Emma Dessau-Goitein

Emma Dessau-Goitein (geboren 20. September 1877 in Karlsruhe, gestorben 17. September 1968 in Perugia, Italien) war eine deutsch-italienische Holzschnittkünstlerin, Malerin und Gebrauchsgrafikerin.

Leben

Emma Dessau-Goitein stammte aus der weitverzweigten Rabbiner- und Gelehrtenfamilie Goitein. Ihre Mutter war die Volksschullehrerin Ida Goitein (Jette oder auch Henriette geborene Löwenfeld, 1848–1931). Ihr Vater war Gabor Goitein (1848–1883), ein ungarisch-deutscher Rabbiner der Israelitischen Religionsgesellschaft in Karlsruhe, Talmud-Gelehrter und Lehrer. Emma Dessau-Goitein hatte fünf Geschwister, von denen zwei als Kinder starben. Nach dem frühen Tod des Vaters erzog die Mutter die drei Töchter zu emanzipierten Frauen und Jüdinnen. Sie unterstützte Emmas frühe Ansätze, Künstlerin zu werden, und befürwortete das Medizinstudium ihrer jüngsten Tochter Rahel, die an der Universität Heidelberg eine der ersten Frauen in diesem Studiengang war.

Bei einem Ferienaufenthalt in Bad Herrenalb im Schwarzwald lernte Emma Dessau-Goitein den Physiker Bernardo Dessau (1863–1949) kennen. Er war Professor für Physik, zunächst an der Universität Bologna, später Perugia. 1901 heirateten die beiden und sie zog zu ihrem Mann nach Italien.[1][A 1] Dadurch wurde sie Italienerin.[2] Drei Jahre lang lebte das Paar in Bologna. 1904 kam Tochter Fanny zur Welt, 1907 ein Sohn, der spätere Mineraloge Gabor Dessau (1907–1983).

In den 1910er Jahren trafen Emma Dessau-Goitein mehrere Schicksalsschläge: 1914 starb ihr drittes Kind Leonardo, 1915 fiel ihr geliebter Bruder Ernst im Ersten Weltkrieg. Während des Ersten Weltkriegs wurde es von Bedeutung, dass die beiden Eheleute deutscher Herkunft waren: Auch an der Universität Perugia machte sich der Druck nationalistischer Kreise bemerkbar, und Bernardo Dessau verlor im November 1917, angeblich aus universitätsinternen Gründen, seine Stelle.[1]

Das Ehepaar lebte dann einige Jahre in Florenz.[3] Nach der Rückkehr nach Perugia Anfang der 1920er Jahre folgte bis Mitte der 1930er Jahre für Emma Dessau-Goitein eine beruflich-künstlerisch erfolgreiche Zeit. Sie führte damals auch einen literarischen Salon, den unter anderem Aldo Capitini besuchte, ein italienischer Philosoph, Antifaschist und Pazifist.[4]

Die faschistischen Rassengesetze hatten ab 1938 für das Ehepaar bedrohliche Folgen: Ein Teil ihres Besitzes wurde konfisziert und ihr Sohn Gabor verlor seine Stelle an der Universität Turin. Tochter Fanny war bereits 1935 nach Haifa im Mandatsgebiet Palästina ausgewandert, Gabor ging 1938 nach Jaipur.[4] Emma Dessau-Goiteins Schwester, die Frauenrechtlerin und Ärztin Rahel Straus (1880–1963), konnte 1933 aus Deutschland nach Palästina fliehen. Auch die ältere Schwester Gertrud emigrierte mit ihrer Familie. Bernardo Dessau war 1938 bereits 75 Jahre alt, daher blieb das Ehepaar in Perugia. Schließlich tauchten die beiden unter und überlebten dank der Unterstützung von Bekannten, Freundinnen und Freunden bis zur Befreiung. Emma Dessau-Goitein lebte bis zu ihrem Tod am 17. September 1968 in Perugia.[5]

Künstlerischer Werdegang

Schon vor ihrem achten Lebensjahr habe Emma Dessau-Goitein gewusst, dass sie Malerin werden wollte, berichtete Rahel Wolff. Mit vierzehn Jahren habe ihr Berufswunsch Porträtmalerin festgestanden.[6] Doch aus wirtschaftlichen Gründen begann sie als Gebrauchsgrafikerin.[2]

Emma Dessau-Goitein besuchte in Karlsruhe die Porträtklasse der Malerinnenschule. Einen Teil ihrer künstlerischen Ausbildung erhielt sie bei Hubert von Herkomer an der Schule für Malerei in Bushey, England.[5] Ihre handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten perfektionierte sie autodidaktisch.[6] In München arbeitete sie sich in die Technik des Holzschnitts ein.

