Eugen von Engelhardt
Eugen von Engelhardt (* 12. Dezember 1899 in Schönheyden/Kurland/Russisches Reich; † 7. November 1948 in Simbach/Inn) war ein deutscher Diplom-Forstwirt, Kavallerie-Feldmeister, Nationalsozialist und Geheimdienstler. Der Antibolschewist und Antisemit arbeitete für die Abwehr und galt als Weißrussland-Spezialist. Er war 1942–1944 Leiter einer Anti-Partisaneneinheit in Weißrussland. Daneben war er Schriftsteller und Dichter.
Frühes Leben
Eugen Baron von Engelhardt war eines von fünf Kindern einer adligen, deutschen Gutsbesitzerfamilie und wuchs patriarchalisch geprägt im Süden Lettlands im Grenzgebiet zu Polen und Weißrussland (Im NS-Sprachraum als Weißruthenien bezeichnet) auf. Während des Ersten Weltkriegs flohen seine Eltern 1915 nach Riga. Nach dem Notabitur am Rigaer Realgymnasium Ende 1918 meldete er sich zur Baltischen Landeswehr.
Engelhardt sprach fließend Russisch, hatte gute Polnischkenntnisse, konnte Jiddisch lesen und verstand auch Lettisch und Litauisch. Dank dieser Fähigkeiten wurde Engelhardt zunächst zum Oberost-Hauptquartier in Kowno versetzt. Anfang Oktober 1918 erhielt er eine neue Aufgabe bei der sogenannten „Auslandshilfsstelle“ in Orscha. Engelhardt machte kein Geheimnis daraus, dass er „dem Nachrichtendienst an der bolschewistischen Front zugeteilt war“.[1]
In dieser Zeit begann sich die propagandistische Verschwörungstheorie des jüdischen Bolschewismus zu verbreiten. Auch bei Engelhardt reifte die Wahrnehmung, die russische Revolution sei jüdischer Natur und er meinte, „alle subversiven Bewegungen in Russland seien von Juden finanziert worden“.
Von November 1918 bis Mai 1920 kämpfte er in deutschen Freiwilligenverbänden, zuletzt in der der Kavallerieabteilung seines Vaters. Nach der Verstaatlichung des Familienbesitzes floh Engelhardt nach Deutschland. Ab 1922 studierte er an der Forstakademie in Eberswalde, wo er drei Jahre später sein Studium abschloss. Von Februar 1926 bis Februar 1927 arbeitete er in der Forstabteilung der Schlesischen Landwirtschaftskammer in Breslau. Von 1927 bis 1930 hielt sich Engelhardt in Australien und Samoa auf und kehrte dann nach Riga zurück.
Nationalsozialismus
Hier kam er mit führenden Vertretern der NSDAP in Kontakt und trat 1931 der NSDAP bei. Engelhardt engagierte sich in der Grenzlandpolitik und begleitete Ostpreußens SA-Chef Karl Litzmann 1932 und Reichshauptamtsleiter SS-Standartenführer Karl Motz auf einer Reise nach Kurland als Experte für „osteuropäische Angelegenheiten“. 1934 wurde Engelhardt wegen seiner pro-deutschen Aktivitäten aus Lettland ausgewiesen und zog nach Berlin.
Ab Juli 1934 war er für den Verband Deutscher Antikommunistischer Organisationen tätig, besser bekannt als Antikomintern. Diese war Propagandaminister Joseph Goebbels und dessen Abteilungsleiter Eberhard Taubert unterstellt. Als Spezialist für die Erforschung der „Wechselbeziehungen zwischen Judentum und Bolschewismus“ wurde Engelhardt als Direktor des Instituts zum Studium der Judenfrage in Berlin mit dessen Aufbau betraut. Engelhardt schrieb darüber:
„Im Rahmen dieser Arbeit konnte ich wertvolles Material auch über das kommunistisch-jüdische System innerhalb der ehemaligen Weißruthenischen Sozialistischen Sowjetrepublik sammeln."[2]
Das 1935 vom Institut zum Studium der Judenfrage erstmals aufgelegte Buch „Die Juden in Deutschland“ erschien im Eher-Verlag, dem Hausverlag der NSDAP. Das Buch enthielt keinerlei Namen von Autoren, war aber durch und durch antisemitisch.
