Ellen Berscheid

Ellen Patricia Saumer Berscheid (* 11. Oktober 1936 in Colfax; † 22. Mai 2025 ebenda) war eine US-amerikanische Sozialpsychologin und emeritierte Professorin der University of Minnesota.[1]

Leben

Sie wurde in Colfax im Nordwesten Wisconsins geboren, wo sich ihre norwegischen Vorfahren einst im Nordwestterritorium niedergelassen hatten und zu den Familien gehörten, die Colfax gegründet hatten. Sie hatte zwei Brüder und eine Schwester. Die Familie zog von Colfax nach Reno, wo sie ihren Highschool-Abschluss machte. Ihr Studium begann sie am Beloit College mit dem Ziel, Mathematik zu studieren. Später wechselte sie zur University of Nevada und belegte dort zunächst den obligatorischen Einführungskurs in Psychologie für ihr neues Hauptfach Anglistik, den sie eigentlich nur hinter sich bringen wollte. Dabei lernte sie Paul Secord kennen, der über Fritz Heider und dessen Arbeit zu Sozialpsychologie und über zwischenmenschliche Beziehungen dozierte, und wechselte zum Fach Psychologie; sie arbeitete dann als wissenschaftliche Hilfskraft in Secords Labor. Sie schloss hier ihr Studium in Psychologie und Anglistik 1960 mit einem Bachelor- und einem Master-Abschluss ab. Die University of Nevada bot kein Promotionsstudium in Psychologie an, aber sie bewarb sich um ein Forschungsstipendium des United States Public Health Service für Doktoranden und erhielt es überraschenderweise. Mit diesem Stipendium konnte sie an jeder Universität studieren, die sie für ein Graduiertenstudium zuließ.

Nach ihrem Masterabschluss zog sie nach Minneapolis, da dort ihr Ehemann ein Masterstudium beginnen wollte. In den 1960er-Jahren begannen sie und Elaine Hatfield, die zu einer Freundin und Kollegin wurde, ihre akademische Laufbahn als Frauen in der Studierendenbetreuung und als Lehrbeauftragte an der Wirtschaftsfakultät. An der University of Minnesota promovierte sie 1965 bei Harold H. Kelley und Elliot Aronson, der sich damals mit der Psychologie der Anziehung beschäftigte. Während ihrer Jahre in Minnesota veröffentlichten sie und Hatfield eine wichtige Monografie über zwischenmenschliche Anziehung; ihre Herangehensweise – Fragen nach zwischenmenschlicher Vertrautheit und Ähnlichkeit, Gegenseitigkeit von Gefühlen und physischer Attraktivität – ist bis heute relevant. In den 1970er und 1980er Jahren weiteten sie und Hatfield ihren Fokus auf das Thema der Liebe aus.

1974 gerieten sie und Elaine Hatfield in den Mittelpunkt einer Kontroverse um die staatliche Forschungsförderung. Senator William Proxmire aus Wisconsin nutzte sie als Beispiel, als er der National Science Foundation seinen ersten „Golden Fleece Award“ verlieh, der von 1975 bis 1988 monatlich vergeben wurde. Mit diesem Preis wollte er die Medien auf Projekte aufmerksam machen, die er als eigennützig und verschwenderisch mit Steuergeldern ansah.[2] Die Preisvergabe löste eine öffentliche Debatte mit scharfen Zurückweisungen gegenüber Proxmires Anschuldigungen aus, darunter auch durch Barry Goldwater und drei Nobelpreisträger der Universität Chicago sowie dem Fakultätssenat der Universität Wisconsin-Madison.[3][4][5][6][7]

Nach einer Zeit in der Forschung und Entwicklung bei der Pillsbury Company wurde sie Forschungsassistentin von Elliot Aronson. 1969 wurde sie zur Dozentin am Psychologischen Institut der University of Minnesota ernannt. Sie blieb bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2010 im Fachbereich Psychologie der Universität von Minnesota. 1988 wurde sie als erste Frau zur Regent’s Professorin an der Universität von Minnesota ernannt.

