Doppel-Diabetes
Der Doppel-Diabetes (englisch: Double diabetes) bezeichnet einen Zustand, bei dem eine Person einen Diabetes mellitus Typ 1 hat und gleichzeitig zusätzliche klinische Merkmale einer Insulinresistenz oder eine familiäre Vorgeschichte von einem Typ-2-Diabetes aufweist.[1][2]
Synonyme
Dieser Zustand wird auch als gemischter Diabetes oder als Hybrid-Diabetes bezeichnet. Viele, aber nicht alle Menschen mit Doppel-Diabetes sind übergewichtig oder adipös.[3]
ICD-Klassifikation
Für einen Doppel-Diabetes gibt es keine eigene Schlüsselnummer im Klassifikationsverzeichnis nach ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation. Eine gleichzeitige Kodierung von E10 („primär insulinabhängiger Diabetes mellitus [Typ-1-Diabetes]“) und E11 („nicht primär insulinabhängiger Diabetes mellitus [Typ-2-Diabetes]“) erscheint sinnvoll, ist aber verboten.[4] Im neuen ICD-11-Katalog fehlt der Fachbegriff ebenfalls. Ein gesicherter Typ-2-Diabetes wird bei gesichertem Typ-1-Diabetes nicht parallel kodiert.
Komplikationen
Mehrere Studien zeigen, dass Menschen mit einem Doppel-Diabetes ein erhöhtes Risiko für spätere Komplikationen im Vergleich zu Menschen mit nur einem der beiden Diabetes-Typen haben können.[5]
Komplikationen, die sowohl bei Typ-1 als auch bei Typ-2 Diabetes auftreten können – wie diabetische Fußgeschwüre, Gangrän, Nierenerkrankungen, Schlaganfall und Herzkrankheiten – können auch bei Menschen mit einem Doppel-Diabetes auftreten, insbesondere wenn die Erkrankung nicht gut kontrolliert wird.
Durch gesunde Ernährung, Bewegung und medizinische Betreuung können diese Risiken reduziert werden.
Pathophysiologie
„Der Typ-1-Diabetes ist obligatorisch insulinabhängig, der Typ-2-Diabetes in der Mehrzahl der Fälle insulinunabhängig, kann aber insulinabhängig werden.“[6]
Ein Patient mit einem Diabetes mellitus Typ 1 ist bei der Entdeckung seiner Krankheit oft untergewichtig oder asthenisch. Er benötigt sofort regelmäßige Insulingaben. Insulin hat als (zuerst meistens sogar erwünschte) Arzneimittelnebenwirkung eine anabole Stoffwechsellage mit zunehmendem Hunger. So kann es in jedem Lebensalter zum Übergewicht und damit zum metabolischen Syndrom kommen. „Gewichtszunahme durch Wegfall der Glukosurie und die appetitanregende Wirkung des Insulins.“[7]
Bei einigen Personen mit Doppel-Diabetes können die Merkmale des Diabetes mellitus Typ 2 (zum Beispiel die erhöhte Insulinresistenz) durch Lebensstiländerungen und durch eine entsprechende Therapie teilweise rückgängig gemacht werden, während der Typ-1-bezogene autoimmune Krankheitsanteil dauerhaft ist und nicht rückgängig gemacht werden kann.[8]
„It is increasingly recognized that some forms of diabetes have features of both type 1 and type 2 diabetes.“[9]
Labormedizin
Labormedizinisch ist zu untersuchen, ob ein Insulinmangel und eine Insulinresistenz vorliegen.[10]
Häufigkeit
Der Diabetologe Hellmut Mehnert schrieb 2017: „Bei etwa zehn Prozent der Typ-1-Diabetiker muss man mit dem späteren Hinzutreten eines Typ-2-Diabetes rechnen, was man am ehesten an der zunehmenden Insulinresistenz (mit Übergewicht) vermuten oder erkennen kann. Hier spricht man dann von „Double Diabetes“. Immerhin 50 Prozent aller Typ-1-Diabetiker werden im Laufe ihres Lebens übergewichtig oder adipös – mit oder ohne zusätzlichem Typ-2-Diabetes – und haben dann eine besonders schlechte Prognose.“[11]
„Vor dem Hintergrund einer Prävalenz des Typ-2-Diabetes von 7 bis 8 Prozent in Deutschland ohne Berücksichtigung einer geschätzten Dunkelziffer von circa 2 Prozent (Stand 2016) ist von einem vergleichbaren Anteil von Typ-1-Diabetikern mit zusätzlichem Typ 2 bei Übergewicht mit BMI > 30 kg/m² auszugehen.“[12]
Ein Doppel-Diabetes kann in nahezu jedem Alter auftreten, einschließlich bei Kindern und Jugendlichen. In den letzten Jahrzehnten trägt die Zunahme von Übergewicht und mangelnder körperlicher Aktivität bei jungen Menschen dazu bei, dass auch jüngere Personen häufiger Merkmale eines Doppel-Diabetes entwickeln.[13]
Therapie
Der Diabetes Typ 1 gilt als („obligatorisch“[14]) insulinabhängig (englisch: insulin dependent) und damit als insulinpflichtig, wohingegen der Diabetes Typ 2 als insulinunabhängig (non insulin dependent) gilt und nur in schweren Fällen ebenfalls insulinpflichtig (insulin requiring) werden kann.
