Édouard Alphonse James de Rothschild

Édouard Alphonse James de Rothschild (Rufname Édouard de Rothschild, * 24. Februar 1868 in Paris; † 30. Juni 1949 ebenda) war ein Mitglied des französischen Zweiges der Familie Rothschild und als Bankier, Kunstsammler und Pferdezüchter tätig.

Leben

Édouard de Rothschild war der einzige Sohn des Bankiers Alphonse de Rothschild (1827–1905) und seiner Cousine Leonora de Rotschild (1837–1911), einer Tochter Lionel de Rothschilds aus dem englischen Zweig der Familie Rothschild.

1887/88 leistete er seinen Militärdienst ab. Er wurde Offizier der Reserve und 1913 als Leutnant der Kavallerie entlassen.[1] Bei den Olympischen Spielen 1900 in Paris gewann er im Polo mit dem Team des Bagatelle Polo Club de Paris die Bronzemedaille, ferner nahm er bei diesen Spielen mit seiner Yacht an den Segelwettbewerben teil.

Er erbte nach dem Tode seines Vaters die Bank Rothschild Frères. Ebenso erbte er Anteile des Weinguts Château Lafite-Rothschild und die Gemäldesammlung seines Vaters, die er erweiterte. Er heiratete Germaine Halphen (1884–1975), Tochter der Eheleute Emile Halphen (Ingenieur und Bankier) und Louise Fould (Nichte von Fernand Halphen). Sie hatten vier Kinder: Alphonse, Guy, Jacqueline und Bethsabée de Rothschild[2]. Der älteste Sohn Alphonse (1906–1911) starb im Alter von 5 Jahren an einer zu spät erkannten Blinddarmentzündung während einer dadurch erforderlichen Notoperation im Schloss Ferrieres-en-Brie, dem damaligen Wohnsitz der Familie.[2][3]

Alphonse de Rothschild stand von 1911 bis 1940 als Präsident dem Consistoire central israélite, der obersten Organisation des Judentums in Frankreich, vor. 1939 trat Rothschilds Sohn Guy der Französischen Armee bei, Tochter Jacqueline floh mit ihrem Ehemann Gregor Piatigorsky in die USA.

In der Folge der Novemberpogrome 1938 in Deutschland stellten Édouard Rothschild und seine Frau Germaine ab März 1939 das Château de la Guette in Villeneuve-Saint-Denis als Unterkunft für 130 deutsche und österreichische Kinder zur Verfügung.[4] Im Mai 1940 mussten aufgrund des Vorrückens der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg die Kinder und ihre Betreuer evakuiert werden.[5]

Nach der Besetzung Frankreichs flüchteten Édouard Rothschild und ein Teil seiner Familie aus Frankreich. Zuvor versuchte er erfolglos, seine Gemäldegalerie auf seinem Gestüt Haras de Meautry in Touques und in seinem Schloss in Reux zu verstecken. Aber die Wehrmacht entdeckte und beschlagnahmte die Gemälde auf dem Gestüt und auf dem Schloss. Zu seiner Sammlung gehörte unter anderem das weltberühmte Gemälde Der Astronom von Jan Vermeer. Das Bild wurde 1940 nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Frankreich vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg beschlagnahmt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Gemälde den Rothschilds restituiert und 1982 – als Anrechnung auf die Erbschaftssteuer – dem Louvre zugewiesen.[6]

Die Wehrmacht beschlagnahmte ebenso die Rennpferde des Gestüts und brachte diese zum Heeresgestüt Altefeld; unter ihnen war das Championpferd Brantôme. Auch das Schloss Ferrières-en-Brie wurde wie bereits 1870 – hier ersuchte am 19. und 20. September 1870 Jules Favre erfolglos Paris zu verschonen – erneut von deutschen Truppen besetzt, diesmal aber auch geplündert und praktisch seine gesamte Kunstsammlung wurde geraubt.[7]

Édouard Rothschild emigrierte am 23. Juni 1940 mit seiner Frau und seiner Tochter Bethsabée über Lissabon, Portugal nach New York. Am 6. Dezember 1940 wurde ihm die französische Staatsbürgerschaft entzogen;[8] durch Beschluss vom 18. April 1943 erhielt er sie zurück.[9]

1944 kehrte er mit seiner Frau und Sohn Guy nach Frankreich zurück. Seine Kunstsammlung wurde ihm restituiert. Nach seinem Tode 1949 wurde sein Sohn Guy de Rothschild Erbe der Bank, der Kunstsammlung und der Schlösser. Im Februar 1945 richtete die Hilfsorganisation Œuvre de secours aux enfants (OSE) im Rothschildschen Schloss Ferrières-en-Brie ein Aufnahmezentren für jüdische Kinder ein.[10] 1959 machte Guy de Rothschild, der hier seine Kindheit verbracht hatte, das Schloss wieder für Wohnzwecke nutzbar.

Ehrungen

Literatur

  • Herbert R. Lottman: The French Rothschilds. The great banking dynasty through two turbulent centuries. Crown Publishers, New York. 1995, ISBN 0-517-59229-0.
  • Niall Ferguson: The world's banker. The history of the House of Rothschild. Weidenfeld & Nicolson 1998, ISBN 0-297-81539-3.
Commons: Édouard Alphonse James de Rothschild – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Dokument im Französischen Nationalarchiv.
  2. a b Jacqueline Piatigorsky: Jump in the Waves A Memoir. St. Martin’s Press, New York 1988, ISBN 0-312-01834-7, S. 6–8,12.
  3. Alphonse Edouard Emile Lionel de Rothschild (1906-1911). The Rothschild Archive, abgerufen am 23. März 2023 (englisch).
  4. The Rothschild Archive: Château de la Guette, Villeneuve-Saint-Denis
  5. USHMM-Collections: Gisela Edel and another boy stand outside the entrance to Chateau de la Guette
  6. Hector Feliciano: Das Verlorene Museum. Vom Kunstraub der Nazis. Aufbau-Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-351-02475-4, S. 17–19. 47–48. 175. 214.
  7. Hector Feliciano: Das Verlorene Museum. Vom Kunstraub der Nazis. Aufbau-Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-351-02475-4, S. 47–54, 123, 175–176, 214.
  8. Dokument im Französischen Nationalarchiv.
  9. Dokument im Französischen Nationalarchiv.
  10. Le Département Seine & Marne: 1944 – LA SEINE-ET-MARNE LIBÉRÉE, 2019, S. 16. Wie lange das Schloss von der OSE genutzt wurde, ist der Quelle nicht eindeutig zu entnehmen.
  11. Dokumente zur Aufnahme in die Ehrenlegion auf der Webseite des Französischen Nationalarchivs.