Zusammen mit Hans Krebs gab Engelhardt 1935 auch eine völlig abgeänderte Neuauflage des Buches „Die Weltfront - Stimmen zur Judenfrage“ heraus, dass nun stärker den Bedürfnissen der aktuellen NS-Außenpolitik angepasst war.[3]
Nach Querelen mit Hermann Greife und Theodor Adamheit von der Antikomintern trat Engelhardt von seinen Ämtern bei der Antikomintern zurück. Das Institut zum Studium er Judenfrage übernahm Wilhelm Ziegler. Engelhardt nutzte die Erlaubnis der lettischen Regierung zur Rückkehr und verließ Berlin Anfang 1936. Er verbrachte die nächsten zwei Jahre auf seinem Gut und kehrte erst im Herbst 1938 nach Deutschland zurück.
Mit Unterstützung des baltendeutschen Gerhard von Mende begann er die Erforschung belarussischer Angelegenheiten im Interesse der Abwehr zu betreiben. Engelhardt dazu:
„Durch meinen Landsmann Dr. von Mende von der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin wurde ich angeregt, mich dem Studium der weißruthenischen Frage zu widmen. Er und Oberstleutnant Graebe haben mir bei der Sammlung geholfen. Einen großen Teil der erforderlichen Unterlagen erhielt ich durch nationale Weißruthenen in Berlin, Riga, Warschau, Wilna und Dünaburg, unter ihnen an erster Stelle durch den Leiter des Weißruthenischen Hilfskomitees in Berlin, Ing. Schkutko.“[4]
Ins Reine übersetzt heißt das, Engelhardt sammelte im Auftrag der Abwehr Material gegen Polen, dass mit Hilfe von pro-deutschen Weißrussen gewonnen wurde. Sowohl Gerhard von Mende wie auch Kurt Graebe standen mit der Abwehr in Verbindung, und Anatol Schkutko arbeitete später als Leiter der weißruthenischen Vertrauensstelle in Berlin sogar unmittelbar für die Gestapo.[5]
Vor dem Polenfeldzug hatten Eugen Baron von Engelhardt, Georg Gerullis und Gerhard von Mende im Rahmen dieses Geheimprojekts mehrfach Vilnius und die westlichen Gebiete Weißrusslands besucht. Die Reisen dieser Weißrussland-Experten erfolgten im Auftrag der Abwehr. Ziel war es, Kontakte zu führenden und verlässlichen pro-deutschen Weißrussen herzustellen. Dazu gehörten der Priester Vincent Godlevsky und der Führer der weißrussischen Nationalsozialisten, Fabian Acincyc.[6]
Ende April 1939 kehrte Engelhardt auf seine Güter in Kurland zurück, wo ihn der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überraschte.
Kriegszeit
In Königsberg meldete sich Engelhardt sofort zum Wehrdienst und wurde als Dolmetscher dem Hauptquartier der 3. Armee zugeteilt, die in Polen eingefallen war.