Der Typ-1-Diabetes wird mit Insulin eingestellt. Empfohlen wird eine zusätzliche Behandlung des Typ-2-Diabetes entweder off label mit Metformin oder aber mit einem GLP-1-Agonisten (Inkretinmimetikum oder GLP-1-Rezeptoragonist). Es habe sich gezeigt, dass hier mit Semaglutid bessere Ergebnisse als mit Exenatid und mit Dulaglutid erzielt werden können. Liraglutid habe gegenüber Semaglutid den Nachteil, dass es täglich statt wöchentlich injiziert werden müsse.[15]
Geschichte
Die Diabetologen Bernhard Teupe und Kristian H. Bergis (* 1943; † 1999) berichteten im Februar 1991 in einem Leserbrief an die Fachzeitschrift The Lancet als Erstbeschreiber über dieses Krankheitsbild. Sie beschrieben übergewichtige Patienten mit einer schwer einstellbaren Zuckerkrankheit, die überdurchschnittlich hohe Dosen von Insulin benötigten.[16]
Einzelnachweise
- ↑ Michael Hummel, Martin Füchtenbusch: Typ-1-Diabetes, LADA oder „Doppeldiabetes“? In: MMW Fortschritte der Medizin. Jahrgang 159, Nummer 8, Mai 2017, S. 52–55. doi:10.1007/s15006-017-9579-4.
- ↑ Raj K. Chaudhary, Obaid Ali, Amrendra Kumar, Abilesh Kumar, Anjum Pervez: Double Diabetes: A Converging Metabolic and Autoimmune Disorder Redefining the Classification and Management of Diabetes. In: Cureus (Journal of Medical Science), Jahrgang 2025. doi:10.7759/cureus.80495.
- ↑ Paolo Pozzilli, Raffaella Buzzetti: A new expression of diabetes: double diabetes. In: Trends in Endocrinology & Metabolism, Band 18, Nummer 2, März 2007, S. 52–57. doi:10.1016/j.tem.2006.12.003.
- ↑ Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Hrsg.): Bernd Graubner (Bearbeiter): ICD-10-GM 2010 – Systematisches Verzeichnis. Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme – 10. Revision – German Modification, Version 2010, Stand 16. Oktober 2009, Deutscher Ärzteverlag, S. 131–139.
- ↑ Noppadol Kietsiriroje, Sam Pearson, Matthew Campbell, Robert A. S. Ariëns, Ramzi A. Ajjan: Double diabetes: A distinct high-risk group? In: Diabetes, Obesity and Metabolism, Band 21, Nummer 12 vom 2. August 2019, S. 2609–2618. doi:10.1111/dom.13848.
- ↑ Wolfgang Piper: Innere Medizin. Springer-Verlag, Springer-Lehrbuch, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-33725-6, S. 453. - Anmerkung: Der Autor verwechselt hier die Insulinabhängigkeit mit der Insulinpflicht. Durch diesen Irrtum erklärt er jedoch den Doppel-Diabetes, allerdings in zeitlich falscher Reihenfolge. Nicht der Typ 2 wird zum Typ 1, sondern der Typ 1 wird zum Typ 2.
- ↑ Wolfgang Piper: Innere Medizin. Springer Verlag, Springer-Lehrbuch, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-33725-6, S. 460.
- ↑ Daniela Pichleritsch: Diabetes im Doppelpack – Wie Doppeldiabetes entsteht … und was Sie dagegen tun können. In: Apotheken Umschau vom 26. Januar 2023.
- ↑ Joseph Loscalzo, Dennis L. Kasper, Dan L. Longo, Anthony Stephen Fauci, Stephen L. Hauser und J. Larry Jameson (Hrsg.): Tinsley Randolph Harrison: Harrison's Principles of Internal Medicine. 21. Auflage, McGraw-Hill, New York 2022, ISBN 978-1-264-26850-4, Band 2, S. 3096.
- ↑ Richard Daikeler, Götz Use, Sylke Waibel: Diabetes – evidenzbasierte Diagnostik und Therapie. – Kitteltaschenbuch. 10. Auflage, Jahrgang 2015/2016, Sanofi-Aventis, Sinsheim 2015, ISBN 978-3-00-050903-2, S. 204. – Anmerkung: Die Autoren bedanken sich bei dem Erstbeschreiber Bernhard Teupe.
- ↑ Hellmut Mehnert: Diabetes mellitus - Ursachen, Epidemiologie, Behandlungsmöglichkeiten und Folgeschäden der Erkrankung. 4. aktualisierte und überarbeitete Auflage, November 2017, Herausgeber: Helmholtz Zentrum München, Diabetesinformationsdienst München, S. 6. doi:10.15134/2014M0001.
- ↑ Richard Daikeler, Götz Use, Sylke Waibel: Diabetes – evidenzbasierte Diagnostik und Therapie. – Kitteltaschenbuch. 12. Auflage, Jahrgang 2017/2018, Sanofi-Aventis, Sinsheim Juni 2017, ISBN 978-3-00-057098-8, Kapitel Doppeldiabetes. S. 17 f.
- ↑ Xiao-Lin Ji, Min Yin, Chao Deng, Li Fan, Yu-Ting Xie, Fan-Su Huang, Yan Chen, Xia Li: Hemoglobin glycation index among adults with type 1 diabetes: Association with double diabetes features, In: World Journal of Diabetes, Band 16 (2025), Nummer 4. doi:10.4239/wjd.v16.i4.100917.
- ↑ Wolfgang Piper: Innere Medizin. Springer Verlag, Springer-Lehrbuch, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-33725-6, S. 453.
- ↑ Effect of Weekly GLP1 Agonist Treatment in "Double Diabetes": A Randomized Open-label Study. (TOLEDDO). In: ClinicalTrials.gov. Nummer NCT05305794.
- ↑ Bernhard Teupe, Kristian H. Bergis: Epidemiological evidence for “double diabetes”. In: The Lancet. 9. Februar 1991, Band 337, Nummer 8737, S. 361–362. doi:10.1016/0140-6736(91)90988-2.