Francisco Sá Carneiro

Francisco Manuel Lumbrales de Sá Carneiro (; * 19. Juli 1934 in Porto; † 4. Dezember 1980 bei Lissabon) war ein portugiesischer Politiker. Er war Gründer der Partido Popular Democrático (PPD) bzw. Partido Social Democrata (PSD), 1976–1977 und 1978–1980 ihr Parteivorsitzender sowie von Januar 1980 bis zu seinem Tod Ministerpräsident Portugals.

Leben und politische Karriere

Sá Carneiro wuchs in einer großbürgerlichen, katholischen Familie in Porto auf. Nach seinem Jurastudium an der Universität Lissabon, das er 1956 abschloss, arbeitete er als Anwalt. Bereits während des Regimes des Estado Novo wurde er 1969 als Parteiloser auf der Liste der herrschenden União Nacional unter Marcelo Caetano (dem Nachfolger des langjährigen Diktators Salazar) in die portugiesische Nationalversammlung gewählt. Dort bildete er mit einer Gruppe gleichgesinnter Abgeordneten, u. a. Francisco Pinto Balsemão, den „Liberalen Flügel“ (Ala Liberal), der für eine vorsichtige Öffnung und Reformen eintrat, ohne sich jedoch grundsätzlich gegen Caetanos Diktatur zu stellen. Er initiierte Entwürfe für ein liberales Pressegesetz und eine demokratische Verfassung, die jedoch von der Mehrheit abgelehnt bzw. nicht einmal beraten wurden, weshalb Sá Carneiro im Januar 1973 sein Parlamentsmandat niederlegte.

In der Übergangsregierung nach der Nelkenrevolution war Sá Carneiro von Mai bis Juli 1974 Minister ohne Geschäftsbereich und beigeordneter Minister beim Premierminister Adelino da Palma Carlos. Im Mai 1974 gründete er mit seinen Mitstreitern Francisco Pinto Balsemão und Joaquim Magalhães Mota, die ebenfalls frühere Vertreter des Ala Liberal waren, die Partido Popular Democrata (PPD; Demokratische Volkspartei), welche später zur Partido Social Democrata (PSD) wurde. Diese positionierte sich als pragmatische, reformorientierte Partei der Mitte oder linken Mitte und nannte die damals von Helmut Schmidt geführte SPD als Vorbild.[1][2] Auf dem Gründungsparteitag im November 1974 wurde er zum ersten Generalsekretär dieser Partei gewählt. Er gab der PPD ein gemäßigt linkes Programm und strebte einen Beitritt zur Sozialistischen Internationale an. Dort war jedoch bereits die portugiesische Partido Socialista (PS) Mitglied, die eine Aufnahme ihrer Konkurrentin PPD blockierte.[3]

Sá Carneiro wurde 1975 in die Verfassunggebende Versammlung gewählt und nach Inkrafttreten der Verfassung der Dritten Republik im Jahr darauf Abgeordneter in der ersten regulär gewählten Assembleia da República. Bei beiden Wahlen war die PPD mit 26 bzw. 24 Prozent der Stimmen zweitstärkste Kraft hinter der PS, die unter Mário Soares die erste konstitutionelle Regierung bildete. Sá Carneiro war in dieser Zeit auch Vorsitzender der PPD-Parlamentsfraktion. Da explizit konservative und rechte Bewegungen Verbindungen zum alten Salazar-Regime verdächtigt wurden, fehlte im nachrevolutionären Parteienspektrum Portugals zunächst eine größere Mitte-rechts-Partei. Wähler der bürgerlichen Mitte und gemäßigten Rechten wählten daher oftmals die PPD/PSD, die als pragmatische Gegenspielerin zu den weiter links stehenden Sozialisten und Kommunisten wahrgenommen wurde.[4]

Nach Änderung der Parteistatuten, wonach nicht mehr der Generalsekretär, sondern der Vorsitzende die wichtigste Position in der PSD hatte, wurde Sá Carneiro im Oktober 1976 in dieses Amt gewählt. Nach innerparteilichen Streits um die Ausrichtung der Partei und das Verhältnis zur sozialistischen Regierung sowie zum Staatspräsidenten António Ramalho Eanes sowie aus Ärger über Informationslecks trat Sá Carneiro im November 1977 nicht nur als Parteivorsitzender zurück, sondern erklärte zugleich auch seinen Austritt aus der PSD. Er kehrte jedoch bald zu seiner Partei zurück und wurde im Juli 1978 erneut zum Vorsitzenden gewählt. Sá Carneiro verschärfte den Oppositionskurs gegen die linke Regierung, den Präsidenten und den Revolutionsrat aus Militärs, die auch nach dem Inkrafttreten der Verfassung immer noch Macht hatten.[5]