Nach Kriegsende mit Polen beteiligte sich Engelhardt am Wiederaufbau der Forstverwaltung im nunmehrigen Generalgouvernement und wurde anschließend zur Forstverwaltung von Siedlce bei Warschau versetzt, wo bei ihm beginnende Lungentuberkulose diagnostiziert wurde. Engelhardt verbrachte die folgenden anderthalb Jahre bis Mai 1941 auf Gütern seines Bruders und im Bergkurort Zakopane, bevor er als Offizier mit Sonderaufgaben befasst wurde und zur Armee zurückkehrte. Ende 1940 und Anfang 1941 verfasste er eine Denkschrift über die Weißrussische SSR, die sehr wahrscheinlich für das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) bestimmt war. Engelhardt sah darin Weißrussland als Quelle von Arbeitskräften.[7] Er charakterisierte darin die Belarussen als passiv, nicht besonders intelligent oder gewissenhaft, aber loyal, fleißig und gewohnheitsmäßige Menschen, die zu harter Arbeit fähig sind und bei angemessener Behandlung leicht zu führen sind. Laut Engelhardt sollte man Unhöflichkeit vermeiden, da ein Belarusse sonst zwar gehorchen würde, dies aber respektlos täte, weil er seinen Vorgesetzten nicht als „wahren Herrn“ ansehen würde.[8]
Engelhardt arbeitete auch nach Kriegsausbruch im Osten weiter an einem Buch über Weißrussland. Da er aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Militärdienst eingezogen werden konnte, wurde er zum Ostministerium versetzt und zum Generalkommissariat Weißruthenien nach Minsk entsandt. Dort blieb Engelhardt mindestens bis zum Ende des Frühjahrs 1942. Hier arbeitete er weiter an seinem Buch über Weißrussland und war auch politisch aktiv. Kurz vor Kriegsausbruch 1941 verfasste Engelhardt ein Memorandum für den Wirtschaftsstab „Ost“, in dem er den Einsatz von Belarussen zur Sicherung deutscher Interessen vorschlug.
1942 wurde sein Buch mit dem Titel „Weißruthenien – Volk und Land“ fertig und erschien im Jahr darauf im Verlag Volk und Reich in Berlin. Sein aus Estland stammender Berliner Kollege Werner von Harpe verfasste den Hauptteil des Buches. Die Inhalte widersprachen in vielen Punkten der NS-Politik bezüglich Weißruthenien. Engelhardt musste deshalb Minsk verlassen und ging als Leiter der Abteilung Forst- und Holzwirtschaft in das Gebiet Nowogrodek (russisch Nawahrudak).[9][10]
Nowogrodek litt im Sommer 1942 unter einem deutlichen Anstieg der Partisanenaktivitäten sowohl von sowjetischer als auch polnischer Seite. Um eine Stärkung des polnischen Elements im Hinterland der aktiven Armee zu verhindern, wurde im Mai 1942 die sogenannte „Polnische Aktion“ eingeleitet, die auf die Repression polnischer Beamter und Intellektueller abzielte. Massenverhaftungen im Bezirk Nowogrodek begannen in der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 1942. Gleichzeitig wurde im Juli 1942 auf Befehl des Generalkommissars von Belarus, Wilhelm Kube, eine belarussische Selbstverteidigungsstreitmacht unter Engelhardt aufgestellt. Hier konnte er seine Vorschläge zur Sicherung deutscher Interessen umsetzen.
Zur Selbstverteidigung schuf Engelhardt in seinem Verantwortungsbereich eine Art Miliz, das sogenannte „Forstschutzkommando“. Unter anderem überwachte sie auch Sägewerke und Holzverarbeitungsbetriebe und bekämpfte Partisanen. Insgesamt existierte Engelhardts Einheit zwei Jahre lang – vom Sommer 1942 bis zum Sommer 1944. Sie bestand aus 120 Mann (50 aktiven Soldaten und 70 Reservisten) und war neben Handfeuerwaffen mit zwölf Maschinengewehren und einer Panzerabwehrkanone bewaffnet.
Das Fortschutzkommando war offensichtlich eine Einheit der lokalen Polizeibehörden und bestand aus weißruthenischen Freiwilligen. Engelhardt war mit seinem Fortschutzkommando dem Gebietskommissar von Nowogrodek, Obersturmbannführer im SD Wilhelm Traub unterstellt. Traub leitete im August 1943 das Unternehmen „Herrmann“ in Weißrussland, bei dem es neben Partisanenbekämpfung hauptsächlich um die Zwangsrekrutierung von Arbeitskräften ging. Die Nutzung der Weißrussen als Arbeitskräfte hatte Engelhardt bereits in seiner Denkschrift 1941 skizziert. 1943 war er bei „Herrmann“ mit seinem Fortschutzkommando an der Umsetzung dieser Idee beteiligt.[11]
Engelhardts Anti-Partisaneneinheit zog sich während der sowjetischen Offensive im Juni 1944 geordnet ins Reich zurück und kam über Slonim und Wolkowysk nach Białystok und von dort quer durch Polen nach Posen. Engelhardt blieb dort bis November 1944 und erstellte im Februar 1945 ein Handbuch zum Partisanenkrieg für das Oberkommando der Wehrmacht.
