Daniel Rufeisen

Daniel Rufeisen (* 29. Januar 1922[1] in Zadziele bei Żywiec[2] als Shmuel Oswald Rufeisen; † 1. Juli 1998[3] in Haifa) war ein jüdischer Widerstandskämpfer im besetzten Polen. Er rettete zahlreiche jüdische Menschen, überlebte seine Hinrichtung, weil Nonnen ihn in ihrem Kloster versteckten, und wurde später als christlicher Karmelit und Ordenspriester tätig.

Leben im Widerstand

Oswald Rufeisen wuchs in einer atheistisch-sozialistisch eingestellten jüdischen Familie im südostpolnischen Ort Zadziele auf. In seiner Familie wurde Deutsch gesprochen. Schon früh schloss er sich einem Kibbuz der jüdischen Jugendorganisation Akiva an, wo Jugendliche für die Auswanderung (Alija) nach Palästina vorbereitet wurden.[4][5]

Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach und deutsche Truppen Polen überfielen, flohen große Teile der jüdischen Jugendorganisationen in den Osten. Einige wollten von dort aus auswandern, andere sich der polnischen Armee anschließen. Rufeisen floh mit seinem jüngeren Bruder nach Vilnius in Litauen. Während sein Bruder von der Jugendorganisation nach Palästina gebracht werden konnte, kam Oswald Rufeisen im Vilnaer Ghetto unter.[4] Die Eltern der beiden Brüder, die zurückgeblieben waren, wurden kurze Zeit später im Konzentrationlager Auschwitz-Birkenau ermordet.[6]

Als die deutschen Truppen weiter nach Osten vorrückten, kam es auch in Litauen zu Verschleppungen und Massenmorden an den dort lebenden Juden. 1941 floh Rufeisen daher weiter nach Osten bis nach Mir in Belarus. Da er akzentfrei Deutsch sprach, ließ er sich mit gefälschten Papieren als ethnisch deutscher Pole (sogenannter Volksdeutscher) registrieren. Dank seiner guten deutschen Sprachkenntnisse erhielt er eine Stelle als Dolmetscher für die Polizei im deutsch besetzten Gebiet (Generalkommissariat Weißruthenien). Gleichzeitig hielt er engen Kontakt zu den jüdischen Partisanen, die er regelmäßig über die Pläne der Deutschen informierte und mit Waffen versorgte.[7]

Am 13. August 1942 plante die Gestapo die Ermordung der gesamten jüdischen Bevölkerung des Ghettos im Schloss Mir. Oswald Rufeisen, der von den Plänen wusste, lockte die Soldaten mit einer falschen Partisanenmeldung fort und warnte die Ghettebewohner vor der bevorstehenden Vernichtung. Dank seiner Warnung konnten mehr als dreihundert Bewohner des Ghettos in die Wälder fliehen. Rufeisen selbst wurde denunziert, verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt.[8] Unmittelbar vor seiner Hinrichtung gelang ihm jedoch die Flucht. Christliche Nonnen nahmen ihn auf und versteckten ihn in ihrem Nonnenkloster. Dort las er im Neuen Testament, beschloss Christ zu werden und ließ sich taufen. Später schloss er sich den Partisanen an.[5][4]

Leben nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Oswald Rufeisen als Postulant bei den Karmeliten ein und erhielt zur Einkleidung den Ordensnamen Daniel Maria. 1952 wurde Daniel zum Priester geweiht. Sieben Jahre später ging er im Auftrag des Ordens als Seelsorger nach Israel. Sein jüngerer Bruder Arie, der in Palästina überlebt hatte, hatte dort nach dem dem Krieg die polnische jüdische Widerstandskämpferin Hela Schüpper geheiratet.

Obwohl Oswald Rufeisen Ordenspriester war, beantragte er aufgrund seiner jüdischen Herkunft und unter Berufung auf das Rückkehrgesetz die israelische Staatsbürgerschaft, die ihm jedoch verwehrt wurde. Seine 1962 angestrengte Klage vor dem Obersten Gericht Israels blieb erfolglos; in ihrem mehrheitlichen Grundsatzurteil entschieden die Richter, wer einer anderen Religion angehöre, könne kein Jude sein.[9] Dennoch wurde ihm bald darauf in Anerkennung seines selbstlosen Einsatzes für das jüdische Volk die israelische Staatsbürgerschaft gewährt. Pater Daniel hörte auch als Christ nie auf, sich als Teil des jüdischen Volkes zu fühlen.[7]

In Israel betreute er zunächst eine Gemeinde, die überwiegend aus polnischen Katholiken bestand, die mit Juden verheiratet waren. Daneben arbeitete er als Fremdenführer. Schon vor dem zweiten vatikanischen Konzil begann Pater Daniel damit, die Gottesdienste in der Landessprache zu feiern. Die Gemeinde der hebräisch sprechenden Christen in Haifa entstand zusätzlich zu derjenigen arabischer Christen. Zudem verstand sie sich in der Tradition der Jerusalemer Urgemeinde, die aus dem jüdischen Glauben heraus entstanden ist.

