Das Lied des Propheten

Das Lied des Propheten ist ein dystopischer Roman des irischen Schriftstellers Paul Lynch, der 2023 als Prophet Song bei Oneworld Publications in London herauskam und 2024 in der Übersetzung von Eike Schönfeld bei Klett-Cotta in Stuttgart erschien. Das Buch zeichnet das Porträt einer Familie, die unerwartet dem Terror eines faschistischen Regimes ausgesetzt ist. Paul Lynch wurde für den Roman mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Inhalt

Das Buch hat neun Kapitel, innerhalb der Kapitel gibt es nur durchgängigen Text, seitenlange Blöcke, keine Absätze. Auch auf Anführungszeichen verzichtet Lynch.

Dem Text sind zwei Motti vorangestellt[1]:

Was ist’s, das geschehen ist? Eben, das hernach geschehen wird.
Was ist’s, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird;
und geschieht nicht Neues unter der Sonne.
–Prediger, 11,9
In den finsteren Zeiten,
Wird da auch gesungen werden?
Da wird auch gesungen werden.
Von den finsteren Zeiten.
Bertolt Brecht

In Lynchs Dystopie ist die Herrschaft in der Republik Irland von einer faschistischen Partei übernommen worden, der National Alliance Party (NAP). Ihr Regime wird auf Basis von Notverordnungen durch den allgegenwärtigen Geheimdienst Garda National Service Bureau (GNSB) abgesichert. Historische und politisches Hintergründe dieses Zustandes werden im Roman nicht erläutert.

Hauptfigur ist die Wissenschaftlerin Eilish Stack. Sie ist mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft, Larry Stack, verheiratet. Das Paar hat vier gemeinsame Kinder, darunter ein wenige Monate alter Nachkömmling. Eine weitere Nebenhauptperson ist Eilishs allein lebender Vater, der sich im Anfangsstadium einer Demenz befindet.

Schon früh in der Handlung verschwindet Larry, Organisator einer Demonstration gegen die Regierung, nach einer Verhaftung durch das GNSB. In der weiteren Handlung taucht er nicht mehr als Person auf, nur noch als permanenter Gedanke seiner Frau. Später verschwindet auch Mark, der bald 18-jährige älteste Sohn der Stacks. Als er zur Armee eingezogen werden soll, geht er in den Untergrund, dort schließt er sich nach einiger Zeit den Bürgerkriegsrebellen an und ist für Eilish nicht mehr erreichbar. Auch er bleibt stets in ihren Gedanken präsent.

Während die gewohnte bürgerliche Ordnung zerfällt, versucht Eilish mit ihren Kindern und ihrem hinfälligen Vater ein halbwegs geordnetes Familienleben aufrechtzuerhalten. Das wird von Tag zu Tag schwieriger, die Gesellschaft spaltet sich in Anhänger des Regimes und ihre aktiven und passiven Gegner. Alte Freunde und Kollegen zeigen sich nun mit dem Parteiabzeichen der NAP am Revers. Eilish wird entlassen und gemobbt, bei Lebensmitteleinkäufen wird sie nicht bedient. Die Infrastruktur bricht zusammen, Wasser- und Stromversorgung fallen aus. Ein Bürgerkrieg bricht aus. Bomben werden auf Stadtviertel vermeintlicher Regimegegner abgeworfen, später auf die ganze Stadt. Auf den Straßen liegen Leichen, die Zeichen von Folter tragen.

Ihre in Kanada lebende Schwester bietet Eilish, den Kindern und dem Vater Zuflucht an. Doch die lehnt ab, will auf ihren Mann und ihren ältesten Sohn warten und hofft, die internationale Gemeinschaft würde eine Lösung für Irland aushandeln. Außerdem müsse der demente Vater in der gewohnten Umgebung bleiben, sonst habe er gar keinen gedanklichen Halt mehr.

Erst als Eilish einen weitern schrecklichen Verlust erleiden muss, ist sie bereit zur Flucht. Doch inzwischen ist keine reguläre Ausreise mehr möglich. Flucht ist nur noch über das Meer nach Schottland oder England möglich. Ob sie Eilish und den ihren gelingt, wird nicht erzählt. Das Ende bleibt offen.

