Dominikanerinnen von Bethanien
Die Dominikanerinnen von Bethanien sind eine katholische Ordensgemeinschaft. In Deutschland sind sie unter anderem bekannt als Trägerinnen von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, den Bethanien Kinderdörfern.
Geschichte
Die Gemeinschaft wurde 1866 von dem Dominikaner-Pater Johannes Josef Lataste gemeinsam mit der Ordensfrau Mutter Henri-Dominique Berthier gegründet. Ziel war es, Frauen mit belasteter Vergangenheit, insbesondere jenen, die Gefängnishaft verbüßt hatten, ein Leben als vollwertige Ordensfrauen zu ermöglichen. Diese Idee einer solchen Form der Resozialisierung war damals für französischen Gesellschaft völlig neu.
Die erste Gemeinschaft bestand aus vier Ordensfrauen, die 1866 in Frasne-le-Château (Département Haute-Saône) ein Bethanienkloster etablierten.1870 zog der Konvent nach Montferrand-le-Château um.[1][2][3]
Entstehung
Als Gefängnisseelsorger im Frauenzuchthaus in Cadillac wurde Pater Lataste mit dem Umstand konfrontiert, dass sich viele der Frauen im Gefängnis bekehrt hatten, ihnen nach ihrer Haftentlassung jedoch alle Türen verschlossen blieben. Dies galt ganz besonders für den Weg ins Ordensleben; diese Frauen durften höchstens betreut von Ordensfrauen den Rest ihres Lebens als fromme Büßerinnen verbringen. Pater Lataste wollte mit der Rehabilitation, die diese Frauen seiner Meinung nach von Gott her empfangen hatten, auch in der Welt Ernst machen.
Name
Um den Vorurteilen der Gesellschaft gegenüber Gestrauchelten zu begegnen, wählte Lataste als biblisches Beispiel für Sühne, Vergebung und Wiederaufnahme in die Gesellschaft das Geschwisterpaar Maria und Martha von Bethanien. Die Bibelauslegung (Exegese) der damaligen Zeit sah in Maria von Bethanien die Sünderin, die nach der Begegnung mit Jesus wieder ein ehrbares Leben führte. Für Pater Lataste war klar, dass sie nach ihrer Bekehrung zu ihrer geachteten Schwester zurückkehrte und dort mit ihr lebte. Ebenso sollten die Frauen in der Gemeinschaft, die er gründen wollte, miteinander leben. Er wählte deshalb als Ordensnamen die Bezeichnung Dominikanerinnen von Bethanien.
Entwicklung
Seit der Gründung haben sich bei den Bethanien-Dominikanerinnen zwei verschiedene Aktivitätsschwerpunkte herausgebilde. Die Konvente, die sich vorrangig an der Lebensweise Vorstellungen der ursprünglichen, französischen Gemeinschaften orientieren, leben eher kontemplativ, d. h. dem Gebetsleben geweiht. Sie werden heute Dominikanerinnen von Bethanien-Montferrand genannt. Konvente, deren Mitglieder ihre Berufung vor allem in der Kinder- und Jugendhilfe sehen, nennt man Dominikanerinnen von Bethanien-Venlo. Im Ersten Weltkrieg flüchteten deutsche Ordensschwester ais dem in französischen Mutterhaus in Montferrand und gründeten einen niederländisch-deutschen Zweig mit dem Generalat in Venlo. Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen sie als Antwort auf die Not der Zeit, Kinderdörfer und andere Jugendhilfeeinrichtungen zu bauen. Heute pflegen beide Gemeinschaften engen Kontakt miteinander. 2012 feierten sie gemeinsam die Seligsprechung von Pater Lataste und 2016 das 150-jährige Jubiläum des Gründungstages in Frankreich.[4]
Aktivitäten in den Niederlanden und Deutschland
Anfang des 20. Jahrhunderts schlossen sich auf Initiative von Willigis Erren (1871–1944), seinerzeit Prior des Dominikanerkonvents Berlin, etwa 20 Frauen aus Deutschland dem Konvent in Montferrand-le-Château an. Kriegsbedingt flohen diese im August 1914 in die Niederlande nach Venlo, wo Willigis Erren das Amt des Priors übernommen hatte. Er ermöglichte den Geflüchteten die Neugründung eines Dominikanerinnenkonvents, der 1925 vom zuständigen Bischof von Roermond offiziell anerkannt wurde. Auf diese Weise entstand zusätzlich zu der französischen Kongregation die Gemeinschaft der Dominikanerinnen von Bethananien-Venlo.
