Dachziegelige Siegwurz

Dachziegelige Siegwurz

Dachziegelige Siegwurz (Gladiolus imbricatus)

Systematik
Klasse: Bedecktsamer (Magnoliopsida)
Monokotyledonen
Ordnung: Spargelartige (Asparagales)
Familie: Schwertliliengewächse (Iridaceae)
Gattung: Gladiolen (Gladiolus)
Art: Dachziegelige Siegwurz
Wissenschaftlicher Name
Gladiolus imbricatus
Linné, 1753

Die Dachziegelige Siegwurz oder Wiesen-Siegwurz (Gladiolus imbricatus) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Gladiolen innerhalb der Familie der Schwertliliengewächse.

Beschreibung

Die Dachziegelige Siegwurz ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die als Knolle (Geophyt, 1-2 cm Durchmesser) überwintert. Die ausgewachsene Pflanze kann Wuchshöhen von 30 bis über 100 cm erreichen, mit Laubblättern die kürzer sind als der Stängel, einfach, parallelnervig, schwertförmig und über 10 Millimeter breit. Sie blüht dekorativ rosa-lila im einseitigen Blütenstand von Juni bis Juli, je nach Standort. Die Bestäubung geschieht durch Insekten, insbesondere Bienen und Hummeln. Die relativ schweren, geflügelten Kapselfrüchte (~1,7 mg) reifen ein bis zwei Monate nach der Blüte, von Ende Juli bis September. Die Früchte haben exzellente Schwimmeigenschaften (im Laborversuch bis zu 50 % schwimmen noch nach 30 Tagen[1]) und werden über Hydrochorie oder auf Weiden auch über Zoochorie verbreitet. Eine Pflanze kann 200-400 Früchte produzieren und die Samen erfordern eine Kälteperiode von mehreren Monaten um bei steigenden Temperaturen im Frühjahr zu keimen[2]. Klonen (vegetative Vermehrung) ist eine zusätzlich vorkommende Form der Fortpflanzung bei der die je nach Quelle seltener[3] oder häufiger[1] ist als die Vermehrung über Samen. Die kritischste Phase ist die Etablierung der Keimlinge. Obwohl die Keimung selbst kein Licht benötigt, ist für ihr Überleben notwendig, dass die Streuauflage nicht zu dicht ist und die Vegetation viel Licht durchlässt. Die Keimlinge im ersten Jahr sind sehr kurzlebig und haben nur ein einzelnes Blatt für wenige Woche. Im zweiten Jahr kann die Art bereits zwei Laubblätter bilden und ab dem dritten Jahr ist die Blüte möglich[3]. Die ausgewachsene Pflanze ist im Gegensatz zu den Keimlingen ausdauern und konkurrenzstark, auch ist sie in der Lage, bei hoher umgebender Vegetation ihre Wuchshöhe anzupassen. Wenn dieser Zustand allerdings zu Lange andauert und ehemals bewirtschaftete Wiesen oder Weiden von Büschen oder Schilf überwachsen werden, verschwindet auch die Dachziegelige Siegwurz[4].

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 60, wie auch bei der Sumpf-Siegwurz[5].

Bestimmung

Unterscheidung der in Deutschland heimischen Gladiolus Arten (übernommen von[1]):

Merkmal G. communis G. imbricatus G. palustris
Blattbreite > 10 mm > 10 mm < 10 mm
Gesamthöhe 50 - 100 cm 30 - 80(100)cm 30 - 60 cm
unterstes Stängelblatt spitz (?) stumpf spitz
Blütenanzahl 5-10-20 (3)-6-12 2-6
Infloreszenz (Blütenstand) ± 2-zeilig einheitswendig allerseitswendig
Knolle Fasern parallel (?) Fasern parallel Fasern netzartig

Vorkommen

Die Art ist heimisch in Zentral- und Osteuropa, dem Mittelmeerraum, dem Kaukasus und Westsibirien[6]. G. imbricatus ist in der planaren und montanen Stufe verbreitet, in den Beskiden bis ins höhere Vorgebirge. Die Dachziegelige Siegwurz bevorzugt wechselfeuchte Standorte (Stichwort: Mesophyt) und kalkfreie, magere bis nährstoffreiche Böden. Dementsprechend häufig ist die Pflanze in Überschwemmungswiesen (auch bekannt als Auenwiesen) sowie in leicht salzbeeinflussten Küstenwiesen, und sie kommt auch an lichten Waldrändern von sich anschließenden Kiefer-Birken-Küstenwäldern vor. Aufgrund des Lichtbedarfs zur Keimung kommt diese Wiesen-Art kaum in Wäldern, sondern hauptsächlich auf Offenlandstandorten vor[7].

