Unternehmen Hermann

Unternehmen Hermann, benannt nach Hermann Göring, war der Deckname einer deutschen Anti-Partisanen-Aktion während des Deutsch-Sowjetischen Krieges im Waldgebiet von Nalibozkaja Puschtscha im Nordwesten von Belarus, die zwischen dem 13. Juli 1943 und dem 11. August 1943 stattfand. Dabei brannten deutsche Truppen mit belarussischen Kollaborateuren über 60 polnische und belarussische Dörfer nieder und ermordeten über 4.000 Zivilisten. Zwischen 21.000 und 25.000 Menschen wurden zur Zwangsarbeit in das Gebiet des Dritten Reiches verschleppt.[1][2][3]

Art der Operation

Unter dem euphemistischen, von der deutschen militärischen Führung geprägten Begriff „Bandenbekämpfung“ war das Ziel des Unternehmens nicht nur die Zerschlagung polnischer und sowjetischer Partisaneneinheiten, sondern auch die Zerstörung ihrer Versorgungsbasis, indem das Gebiet des Urwalds von Nalibozka in eine „Todeszone“ umgewandelt wurde. Gleichzeitig planten die deutschen Truppen eine groß angelegte Plünderung von Vieh und landwirtschaftlichen Erzeugnissen[4] und die Rekrutierung von Zwangsarbeitern.

Diese Art der Operationsführung war typisch für das Jahr 1943, in dem die deutschen Streitkräfte durch rücksichtsloses Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Kriegsziele bereits dokumentiert hatten, dass die Besatzung für die lokale Bevölkerung Tod und Ausbeutung bedeutete[5]. Der hieraus entstehende Widerstand im Hinterland der Front führte zu örtlichen Aufständen gegen die Besatzer, zu Überfällen und offenen kriegerischen Aktionen. Die unzureichende Anzahl verfügbarer deutscher Ordnungskräfte veranlasste die deutsche Führung, in koordinierten Aktionen einzelne Landstriche komplett zu entvölkern, so dass jeder von Sicherheitskräften in diesem Gebiet Angetroffene als Feind galt.[6]

Durchführung der Aktion

Das Kommando über die deutschen Streitkräfte hatte SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei Curt von Gottberg mit der Kampfgruppe von Gottberg sowie SS-Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zelewski, Sonderbevollmächtigter des Reichsführers-SS für die Bekämpfung der Partisanen. Laut Daten deutscher Archive waren am Unternehmen Hermann zwischen 8.820 und 9.000 Deutsche und ihre Kollaborateure beteiligt.

Im Verlauf der Aktion brannten deutsche Truppen 150 Dörfer vollständig oder teilweise nieder, zwischen 4.199 und 4.280 Menschen wurden getötet, überwiegend polnische und belarussische Zivilisten. Fast 21.000 Menschen wurden zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich verschleppt, Tausende weitere wurden vertrieben, wobei ihr Eigentum geraubt wurde. Um den Partisanen ihre Rückzugsgebiete zu nehmen, hinterließen die deutschen Truppen einen „Gürtel verbrannter Erde“ im Umkreis von 10 bis 15 Kilometern um den Wald. Allein in den Gemeinden Iwjanez und Nalibaki wurden 38 Dörfer mit 2.000 Bauernhöfen zerstört. Eine Reihe dieser Kriegsverbrechen wurde von der SS-Sondereinheit Dirlewanger verübt.[7] Im Dorf Dory etwa trieb die Einheit 106 Frauen, Kinder und alte Menschen in die örtliche orthodoxe Kirche und verbrannte sie bei lebendigem Leib. Auf ähnliche Weise ermordete sie 125 Bewohner des Gutshofs Łapice. Mit ähnlicher Grausamkeit gingen die Mitglieder der übrigen deutschen und kollaborierenden Einheiten vor. Unter anderem wurden in der Kolonie Półdroże 90 Menschen in zwei Scheunen getrieben und anschließend lebendig verbrannt. In manchen Fällen wurden zuvor erstellte Listen von Familien verwendet, die der Zusammenarbeit mit den Partisanen verdächtigt wurden. Polen und Weißrussen, deren Namen auf solchen Listen standen, wurden festgenommen und anschließend öffentlich erschossen.

