Friedrich Noack (Musikwissenschaftler)

Friedrich Noack (* 10. Juli 1890 in Darmstadt; † 21. Januar 1958 ebenda) war ein deutscher Musikwissenschaftler, Musikpädagoge, Komponist, Herausgeber und Dirigent. Er prägte über mehrere Jahrzehnte das wissenschaftliche und praktische Musikleben in Darmstadt und im Rhein-Main-Gebiet und leistete wesentliche Beiträge zur Erforschung und Edition der mitteldeutschen Barockmusik, insbesondere des Werkes von Christoph Graupner.[1]

Leben und Ausbildung

Friedrich Noack stammte aus einer Darmstädter Familie mit enger Bindung an das kulturelle Leben der Stadt. Er ist der ältere Bruder von Elisabeth Noack, Musikpädagogin und ebenfalls Musikwissenschaftlerin.[2] Nach dem Besuch des Ludwig-Georgs-Gymnasiums legte er 1908 das Abitur ab. Nach einem kurzen Studium der Rechtswissenschaft in München studierte er in Berlin Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie, unter anderem bei Hermann Kretzschmar, Johannes Wolf und Carl Stumpf; Komposition studierte er bei Max Schneider.[3]

1914 wurde Noack mit einer Dissertation zur Kirchenmusik von Christoph Graupner promoviert. Während des Ersten Weltkriegs wurde er 1916 schwer verwundet.[3]

Wissenschaftliche Tätigkeit

Nach dem Ersten Weltkrieg war Noack an der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt tätig. Dort war er maßgeblich an der systematischen Erschließung der historischen Musiksammlung beteiligt und erstellte umfangreiche Kataloge zu den Beständen der ehemaligen Darmstädter Hofmusik.[4]

Sein Forschungsschwerpunkt lag auf der protestantischen Kirchenmusik des 17. und 18. Jahrhunderts. Besondere Bedeutung erlangte seine editorische Arbeit zu Christoph Graupner und Wolfgang Carl Briegel. Für die Editionsreihe Denkmäler Deutscher Tonkunst gab er mehrere Bände mit Kantaten Graupners heraus.[5]

1926 habilitierte sich Noack an der Technischen Hochschule Darmstadt mit einer Arbeit über Graupner als Kirchenkomponisten.[1]

Lehr- und Hochschultätigkeit

Noack lehrte unter anderem an der Technischen Hochschule Darmstadt, der Pädagogischen Akademie Darmstadt, dem Konservatorium Mainz sowie am Dr. Hoch’schen Konservatorium Frankfurt am Main.[3]

1933 verlor er aus politischen Gründen seine Stellung im Staatsdienst. Durch Vermittlung des Komponisten und Freundes Wilhelm Petersen trat er 1939 eine Dozentenstelle an der Musikhochschule Mannheim an, die er bis 1945 innehatte.[6]

Nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligte er sich am Wiederaufbau der Landesmusikschule, der heutigen Städtischen Akademie für Tonkunst Darmstadt und war seit der Wiedereröffnung am 1. Januar 1946 bis 1953 deren Direktor.[1][7]

Musikalische Praxis

1920 gründete Noack die Madrigal-Vereinigung Darmstadt, einen Kammerchor, den er bis 1955 leitete. Unter seiner Leitung fanden mehrere hundert Konzerte statt, darunter Rundfunkproduktionen und Schallplattenaufnahmen.[8]

Ehrungen

  • 1955: Goethe-Plakette des Landes Hessen[1]
  • 1956: Verdienstplakette der Stadt Darmstadt[1]

Nachlass

Der Nachlass Friedrich Noacks wird in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt aufbewahrt. Er umfasst wissenschaftliche Manuskripte, Korrespondenzen, Editionen sowie Materialien zur Musikgeschichte Darmstadts. Weitere einschlägige Quellen befinden sich im Stadtarchiv Darmstadt.[4][8]

Rezeption

In der regionalen Musikgeschichtsschreibung gilt Noack als wichtige Vermittlerfigur zwischen akademischer Musikwissenschaft, Editionspraxis und öffentlichem Musikleben. Seine Arbeiten zur Darmstädter Hofmusik und zur Kirchenmusik des Barock werden weiterhin rezipiert.[9]

