Falun Gong
Falun Gong, auch Falun Dafa (wörtlich „Dharma-Rad-Praktik“ oder „Gesetzesrad-Praktik“; chinesisch 法輪功 / 法轮功, Pinyin Fǎlún gōng, auch 法輪大法 / 法轮大法, Fǎlún dàfǎ) ist eine politische und neue religiöse Bewegung, die 1992 von Li Hongzhi in China gegründet wurde und heute ihren Sitz in den USA hat. Das Glaubenssystem und die religiösen Praktiken kombinieren Elemente von Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus mit Qigong.[1] Seit 1999 erfährt die Bewegung eine aggressive Unterdrückung durch die Kommunistische Partei Chinas (KPC).[2] Seit dieser Zeit führt die Bewegung eine internationale Kampagne gegen ihre Verfolgung in China unter der KPC.[3] Sie wird hierbei von Politikern, Regierungen und Menschenrechtsorganisationen unterstützt, u. a. von dem US-Repräsentantenhaus, den Vereinten Nationen und dem Europaparlament. Zu der von Falun Gong geführten Kampagne gegen ihre Verfolgung gehört die 2000 von Anhängern gegründete rechtsextreme Mediengruppe Epoch Times und die Tanz-Varietéshow Shen Yun.[4] Zum Weltbild von Falun Gong gehört die Ablehnung von Homosexualität, „gemischtrassigen“ Ehen, Feminismus und Schulmedizin. Außerdem enthalten die Lehren des Gründers ableistische Überzeugungen und bizarre Verschwörungstheorien.[5] Die Zahl der Praktizierenden vor Beginn der Verfolgung wurde zwischen 2 und 80 Millionen angegeben.[6]
Glaubensinhalte
Der Begriff Falun Gong bezieht sich wörtlich auf fünf konkrete körperliche und meditative Übungen, die dazu dienen sollen, das Qi der Praktizierenden zu lenken. Falun Dafa bezeichnet die spirituelle Lehre (法 bedeutet Gesetz oder hier Dharma), die Aspekte aus den chinesischen Religionen Buddhismus und Daoismus enthält.[7] Sie greift dabei ebenfalls Themen des New Age auf.[8] Um Erlösung zu erlangen, sollen die Praktizierenden negatives Karma abarbeiten und ihre Tugendhaftigkeit kultivieren,[1] wobei Li die Bedeutung von Wahrhaftigkeit (真, Zhēn), Barmherzigkeit (善, Shàn) und Nachsicht (忍, Rěn) hervorhebt.[7][9] Das Karma können die Praktizierenden laut dieser Lehre zurückzahlen, indem sie Widrigkeiten und Krankheiten erdulden.[1] Zur Kultivierung ihrer Tugend sollen die Anhänger neben der Durchführung der fünf Übungen regelmäßig die von Li verfassten Bücher lesen, auswendig lernen oder gemeinsam rezitieren.[10] Gegenstand dieser Schriften ist eine alternative Kosmologie mit verschiedenen Ebenen, in denen Falun-Gong-Praktizierende mit Lis Hilfe aufsteigen und durch ihre „Kultivierung“ übernatürliche Fähigkeiten erreichen könnten.[11][1] Er selbst habe eine höhere Ebene erreicht[11] und sei der einzige, der den Weg zur Erlösung lehre.[12]
Wissenschaftliche Einordnung
David Ownby bezeichnet solche religiöse Gruppen als „redemptive societies“ (Erlösungsgemeinschaften), die „einen charismatischen Meister haben, der eine fundamentalistische Ethik und Methoden der körperlichen Verwandlung lehrt, und die Erlösung in Form von Heilung, übernatürlichen Fähigkeiten und womöglich Unsterblichkeit versprechen.“ Die Praktiken von Falun Gong ordnet er der Volksreligion zu.[13] Andrew Junker folgt dieser Einordnung, die von manchen Wissenschaftlern auch als „sectarianism“ und „salvationist groups“ bezeichnet werde. Er betont dabei den exklusivistischen Charakter der Bewegung[14] sowie den Wandel von einer auf individuelle Erlösung gerichteten Bewegung zu einer Kombination aus millennialistischer und sozialer Bewegung.[15][16] Maria Hsia Chang widersprach der Eigendarstellung von Falun Gong, der zufolge es sich lediglich um ein spirituelles und moralisches System und nicht um eine Religion handele; zum einen seien die Glaubensinhalte vom Buddhismus inspiriert und vom Taoismus und alten Volksreligionen beeinflusst, zum anderen habe die Bewegung auch einen apokalyptischen und millennialistischen Charakter.[17]