Zur vorgezogenen Parlamentswahl am 2. Dezember 1979 ging die PPD/PSD mit der christdemokratisch-konservativen Partei Centro Democrático e Social (CDS) von Diogo Freitas do Amaral und der monarchistischen Partido Popular Monárquico von Gonçalo Ribeiro Telles ein Wahlbündnis namens Aliança Democrática (AD) mit Sá Carneiro als Spitzenkandidat ein. Der Zusammenschluss gewann die Wahl mit 45,3 Prozent der Stimmen und 128 der 250 Sitze im Parlament. Staatspräsident António Ramalho Eanes ernannte Sá Carneiro daraufhin am 3. Januar 1980 zum Premierminister. Bei der nächsten regulären Parlamentswahl im Oktober 1980 konnte Sá Carneiros Mitte-rechts-Bündnis AD seinen Stimmenanteil auf 47,6 Prozent und die Zahl seiner Sitze auf 134 ausbauen.

Francisco Sá Carneiro starb am 4. Dezember 1980, als eine Cessna 421 auf dem Weg von Lissabon nach Porto nach dem Start über dem Lissabonner Vorort Camarate abstürzte. Zusammen mit ihm starben seine Lebensgefährtin Snu Abecassis, der Verteidigungsminister Adelino Amaro da Costa und dessen Frau, einige Berater und zwei Piloten. Der Absturz galt zunächst als Unfall; später wurden Indizien dafür gefunden, dass eine Bombe an Bord explodiert war.[6][7][8][9] Nach Sá Carneiros Tod übernahm interimsweise sein bisheriger Stellvertreter Diogo Freitas do Amaral (CDS) die Regierungsführung, bevor im Januar 1981 der neue PSD-Chef Francisco Pinto Balsemão zum Premierminister gewählt wurde.

Regisseurin Patrícia Sequeira drehte den 2019 veröffentlichten biografischen Kinofilm Snu. Pedro Almendra spielte die Rolle von Francisco Sá Carneiro.

Literatur

Commons: Francisco Sá Carneiro – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten

  1. Maria João Avillez: Francisco Sá Carneiro. Solidão e Poder. Oficina do Livro, Alfragide 2010, S. 133–134.
  2. Winfried Kreutzer: Geschichte Portugals – eine Reise durch die Epochen. Überblick, Analyse und Erläuterungen. Reclam, Stuttgart 2013, Abschnitt Portugal nach der Nelkenrevolution.
  3. Takis S. Pappas: In Search of the Center. Conservative Parties, Electoral Competition, and Political Legitimacy in Southern Europe’s New Democracies. In: P. Nikiforos Diamandouros, Richard Gunther (Hrsg.): Parties, Politics, and Democracy in the New Southern Europe. Johns Hopkins University Press, Baltimore/London 2001, S. 224–267, hier S. 259.
  4. Riccardo Marchi, André Azevedo Alves: The Right and Far-Right in the Portuguese Democracy (1974–2022). In: Jorge M. Fernandes u. a. (Hrsg.): The Oxford Handbook of Portuguese Politics. Oxford University Press, Oxford/New York 2023, S. 102–118, hier S. 104.
  5. Francisco Sá Carneiro, PSD, abgerufen am 26. Oktober 2025.
  6. Associated Press 6. Dezember 2004: New tests indicate sabotage in 1980 air crash that killed Portuguese PM
  7. Investigative Commission: 1980 Portugal Crash Was Sabotage
  8. Chicago Tribune 8. Oktober 1995: Premier's Body Exhumed In Inquiry
  9. Centro de Documentação da Polícia Judiciária: IV Comissão Eventual de Inquérito ao Atentado de Camarate.
VorgängerAmtNachfolger
Maria de Lourdes PintasilgoPremierminister von Portugal
1980
Diogo Freitas do Amaral (kommissarisch)