekanntesten deutschen Sportpiloten der 20/30er Jahre. In den 30er Jahren nahm Siebel die Führung zahlreicher deutscher Sportflieger-Organisationen in Deutschland ein. In diesen Funktionen unterstützte er 1933 die Zusammenfassung der vielen Organisationen im Deutschen Luftsportverband DLV.

Ab 1934 unterstützte Siebel den Ausbau des Klemm-Flugzeugbaus für die nationalsozialistische Wiederaufrüstungsmaschinerie und regte den Neubau eines Industrie-Flugzeugwerks in Halle a.d. Saale an. Gemeinsam mit Franz Walter errichtete Siebel bis 1935 in Halle-Mötzlich zunächst das Sportflugzeugwerk Klemm Flugzeugwerk Halle GmbH als Zweigbetrieb des Böblinger Klemmwerks. Nach der Enttarnung der deutschen Luftwaffenaufrüstung wurde der Betrieb als Flugzeugwerk Halle GmbH für die industrielle Produktion von militärischen Großflugzeugen bis 1937 weiter ausgebaut. Hanns Klemm verkaufte seine Geschäftsanteile am Flugzeugwerk Halle 1937 an Friedrich Siebel, der sich seinerseits aus der LFK in Böblingen zurückzog. Siebel führte das Unternehmen als Siebel Flugzeugwerke KG (SFW) weiter und baute das Werk bis 1940 zu einem industriellen Großbetrieb mit Standorten in Halle und Leipzig aus.

Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs warnte Siebel öffentlich vor der mangelnden Kriegsfähigkeit der deutschen Luftrüstung, u. a. vor den fehlenden Zugängen Deutschlands zu ausreichenden Rohstoff- und Energiestoffen und einer unlimitierten Rüstungsproduktion in den USA im Fall eines Kriegseintritts der Vereinigten Staaten. Siebel bezweifelte eine dauerhafte Aufrechterhaltung der militärischen Lufthoheit in Europa durch die deutsche Luftwaffe.[6] Siebel übergab 1940 die Geschäftsführung seines Flugzeugwerks an Franz Walter und trat unter Ernst Udet im Reichsluftfahrtministerium der Luftwaffe bei. Siebel war während des Kriegs hauptsächlich im besetzten Ausland, u. a. in Frankreich, Holland und Skandinavien mit der Einbeziehung ausländischer Luftfahrtunternehmen in die deutsche Luftrüstung beschäftigt. Im Luftwaffen-Sonderkommando Siebel beschäftigte sich Siebel auch mit der Konstruktion und dem Serienbau von Siebel-Landungsfähren, die in größeren Stückzahlen in Holland gebaut wurden.[7]

Siebel geriet im Dienstrang eines Oberstleutnants[8] 1945 in Dänemark in britische Kriegsgefangenschaft. Sein Flugzeugwerk in Halle und Leipzig war 1944 durch Bombenangriffe weitgehend zerstört worden. Die Reste wurden am 18./19. April 1945 zunächst von amerikanischen Truppen und ab Juli 1945 von sowjetischen Truppen übernommen und bis 1948 demontiert. Teile der ehemaligen Siebel-Belegschaft setzten ihre Arbeit später im sowjetischen Podbersje im OKB-2 Konstruktionsbüro fort und waren ab 1953 am Wiederaufbau der DDR-Luftfahrtindustrie beteiligt.[9] Friedrich Siebel kehrte nach seiner Freilassung nach Westdeutschland zurück und gründete mit dem WK-I Kampfpiloten und späteren Diplomaten Carl August von Schönebeck in Düsseldorf 1948 die Luftfahrt Technik GmbH als Flugzeug-Handelsgesellschaft, die Flugzeuge vornehmlich an Deutsche im Ausland bzw. an Ausländer in Deutschland verkaufte.