Falun Gong wird aus soziologischer Sicht als eine seit dem Konflikt mit der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) im Jahr 1996 zunehmend politisch orientierte Bewegung klassifiziert. Die KPCh sehe demnach ihrerseits den Kampf gegen Falun Gong als einen „ernsthaften ideologischen und politischen Kampf“.[18]
Es gibt deutliche Indizien, dass Inhalte auf Wikipedia, die mit ihr in Verbindung stehen, von Anhängern und Sympathisanten dieser religiösen Bewegung kontrolliert werden. Weitgehend ungehindert durch andere Benutzer schaffen sie es, negative Informationen zu Falun Gong aus den Artikeln zu halten oder diese herunterzuspielen. Die Lehren von Li Hongzhi werden dabei schöngefärbt, indem seine radikalen Ansichten unterschlagen und moderate Äußerungen überbetont werden.[19]
Das Landgericht Leipzig urteilte 2005, dass Falun Gong „den Charakter einer neureligiösen Sekte mit sehr hierarchischen Anhängerstrukturen“ habe und ein „elitäres und sektiererisches Gruppenbewusstsein“ entwickle. Einige Experten ordnen die Bewegung als harmlos, andere als sektenförmig bis rassistisch ein.[20]
Geschichte
Gründung und Ausbreitung
Infolge der chinesischen Reform- und Öffnungspolitik kam es in den 1980er und 1990er Jahren zu einer Wiederbelebung verschiedener religiöser Praktiken sowie zu einem „Qigong-Fieber“; schätzungsweise 100 Millionen Menschen in China begannen, Qigong-Methoden zu praktizieren.[21][22] Li Hongzhi, ein Eisenbahnbeamter ohne medizinische oder spirituelle Ausbildung,[23] gründete Falun Gong im Mai 1992, indem er seine fünf Qigong-Übungen erstmals anderen Qigong-Interessierten in Changchun vorstellte.[24][22] Bis 1994 gab er Seminare über Falun Gong in China[24] und wurde für „Wunderheilungen“ bekannt.[25] Die meisten dieser Seminare wurden von der regierungsnahen Qigong-Forschungsgesellschaft Zhongguo qigong kexue yanjiuhui oder damit verbundenen Einrichtungen gefördert.[26] Während der Schwerpunkt seiner Vorträge zunächst auf körperlichen Vorteilen des Qigong lag, behandelte er mehr und mehr religiöse Themen.[25] Die von ihm veröffentlichten Bücher Zhuan Falun und Zhongguo Falun Gong basieren auf Mitschriften dieser Vorträge.[25] 1995 begann Li, auch im Ausland Seminare über Falun Gong zu geben.[27]
Nachdem Zhuan Falun, das wichtigste von Lis Büchern, Anfang 1996 zum Bestseller in China wurde, erschien im Juni ein kritischer Artikel über Falun Gong in der Zeitung Guangming Daily. Es folgten weitere kritische Zeitungsartikel, die von Andrew Junker als Teil einer Propagandakampagne eingeordnet wurden,[28] sowie am 24. Juli 1996 das Verbot, weitere Falun-Gong-Materialien zu publizieren und zu vertreiben.[29] Als Reaktion auf die kritischen Artikel organisierten Praktizierende Briefkampagnen, die von Li Hongzhi befürwortet und als wichtiger Aspekt der religiösen Praktik bezeichnet wurden.[28] Ende 1996 teilte Li der chinesischen Qigong-Forschungsgesellschaft mit, dass seine Organisation in China keine Seminare mehr geben würde, und wanderte in die USA aus.[24] Bis April 1999 a fanden in China etwa 300 (staatlich tolerierte) Proteste gegen negative mediale Berichte über Falun Gong statt, von denen manche erfolgreich waren.[28][29] Als Reaktion auf eine Demonstration von ungefähr 10.000 Falun-Gong-Anhängern im Regierungsviertel in Peking am 25. April 1999 wurde die Bewegung am 22. Juli gleichen Jahres von der Staatsführung der Volksrepublik China verboten.[30]
