Der Papagei (101 Nacht)

Der Papagei ist eine Geschichte aus Hundertundeine Nacht (→ Hundertundeine Nacht – Liste der Geschichten, HEN 17), dem kleinen Schwester-Werk von Tausendundeine Nacht. Sie ist eine Binnengeschichte in Der Königssohn und die sieben Wesire (HEN 14). Die Geschichte ist eine Variation der Tausendundeine Nacht-Geschichten Der Kaufmann mit dem Papagei (ANE 11) und Der Kaufmann, seine Frau und der Papagei (ANE 183).

In der Geschichte will ein Ehemann mit Hilfe eines sprechenden Papageis die Treue seiner Gattin kontrollieren.

Handlung

Es war einmal ein sehr eifersüchtiger Mann, der eine sehr schöne Frau hatte. Aus Eifersucht vermied er es, auf Reisen zu gehen und kaufte einen Papagei, dem er das Sprechen beibrachte und einschärfte, dass er nichts verschweigen dürfe. Kurz nachdem der Mann auf Reise gegangen war, nahm sich die Frau einen Liebhaber, was der Papagei beobachtete.

Kaum war der Mann von seiner Reise zurückgekehrt, befragte er den Papagei, der ihm alles erzählte. Fortan zog sich der Mann von seiner Frau zurück und schlief nicht mehr mit ihr. Die Frau glaubte, ihre Dienerin habe sie an ihren Mann verraten. Die Dienerin wies die Vorwürfe zurück und hegte vielmehr den Verdacht, dass es der Papagei war, der es dem Mann verraten hatte.

In der nächsten Nacht trat die Frau zum Papagei und fing an, durch ein Sieb Wasser auf ihn zu sprühen. Dazu schwenkte sie einen indischen Spiegel, und die Dienerin kurbelte gleichzeitig die Mühle, bis es Morgen wurde. Am Morgen kam der Mann wieder zu dem Papagei und fragte ihn, was er in der letzten Nacht gesehen habe. Der Papagei sagte, dass es in der vergangenen Nacht heftig geblitzt und gedonnert habe.

Daraufhin glaubte der Mann, dass der Papagei ihm nur Unsinn erzählte, ließ ihn aus dem Käfig, zertrümmerte diesen und versöhnte sich mit seiner Frau.

Unterschiede zu den Tausendundeine Nacht-Geschichten

Die Geschichte ist eine Variation einer Erzählung, die in zwei Varianten bereits in Tausendundeine Nacht existiert (Der Kaufmann mit dem Papagei (ANE 11) und Der Kaufmann, seine Frau und der Papagei (ANE 183)). Alle drei Varianten unterscheiden sich nicht im grundsätzlichen Ablauf, jedoch in den Details. Im Falle der Hundertundeine Nacht-Version verläuft sie für den Vogel und die Ehefrau weitaus glücklicher.

Hintergrund

Papageien haben im Erzählgut oft erotischen Bezug. Als Reittier des indischen Liebesgotts Kamadeva verrät er in Liebesgeschichten Geheimnisse. Im Papageienbuch (Tuti nameh) hält er die Frau vom Ehebruch ab.[1] In europäischen Märchen sind Papageien naturgemäß selten. Doch auch bei Étienne de Bourbon entlarvt er einen flirtenden Knecht, und in einem anderen Exempel lässt die untreue Frau ihn töten.[2] Hedwig von Beit nennt den Papagei – nach C. G. Jung – ein Bild der Rätselhaftigkeit des aus dem Unbewussten redenden Geists.[3]

Für ihre Übersetzung griff die deutsche Arabistin Claudia Ott auf das Aga-Khan-Manuskript aus dem Jahr 1234 zurück, es ist die älteste erhaltene Handschrift der Geschichten aus Hundertundeine Nacht.[4] Hier findet sich die Geschichte in der 60.–61. Nacht.[5]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Ulrich Marzolph, Richard van Leeuwen, Hassan Wassouf: The Arabian Nights Encyclopedia. ABC-Clio, Santa Barbara 2004, S. 226.
  2. Rainer Wehse: Papagei. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 10. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2002, S. 520–526.
  3. Hedwig von Beit: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». Francke, Bern 1956, S. 627.
  4. Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012, S, 241.
  5. Claudia Ott: 101 Nacht, Manesse Verlag, Zürich 2012 S. 149 f.