Werk

Sie zählt zu den prägendsten Persönlichkeiten in der Geschichte der Sozialpsychologie; ihre Forschungsthemen bezogen sich auf enge zwischenmenschliche Beziehungen, Emotionen, Stimmungen, Affekte, interpersonelle Prozesse, Personenwahrnehmung und soziale Kognition. Sie führte bedeutende Feldexperimente und theoretische Arbeiten zu Liebe, physischer Attraktivität und Anziehung durch und wurde bekannt für ihre wissenschaftliche Erforschung zwischenmenschlicher Beziehungen. Sie unterschied zwischen verschiedenen Arten von Liebe, darunter leidenschaftliche und mitfühlende Liebe, romantische und väterliche Liebe sowie Freundschaft. Ihr besonderes Interesse galt Problemen im Zusammenhang mit Beziehungszufriedenheit und -stabilität, Beziehungskognition und emotionalen Erfahrungen innerhalb von Beziehungen, insbesondere von Liebe und sexuellem Verlangen. Im Hinblick auf letzteres Thema entwickelte sie Instrumente zur Erstellung eines affektiven Beziehungsprofils, um Hypothesen über Veränderungen dieses Profils im Verlauf der Beziehung zu überprüfen. Sie erkannte, dass der Kontext, insbesondere der Beziehungskontext, der Schlüssel zum Verständnis von Anziehung, Liebe und allen zwischenmenschlichen Beziehungen ist. Später widmete sie sich Fragen der Gerechtigkeit, der Ressourcenverteilung in Beziehungen und deren Auswirkungen auf die Stabilität dieser Beziehungen.

Ehrungen/Positionen

  • 2012: William James Award der American Psychological Society (APS)
  • 2003: Presidential Citation der American Psychological Association
  • 1998: Mitglied der American Academy of Arts and Sciences[8]
  • 1997: Distinguished Scientific Contribution Award der American Psychological Association (APA)
  • 1983–1985: Präsidentin der Society of Personality and Social Psychology
  • 1991–1992: Präsidentin der International Society for the Study of Personal Relationships
  • 1984: Donald T. Campbell Award für herausragende Forschung in Sozialpsychologie der Gesellschaft für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie
  • 1975: William Proxmire Golden Fleece Award
  • Distinguished Scientist Award der Gesellschaft für Experimentelle Sozialpsychologie
  • Distinguished Career Contribution Award der International Association for Relationship Research
  • Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Experimentelle Sozialpsychologie
  • Herausgeberin der APA-Fachzeitschrift „Contemporary Psychology“ und Mitherausgeberin von vier weiteren Fachzeitschriften