Staatliche Verfolgung und internationale Proteste
Bis zum Frühjahr 2001 intensivierten sich innerhalb Chinas die Protestaktionen durch Falun-Gong-Anhänger sowie die staatlichen Repressionen gegen ebendiese. Diese umfassten eine groß angelegte Propagandakampagne gegen Falun Gong sowie Maßnahmen zur Zerschlagung von Falun-Gong-Organisationen und -Demonstrationen. Im Rahmen der staatlichen Verfolgung kam es zu zahlreichen Inhaftierungen, unter anderem in Umerziehungslagern, sowie nach Angaben der von Falun Gong betriebenen Webseite www.minghui.org zu mindestens 3.000 Todesfällen von Falun-Gong-Praktizierenden in den ersten zehn Jahren seit der Verhängung des Verbots.[31] Außerhalb Chinas lebende Falun-Gong-Anhänger organisierten graswurzelartig zahlreiche Protestaktionen, wie Unterschriftenaktionen, Vorführungen von Straßentheatern, die die Gewalt durch die chinesischen Polizei inszenierten, oder produzierten Medienbeiträge über die Verfolgung.[32] Als Teil ihrer medialen Gegenkampagne zur Verfolgung erstellten die Anhänger hunderte von Webseiten und einige Lokalzeitungen sowie die internationale Zeitung Epoch Times.[4]
Im Januar 2024 veröffentlichte das Europäische Parlament eine Entschließung, die die langjährige, systematische Verfolgung von Falun-Gong-Praktizierenden in China verurteilt, und auf schwere Menschenrechtsverletzungen wie Folter, willkürliche Inhaftierungen und erzwungene Organentnahmen hinweist. Sie hob hierbei den Fall des 2023 festgenommenen Praktizierenden Ding Yuande hervor. Sie forderte seine sofortige Freilassung, ein Ende der Repression religiöser Minderheiten sowie internationale Untersuchungen, Sanktionen und eine stärkere menschenrechtsbasierte EU-China-Politik.[33]
Am 5. Mai 2025 verabschiedete das US-Repräsentantenhaus einstimmig den Gesetzentwurf HR 1540, auch „Falun Gong Protection Act“ (Gesetz zum Schutz von Falun Gong) genannt. Der am 24. Februar in das Unterhaus des US-Kongresses eingebrachte Gesetzentwurf soll den US-Behörden die „Verhängung von Sanktionen im Zusammenhang mit der Zwangsentnahme von Organen in der Volksrepublik China“ ermöglichen.[34]
15 Mitgliedsstaaten der United Nations unterzeichneten im November 2025 eine Erklärung, in der sie anhaltende Menschenrechtsverletzungen in China kritisieren, darunter willkürliche Inhaftierungen und Zwangsarbeit, wovon unter anderen auch Falun-Gong-Praktizierende betroffen sind. Sie fordert die Freilassung zu Unrecht Inhaftierter und ruft China dazu auf, seinen menschenrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen.[35]
Büro 610 und organisatorische Struktur der Verfolgung
Das Büro 610 (610 Office) wurde am 10. Juni 1999 durch Beschluss der Kommunistischen Partei Chinas eingerichtet. Es handelte sich nicht um eine staatliche Behörde im rechtlichen Sinne, sondern um eine parteigesteuerte Organisation, die außerhalb des gesetzlichen Rahmens agierte und direkt der Parteiführung unterstand. Laut der Jamestown Foundation war das Büro Teil einer parteiinternen „Leitungsgruppe“, die außerhalb formaler Gesetzesstrukturen operierte und von Mitgliedern des Ständigen Ausschusses des Politbüros der KPCh geleitet wurde. Solche Gruppen agierten in der Regel im Geheimen, verfügten über weitreichende Befugnisse zur Überwachung, Kontrolle und Umerziehung und wurden willkürlich gebildet und wieder aufgelöst.