Ihr Umzug nach Italien gab der Künstlerin entscheidende neue Impulse. 1901/1902 bekam sie als einzige Frau eine Zulassung zur Akademie der Schönen Künste von Bologna.[5] In Italien kam die Künstlerin mit Kunstwerken in Berührung, die sie faszinierten. Außerdem erlebte sie, wie das Judentum in ihrer neuen Heimat in das soziale, kulturelle und politische Leben Italiens integriert war.[1] Emma Dessau-Goitein war von der aufkommenden Frauenbewegung und vom Zionismus geprägt, auch ihr Mann war Zionist.[5] Regelmäßig hielt sie sich in deutschen Städten auf, um ihre künstlerischen Fähigkeiten zu schulen. So kopierte sie Gemälde in der Alten Pinakothek in München, um ihre malerischen Fähigkeiten zu vervollkommnen. In Hans Lietzmanns Aktschule am Gardasee übte sie das Malen von Akten im Freien.[6]

Emma Dessau-Goiteins zionistische Überzeugung fand Eingang in die zahlreichen Holzschnitte, welche die Künstlerin für die italienische und deutsche zionistische Bewegung schuf.[1] Ab 1925 widmete sich Emma Dessau-Goitein verstärkt der Malerei und konnte ihre Werke in zahlreichen Ausstellungen und überregionalen Tageszeitungen einer größeren Öffentlichkeit bekannt machen.[1]

Emma Dessau-Goitein blieb als Malerin, beeinflusst durch ihren Lehrer Herkomer, überwiegend den akademischen Traditionen des 19. Jahrhunderts treu, die sich insbesondere in ihren Porträts widerspiegeln. Teilweise öffnete sie sich aber in Landschaftsbildern sowie Exlibris und anderen grafischen Werken auch dem späten Impressionismus und dem Liberty-Stil.[7]

Nach dem Tod ihres Mannes 1949 war die Künstlerin nicht mehr als Malerin und Gebrauchsgrafikerin tätig und zog sich aus dem künstlerischen Umfeld zurück.[5]

Werke

Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Exlibris wieder in Mode kamen, schuf Emma Dessau-Goitein viele dieser Buchmarken.[6] Über die Hälfte davon konzipierte sie für Frauen.[5] Walter von Zur Westen, langjähriger Vorsitzender des deutschen Exlibris-Vereins, hielt den Farbholzschnitt für Ludwig Frank für das beste Werk der Künstlerin.[6]

Ihre oft melancholischen Ölgemälde mit Titeln wie Trauer, Herbst, Mutterschaft oder Talmudschüler fanden in der italienischen, vereinzelt auch in der deutschen Presse Beifall.[6] Besonders gut verkäuflich waren Landschaftsbilder wie Eukalyptus auf der Insel Elba.[2] Beeinflusst von der holländischen Malerei schuf sie auch einige Interieurs.[2]

Unter den Holzschnitten, die vom Zionismus inspiriert waren, befindet sich eine Abbildung für die zionistische Zeitschrift L’Idea Sionnista. Darauf zeigt bei stürmischer See ein Engel dem Steuermann eines Bootes den Weg, auf dem er ins Gelobte Land gelangen kann.[1]

Für ihre Porträts erhielt Emma Dessau-Goitein besondere Anerkennung. Darunter befinden sich auch zwei Selbstporträts aus den Jahren 1900 und 1918 und Gemälde ihrer beiden Kinder.[6] Zu nennen sind hier ebenfalls Darstellungen des Oberrabbiners von Florenz, ihres Schwiegervaters Samuel Dessau und die beiden Porträts aus dem Spätwerk, die Cesare Agostine und Wladimiro Babucci zeigen.[2]

Ausstellungen

Sammelausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 1922: Perugia
  • 1930: Livorno, Bottega dell’Arte
  • 1934: Rom, Palazzo Doria
  • 1936: Mailand, Galeria Arcimboldi