Ab 1934 widmete sich der Konvent auf Initiative des niederländischen Justizministeriums hin der Resozialisierung ehemaliger weiblicher Strafgefangener.[5] In den folgenden Jahren wurden zunehmend Mädchen aus schwierigem sozialem Umfeld zu den Schwestern geschickt. Hieraus entwickelte sich der Arbeitsschwerpunkt Kinder- und Jugendhilfe. Es entstand die Idee der Bethanien Kinder- und Jugenddörfer, für die der Orden heute in Deutschland bekannt ist. Ergänzend wurden Programme für pädagogische Ausbildungsangebote entwickelt.
Das Kinderdorf-Konzept brachten die Schwestern Anfang der 1950er Jahre mit nach Deutschland.
Standorte
In den Niederlanden leben die meisten Dominikanerinnen in Haelen bei Roermond. Eine kleine Gemeinschaft befindet sich in Delft.
In Deutschland existieren fünf Konvente, und zwar in Schwalmtal, Bergisch Gladbach, Bonn und Meckenheim. Zwei davon liegen auf Geländen von Kinder- und Jugenddörfern: der Konvent Jean-Joseph Lataste im Bethanien Kinderdorf Schwalmtal, der Konvent St. Albert im Bethanien Kinderdorf Bergisch Gladbach.[6]
1995 eröffnete der niederländisch-deutsche Zweig eine Niederlassung im Stadtteil Bieriņi von Riga (Lettland).[7][8] Sie bestand bis 2023.[9][10]
Literatur
- Jean-Marie Gueullette: Jean-Joseph Lataste. Apostel der Gefängnisse (= Dominikanische Quellen und Zeugnisse. Bd. 15). St. Benno-Verlag, Leipzig 2010, ISBN 978-3-7462-3007-8.
- Anatol Feid, Florian Flohr: Frohe Botschaft für die Gefangenen. Leben und Werk des Dominikaners Jean-Joseph Lataste. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1978, ISBN 3-7867-0694-8.
Weblinks
- Homepage der Dominikanerinnen von Bethanien Deutschland incl. PDF-Zeitschrift zum Download
- Homepage der Bethanien Kinderdörfer
- Homepage der Dominikanerinnen von Bethanien von Venlo
- Homepage der Dominikanerinnen von Bethanien von Montferrand (französisch)
- Homepage zur Seligsprechung von Jean Joseph Lataste (französisch)
Einzelnachweise
- ↑ Geschichte der Dominikanerinnen. In: Dominikanerinnen von Bethanien. Abgerufen am 21. November 2025.
- ↑ Hanna Rita Laue: Stichwort Bethanien. In: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft. Band 55, Nr. 3. Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2014, S. 98–101 (wort-und-antwort.de [PDF]).
- ↑ Manuel Merten: Zukunft – inmitten von Brüchen und Umbrüchen. Die Dominikanerinnen von Bethanien. In: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft. Band 55, Nr. 3. Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2014, S. 102–107 (wort-und-antwort.de [PDF]).
- ↑ 150 Jahre Dominikanerinnen von Bethanien. 8. August 2016, abgerufen am 22. November 2025 (deutsch).
- ↑ Dominicanessen van Bethanië | Dominicanen. Abgerufen am 22. November 2025.
- ↑ Unsere Standorte. In: Dominikanerinnen von Bethanien. Abgerufen am 22. November 2025.
- ↑ Betānijas dominikāņu māsas (lettisch), abgerufen am 22. Juli 2015.
- ↑ Mut zur Solidarität bewiesen. Dominikanerinnen von Bethanien gründeten Kloster in Riga. In: Rheinische Post. Februar 1996.
- ↑ Verabschiedung. In: Bonifatiusblatt, Jg. 164 (2020), Heft 3 (September – Dezember), S. 5.
- ↑ Abschied von Riga. In: Dominikanerinnen von Bethanien in Deutschland e.V. (Hrsg.): Sichtwechsel. Band 37, 2023-02. Schwalmtal 2023 (bethanien-op.org [PDF]).