[36][37][38] In einem Bericht von Human Rights in China wurde das Büro 610 als „extralegale Sicherheitseinheit der Zentralregierung“ bezeichnet. Auch das britische Home Office nennt es eine außerhalb des regulären Staatsapparats agierende Instanz, die gezielt zur Bekämpfung von Falun Gong geschaffen wurde.[39] Das Büro verfügte über Untereinheiten auf zentraler, provinzieller und lokaler Ebene, die in einem hierarchischen Netzwerk miteinander verbunden waren. Laut der Jamestown Foundation existierten auch Büros niederen Ranges, die der zentralen Führung unterstanden und deren Anweisungen umsetzten.[36] Zu den Hauptaufgaben des Büros zählten die Koordination der Anti-Falun-Gong-Propaganda, die Überwachung und Informationsbeschaffung sowie die Umsetzung von Bestrafungs- und Umerziehungsmaßnahmen gegenüber Falun-Gong-Praktizierenden. Dazu gehörten auch die Einflussnahme auf staatliche Organe wie Polizei und Justiz. Der Menschenrechtsbericht von Human Rights Watch betont, dass die Kampagne gegen Falun Gong nicht auf einem Gesetz, sondern auf politischen Direktiven beruhte.[38] Im Bericht The illegality of China's Falun Gong crackdown—and today's rule of law repercussions der EU-Arbeitsgruppe für Menschenrechte heißt es, dass die Verfolgungspolitik durch parteigesteuerte Strukturen umgesetzt wurde, die sich außerhalb rechtsstaatlicher Kontrolle bewegten.[40] Im März 2018 wurde das Büro 610 auf zentraler Ebene offiziell aufgelöst; seine Aufgaben wurden an das Zentrale Politisch-Rechtliche Komitee sowie das Ministerium für Öffentliche Sicherheit übertragen. Beobachter berichten jedoch, dass lokale Strukturen mit ähnlichen Funktionen weiter bestehen, auch wenn diese nicht mehr unter der Bezeichnung „Büro 610“ auftreten.[37]
Umerziehung
Ein zentrales Element der Repressionsmaßnahmen gegen Falun-Gong-Praktizierende in der Volksrepublik China ist die staatlich organisierte ideologische Umerziehung, die in offiziellen Dokumenten häufig als „Transformation“ bezeichnet wird. Ziel dieser Maßnahmen ist es, Praktizierende zur vollständigen Aufgabe ihres Glaubens zu zwingen und sie zur Loyalität gegenüber Staat und Partei zu verpflichten.[41]
Die Umerziehungsmaßnahmen erfolgen im Rahmen eines außerrechtlichen Systems.[42]
Die Umerziehung findet in unterschiedlichen Einrichtungen statt, darunter ehemalige Lager der „Umerziehung durch Arbeit“, reguläre Gefängnisse, nicht offiziell registrierte Haftorte („schwarze Gefängnisse“) sowie psychiatrische Einrichtungen. Auch nach der formalen Abschaffung des Systems der Umerziehung durch Arbeit im Jahr 2013 berichten Menschenrechtsorganisationen von funktional vergleichbaren Praktiken unter anderen administrativen Bezeichnungen.[43]
Nach Angaben internationaler Beobachter besteht die Umerziehung aus einer Kombination von politischer Indoktrination, psychischem Zwang und physischer Gewalt. Die Congressional-Executive Commission on China beschreibt die „Transformation“ als einen Prozess ideologischer Umerziehung, bei dem Praktizierende so lange körperlichem und psychischem Druck ausgesetzt werden, bis sie ihren Glauben widerrufen.[44]
Als „erfolgreich transformiert“ gelten Personen erst dann, wenn sie mehrere schriftliche Erklärungen unterzeichnen, in denen sie zusichern, Falun Gong nicht weiter zu praktizieren, alle Kontakte zu der spirituellen Bewegung abzubrechen, deren Lehren öffentlich zu verurteilen und mit den Behörden zu kooperieren. In einigen Fällen werden Betroffene zudem gezwungen, Videoaufnahmen mit öffentlichen Denunziationen anzufertigen oder an der Umerziehung anderer Praktizierender mitzuwirken, teils auch unter Anwendung körperlicher Gewalt gegen diese.
