Caspar von Scharnachthal
Caspar von Scharnachthal, auch Kaspar von Scharnachtal (* 1416; † 1473), war ein bernischer Patrizier und Politiker.
Leben
Herkunft und familiäre Verbindungen
Caspar von Scharnachthal entstammte der einflussreichen Familie von Scharnachtal aus dem bernischen Herrschaftsgebiet. Sein Vater Franz von Scharnachthal († 1439)[1] hatte das Amt des Schultheissen von Thun inne, während seine Mutter Margarete (1400–1442), als die Tochter von Ulrich II., aus dem Geschlecht der Herren von Heidegg stammte. Diese doppelte Verankerung in bedeutenden Adelsfamilien verschaffte Caspar von Beginn an privilegierte Ausgangsbedingungen für seine spätere Laufbahn.
Die familiären Netzwerke erstreckten sich über mehrere Generationen und Seitenlinien. Er war der ältere Bruder des späteren Schultheissen von Bern Niklaus von Scharnachthal, der in den Burgunderkriegen zu grossem Ruhm gelangen sollte, sowie Cousin des Ritters Conrad von Scharnachthal. Diese verwandtschaftlichen Beziehungen waren im spätmittelalterlichen Bern von entscheidender Bedeutung, da politische Ämter und Einfluss weitgehend innerhalb etablierter Patrizierfamilien zirkulierten.
Sein Neffe war Hans Rudolf von Scharnachthal, der Sohn von Niklaus von Scharnachthal.
Caspar schloss seine erste Ehe mit Kunegund oder Küngold vom Stein, einer Tochter des Junkers Johann vom Stein, Herr zu Utzigen, und dessen Ehefrau Jonatha von Ringoltingen. Diese Verbindung mit dem Geschlecht vom Stein[2] war von besonderer Bedeutung, da es zu den einflussreichsten Patrizierfamilien Berns gehörte. Kunegund starb bereits vor Februar 1453, also noch während Caspars Amtszeit als Schultheiss von Thun; sie brachte die Herrschaft Blumenstein in die Ehe mit ein.[3]
Von seiner zweiten Gemahlin, Johanna von Rheinach, einer Verwandten des Schultheissen Rudolf Hofmeister, wurde er schon nach kurzer Ehe durch die bischöfliche Kurie zu Lausanne geschieden. Die Gründe für diese Scheidung sind nicht überliefert, doch zeigt der Umstand, dass sie durch die kirchliche Autorität erfolgte, dass rechtlich einwandfreie Verfahren eingehalten wurden.
Seine dritte und letzte Gattin war Bernata oder Perronetta von Villarzel († 1473), eine Tochter des Junkers Aymo von Lucens, aus einem reichen waadtländischen Geschlecht. Sie war zuvor mit dem Säckelmeister Petermann von Wabern verheiratet gewesen, einem der Mitkommandanten des Feldzugs von 1468; ihr Sohn war Petermann (III.) von Wabern († um 1491). Sie stiftete unter anderem 1471 ein Passionsfenster in der Kirche Hilterfingen[4], die unter dem damaligen Kirchherren Caspar von Scharnachtal erbaut worden war.[5]
Aus den beiden letzteren Ehen hinterliess Caspar keine Kinder. Von seiner ersten Ehefrau hingegen hatte er eine einzige Tochter, Barbara, welche um 1467 sich mit Niklaus von Diesbach und 1492 in zweiter Ehe mit Rudolf von Erlach verehelichte. Caspar setzte sie testamentlich zur Haupterbin ein. Durch diese Heirat gingen die umfangreichen Besitzungen der Scharnachthal, einschliesslich der Herrschaft Brandis, an die Familie von Diesbach über.
Frühe Jahre und politische Karriere im Dienste Berns
Seine Jugend verbrachte Caspar nach der damaligen Sitte seiner Standesgenossen sehr wahrscheinlich teilweise in ausländischen Kriegsdiensten. Diese Praxis war im 15. Jahrhundert unter jungen Adeligen weit verbreitet und diente sowohl dem Erwerb militärischer Erfahrung als auch der Knüpfung internationaler Kontakte. Nach seiner Heimkehr liess er sich in seiner Vaterstadt Bern nieder, wo er das elterliche Haus an der unteren Kirchgasse bewohnte.
Der politische Werdegang Caspars begann im Jahr 1443, als er in den Grossen Rat der Stadt Bern gewählt wurde. Dieses Gremium bildete zusammen mit dem Kleinen Rat die legislative und exekutive Gewalt der Republik und war für die laufende Verwaltung sowie wichtige politische Entscheidungen zuständig. Von 1447 bis 1449 erfolgte seine Wahl in den Kleinrat der Stadt Bern.