In Deutschland

In Deutschland ist die Dachziegelige-Siegwurz vom Aussterben bedroht[6][8]. Vor dem 21. Jahrhundert sind aus Deutschland Funde aus dem Osten Brandenburgs, aus der Umgebung von Erfurt in Thüringen und aus der sächsischen Oberlausitz bekannt[9]. Die drastische Verringerung der Fundorte über die vergangenen Jahrzehnte hängt stark mit dem Landnutzungswandel zusammen. Extensiv genutzte Feuchtwiesen und -weiden wurden vielfach aufgegeben oder die Bewirtschaftung wurde intensiviert. Folglich kommt die Art in Deutschland aktuell nur noch an einem Fundort in Thüringen und an mehreren Fundorten in der Oberlausitz in Sachsen vor[7][10].

In Europa

Ihr vermutlich größtes Vorkommen hat die Wiesen-Siegwurz in den Küstenwiesen des Luitemaa Naturschutzgebietes in Südwest Estland. Des Weiteren sind Populationen in Deutschland, der Schweiz, Polen, Tschechien, Lettland, der Ukraine, Weißrussland, Russland, Rumänien [...] beobachtet.

Taxonomie

Die Erstveröffentlichung von Gladiolus imbricatus erfolgte durch Carl von Linné 1753. Der Gattungsname Gladiolus ist vom lateinischen Wort gladius für Schwert und das Artepitheton imbricatus bedeutet im lateinischen soviel wie „wie Dachziegel sauber überlappend“. Dies rührt von dem ziegelartig angeordneten Blütenstand her und erklärt auch den Namen „Dachziegelige Siegwurz“.

Weitere Gladiolus-Arten in Zentraleuropa:

Die beiden Arten G. imbricatus und G. palustris können miteinander hybridisieren da sie nah miteinander verwandt sind. Da sie sich aber in Areal und Habitat weitestgehend unterscheiden können sie als vikariate Arten angesehen werden. Sie sind damit vergleichbar mit Nebelkrähe und Rabenkrähe, die sich auch hauptsächlich im Verbreitungsgebiet unterscheiden.

Einzelnachweise

  1. a b c Frank Richter: Zur aktuellen Situation von Gladiolus imbricatus in der sächsischen Oberlausitz. In: Berichte der Naturforschenden Gesellschaft Oberlausitz. Band 20, 2012, ISSN 0941-0627, S. 69–84.
  2. Elena Rakosy-Tican, Barna Bors und Ana-Maria Szatmari: In vitro culture and medium-term conservation of the rare wild species Gladiolus imbricatus. Band 11, Nr. 81. African Journal of Biotechnology, 2012, ISSN 1684-5315, S. 14703–14712.
  3. a b Mari Moora, Marika Kose, Ülle Jõgar: Optimal management of the rare Gladiolus imbricatus in Estonian coastal meadows indicated by its population structure. In: Applied Vegetation Science. Band 10. Wiley, 2007, S. 161–168.
  4. Marika Kose, Jaan Liira, Kadri Tali: Long-term effect of different management regimes on the survival and population structure of Gladiolus imbricatus in Estonian coastal meadows. In: Global Ecology and Conservation. Nr. 20. Elsevier, 2019, S. Artikel e00761.
  5. Z. Bolkhovskich, V. Grif, T. Matvejeva, O. Zakharyeva: Chromosome Numbers of Flowering Plants. In: A. Fedorov (Hrsg.): Academy of Sciences of USSR. V.L. Komarov Botanical Institute, Leningrad 1969.
  6. a b Hermann Meusel, Eckehart Jäger, Stephan Rauschert und Erich Weinert: Vergleichende Chorologie der Zentraleuropäischen Flora mit Kartenteil. Hrsg.: Hermann Meusel, Eckehart Jäger. Band 1, Teil 1. Gustav Fischer Verlag, 1965.
  7. a b Sabine Hänel, Frank Müller: Verbreitung, Vergesellschaftung und Ökologie der Wiesen-Siegwurz (Gladiolus imbricatus L.) in Sachsen. Band 39. Hercynia, 2006, S. 69–87.
  8. Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 7: Pflanzen. BfN-Schriftenvertrieb im Landwirtschaftsverlag, 2018, ISBN 978-3-7843-5612-9, doi:10.19213/904684 (bsz-bw.de [abgerufen am 8. Dezember 2025]).
  9. Dieter Benkert, Hermann Meusel, Franz Fukarek, Heiko Korsch: Verbreitungsatlas der Farn-und Blütenpflanzen Ostdeutschlands (Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen). Hrsg.: Dieter Benkert. Gustav Fischer Verlag, Jena / Stuttgart / Lübeck / Ulm 1996, ISBN 3-437-35066-8.
  10. Gladiolus imbricatus L. (Dachzieglige Siegwurz). In: FloraWeb. Bundesamt für Naturschutz, 2013, abgerufen am 11. Dezember 2025.