Berichten zufolge müssen Haftanstalten und deren Personal Zielvorgaben erfüllen; das Erreichen von „Transformationsquoten“ kann sich auf Beförderungen oder Sanktionen auswirken. Die Umerziehung wird damit nicht nur als ideologische, sondern auch als institutionell incentivierte Praxis beschrieben.[44]
Für Praktizierende, die sich weigern, an der Umerziehung mitzuwirken, werden laut zahlreichen Berichten zunehmend schwerere Zwangsmaßnahmen eingesetzt. Dokumentierte Methoden umfassen unter anderem:
- Schläge und Tritte sowie Elektroschocks mit Elektroschlagstöcken,
- Zwangsernährung, teilweise mit grober oder gewaltsamer Durchführung,
- simuliertes Ertränken,
- Fesselungen und Fixierungen in schmerzhaften Stresspositionen über Tage oder Wochen,
- Schlafentzug, Nahrungsentzug und Verweigerung medizinischer Behandlung,
- sexuelle Erniedrigung sowie Berichte über Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt mit Gegenständen,
- Injektionen mit unbekannten pharmakologischen oder psychotropen Substanzen,
- missbräuchliche psychiatrische Einweisungen gesunder Personen.[45]
Ehemalige Inhaftierte beschrieben den Prozess der erzwungenen „Transformation“ als mit extremem psychischem Leid verbunden. Internationale Organisationen berichten von langfristigen physischen und psychischen Folgeschäden, in einzelnen Fällen auch von Todesfällen infolge der Misshandlungen.[46]
Aktuelle Berichte von Menschenrechtsorganisationen und Regierungsstellen weisen darauf hin, dass Formen der Umerziehung und ideologischen Zwangsmaßnahmen gegen Falun-Gong-Praktizierende auch in der Gegenwart fortbestehen. Zwar wurden einzelne institutionelle Strukturen reformiert oder umbenannt, doch werden vergleichbare Praktiken weiterhin dokumentiert.[47]
Internationale politische Gremien und Regierungen haben die anhaltende Anwendung dieser Maßnahmen wiederholt kritisiert und als schwere Verletzung der Religionsfreiheit sowie des absoluten Folterverbots eingestuft.[48]
Organraub an Falun Gong Praktizierenden
Erste umfassende Untersuchungen dazu führten die Menschenrechtsanwälte David Matas und David Kilgour. Sie kamen auf organharvestinvestigation.net zu dem Schluss, dass seit den frühen 2000er-Jahren tausende Gewissensgefangene – vor allem Falun-Gong-Praktizierende – ohne Zustimmung Opfer systematischer Organentnahmen geworden seien. Grundlage dieser Einschätzungen waren Interviews mit Zeitzeugen, statistische Analysen und Unregelmäßigkeiten in chinesischen Transplantationsdaten.[49]
In seinem Bericht zur Religionsfreiheit 2022 zitierte das US-Außenministerium eine Entschließung des Europäischen Parlaments vom 4. Mai 2022. Darin wurde die mangelnde Transparenz im chinesischen Transplantationssystem kritisiert und die „anhaltenden, systematischen, unmenschlichen und staatlich geförderten“ Organentnahmen, insbesondere an Falun-Gong-Praktizierenden, als mögliches „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet.[50]
Auch US-Kongressanhörungen, etwa durch das House Select Committee on the Chinese Communist Party im Jahr 2022, behandelten diese Vorwürfe. Dabei wurden Schätzungen vorgelegt, wonach jährlich 60.000 bis 100.000 Transplantationen durchgeführt würden – bei weniger als 5.000 offiziell registrierten Organspenden pro Jahr, auch nach den Reformen von 2015.[51]
Die chinesische Regierung weist alle Vorwürfe zurück, verweigert jedoch bis heute eine unabhängige Überprüfung. Internationale Reaktionen erfolgten in Form von Resolutionen, etwa durch das Europäische Parlament (2013, 2022, 2024), den UN-Ausschuss gegen Folter und das US-Repräsentantenhaus (2025). Mehrere Staaten verabschiedeten Gesetze gegen sogenannten Transplantationstourismus nach China.[52][53][54][55]
Kilgour-Matas-Gutmann-Untersuchungsberichte
Im Jahr 2006 veröffentlichten der frühere kanadische Staatssekretär David Kilgour und der Menschenrechtsanwalt David Matas einen Untersuchungsbericht, in dem sie zu dem Schluss kamen, dass in der Volksrepublik China systematische, unfreiwillige Organentnahmen an inhaftierten Falun-Gong-Praktizierenden stattgefunden hätten. Die Untersuchung stützte sich unter anderem auf Interviews mit ehemaligen Häftlingen, Zeugenaussagen, Aussagen von Angehörigen sowie auf verdeckte telefonische Anfragen bei chinesischen Krankenhäusern, in denen gezielt nach Organen von Falun-Gong-Praktizierenden gefragt wurde.[56][57][58]