Von 1449 bis 1454 bekleidete Caspar das Amt des Schultheissen von Thun, womit er in die Fussstapfen seines Vaters trat. Thun war als zweitwichtigste Stadt im bernischen Herrschaftsgebiet und als strategischer Punkt am Eingang zum Berner Oberland von erheblicher Bedeutung. Als Schultheiss trug er die Verantwortung für die lokale Rechtsprechung, die Verwaltung der städtischen Angelegenheiten und die Vertretung Thuns gegenüber der Obrigkeit in Bern. Ein bezeichnendes Ereignis seiner Amtszeit ereignete sich gegen Ende des Jahres 1449, als er zusammen mit einigen Ratsgliedern von Thun persönlich vor dem Grossen Rat zu Bern erschien, um die althergebrachten Rechte der Stadt gegen die Ansprüche des Klosters Interlaken zu verteidigen. Diese Episode verdeutlicht die komplexen Rechtsverhältnisse und territorialen Konflikte, die damals das Berner Oberland prägten.
Im Februar 1450 wurde Caspar gemeinsam mit seinem Bruder Niklaus von der Gesellschaft zum Narren (siehe Gesellschaft zum Distelzwang), der sie als Zunftmitglieder angehörten[6], mit ihrem Onkel Heinzmann von Scharnachthal (1388–1470) wegen gegenseitiger Forderungen schiedsrichterlich ausgesöhnt.
Kurze Zeit nach Beendigung seiner Amtsverwaltung in Thun, nämlich im Jahr 1455, erhielt Caspar die wichtige Landvogtei Baden. Diese gemeine Herrschaft der Eidgenossen, die nach der Eroberung des Aargaus 1415 unter die Verwaltung der acht alten Orte gekommen war, wurde abwechselnd von Vertretern dieser Orte auf je zwei Jahre besetzt. Das Amt des Landvogts galt als eines der einträglichsten und prestigeträchtigsten der Eidgenossenschaft, da der Amtsinhaber nicht nur landesherrliche Rechte ausübte, sondern auch beträchtliche Einkünfte aus Gerichtsgebühren und Abgaben bezog.
Wirtschaftlicher Aufstieg und Rückzug von den politischen Ämtern
Ebenfalls im Jahr 1455, dem Jahr seiner Ernennung zum Vogt von Baden, erwarb Caspar von Scharnachthal die einträgliche Herrschaft Brandis im Emmental. Diese Herrschaft umfasste ausgedehnte Ländereien, Gerichtsrechte und Einkünfte aus verschiedenen Abgaben und Zinsen. Die Freiherren von Brandis hatten seit der Toggenburgischen Erbteilung, nach dem Tod des letzten Grafen von Toggenburg, Friedrich VII., im Jahr 1436, beinahe alle ihre früheren Besitzungen in der westlichen Schweiz verloren. Im Jahr 1455 verkauften sie ihre Stammherrschaft im Emmental an Caspar von Scharnachthal.
Dieser Kauf umfasste ein ausserordentliches Bündel von Herrschaftsrechten: die Feste und Herrschaft Brandis mit allen hergebrachten Herrlichkeiten und Ehren, hohen und niederen Gerichten, Vogteirechten, Zinsen, Zehnten und anderen Einkünften, Wildbann und Federspiel. Dazu kamen alle Lehen- und Mannschaftsrechte, die an den Stein und das Haus Brandis gehörten, ferner die Vogtei und Kollatur der Kirche zu Lützelflüh, die Kastvogtei über die Benediktiner-Abtei zu Trub und über das demselben untergebene Frauenkloster zu Rüegsau sowie schliesslich die hohen Gerichte über das Blut innerhalb bestimmter Grenzen der Herrschaft. Vorbehalten wurde allerdings, dass das Schloss zu allen Zeiten der Stadt Bern als offenes Haus zur Verfügung stehen sollte.
Im Jahr 1456 empfing Caspar zugleich mit seinem Bruder Niklaus auch noch die Hälfte der Herrschaften Unspunnen und Oberhofen vom Schultheissen der Stadt Bern im Namen des Reiches zu Mannlehen. Mit diesen Erwerbungen hatte sich Caspar innerhalb kürzester Zeit als einer der bedeutendsten Grundherren im bernischen Herrschaftsgebiet etabliert.
