Ernest Jouhy

Ernest Jouhy (eigentlich: Ernst Leopold Jablonski; * 29. Juli 1913 in Berlin-Wilmersdorf; † 1988) war ein Erziehungs- und Kulturwissenschaftler. Jouhy steht – zusammen mit Manès Sperber und Ivan Illich – in der Tradition „deutsch-jüdisch-weltbürgerlicher“ Erziehung.[1]

Leben

Ernst Jablonski erhielt in der Résistance den Decknamen Ernest Jouhy, den er nach 1944 beibehielt. Er ging in Berlin zur Schule, organisierte sich in einer sozialistischen Schülergruppe, wurde Mitglied der KPD und wurde 1933 von der Berliner Universität relegiert. Er emigrierte 1933 nach Frankreich. Seit Februar 1939 arbeitete er für das "Comité israélite pour les enfants d’Allemagne et d’Europe centrale réfugiés en France" als Erzieher im Château de la Guette in Villeneuve-Saint-Denis mit unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen aus dem „Reich“, einem Projekt von Édouard und Germaine de Rothschild.[2] Ähnlich wie Ernst Papanek, der ebenfalls Heime für geflüchtete Kinder betreute, setzte auch Ernest Jouhy auf die therapeutische Kraft von Gruppen und organisierte La Guette als „Kinderrepublik“, in der die Kinder ihr Heim mitverwalten durften.[3]

La Guette musste im Mai 1940 evakuiert werden. Jouhy, der 1939 das Diplom in Psychologie an der Sorbonne in Paris erlangte, wurde bei Kriegsausbruch als Prestataire in einem Militärlager dienstverpflichtet. Von 1941 bis 1943 arbeitete er als Erzieher in einem Kinderheim des Œuvre de secours aux enfants (OSE) im Château de Chabannes und war zusammen mit seiner Frau im Widerstand aktiv. Sie engagierten sich in Lyon in der deutschen Sektion des Mouvement des Ouvriers Immigrés (MOI).[4]

Nach dem Krieg arbeitete er in Frankreich weiterhin für das OSE und leitete zusammen mit seiner Frau Lida das Haus „La Forge“ in Fontenay-aux-Roses, das er in ein medizinisch-pädagogisches Institut umwandelte.[4][5] 1951 wurde Ernest Jouhy Lehrer an der Odenwaldschule. 1952 verließ er die KPD. 1959 wurde er an der Sorbonne in Psychologie promoviert. Er ging 1968/69 zunächst als Dozent, dann als ordentlicher Professor für Sozialpädagogik an die Universität Frankfurt, wo er im erziehungswissenschaftlichen Fachbereich ein Institut für „Pädagogik: Dritte Welt“ und einen gleichnamigen Studiengang[6] einrichten konnte.

Nach Vorüberlegungen und der Suche nach einem geeigneten Ort gründet Ernest Jouhy im Jahre 1961 in Châteauneuf-de-Mazenc, Drôme, einen gemeinnützigen Verein, das FIEF (Foyer International d’Etudes Françaises), das Schülern, Lehrpersonen und Studierenden aller Nationalitäten offensteht. Er wählte diesen Ort, weil er sowohl die feudale Repression der absolutistischen Herrschaft wie auch die Spuren des Widerstands gegen den Faschismus und die deutsche Besetzung und ebenso in Bezug auf die Befreiung des Vercors symbolisiert und sich somit besonders für deutsch-französische Begegnungen anbietet.[7]

Er gilt als einer der Begründer des interkulturellen Lernens. Die von ihm im deutschen Kontext früh definierten Begriffe „Ethnozentrismus“ und „Eurozentrismus“ gehören heute zu den grundlegenden Konzepten im Zusammenhang mit der Eine Welt-Problematik, der Dependenztheorie und des Nord-Süd-Gefälles und auch des Globalen Lernens[8].

1983 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Klärungsprozesse. 4 Bände. Athenäum, Frankfurt am Main 1988

Literatur

  • Ursula Menzemer, Herbert Stubenrauch (Hrsg.): Nicht auf Tafeln zu lesen ... : Leben, Denken, Handeln. Ausgewählte Schriften / Ernest Jouhy, päd.-extra-Buchverlag, Frankfurt a. M. 1983, ISBN 3-88704-024-4
  • Mergner, Gottfried; von Pape, Ursula (Hrsg.): Pädagogik zwischen den Kulturen: Ernest Jouhy. Frankfurt 1995
  • Heyl, Bernd; Voigt, Sebastian; Weick, Edgar (Hrsg.): Ernest Jouhy – zur Aktualität eines leidenschaftlichen Pädagogen. Frankfurt 2017
  • Jablonski, Ernest, in: Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München : Saur 1980, S. 322

Einzelnachweise

  1. Ursula Menzemer, Herbert Stubenrauch (Hrsg.): Nicht auf Tafeln zu lesen
  2. Laura Hobson Faure: Baroness Germaine de Rothschild auf der Webseite des Jewish Women's Archive & Aktivitäten des Comité Israélite pour les Enfants venant d’Allemagne et de l’Europe Centrale auf der Webseite von We Refugees
  3. Laura Hobson Faure: Jewish Child Refugees from Central Europe in France and the United States: Transnational Perspectives on their Care, 1938–1945, in: Joanna Beata Michlic, Anna Ullrich, Yuliya Saal (Hrsg.): Childhood during war and genocide. Agency, survival, and representation, Wallstein-Verlag, Göttingen 2024, ISBN 978-3-8353-5599-6, S. 143 (Online in der Wallstein Open Library)
  4. a b Histoire de l’OSE - Les grandes figures: Ernest JABLONSKI
  5. Sophia Dafinger: Hilfe, Wohltätigkeit, Solidarität? Die französische OSE und die Rettung von Kindern auf der Flucht vor dem ›Dritten Reich‹ Archiv für Sozialgeschichte, 60. Band, 2020, S. 123–146 (Online auf library.fes.de)
  6. Ernest Jouhy. Leben und pädagogisches Werk. Abgerufen am 29. November 2015.
  7. Eigenvorstellung des FIEF auf seiner Website. Abgerufen am 8. Juli 2017.
  8. Falsche Polarisierung. Die Critical Whiteness-Kritik am Globalen Lernen wird ihrem Gegenstand nicht gerecht. Abgerufen am 8. Juli 2017.