In einem aktualisierten Bericht aus dem Jahr 2016, der gemeinsam mit dem US-amerikanischen Publizisten Ethan Gutmann veröffentlicht wurde (Bloody Harvest / The Slaughter – An Update), analysierten die Autoren öffentlich zugängliche Daten zu Transplantationszentren, Krankenhauskapazitäten und ärztlichem Personal. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass in China jährlich zwischen 60 000 und 100 000 Organtransplantationen durchgeführt würden – deutlich mehr als die von der chinesischen Regierung offiziell angegebenen 10 000.[59] Peer‑reviewte wissenschaftliche Literatur, die sich mit ethischen Aspekten der Organtransplantation in China beschäftigt, weist zudem auf die Unschärfe und potenzielle Illegalität großer Teile der Transplantationszahlen hin und kritisiert die Verletzung internationaler ethischer Standards, da die offiziellen Statistiken nicht belegen, dass alle Transplantationen aus freiwilligen, legal dokumentierten Spendern stammten.[60]
Diese Schätzungen beruhen auf einer systematischen Auswertung der gemeldeten Operationszahlen, Kapazitäten von Kliniken, Zahl der durchgeführten Transplantationen sowie wirtschaftlicher und personeller Daten aus insgesamt 712 Transplantationszentren.[61]
Nach Einschätzung der Autoren stehen diese Zahlen in starkem Widerspruch zu den offiziell gemeldeten Werten der chinesischen Regierung, die für 2015 rund 10 000 Transplantationen angibt. Für das Jahr 2015 meldete die chinesische Regierung beispielsweise 2 766 freiwillige Organspenden, aus denen insgesamt 7 785 Organe entnommen worden seien. Nach Angaben des chinesischen Gesundheitsministeriums war die Zahl der offiziell zugelassenen Transplantationskrankenhäuser auf etwa 169 begrenzt.[62] Die Untersuchung von Kilgour, Matas und Gutmann hingegen bezieht sich auf 712 Kliniken, in denen nach ihrer Einschätzung zwischen 2000 und 2016 rund 1,5 Millionen Organtransplantationen stattgefunden haben sollen.[57]
Im ursprünglichen Kilgour-Matas Untersuchungsbericht schätzten Kilgour und Matas, dass im Zeitraum von 2000 bis 2005 etwa 41 500 Organtransplantationen nicht durch identifizierbare Quellen wie registrierte Spender oder hingerichtete Gefangene erklärbar seien. Sie wiesen darauf hin, dass eine signifikante Anzahl dieser Organe von inhaftierten Falun-Gong-Praktizierenden stammen könnte, legten sich jedoch nicht auf einen quantitativen Nachweis fest.[61]
Die Berichte wurden in mehreren Ländern vor parlamentarischen Gremien vorgestellt und fanden internationale Beachtung. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch äußerten sich zurückhaltend und betonten die Notwendigkeit unabhängiger Überprüfungen. Die chinesische Regierung hat die Vorwürfe wiederholt als unbegründet zurückgewiesen. Seit 2015 sei ein System ausschließlich freiwilliger Organspenden eingeführt worden. Laut einem im Fachjournal BMC Medical Ethics veröffentlichten Bericht wurden im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 23. November 2015 insgesamt 2 150 freiwillige Organspender registriert, aus denen 5 818 Organe entnommen wurden.[62] Diese Zahlen stehen im deutlichen Widerspruch zu anderen Quellen wie dem Bericht von Kilgour, Matas und Gutmann, in dem für das gleiche Jahr von einem Vielfachen dieser Transplantationen ausgegangen wird. Eine im Jahr 2017 veröffentlichte Analyse offizieller chinesischer Transplantationsstatistiken zeigte darüber hinaus auffällige mathematische Regelmäßigkeiten in den gemeldeten Spenderzahlen und warf damit Zweifel an der Glaubwürdigkeit der chinesischen Reformangaben auf.[58][63][64]