Eine plötzliche Verschlechterung seines Gesundheitszustandes führte jedoch zu Engelhardts Einweisung ins Krankenhaus, von wo aus er zur Behandlung nach Österreich gelangte. Dort erlebte er das Kriegsende.
Letzte Jahre
Im Sommer 1945 fand sich Engelhardt in Bayern wieder. Drei Jahre lang irrte er von einem Sanatorium zum anderen, bis er schließlich im August 1948 in Simbach am Inn ankam. Er starb am 7. November 1948 an Tuberkulose und wurde auf einem kleinen Dorffriedhof bei Simbach beigesetzt.[12]
Literatur über Engelhardt
- Igor I. Barinov: Ein großer Freund des belarussischen Volkes - Eugen von Engelhardt und seine Odyssee, Slawischer Almanach, Heft 1–2, 2020, Institut für Slawistik, Russische Akademie der Wissenschaften, Moskau, Russland (in Russisch).
- Christian Gerlach: Kalkulierte Morde – Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941 bis 1944, Hamburger Edition, 1999, ISBN 3-930908-63-8
Literatur von Engelhardt
- Hans Krebs, Hans und Eugen von Engelhardt: „Die Weltfront – Stimmen zur Judenfrage“, Nibelungen-Verlag, Berlin 1935, 141 S.
- Eugen von Engelhardt: Jüdische Weltmachtpläne: die Entstehung der sogenannten Zionistischen Protokolle. Leipzig: Hammer-Verlag, 1936, 103 S.
- Eugen von Engelhardt: Ritt nach Riga: Aus den Kämpfen der Baltischen Landeswehr gegen die Rote Armee 1918–20. Berlin: Volk und Reich, 1938, 152 S.
- Eugen von Engelhardt: “Die Weißrussen und die Vielvölkerecke von Augustowo-Wystiten.” Aus dem nahen Osten. Berlin: Institut für Grenz- und Auslandstudien, 1940, S. 31–64.
- Eugen von Engelhardt: Die Weissrussische Sozialistische Sowjet-Republik. Berlin, 1940, 75 S.
- Eugen von Engelhardt: Weissruthenien – Volk und Land. Berlin: Volk und Reich, 1943, 358 S.
Einzelnachweise
- ↑ Igor I. Barinov: Eugen von Engelhardt und seine Odyssee, S. 258–259.
- ↑ Eugen von Engelhardt: Weissruthenien - Volk und Land, S. 10.
- ↑ Florian Ruttner: Die „völkerverbindende Kraft des Antisemitismus“. Hans Krebs und ein Versuch der internationalen Netzwerkbildung in Linda Erker, Michael Rosecker: Antisemitische und rechte Netzwerke in der Zwischenkriegszeit, Verlag Karl-Renner-Institut, Wien, 2023, S. 312. ISBN 978-3-85464-045-5
- ↑ Eugen von Engelhardt: Weissruthenien - Volk und Land, S. 10–11.
- ↑ Leonid Rein, The Kings and the Pawns: Collaboration in Byelorussia During World War II (Berghahn, 2011) S. 94-95.
- ↑ Arvydas Piepalius: Jurgio Gerulio biografijos 1933–1945. m. dokumentavimo klausimu (Universität Klaipeda, 2009) S.160-173.
- ↑ Christian Gerlach: Kalkulierte Morde, S. 456–457.
- ↑ Igor Barinov: Eugen von Engelhardt und seine Odyssee, S. 265–266.
- ↑ Igor Barinov: Eugen von Engelhardt und seine Odyssee, S. 269.
- ↑ Christian Gerlach: Kalkulierte Morde, S. 56, FN 117.
- ↑ Christian Gerlach: Kalkulierte Morde, S. 1005–1007.
- ↑ Igor Barinov: Eugen von Engelhardt und seine Odyssee, S. 274.