Fertigungsdienstleister
Fertigungsdienstleister (englisch Manufacturing Services oder Contract Manufacturer (CM)) bezeichnet ein spezialisiertes Unternehmen, das Produkte und Dienstleistungen im Bereich der Produktion anbietet. Genauer gesagt ist damit ein Unternehmen gemeint, das sich auf die Herstellung von Produkten spezialisiert hat und für ein auftraggebendes Unternehmen (häufig auch als „Erstausrüster“ bekannt) die Fertigung vollständig, in Teilen übernimmt oder an weitere Unternehmen auslagert.[1][2] Der Auftraggeber steuert dabei über Verträge und andere Instrumente und nimmt sich aus der Fertigung zurück. In manchen Fällen bezieht der Auftraggeber einen Teil der woanders gefertigten Vorprodukte, Teilkomponenten oder Subsysteme für seine Eigenfertigung oder zur weiteren Integration. Dabei sind meist auch Zulieferunternehmen involviert. Auftragsfertiger übernehmen jedoch einen Großteil dieser Integration und liefern das fertige Produkt im Namen (vgl. Branding) des Auftraggebers.
In diesem Kontext sind weitere Bezeichnungen: Industriedienstleistungen oder englisch Manufacturing-as-a-Service ‚Produktion-als-eine-Dienstleistung‘. Weitere Begriffe in diesem Kontext sind das englisch Procurement ‚Beschaffungswesen‘, Global Sourcing und Supply Chain Management.[3]
Eine weitere synonyme Bezeichnung für einen Fertigungsdienstleister ist Auftragshersteller oder Vertragshersteller.
Beschreibung
Heutzutage spielen Fertigungsdienstleister eine große Rolle im gesamten Produktlebenszyklus. Die Gründe für diese Entwicklung sind unter anderem in der rapiden Globalisierung der letzten Jahrzehnte (seit etwa den 1990er Jahren), einer vernetzten, weltweiten Wirtschaft (vgl. auch Weltmarkt) und dem damit verbundenen Outsourcing und davon getrennt die Auslagerung oder das Offshoring („vom Land bringen“) zu finden.[4][5][6] Fertigungsdienstleister bieten vereinzelt auch Entwicklungsleistungen an bzw. übernehmen im Sinne des Outsourcings weitere Dienstleistungen. Das Gegenteil von Offshoring ist das Onshoring („ins Land bringen“), bei dem die Produktion lokal oder national erfolgt. Onshoring gewinnt an Bedeutung, insbesondere wenn Unternehmen Wert auf Qualität, kurze Lieferzeiten und die Unterstützung lokaler Märkte legen.
Das Geschäftsmodell der Fertigungsdienstleister basiert auf der Verteilung von Ressourcen und Expertisen.[7] Gemeint ist dabei primär eine Ausgliederung der Produktion. Der Auftraggeber, häufig auch bekannt als ein Erstausrüster oder Original Equipment Manufacturer (OEM), ist für die Weiterentwicklung, das Produktmanagement, die Qualitätsmanagement und den Vertrieb zuständig. Man spricht dabei auch von der sogenannten „Kernkompetenz“. Der Fertigungsdienstleister ist für die Herstellung, die Fertigungs- oder Produktionsprozesse, die Qualitätssicherung, sowie die dafür benötigten Maschinen, Arbeitskräfte, Rohstoffe, Materialien oder Teile zuständig.
Eine weitere Spezialisierung innerhalb der Fabless-Philosophie sind die sogenannten Original Design Manufacturer (ODM). Sie arbeiten eng mit einem OEM zusammen. ODMs sind Unternehmen, die in der Entwicklung und Produktion im Ausland tätig sind. In der Arzneimittel- oder Pharmaindustrie gibt es auch die Contract Manufacturing Organization (CMO).
Abgrenzungen
Ein Fertigungsunternehmen unterscheidet sich von einem klassischen Zulieferer, wenn letzterer keine produktive Tätigkeit nach den Vorgaben und der Steuerung eines Auftraggebers anbietet, sondern lediglich fertige Grundstoffe, Teile oder Komponenten liefert. Beispiele dafür sind Materialien aus der Chemie. Es kommt jedoch häufig vor, dass ein Zulieferer bereits die Fertigung von Teilen für einen Auftraggeber übernimmt. In diesem Fall wird der Auftraggeber zum Kunden und hat in der Regel weniger Einfluss auf den Fertigungsprozess als beim Fertigungsdienstleister. Eine genaue Abgrenzung sollte nur im Einzelfall erfolgen, da sich Unternehmen entsprechend der Branche und Technologie unterscheiden, sowie nach der hohen Wirtschaftsdynamik im globalen Umfeld verändern.