Im Zuge der internationalen Debatte wurde 2019 in London das unabhängige „China Tribunal“ unter dem Vorsitz des britischen Juristen Geoffrey Nice eingerichtet. In seinem Abschlussbericht kam das Tribunal zu dem Ergebnis, dass in China „über einen längeren Zeitraum und in erheblichem Umfang“ Organe von Gewissensgefangenen ohne deren Zustimmung entnommen worden seien. Dabei handle es sich insbesondere um Falun-Gong-Praktizierende und Angehörige der uigurischen Minderheit. Das Tribunal stellte fest, dass diese Praktiken „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ darstellten.[65][66]
Unabhängiges China Tribunal (2019)
Das 2019 in London einberufene unabhängige China Tribunal, unter Vorsitz von Sir Geoffrey Nice QC, untersuchte im Auftrag der zivilgesellschaftlichen Organisation ETAC Vorwürfe erzwungener Organentnahmen an Gewissensgefangenen in der Volksrepublik China. In seinem Final Judgment and Summary vom Juni 2019 kam das Tribunal nach umfangreicher Beweisaufnahme zu dem Schluss, dass „erzwungene Organentnahmen über Jahre in ganz China in erheblichem Umfang begangen wurden“ und dass Falun-Gong-Praktizierende „eine – und wahrscheinlich die Hauptquelle“ der Organe gewesen seien. Auch ein Bericht des britischen Innenministeriums aus dem Jahr 2025 verweist auf die Feststellungen des Tribunals zu systematischer Verfolgung, Folter und repressiver Behandlung von Falun-Gong-Praktizierenden in China.[67][68]
Die Einschätzungen des Tribunals fanden internationale Beachtung. Eine Entschließung des britischen Unterhauses würdigte das Zwischenurteil mit der Feststellung, die Berichte seien „jenseits vernünftiger Zweifel“ glaubwürdig, und forderte die britische Regierung auf, Maßnahmen gegen sogenannten Transplantationstourismus nach China zu ergreifen.[69]
Auch das Europäische Parlament bezog sich in einer Entschließung von Mai 2022 ausdrücklich auf das Urteil des China Tribunals und übernahm dessen zentrale Schlussfolgerung. In dem Text heißt es, das Tribunal habe festgestellt, dass erzwungene Organentnahmen „über Jahre hinweg in großem Umfang in ganz China praktiziert wurden“ und dass Falun-Gong-Praktizierende „eine – und wahrscheinlich die Hauptquelle“ der Organe gewesen seien.[70]
Literatur
- Huang Chao, James R. Lewis (Hrsg.): Enlightened Martyrdom: The Hidden Side of Falun Gong. Equinox, London 2019, ISBN 978-1-78179-498-2.
- Andrew Junker: Becoming Activists in Global China: Social Movements in the Chinese Diaspora. Cambridge University Press, 2019, ISBN 978-1-108-68538-2
- James R. Lewis: Falun Gong: Spiritual Warfare and Martyrdom. Cambridge University Press, Cambridge 2018, ISBN 978-1-108-44565-8.
- Benjamin Penny: The religion of Falun Gong. The University of Chicago Press, Chicago 2012, ISBN 978-0-226-65501-7.
- David Ownby: Falun Gong and the Future of China. Oxford University Press, New York 2008, ISBN 978-0-19-532905-6.
- David A. Palmer: Qigong fever: body, science, and utopia in China. Columbia University Press, New York 2007, ISBN 978-0-231-14066-9.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Cheris Shun-ching Chan: The Falun Gong in China: A Sociological Perspective. In: The China Quarterly. Band 179, September 2004, S. 670, 671, doi:10.1017/S0305741004000530.
- ↑ Stephen Noakes, Caylan Ford: Managing Political Opposition Groups in China: Explaining the Continuing Anti-Falun Gong Campaign. In: The China Quarterly. Band 223, September 2015, S. 661, doi:10.1017/S0305741015000788.
- ↑ A. Junker: Follower Agency and Charismatic Mobilization in Falun Gong. In: Sociology of Religion. Band 75, Nr. 3, 1. September 2014, S. 427, doi:10.1093/socrel/sru021.
- ↑ a b Yuezhi Zhao: Falun Gong, Identity, and the Struggle over Meaning Inside and Outside China. ( vom 4. März 2016 im Internet Archive) In: Nick Couldry, James Curran: Contesting Media Power: Alternative Media in a Networked World. Rowman & Littlefield Publishers, 2003, Kap. 13, S. 217–218, abgerufen am 24. Februar 2024.
- ↑ Vgl. dazu Zhang Xinzhang, James R. Lewis: The Gods Hate Fags. In: Journal of Religion and Violence. Vol. 8, No. 3 (2020), ISSN 2159-6808, S. 281–297.
- ↑ James Tong: An Organizational Analysis of the Falun Gong: Structure, Communications, Financing. In: The China Quarterly. Band 171, September 2002, S. 636, doi:10.1017/S0009443902000402.
