Conrad von Scharnachthal
Conrad von Scharnachthal, auch Konrad von Scharnachtal (* 1406; † Mai oder Juni 1472 in Thun), war ein Schweizer Pilger und Politiker.
Leben
Conrad von Scharnachthal entstammte einer Berner Patrizierfamilie und wurde als ältester Sohn von Heinzmann von Scharnachthal (* 1388; † 1470)[1] und dessen Ehefrau Jaquette († 1470), die Tochter von Jakob "Jacques Dives" Rych († 1395) aus Freiburg, geboren; er hatte vier leibliche Geschwister und aus den folgenden zwei Ehen seines Vaters noch weitere Halbgeschwister.
Zu seinen Cousins gehörten Niklaus von Scharnachthal und Caspar von Scharnachthal, die ihn nach seinem Tod auch beerbten. Seine Neffen waren Kaspar Effinger und Hans Rudolf von Luternau († um 1515)[2].
Er blieb zeit seines Lebens unverheiratet und war später Besitzer des Schlosses Oberhofen sowie des Scharnachthalhauses, das 1924 in Thun als Leisthof abgerissen wurde.[3][4]
Von früher Jugend an wurde Conrad von Scharnachthal am Hof des Herzogs Amadeus VIII. von Savoyen in Chambéry erzogen, wo er durch seinen Mut und seine Geschicklichkeit in ritterlichen Übungen die Aufmerksamkeit des Erbprinzen Ludwig von Savoyen erlangte, der ihn zu seinem vertrauten Schildknappen machte.
Zwischen 1433 und 1459 unternahm Conrad von Scharnachthal vier bis fünf ausgedehnte Reisen, die ihn quer durch Europa führten und ihm die Möglichkeit gaben, verschiedene Kulturen und Höflichkeiten kennenzulernen. Seine Reisen begannen 1433 mit einer Pilgerfahrt ins Heilige Land, ein beliebtes Ziel für viele Adelige seiner Zeit, das sowohl religiöse als auch persönliche Motive ansprach. Diese Reise war nicht nur eine spirituelle Erfahrung, sondern auch eine Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und sich im internationalen Raum zu bewegen.
Im Jahr 1437 und 1438 reiste Conrad von Scharnachthal an den französischen Hof, wo er am höfischen Leben teilnahm und sich mit den politischen und kulturellen Strömungen des Landes vertraut machte. Seine Teilnahme am Krieg in Frankreich dauerte mehrere Monate, in denen er unter anderem während des Hundertjährigen Kriegs die Belagerung von Montereau-Fault-Yonne durch Karl VII. im Jahr 1437 miterlebte. Anschliessend reiste er nach Paris und durchquerte das Innere des Königreichs, wobei er die bedeutendsten französischen Prinzen besuchte. Der Hof des Dauphin von Viennois, des späteren Ludwig XI., gefiel ihm besonders, und er erhielt verschiedene Empfehlungen und Gunstbriefe, die seinen Status und Einfluss festigten. Diese Zeit am französischen Hof könnte auch seine Sichtweise auf die Rolle der Adeligen und die Bedeutung von Diplomatie und Allianzen beeinflusst haben.
Nach dem Jahr 1440 unternahm Conrad von Scharnachthal eine bedeutende Reise nach Rhodos und Palästina. Sein Weg führte ihn vom savoyischen Hof durch Frankreich, entlang der Rhone zum Golfe du Lion. Von dort setzte er nach Sardinien über und reiste weiter über Sizilien und die Ionischen Inseln nach Rhodos. Dort nahm er unter dem Grossmeister Jean de Lastic an Kämpfen gegen den Sultan von Ägypten teil, was seinen Ruf als mutiger Ritter weiter festigte.
Von Rhodos wandte sich Conrad von Scharnachthal nach Zypern, wo er sich am Hof des Königs Johann II. aus dem Haus Lusignan aufhielt. In Begleitung des Grafen Johann von Neuenburg setzte er seine Reise nach Palästina fort und besuchte bedeutende Orte wie Nazareth, den Berg Tabor, Jericho, Bethlehem und Jerusalem. Nach seiner Rückkehr nach Rhodos reiste er weiter nach Achaja und Griechenland, bevor er durch das zentrale Italien zurückkehrte und über Städte wie Rom, Florenz, Bologna, Venedig und Mailand zurück in seine Heimat gelangte.
Kaum zurück in Bern, brach Conrad erneut zu einer Reise auf, diesmal in den Westen. Er durchquerte Frankreich und besuchte die Höfe der Gräfin Eleonore de Foix (siehe Eleonore (Navarra)) und ihres Vaters, Johann II. von Aragón, König von Navarra. Anschliessend reiste er an den Hof Johanns II. von Kastilien, wo er sich mit den dortigen Rittern an Turnieren beteiligte und den königlichen Schuppenorden (El colar del escama) erhielt.