Unterstützt wurde Pater Daniel in der Gemeindeleitung durch die aus Münster stammende Pastoralreferentin Elisheva (Elisabeth) Hemker. Sie gab auch 1978 den Anstoß zur Einrichtung eines Altenwohnheimes in Nahariya. Hier sollte eine geistliche Heimat für die altgewordenen Mitglieder der Gemeinde entstehen. Viele der Bewohner hatten ihren jüdischen Angehörigen in den Zeiten der Verfolgung geholfen und waren nun selbst auf Hilfe angewiesen.[10]

Eine langjährige Freundschaft hielt Rufeisen auch zu Wilhelm Bruners. Dieser hat die zahlreichen Gespräche unter anderem in seinem noch in Israel entstandenen Text Gespräch über Gott verarbeitet.[11]

In der Filmdokumentation Endlösung, die als Ergänzung zu der Fernsehserie Holocaust entstand, berichtet Daniel Rufeisen als einer der Protagonisten über die Vernichtung der Juden in Polen.[12]

Gedenken

Kurz nach dem Tod Pater Daniels wurde der Bau einer Seniorenwohnanlage in Haifa beendet, die nun seinen Namen trägt.[10] Auch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland benannte ein Tagungshaus nach Daniel Rufeisen.[13]

Die russische Schriftstellerin Ljudmilla Ulitzkaja wirdmete dem Schicksal Daniel Rufeisens unter dem Pseudonym „Daniel Stein“ einen Roman.[14][15]

Literatur

in der Reihenfolge des Erscheinens

  • Dieter Corbach: Daniel Oswald Rufeisen, der Mann aus der Löwengrube (= Spurensuche jüdischen Wirkens, Bd. 3). Scriba-Verlag, Köln 1989, ISBN 3-921232-41-4; 2., erweiterte Aufl. 1993, ISBN 3-921232-44-9.
  • Nechama Tec: In the lion’s den. The life of Oswald Rufeisen. University Press, Oxford 1990, ISBN 0-19-503905-X.
  • Hans Hermann Henrix: In memoriam: Daniel Rufeisen (1922–1998): Zionist, Karmelit und Seelsorger. In: Freiburger Rundbrief, Neue Folge, Jg. 6 (1999), S. 62.
  • O. Daniel Maria Rufeisen OCD: Połknąłem haczyk Królowej Karmelu. Autobiografia. Wydawnictwo Karmelitów Bosych, Kraków 2001, ISBN 83-7305-001-9.
  • Art. Mir. In: Guy Miron (Hrsg.): The Yad Vashem encyclopedia of the ghettos during the Holocaust. Yad Vashem, Jerusalem 2009, ISBN 978-965-308-345-5, S. 484f.
  • Ljudmila Ulizkaja: Daniel Stein. München 2009, ISBN 978-3-446-23279-2 (Roman über die Lebensgeschichte Rufeisens).
  • Literatur von und über Daniel Rufeisen im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  • Emma O’Donnell: Jewish-Christian Identities in Conflict: The Cases of Fr. Daniel Rufeisen and Fr. Elias Friedman. Merrimack College, North Andover (USA) 2021, https://doi.org/10.3390/rel12121101.

Einzelnachweise

  1. Dieter Corbach: Daniel Oswald Rufeisen, der Mann aus der Löwengrube. Scriba-Verlag, Köln, 2. Aufl. 1993, S. 172.
  2. Dieter Corbach: Daniel Oswald Rufeisen, der Mann aus der Löwengrube. Scriba-Verlag, Köln, 2. Aufl. 1993, S. 14.
  3. Hans Hermann Henrix: In memoriam: Daniel Rufeisen (1922–1998): Zionist, Karmelit und Seelsorger. In: Freiburger Rundbrief, Neue Folge, Jg. 6 (1999), S. 62.
  4. a b c deutschlandfunk.de: Die Überlebens- und Glaubenskämpfe des Daniel Stein. 12. April 2009, abgerufen am 28. Dezember 2025.
  5. a b Gedenkstätte Stille Helden: Biographie Oswald Rufeisen. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
  6. Überblendete Wirklichkeit. In: Frankfurter Rundschau. 27. Januar 2019, abgerufen am 12. Januar 2026.
  7. a b Shmuel Oswald Rufeisen (1922–1998), Brother Daniel. Archiviert vom Original am 21. Juni 2025; abgerufen am 28. Dezember 2025 (englisch).
  8. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 8: Sowjetunion mit annektierten Gebieten II: Generalkommissariat Weißruthenien und Reichskommissariat Ukraine. Bearbeitet von Bert Hoppe, Imke Hansen und Martin Holler. de Gruyter Oldenbourg, Berlin 2016, ISBN 978-3-486-78119-9, S. 366–368, Dok. 8/154: „Der Leiter des Gendarmerie-Postens in Mir berichtet am 20. August 1942 über Oswald Rufeisen, der die örtlichen Juden vor dem bevorstehenden Massaker gewarnt hatte.“
  9. Renee Ghert-Zand: When the Law of Return does not apply to a Holocaust survivor. In: The Times of Israel. 16. September 2014, ISSN 0040-7909 (timesofisrael.com [abgerufen am 28. Dezember 2025]).
  10. a b deutschlandfunk.de: Die Überlebens- und Glaubenskämpfe des Daniel Stein. 12. April 2009, abgerufen am 28. Dezember 2025.
  11. Wilhelm Bruners: Niemandsland. Gott. Innsbruck: Tyrolia-Verlag 2015, S. 52–54.
  12. Bundeszentrale für politische Bildung: Endlösung. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
  13. Pater-Daniel-Haus Grundhof - nordkirche.de. Abgerufen am 28. Dezember 2025.
  14. Ljudmila Ulitzkaja: Daniel Stein. Roman - Perlentaucher. Archiviert vom Original am 22. Februar 2024; abgerufen am 28. Dezember 2025.
  15. Daniel Stein (Roman) - дekoder | DEKODER. Abgerufen am 28. Dezember 2025 (deutsch).