Bereits 1448 hatte Caspar von Scharnachthal zu den vermögendsten Bürgern Berns gezählt. Dies war bemerkenswert für einen Mann, der damals erst Anfang dreissig war. Sein Reichtum beruhte vermutlich auf einer Kombination aus Erbschaft, den Einkünften aus seinen politischen Ämtern, strategischen Heiraten und erfolgreichen Geschäften. Das beträchtliche Vermögen verschaffte ihm nicht nur politischen Einfluss, sondern auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit, um sich zurückziehen zu können, wann immer er es für richtig hielt.
Militärische Führung im Krieg gegen Habsburg
Erst im Jahr 1468, als eine neue Fehde gegen Österreich entstand, in welcher Bern sich wesentlich beteiligte, finden wir Caspar von Scharnachthal als Inhaber einer der wichtigsten Stellen im Heer wieder im aktiven Dienst des Vaterlandes. Die Vorgeschichte dieses Konflikts war komplex und resultierte aus mehreren sich überschneidenden Spannungen zwischen den Eidgenossen und den habsburgischen Vorlanden.
Die Stadt Schaffhausen, die sich 1454 auf 25 Jahre mit den Eidgenossen verbündet hatte, um ihre Unabhängigkeit gegenüber dem umliegenden österreichischen Adel zu behaupten, war von ihrem Nachbarn Bilgeri von Heudorf in die Acht gebracht worden. Besonders schwer wog die Beleidigung, dass Bilgeri den Schaffhauser Bürgermeister am Stad mitten im Frieden überfiel, einkerkerte[7] und nur gegen ein übermässig hohes Lösegeld wieder freiliess. Erzherzog Sigismund verzögerte die Rückvergütung der erpressten Summe.
Parallel dazu hatte das reichsfreie Mülhausen aus ähnlichen Gründen seine Zuflucht zu den Städten Bern und Solothurn genommen und nach Abschluss eines fünfzehnjährigen Bündnisses von diesen 200 Mann zur Besatzung erhalten. Diese Truppen fügten in Verbindung mit den Einwohnern dem feindlichen Adel erheblichen Schaden zu. Als Thüring III. von Hallwyl, der österreichische Landvogt zu Ensisheim, mit Macht vor Mülhausen zog, die Gegend verwüstete und die Stadt beschoss, beschlossen die Eidgenossen sofort einen allgemeinen Auszug.
Im Juni 1468 erging von allen verbündeten Städten und Orten an Erzherzog Sigismund die Fehde wegen Schaffhausen, und von Seite Berns und Solothurns noch eine besondere an den Landvogt von Hallwyl wegen Mülhausen, worauf dieser die Belagerung sogleich aufhob. In der Absicht, den Sundgau, Schwarzwald und Breisgau zu überziehen, brachen bald darauf die eidgenössischen Banner in verschiedenen Heeresabteilungen auf.
Am 21. Juni 1468 zog das Banner von Bern mit 7.000 Mann aus. Die Führung lag bei Adrian I. von Bubenberg, Niklaus von Scharnachthal und Hartmann vom Stein. Caspar von Scharnachthal befehligte die Reiterei – eine Position, die militärische Erfahrung, taktisches Geschick und die Fähigkeit erforderte, eine Truppe berittener Krieger zu kommandieren.
Dieser Feldzug bestand hauptsächlich in der Einäscherung offener Dörfer und in der Eroberung feindlicher Schlösser. Ein grösseres Treffen erwartete und suchte man auf dem weiten Ochsenfeld im Elsass, wo sich alle Banner vereinigten und wohin der Feind, in Zuversicht auf seine Reiterei, die Schweizer oft mit Hohn gefordert hatte. Da jedoch der Gegner nun die Schlacht nicht anzunehmen wagte und sich nirgends zeigte, dankten die von Bern und Solothurn ihren Bundesgenossen für den Zuzug und kehrten nach dreiwöchentlicher Abwesenheit nach Hause zurück.
Damit war aber für Schaffhausen nichts Wesentliches getan worden, und weil der Krieg nicht als beendigt angesehen werden konnte, zogen die Zürcher und Luzerner, nachdem sie die Besatzung jener Stadt verstärkt hatten, vor Waldshut, wo Bilgeri von Heudorf lag, und mahnten alle Eidgenossen zur Belagerung dieses festen Platzes (siehe Waldshuterkrieg).