Auszeichnungen (Auswahl)

1909: Silberne Medaille der Kunstausstellung in Mailand für ihre Exlibris[10]

Rezeption

Eine Enkelin von Emma Dessau-Goitein, Gabriella Steindler Moscati, Dozentin für moderne und zeitgenössische hebräische Sprache und Literatur an der Universität Neapel L’Orientale, veröffentlichte 2018 ein Buch über ihre Großmutter. Sie verfasste La mia vita incisa nellarte. Una biografia di Emma Dessau-Goitein wie eine Autobiografie und verwendete dafür den Familienbriefwechsel der Künstlerin als Grundlage.[1] Das Buch beginnt mit der Geburt und endet 1939. Über die biografische Ebene hinaus zeichnet es 60 Jahre der europäischen Geschichte des Judentums durch die Augen einer emanzipierten und modernen Jüdin nach. Auch in den Memoiren ihrer Schwester Rahel Straus wird Emma Dessau-Goitein gewürdigt.

Literatur

  • Andreas Stolzenburg: Dessau Goitein, Emma. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 26, Saur, München u. a. 2000, ISBN 3-598-22766-3, S. 434.
  • Gabriella Moscati Steindler: La Mia Vita Incisa Nell'Arte. Una Biografia Di Emma Dessau Goitein. Mimesis Verlag, 2018, ISBN 978-88-575-4169-3.
  • Fedora Boco, Martella Maria Luisa Martella, Gabriella Steindler Moscati: Emma Dessau Goitein. Ausstellungskatalog. Fabrizio Fabbri Edizione, Perugia 2018, ISBN 978-88-6778-111-9
  • Rahel Straus: Wir lebten in Deutschland. Erinnerungen einer deutschen Jüdin 1880-1933. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1961.
  • Dessau-Goitein, Emma. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des XX. Jahrhunderts. Band 1: A–D. E. A. Seemann, Leipzig 1953, S. 552 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).

Anmerkungen

  1. Rahel Wolff nennt als Jahr der Heirat das Jahr 1900. Rahel Wolff: Emma Dessau Goitein. In: Unione della Comunitá Ebraiche Italiane (Hrsg.): La Rassegna Mensile di Israel. Seconda serie, Vol. 5, Nr. 12, April 1931, S. 623–626.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g Arturo Marzano: Rezension zu: Gabriella Steindler Moscati: „La mia vita incisa nell’arte. Una biografia die Emma Dessau Gotein“. Mimesis Edizione, Mailand 2018. In: Unione della Comunità Ebraiche Italiane (Hrsg.): La Rassegna Mensile di Israel. Band 85, Nr. 1, 2019, S. 197–199.
  2. a b c d e Rahel Wolff: Emma Dessau Goitein. In: Unione della Comunitá Ebraiche Italiane (Hrsg.): La Rassegna Mensile di Israel. Seconda serie, Vol. 5, Nr. 12, April 1931, S. 623–626.
  3. Fedora Boco, Martella Maria Luisa Martella, Gabriella Steindler Moscati: Emma Dessau Goitein. Ausstellungskatalog. Fabrizio Fabbri Edizione, Perugia 2018, ISBN 978-88-6778-111-9, S. 15.
  4. a b Fedora Boco, Martella Maria Luisa Martella, Gabriella Steindler Moscati: Emma Dessau Goitein. Ausstellungskatalog. Fabrizio Fabbri Edizione, Perugia 2018, ISBN 978-88-6778-111-9, S. 14.
  5. a b c d e f Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne. In: www.jmberlin.de. Jüdisches Museum Berlin, 2025, abgerufen am 28. November 2025.
  6. a b c d e f g Rahel Wolff: Emma Dessau-Goitein. In: Menorah. Jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Jg. 9 (1931), Heft 1–2 (Januar 1931), S. 89–90.
  7. Andreas Stolzenburg: Dessau Goitein, Emma. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 26, Saur, München u. a. 2000, ISBN 3-598-22766-3, S. 434.
  8. Jüdische Kunst in Karlsruhe. In: https://www.kunstmarkt.com/. 2021, abgerufen am 5. Dezember 2025.
  9. Widerstände. Abgerufen am 5. Dezember 2025.
  10. Personalien / Mailand. In: Der Israelit. Band 50, Nr. 37, 15. September 1909, S. 10.