Privates

In Reno hatte sie ihren Ehemann Dewey Berscheid kennengelernt. Sie heirateten 1959 und blieben bis zu seinem Tod im Jahr 2005 zusammen. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Aber ihre Tierliebe war bekannt, beginnend von Dinky, einem Welpen, den ihr Vater ihr als Baby geschenkt hatte, bis hin zu Gracie, die sie überlebte.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • Mit Pamela C. Regan: The Psychology of Interpersonal Relationships. Pearson, New York 2005, ISBN 978-1-315-66307-4.
    • Chinesische Ausgabe: Mit Pamela C. Regan: 人际关系心理学 [= Psychology of Interpersonal Relationships]. Shanghai Educational Publishing House, Shanghai 2019, ISBN 978-7-5444-5388-2.
  • Mit Harold H. Kelley; John H. Harvey; Ted L. Huston; Andrew Christensen: Close Relationships. Werner Publication, 2002, ISBN 978-0-9712427-8-4.
  • Mit Pamela C. Regan: Lust: What we Know about Human Sexual Desire. Sage Publisher, Thousand Oaks 1999, ISBN 978-0-7619-1793-9.
  • Mit Harold H. Kelley; George Levinger: Close Relationships. Freeman & Company, 1983, ISBN 978-0-7167-1443-9.
  • Mit G. William Walster: Equity: Theory and Research. Allyn and Bacon, Boston 1978, ISBN 978-0-205-05929-4.
  • Mit Elaine Hatfield: Interpersonal Attraction. Addison-Wesley, Boston 1969, ISBN 978-0-201-00560-8.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Mit Elaine Walster; G. William Walster: The Efficacy of Playing Hard-To-Get. In: The Journal of Experimental Education, 2015, 39 (3), S. 73–77.
  • Mit David A. Frederick; George Bohrnstedt; Elaine Hatfield: Factor Structure and Validity of the Body Parts Satisfaction Scale: Results from the 1972 Psychology Today Survey. In: Psihologijske teme, 2014, 23 (2), S. 223–242.
  • Love in the Fourth Dimension. In: Annual Review of Psychology, 2010, 61, S. 1–25.
  • Mit Hilary Ammazzalorso: Emotional Experience in Close Relationships. In: J. O. Garth; Fletcher, Margaret S. Clark (Hrsg.): Blackwell Handbook of Social Psychology: Interpersonal Processes. 2007, ISBN 978-0-631-21228-7.
  • SIT: An exercise in theoretical multitasking. In: Psychological Inquiry, 2006, 17 (1), S. 35–38.
  • Mit Sarah A. Meyer: A social categorical approach to a question about love. In: Personal Relationships, 2005, 3 (1), S. 19–43.
  • Mit Mark Attridge; Susan Sprecher: Dependency and insecurity in romantic relationships: Development and validation of two companion scales. In: Personal Relationships, 2005, 5 (1), S. 31–58.
  • Mit Harry Reis; Willard Andrew Collins: The Relationship Context of Human Behavior and Development. In: Psychological Bulletin, 2000, 126 (6), S. 844–72.
  • Mit Willard Andrew Collins: Who cares? For whom and when, how, and why? In: Psychological Inquiry, 2000, 11 (2), S. 107–109.
  • The Greening of Relationship Science. In: American Psychologist, 1999, 54 (4), S. 260–66.
  • The "Paradigm of Family Transcendence": Not a Paradigm, Questionably Transcendent, but Valuable, Nonetheless. In: Journal of Marriage and Family, 1996, 58 (3), S. 556ff.
  • Mit Pamela C. Regan: Love. In: Benjamin B. Wolman (Hrsg.): Encyclopedia of Psychiatry, Psychology, and Psychoanalysis. Henry Holt & Co, New York 1996, ISBN 978-0-8050-2234-6.
  • Help Wanted: A Grand Theorist of Interpersonal Relationships, Sociologist or Anthropologist Preferred. In: Journal of Social and Personal Relationships, 1995, 12 (4), S. 529–533.
  • Interpersonal attraction. In: G. Lindzey (Hrsg.): Handbook of social psychology, Vol. II: Special fields and applications (S. 413–484). Random House Inc., New York City 1985, ISBN 978-0-19-521376-8.
  • Mit Elaine Walster: Physical Attractiveness. In: Advances in Experimental Social Psychology, 1974, 7, S. 157–215.

Literatur

Einzelnachweise

  1. The Legacy of Ellen Berscheid, UMN Regents Professor Emerita auf University of Minnesota, abgerufen am 8. Oktober 2025.
  2. Richard John Martin: Fleecing the science of love: William Proxmire, Elaine Hatfield, and the politics of gender in the 1970s auf University of Manoa, abgerufen am 7. Dezember 2025
  3. Elaine Hatfield: The Golden Fleece Award: Love’s Labours Almost Lost auf Association for Psychological Science, abgerufen am 7. Dezember 2025.
  4. Shaffer, L. S. (1977). The Golden Fleece: Anti-intellectualism and social science. American Psychologist, 32(10), 814–823 abgerufen am 7. Dezember 2025.
  5. Senator gegen Liebesforschung auf Der Spiegel vom 20. April 1975, abgerufen am 7. Dezember 2025.
  6. Robert J. Sternberg; Karin Sternberg (Hrsg.): The New Psychology of Love. Cambridge University Press, Cambridge 2018, abgerufen am 7. Dezember 2025.
  7. Leigh S. Shaffer; The Golden Fleece. Anti-Intellectualism and Social Science, abgerufen am 7. Dezember 2025.
  8. Dr. Ellen S. Berscheid auf American Academy of Arts and Sciences, abgerufen am 6. Dezember 2025.