Die Belagerung von Waldshut
Bald folgten den Zürichern und Luzernern die Banner der übrigen Orte. Von Bern rückten etwa 2.000 Mann unter Petermann von Wabern und Caspar von Scharnachthal mit Büchsen und Belagerungsgeschütz an. Die Stadt wurde eingeschlossen und beschossen. Auf die Nachricht hin, dass der Erzherzog mit böhmischem Volk zum Entsatz anrücke, sandte Bern noch weitere 2.000 Mann unter Niklaus von Scharnachthal und Niklaus von Diesbach. Ein Gleiches taten auch andere Orte, sodass sich das verbündete Heer vor Waldshut auf 15.000 Mann belief.
Als jedoch die Mauern und Türme bereits an mehreren Punkten, hauptsächlich durch bernisches Geschütz, gebrochen waren und nun ein Sturm auf die hart bedrängte Stadt versucht werden sollte, kamen Abgesandte verschiedener deutscher Fürsten in das eidgenössische Lager, um einen Frieden zu vermitteln. Vergeblich bestanden die bernischen Heerführer, darunter Caspar von Scharnachthal, mit anderen Gleichgesinnten auf den Sturm. Der Wunsch der Mehrheit ging auf Frieden, wesentlich aus Eifersucht auf Berns wachsende Grösse, und so wurde vor Waldshut der Friede geschlossen.
Nach seiner Rückkehr von diesem Feldzug, von welchem er sich wohl einen besseren Erfolg versprochen hatte, trat Caspar von Scharnachthal wieder in den Privatstand zurück. Die Enttäuschung über den unbefriedigenden Ausgang der Belagerung mag zu dieser Entscheidung beigetragen haben.
Der Twingherrenstreit und das Lebensende
Als Herr zu Brandis wurde Caspar, gleich anderen Besitzern von Herrschaftsgerechtigkeiten, in den 1470 ausgebrochenen Twingherrenstreit verwickelt. Dieser Konflikt zwischen der städtischen Regierung und den Inhabern grundherrlicher Rechte war einer der schärfsten innenpolitischen Auseinandersetzungen im Bern des 15. Jahrhunderts. Ohne Rücksicht darauf, dass Caspar diese Herrschaft 15 Jahre zuvor mit der Genehmigung und unter der Garantie der Landesregierung mit allen hergebrachten Rechten gekauft hatte, wurden von der damals übermächtigen Kistlerischen Partei diese Rechte willkürlich abgesprochen.
Einige Monate darauf wurde auch Caspar der Übertretung der Kleiderordnung beschuldigt und, wie alle beteiligten Adligen, für einen Monat aus der Staat verbannt.
Literatur
- Caspar von Scharnachthal. In: Karl Ludwig von Sinner: Versuch einer diplomatischen Geschichte der Edlen von Scharnachthal. Bern, 1823 (Digitalisat).
- Caspar von Scharnachthal. In: Sammlung bernischer Biographien, 1. Band. Bern, 1884. S. 157–160 (Digitalisat).
- Georg Modestin: Caspar von Scharnachthal. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
Weblinks
- Caspar von Scharnachthal. In: Indexeintrag: Deutsche Biographie.
Einzelnachweise
- ↑ Familienstammbaum von Franz von Scharnachthal. Abgerufen am 12. Oktober 2025.
- ↑ Tina Maurer: vom Stein. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 16. März 2017, abgerufen am 12. Oktober 2025.
- ↑ Hanns W. Haller: Drei Ahnentafeln der Familie von Erlach. In: Archives héraldiques suisses = Schweizerisches Archiv für Heraldik = Archivio araldico Svizzero. Band 20, Nr. 1-2, 1906, ISSN 0004-0673, S. 25, doi:10.5169/seals-744640 (e-periodica.ch [abgerufen am 11. Oktober 2025]).
- ↑ Berneta von Scharnachthal. In: Der Bund. 4. Oktober 1939, abgerufen am 11. Oktober 2025.
- ↑ Reformierte Kirche Hilterfingen, ehem. St. Andreas | Vitrosearch. Abgerufen am 12. Oktober 2025.
- ↑ Max von Diesbach: Hans von der Grubens Reise- und Pilgerbuch 1435-1467. In: Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern. Band 14, Nr. 2, 1893, ISSN 0250-5673, S. 97, doi:10.5169/seals-370828 (e-periodica.ch [abgerufen am 11. Oktober 2025]).
- ↑ Johann Konrad Vögelin: Geschichte der Schwizerischen Eidgenossenschaft. Schulthess, 1855 (google.de [abgerufen am 12. Oktober 2025]).