Für die Wiederaufnahme des Flugzeugbaus in Deutschland gründete Friedrich Siebel gemeinsam mit dem früheren Geschäftsführer des A.T.G.-Flugzeugwerks in Leipzig Bernhard Weinhardt 1952 die Siebelwerke A.T.G. GmbH (SIAT). Mit Unterstützung des Flick-Konzerns entstand bis 1956 im Waggon- und Maschinenbau GmbH Donauwörth (WMD) neben dem eigentlichen Waggonbau ein neues Flugzeugwerk, das in den 50/60er Jahren in fast alle Lizenzbauten der Bundesluftwaffe einbezogen war.[4]

Friedrich Siebel erlebte den Neubeginn des deutschen Flugzeugbaus nicht mehr. Er verstarb an einem Herzinfarkt während einer Verhandlungsrunde mit der Bundesregierung über den Lizenzbau französischer Noratlas-Transportflugzeuge im April 1954 in der Nähe von Bonn. Friedrich Siebel wurde auf dem Friedhof seines Heimatorts Wiessee beigesetzt.

Siebel war seit 1930 mit der schwedischen Bildhauerin Ingeborg Trulsson verheiratet. Aus der Ehe stammen zwei Söhne.

Auszeichnungen

Siebel war Träger zahlreicher Auszeichnungen. Im November 1917 erhielt er das Kreuz der Ritter des Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern, nachdem er zuvor bereits das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse erhalten hatte. Er war Träger des Türkischen Eisernen Halbmonds. Als Sportflieger erhielt Siebel in den 1920/30er Jahren zahlreiche Auszeichnungen. u. a. Goldenes Sportfliegerabzeichen des DLV. In Anerkennung seiner jahrelangen flugsportlichen Erfolge wurde Siebel 1933 zum ersten Geschwaderführer des DLV ernannt.[10] Im Dezember 1937 wurde Siebel Wehrwirtschaftsführer. Im Zweiten Weltkrieg erhielt Siebel in Finnland das Finnische Freiheitskreuz und das deutsche Kriegsverdienstkreuz II. Klasse. In Italien erhielt Siebel 1953 die italienische Industrie-Auszeichnung für seine Bemühungen um den Aufbau einer deutschen Lizenzfertigung von Flugzeugen in Italien.

Literatur

  • Paul Zöller: Siebel- und SIAT-Flugzeuge, Band I, 2025, ISBN 978-3-8192-7401-5.
  • H.-J. Ebert, U. Mahn, H.-D. Tack: Die Siebel-Flugzeugwerke Halle (1934 bis 1946), 2. Aufl., GBSL, Berlin, 2011
  • Hans Joachim Ebert: Siebel, Friedrich Wilhelm. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 24. Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 319–321 (deutsche-biographie.de).
  • Fritz Siebel. In: Der Spiegel. Nr. 26, 1953, S. 29 (online24. Juni 1953).
  • Fritz Siebel in: Internationales Biographisches Archiv 25/1954 vom 14. Juni 1954, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
Commons: Friedrich Siebel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr, Bestand 1194/5/14
  2. Die Glocke – Beckumer Zeitung …, Ausgabe vom 4. September 1938
  3. Biographie Friedrich Siebel, von Franz Walter, 1978, im Archiv Alte Adler
  4. a b Paul Zöller: Siebel- und SIAT-Flugzeuge. Band I. Books on Demand, Hamburg 2025, ISBN 978-3-8192-7401-5.
  5. Paul Zöller: Klemm-Flugzeuge. Band I. Books on Demand, Norderstedt 2020, ISBN 978-3-7526-2580-6.
  6. Denkschrift zur Amerikanischen Luftrüstung, F. W. Siebel, 1941, im Bundesarchiv Freiburg, MSG 2/5126
  7. div. Unterlagen zu Siebelfähren, Bundesarchiv Freiburg, z. B. RL 36/473
  8. Personalakte Siebel, Friedrich-Wilhelm, im Bundesarchiv Freiburg, PERS 6/216739
  9. H.-J. Ebert; U. Mahn; H.-D. Tack: Die Siebel-Flugzeugwerke Halle (1934 bis 1946). Hrsg.: Gesellschaft zur Bewahrung von Stätten Deutscher Luftfahrtgeschichte e. V. 2. Auflage. GBSL, Berlin 2011.
  10. Der Grafschafter – Generalanzeiger für Moers, Ausgabe 31. August 1933