Seine Reise führte ihn weiter nach Granada und Málaga, wo er an Turnieren der maurischen Ritterschaft teilnahm. Er begab sich zum Herzog von Medina-Sidonia Juan Alonso de Guzmán (1410–1468) und nahm an einem Kriegszug gegen die Mauren teil, bevor er seine Reise durch Sevilla und Portugal fortsetzte. Er besuchte die Wallfahrtsorte St. Jakob von Compostella und St. Maria, bevor er mit einer Flotte nach England weiter reiste.
In England wurde er am königlichen Hof empfangen und erhielt den Hosenbandorden. Seine Reise setzte er bis nach Schottland und Irland fort. Der Rückweg führte ihn durch die Nordsee nach Belgien, wo er in Seeland landete und die bedeutendsten Städte in Holland, Flandern und Brabant besuchte. Schliesslich gelangte er zum Hof Philipps des Guten von Burgund, wo er am 19. März 1447 zum Schildknappen und Stallmeister des Herzogs ernannt wurde.
Nach diesen Reisen erhielt Conrad von Scharnachthal von Herzog Ludwig von Savoyen die Zusage einer Anstellung mit einem jährlichen Einkommen von mindestens 100 Florin. Er erbat sich einen Urlaub von sechs Jahren für eine weitere grosse Reise nach Norden, Osten und Süden. Im Frühling 1447 machte er sich mit zahlreichen Empfehlungen auf den Weg durch die Niederlande, Lüttich und die Herzogtümer Jülich und Berg nach Köln, wo er vom Kurfürsten Theodorich (siehe Dietrich II. von Moers) empfangen wurde.
Seine Reisen führten ihn weiter ins Innere des deutschen Reiches, wo er die Fürsten von Bayern, Österreich, Braunschweig und andere besuchte. Er erreichte die Grenzen von Ungarn und Schlesien und kehrte dann über Süddeutschland nach Bern zurück.
Über die authentischen Zeugnisse seiner Reisen stellte der Herzog Ludwig eine Urkunde aus, die in Bern ins Deutsche übersetzt wurde und deren Echtheit von angesehenen Rittern wie Heinrich IV. von Bubenberg und Anton von Erlach bescheinigt wurde. Er legte Wert darauf, dass die einzelnen Stationen seiner Reisen jeweils urkundlich dokumentiert wurden. Die Urkunde des Herzogs Ludwig und eine andere, die König Heinrich VI. von England im Jahr 1447 über Conrad von Scharnachthals Reisen ausfertigen liess, befinden sich im bernischen Staatsarchiv.
Im Jahr 1458 bereiste Conrad von Scharnachthal das Heilige Römische Reich. Diese Reisen ermöglichten es ihm, Netzwerke zu knüpfen und seinen Einfluss über die Grenzen Berns hinaus zu erweitern.
Conrad von Scharnachthal blieb einige Zeit im Dienst des Herzogs, der ihn zum Ritter schlug und zu seinem Rat ernannte. Schliesslich, des Reisens müde, zog er sich in sein Heimatland zurück, wo er gewöhnlich in Bern oder Thun lebte. In Bern besass er ein Haus in der späteren unteren Marktgasse und in Thun das Haus „im Zinggen“. Seit 1464 war er Mitglied des Grossen Rates und teilte im Twingherrenstreit das Schicksal der weiteren beteiligten Adligen.
Literatur
- Conrad von Scharnachthal. In: Sammlung bernischer Biographien, 1. Band. Bern, 1884. S. 154–156 (Digitalisat).
- Conrad von Scharnachthal. In: Reich und Adel - Herrschaft und Volk. In: Hermann Hartmann: Berner Oberland in Sage und Geschichte. Bümpliz, Benteli; 1910–1913. S. 52–54 (Digitalisat).
- Konrad von Scharnachthal. In: Der Bund vom 25. Juli 1976. S. 17 (Digitalisat).
- Konrad von Scharnachthal. In: Der Bund vom 1. August 1976. S. 17 (Digitalisat).
- Georg Modestin: Conrad von Scharnachtal. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Einzelnachweise
- ↑ Historisches Familienlexikon der Schweiz - Familienübersicht. Abgerufen am 3. Oktober 2025.
- ↑ Hans Braun: Hans Rudolf Luternau. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 28. September 2017, abgerufen am 3. Oktober 2025.
- ↑ Ein verschwindendes Stück Alt-Thun. In: Oberländer Tagblatt. 1. September 1924, abgerufen am 3. Oktober 2025.
- ↑ Ein "städtischer Edelsitz" aus dem 15. Jahrhundert. In: Thuner Tagblatt. 26. November 1986, abgerufen am 3. Oktober 2025.