Fertigungsindustrie
Fertigungsdienstleistungen stehen in engem Zusammenhang mit dem vor Jahrzehnten in der Halbleiterindustrie entstandenen Fabless-Geschäftsmodell bzw. basieren auf einer ähnlichen Geschäftsstrategie und -praxis. Eine weitere Spezialisierung ist die Endfertigung von Elektronikkomponenten als Gesamtprodukt, die auch als Electronics Manufacturing Services (EMS) bekannt ist. Ein bekanntes Beispiel ist das US-amerikanische Unternehmen Apple und einer seiner Auftragsdienstleister Foxconn. Ein weiteres Beispiel ist das britische Unternehmen Dyson, welches seine Fertigung ab 2002 nach Malaysia verlagert hat.[8] Selbstverständlich wird das Modell auch auf die „Fertigung von Software“ oder der IT-Technologien (vgl. auch das ehemalige Unternehmen Electronic Data Systems (EDS)) übertragen.[9]
Das Fabless-Modell findet auch innerhalb von Unternehmen Anwendung, wenn ein Standort für die Produktion und ein anderer für die Entwicklung zuständig ist. Diese beiden Unternehmen beauftragen sich gegenseitig mit Dienstleistungen. Ein ähnliches Modell wird auch in anderen Industriebereichen, beispielsweise in der Pharmaindustrie, angewandt.[10] Auch in der Automobilindustrie gibt es Fertigungsdienstleister, z. B. Valmet Automotive oder Magna. Ein Gegenbeispiel zu den genannten Industrien wäre beispielsweise die Rüstungsindustrie, die zwar ihre Sicherheitsprodukte teilweise exportiert, diese aber aufgrund von Sicherheitsauflagen meist im Inland für die Streitkräfte der Bundeswehr fertigt. Entwicklungen in dieser Industrie werden nur über übergeordnete politische Rahmenprogramme „verteilt“ produziert, z. B. die Programme Eurocopter usw.
Wirtschaftliche Aspekte
Der Vorteil von Fertigungsdienstleistern liegt in der Reduzierung des Aufwands für den Auftraggeber. Dies kann vor allem bei seltenen Projekten lohnenswert sein. Da dieser zusätzliche Dienstleister jedoch auch Gewinninteressen verfolgt, sind die Kosten bei diesem indirekten Weg der Produzentensuche höher als bei einer direkten Beauftragung des vermittelten Produzenten. Bei größeren, häufigeren, längerfristigen oder unternehmenstypischen Projekten sind die Kosten höher als bei einer vollständig internen Herstellung bzw. dem Aufkauf eines Produzenten.
Literatur
- Michael L. Pinedo: Planning and Scheduling in Manufacturing and Services. Springer New York, New York, NY 2009, ISBN 978-1-4419-0909-1, doi:10.1007/978-1-4419-0910-7 (englisch).
- Ilan Oshri, Julia Kotlarsky, Leslie P. Willcocks: The Handbook of Global Outsourcing and Offshoring. Springer International Publishing, Cham 2023, ISBN 978-3-03112033-6, doi:10.1007/978-3-031-12034-3 (englisch).
Einzelnachweise
- ↑ Hilary Bates, David Twigg: OUTSOURCING OF PRODUCT DESIGN AND DEVELOPMENT. In: Encyclopedia of Production and Manufacturing Management. Springer US, New York, NY 2000, ISBN 0-7923-8630-2, S. 501–505, doi:10.1007/1-4020-0612-8_664 (englisch).
- ↑ Lukas Rafael Schild, Jonas Jensch, Stefan Kokorski: Understanding service complexity in manufacturing companies: Insights and implications from a mixed methods study on drivers and levers of complexity. In: Electronic Markets. Band 35, Nr. 1, 9. April 2025, ISSN 1019-6781, doi:10.1007/s12525-025-00769-9.
- ↑ Mohammadreza Akbari: Outsourcing in Supply Chain Management. In: The Palgrave Handbook of Supply Chain Management. Springer International Publishing, Cham 2022, ISBN 978-3-03089822-9, S. 1–27, doi:10.1007/978-3-030-89822-9_47-1 (englisch).
- ↑ Judyta Kabus, Michał Dziadkiewicz, Ireneusz Miciuła, Marcin Mastalerz: Using Outsourcing Services in Manufacturing Companies. In: Resources. Band 11, Nr. 3, 21. März 2022, ISSN 2079-9276, S. 34, doi:10.3390/resources11030034 (englisch, mdpi.com [abgerufen am 12. November 2025]).
- ↑ F. Merino, D. R. Rodriguez: Business services outsourcing by manufacturing firms. In: Industrial and Corporate Change. Band 16, Nr. 6, 21. November 2007, ISSN 0960-6491, S. 1147–1173, doi:10.1093/icc/dtm034 (englisch, oup.com [abgerufen am 12. November 2025]).
- ↑ Mohammadreza Akbari: Embarking on Outsourcing: An Introductory Overview. In: The Road to Outsourcing 4.0. Springer Nature Singapore, Singapore 2024, ISBN 978-981-9727-07-0, S. 1–20, doi:10.1007/978-981-97-2708-7_1 (englisch).
- ↑ Seung Ho Yoo, Dawoon Jung, Kun Soo Park: Product design outsourcing in a supply chain: impact of the design and conformance quality trade-off. In: Operational Research. Band 22, Nr. 4, September 2022, ISSN 1109-2858, S. 4029–4055, doi:10.1007/s12351-021-00668-9 (englisch).
- ↑ Umer: Where are dyson vacuums made: A Journey From the UK to Asia. In: VacuumAdvice. 14. Mai 2025, abgerufen am 12. November 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Rudy Hirschheim: The Early History of IT Outsourcing: A Personal Reflection. In: Digitalization Across Organizational Levels. Springer International Publishing, Cham 2022, ISBN 978-3-03106542-2, S. 21–39, doi:10.1007/978-3-031-06543-9_2 (englisch).
- ↑ Bianca Piachaud: Outsourcing of R&D in the Pharmaceutical Industry. Palgrave Macmillan, Basingstoke 2004, ISBN 0-230-51263-1, doi:10.1057/9780230512634 (englisch).