Rezeption

Für Prophet Song erhielt Lynch 2023 den Booker Prize. Die Jury nannte den Roman einen mutigen und anregenden Triumph des emotionalen Erzählens, der mit großer Lebendigkeit die sozialen und politischen Ängste unserer Zeit einfange.[2]

Markus Gasser meint in seiner Rezension für die Neue Zürcher Zeitung, Das Lied des Propheten ziehe uns existenziell in Mitleidenschaft wie kaum ein Werk dieser Zeit: „Es hat nur einmal in einem Jahrhundert einen Franz Kafka gegeben; und in diesem gibt es nur einen Paul Lynch.“[3]

Sigrid Löffler urteilt bei Deutschlandfunk Kultur, das Buch rüttle die Leser aus der Komfortzone und mache Schluss mit der beruhigenden Versicherung westlicher Demokratien, totalitäre Umstürze gebe es nur anderswo und Faschismus sei eine Sache der Vergangenheit.[4]

Jana Volkmann (der Freitag) erinnert, dass der Krieg in Syrien Lynch dazu veranlasst habe, die Arbeit am Roman zu beginnen. Das Lied des Propheten sei also beileibe nicht nur als Warnung vor so einer dystopischen Zukunft zu verstehen – „sondern auch als Aufruf zur Empathie mit denen, die bereits jetzt und längst in dieser Wirklichkeit leben.“[5] Auch Michael Wolf (die Tageszeitung) betont, dass das Buch eine „Aufforderung zur Empathie“ sei. Dublin sei als Ort der Handlung gewählt worden, weil sich Europäer offenbar nur dann für Flucht und Vertreibung interessierten, wenn sie diese Themen auf ihre eigenen Länder und Gesellschaften beziehen können.[6]

Dem Rezensenten der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, geht Lynchs Erzählweise mit der Zeit etwas auf die Nerven. „Nicht jeder, der absatzlos schreibt, Anführungszeichen scheut oder den innermonologischen Gedankenstrom fließen lässt, ist James Joyce, (...)“ Zudem wirke das Buch, vor allem in der zweiten Hälfte, wie die Vorlage eines Drehbuchs für eine Netflix-Serie.[7] Auch Gina Thomas (Frankfurter Allgemeine Zeitung) bemängelt die literarische Qualität des Romans: Anfangs ziehe Lynch den Leser mit der Bildhaftigkeit der Sprache in den Sog. Doch dann wiederholten sich die Bilder: „Immer wieder gesichtslose Menschen, dunkle Schatten und die Erfahrung, sich unvertraut im Spiegel zu sehen.“[8]

Ausgaben

  • Paul Lynch: Prophet Song, Oneworld Publications, London 2023, ISBN 978-0-861-54645-9 (Hardback).
  • Paul Lynch: Prophet Song, Oneworld Publications, London 2024, ISBN 978-0-861-54589-6 (Paperback).
    • Paul Lynch: Das Lied des Propheten. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Klett-Cotta, Stuttgart 2024, ISBN 978-3-608-98822-2 (Festeinband).
    • Paul Lynch: Das Lied des Propheten. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Klett-Cotta, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-608-98887-1 (Taschenbuch).

Einzelnachweise

  1. Paul Lynch: Das Lied des Propheten. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Klett-Cotta, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-608-98887-1 (Taschenbuch), S. 7.
  2. „Dieses Buch war nicht leicht zu schreiben“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. November 2023.
  3. Markus Gasser: Wenn man um sein Leben liest. In: Neue Zürcher Zeitung, 6. Juli 2024.
  4. Sigrid Löffler: Politischer Weckruf. In: Deutschlandfunk Kultur, 13. Juli 2024 (Online, PDF).
  5. Jana Volkmann: „Das Lied des Propheten“ von Paul Lynch. Irland – plötzlich so eine Art Diktatur. In: der Freitag, 30. Juli 2024.
  6. Michael Wolf: Ganz schnelle Zerstörung. In: die Tageszeitung, 6. September 2024.
  7. Kurt Kister: Der Spiegelvorhalter. In: Süddeutsche Zeitung 23. Juli 2024.
  8. Gina Thomas: Direkte Rede empfindet er als Perversion. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Januar 2025.