Kompositionen (Auswahl)

Noack komponierte unter anderem Lieder, Chorwerke, Kammermusik und kleinere Bühnenwerke. Sein kompositorisches Schaffen trat hinter seine wissenschaftliche und editorische Tätigkeit zurück und ist nur teilweise veröffentlicht.[5]

  • Sechs Gesänge mit Klavierbegleitung (Texte: Hans Bethge, Ricarda Huch, Oskar Kuhlgaß), Eigendruck, komp. 1916–1918
  • Sieben Lieder für tiefe oder mittlere Stimme (Texte: Gustav Falke, Martin Greif), Eigendruck, komp. 1918
  • Weihnachtskantate für Chor, Soli und Instrumente, THIASOS Musikverlag Darmstadt, 2005
  • Drei Klavierstücke nach Sprüchen aus Goethes "West-östlichem Divan", THIASOS Musikverlag Darmstadt, 2013 (Vorwort v. Steffen Meder)
  • Sechs Lieder von Nikolaus Lenau, in: Lieder für Gesang und Klavier (mittlere und tiefe Stimme), THIASOS Musikverlag Darmstadt, 2013 (Nachwort v. Steffen Meder)
  • Sechs Gesänge aus: Also sprach Zarathustra von Friedrich Nietzsche, Nr. 1 in: Lieder für Gesang und Klavier (mittlere und tiefe Stimme), THIASOS Musikverlag Darmstadt, 2013 (Nachwort v. Steffen Meder)
  • Biblische Gesänge aus dem Alten Testament, Nr. 3 in: Lieder für Gesang und Klavier (mittlere und tiefe Stimme), THIASOS Musikverlag Darmstadt, 2013 (Nachwort v. Steffen Meder)

Literatur

  • Hermann Kaiser: Friedrich Noack, Ansprache, gehalten am 21. Januar 1959 in Darmstadt, Darmstadt 1959
  • Oswald Bill: Noack, Friedrich. In: Roland Dotzert et al.: Stadtlexikon Darmstadt. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-8062-1930-2 (Digitalisat).
  • Steffen Meder: Vorwort zu Liedern, Thiasos Musiverlag, Darmstadt 2013
  • Elisabeth Noack: Artikel Noack, in: MGG 9, Sp. 1540–1542
  • Peter Engels: Von der Schule für Klavierspiel zur Akademie für Tonkunst – ein Beitrag zur Musik und des Musikunterrichts in Darmstadt, in: 150 Jahre Akademie für Tonkunst, hrsg. vom Eigenbetrieb der Kulturinstitute der Stadt Darmstadt, Akademie für Tonkunst, 2001, S. 31–33

Einzelnachweise

  1. a b c d e Oswald Bill: Noack, Friedrich. In: Stadtlexikon Darmstadt. (darmstadt-stadtlexikon.de).
  2. Noack (Familie). Abgerufen am 30. Dezember 2025.
  3. a b c Steffen Meder: Friedrich Noack (1890-1958). In: THIASOS Musikverlag Archiv. 2012, abgerufen am 28. Dezember 2025.
  4. a b Nachlass Friedrich Noack. In: Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Deutsche Digitale Bibliothek, abgerufen am 27. Dezember 2025.
  5. a b Nachlass Friedrich Noack. In: Deutsche Digitale Bibliothek. Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, abgerufen am 27. Dezember 2025.
  6. 450 Jahre Wissen – Sammeln – Vermitteln. In: TUprints / ULB Darmstadt. Abgerufen am 27. Dezember 2025.
  7. Noack, Friedrich* August Ludwig Hermann. Abgerufen am 30. Dezember 2025.
  8. a b Madrigal-Vereinigung Darmstadt. In: Hessisches Archivportal ARCINSYS. Abgerufen am 27. Dezember 2025.
  9. Ursula Kramer: Zur Rezeptionsgeschichte der Werke Graupners, Abschnitt Graupner redivivus III: Von der Musikwissenschaft zur Musikpraxis. In: Christoph-Graupner-Gesellschaft. Christoph Graupner Gesellschaft Darmstadt, 2010, abgerufen am 27. Dezember 2025.