- ↑ a b Yuezhi Zhao: Falun Gong, Identity, and the Struggle over Meaning Inside and Outside China. ( vom 4. März 2016 im Internet Archive) In: Nick Couldry, James Curran: Contesting Media Power: Alternative Media in a Networked World. Rowman & Littlefield Publishers, 2003, Kap. 13, S. 210, abgerufen am 24. Februar 2024.
- ↑ Benjamin Penny: The Life and Times of Li Hongzhi: Falun Gong and Religious Biography. In: The China Quarterly. Band 175, September 2003, S. 644, doi:10.1017/S0305741003000389.
- ↑ Aneliya Manova: Between the COVID-19 Pandemic and Saving the World: Practices and Narratives by the Falun Dafa Community in Bulgaria. In: Slovenský národopis / Slovak Ethnology. Band 70, Nr. 3, 30. September 2022, S. 377, doi:10.31577/SN.2022.3.30.
- ↑ Andrew Junker: Becoming Activists in Global China: Social Movements in the Chinese Diaspora. 1. Auflage. Cambridge University Press, 2019, ISBN 978-1-108-48299-8, 4 – Falun Gong: Qigong Fad, New Religion, Protest Movement, S. 65–66, doi:10.1017/9781108685382.005.
- ↑ a b David Ownby: Falun Gong and the Future of China. 1. Auflage. Oxford University Press, New York 2008, ISBN 978-0-19-532905-6, 4 The Life and Times of Li Hongzhi in China, 1952–1995, S. 90–102, doi:10.1093/acprof:oso/9780195329056.003.0004.
- ↑ Benjamin Penny: The religion of Falun Gong (2012), S. 141, zitiert nach Andrew Junker: Becoming Activists in Global China: Social Movements in the Chinese Diaspora. 1. Auflage. Cambridge University Press, 2019, ISBN 978-1-108-48299-8, 4 – Falun Gong: Qigong Fad, New Religion, Protest Movement, S. 65–66, doi:10.1017/9781108685382.005.
- ↑ David Ownby: Falun Gong and the Future of China. 1. Auflage. Oxford University Press, New York, 2008, ISBN 978-0-19-532905-6, A History for Falun Gong, S. 26, doi:10.1093/acprof:oso/9780195329056.003.0002.
- ↑ Andrew Junker: Becoming Activists in Global China: Social Movements in the Chinese Diaspora. 1. Auflage. Cambridge University Press, 28. Februar 2019, 4 – Falun Gong: Qigong Fad, New Religion, Protest Movement, S. 68–69, doi:10.1017/9781108685382.005.
- ↑ Andrew Junker: Becoming Activists in Global China: Social Movements in the Chinese Diaspora. Cambridge University Press, Cambridge 2019, ISBN 978-1-108-48299-8, 5 – Falun Gong’s History of “Stepping Forward”, S. 101, doi:10.1017/9781108685382.006.
- ↑ Andrew Junker: Becoming Activists in Global China: Social Movements in the Chinese Diaspora. Cambridge University Press, Cambridge 2019, ISBN 978-1-108-48299-8, 8 – Clarifying Truth and Saving Souls, S. 155, doi:10.1017/9781108685382.009.
- ↑ Maria Hsia Chang: Falun Gong: The End of Days. Yale University Press, 2008, ISBN 978-0-300-13317-2, S. 59 (online).
- ↑ Cheris Shun-ching Chan: The Falun Gong in China: A Sociological Perspective. In: The China Quarterly. Band 179, September 2004, S. 665, 682, S. 679, doi:10.1017/S0305741004000530.
- ↑ James R. Lewis: Falun Gong: Spiritual Warfare and Martyrdom. Cambridge 2018, S. 27.
- ↑ Noura Mann, Fabian Schmid: »Wir sind das Volk« – auch im Netz: Wie AfD, Pegida & Co. soziale Netzwerke und rechte Blogs für ihre Propaganda nutzen. In: Heike Kleffner, Matthias Meisner (Hrsg.): Unter Sachsen: zwischen Wut und Willkommen. Christoph Links, Berlin 2017, ISBN 978-3-86153-937-7, S. 50.
- ↑ Weihsuan Lin: Religion as an object of state power: The People's Republic of China and its domestic religious geopolitics after 1978. In: Political Geography. Band 67, November 2018, S. 1–11, doi:10.1016/j.polgeo.2018.09.003.
- ↑ a b Stephen Noakes: Falun Gong, Ten Years On. In: Pacific Affairs. Band 83, Nr. 2, 18. Juni 2010, S. 351, doi:10.5509/2010832349.
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