Die Kämpfer der polnischen Heimatarmee aus Stołpce wurden vorübergehend zerstreut und erlitten dabei schwere Verluste; diese beliefen sich auf mindestens 40 Tote, mehrere Dutzend Verwundete und etwa 100 bis 150 Vermisste. Unter den Gefallenen und Ermordeten befanden sich auch zwei Kompaniechefs. Die größten Verluste erlitt die 3. Infanteriekompanie, die hauptsächlich aus Deserteuren der belarussischen Hilfspolizei bestand. Die polnische Widerstandsgruppe verlor darüber hinaus fast 60 Prozent ihrer Waffen, darunter alle Maschinengewehre und Mörser, sowie ihre Wagenkolonnen und die meisten Pferde.

Bilanz der Aktion

Auf lange Sicht gelang es den deutschen Truppen nicht, die Aktivitäten der polnischen und sowjetischen Partisanen einzuschränken. Trotz schwerer Verluste gelang es den polnischen Widerstandskämpfern noch vor Ende August 1943, sich in einem ehemaligen Lager in der Nähe von Drywiezna wieder zu versammeln. Ab Herbst 1943 wurde das Waldgebiet Nalibozkaja Puschtscha zu einem Zufluchtsort für die Bielski-Partisanen und Soldaten der Roten Armee, denen es gelungen war, der deutschen Gefangennahme zu entkommen sowie für Juden und Roma, die aus den umliegenden Ghettos geflohen waren.[8]

Mediale Rezension

Die Kämpfe während des Unternehmens Hermann wurden im US-amerikanischen Kriegsfilm Defiance – Für meine Brüder, die niemals aufgaben aus dem Jahr 2008 unter der Regie von Edward Zwick dargestellt.[9]

Einzelnachweise

  1. Timothy Snyder: Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin. Basic Books, 2012, ISBN 978-0-465-00239-9 (amerikanisches Englisch).
  2. Yitzchak Arad: In the Shadow of the Red Banner: Soviet Jews in the War Against Nazi Gemany. Gefen Books, 2010, ISBN 978-965-229-487-6 (englisch).
  3. Wolfgang Curilla: Die deutsche Ordnungspolizei und der Holocaust im Baltikum und in Weißrussland: 1941 – 1944. 2. Auflage. Schöningh-Verlag, Paderborn, München, Wien, Zürich 2006, ISBN 978-3-506-71787-0.
  4. Boll, Bernd; Safrian, Ernst: Leben aus dem Lande in Vernichtungskrieg: Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944 1996 HIS Verlag GmbH S. 90 ff
  5. Snyder, Timothy: Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin. Basic Books 2012 S. 234, 240, 286
  6. Heer, Hannes: Der Partisanenkrieg in Vernichtungskrieg: Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944 1996 HIS Verlag GmbH S. 148 ff + S. 154 ff
  7. Hubert Kuberski: Unternehmen „Hermann“ — pacyfikacja Puszczy Nalibockiej z perspektywy SS-Sonderbataillon Dirlewanger. In: Studia nad Autorytaryzmem i Totalitaryzmem. Band 44, Nr. 2, 1. Januar 2022, ISSN 2300-7249, S. 101, doi:10.19195/2300-7249.44.2.5 (academia.edu [abgerufen am 3. November 2025]).
  8. Michael Palomino: Schtetl "Bielsk" ("Jerusalem im Wald") -- Jüdischer Zufluchtsort in Weissrussland. Archiviert vom Original am 11. Mai 2013; abgerufen am 4. November 2025.
  9. Nechama Tec: Bewaffneter Widerstand : jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg; das Buch zum Kinofilm "Unbeugsam - defiance" mit Daniel Craig. 2. Auflage. Haland & Wirth im Psychosozial-Verlag, Gießen 2009, ISBN 978-3-8379-2052-9.