Collegium in Insula (Lüttich)
Das Gymnasium Societatis Iesu in insula, Leodii (kurz lat. Collegium in insula, fr. Collège en Isle) war eine Jesuitenschule auf der Lütticher Maasinsel im Hochstift Lüttich. Gegründet 1582, bestand sie bis zur Aufhebung des Jesuitenordens 1773. Daneben gab es noch das Kolleg der englischen Jesuiten. Das renovierte Gebäude dient heute der Universität Lüttich.
Gründung und Entwicklung
Sehr früh besuchten Jesuiten die Stadt Lüttich: Petrus Canisius 1546[1], Pedro de Ribadeneira 1556, Diego Laínez (Generaloberer) 1562. Sie beeindruckten durch ihre Predigten Fürstbischof Robert II. van Bergen (1557–1563), der Lainez zur Gründung eines Kollegs aufforderte. Das ursprüngliche Projekt war noch die Gründung einer Humanistenfakultät in Lüttich als Kompensation für die Verkleinerung des Bistums durch die Errichtung des Erzbistums Mechelen 1559. Sein Nachfolger Gerard van Groesbeeck griff das am Widerstand benachbarter Universitäten vorerst gescheiterte Projekt auf und erreichte die Gründung eines kleinen Kollegs 1569, vorerst mit Priesterdienst in zwei Kapellen. Erstes Ziel war nun die Predigt gegen den Protestantismus im nördlichen Bereich des Stifts und die Gegenreformation. Das erfolgreiche Kolleg wuchs von sechs auf zwölf Jesuiten, sie erhielten ein Gebäude in der Stadt und über den Bischof Einnahmen durch kirchliche Pfründen. Ihre Krankenfürsorge während der Pestepidemie 1579 mehrte ihr Ansehen.[2]
Bereits seit 1495 bestand eine Schule auf der Maasinsel, betrieben von wenigen Hieronymusbrüdern, die zu den Brüdern vom gemeinsamen Leben zählten.[3] Fürstbischof Ernst von Bayern erreichte es, dass sie ihre Schule 1581 den Jesuiten überließen. Nach der Gründung am 30. April 1582 besuchten sie bald 500 Schüler, im Jahr 1601 bereits 1200 Schüler. Viele Schüler vom Lande wohnten bei Familien in der Stadt. 1595 stiftete Ernst eine Brücke, um den Schulbesuch von der Stadt aus zu erleichtern. Der Unterricht folgte wie überall der Ratio Studiorum. Zunächst bestanden drei Niveauklassen, daraus wurden bald sechs und ein philosophischer Studienkurs kam noch hinzu, der der Universität Löwen Paroli bot. Sie erreichte 1613 deshalb die Schließung.[4] Weitere Bauten ermöglichten öffentliche Veranstaltungen und Theateraufführungen.[5] So wurde das Schuljahr mit Aufführungen und Preisverleihungen beendet, um die Schüler öffentlich zum moralischen Leben in der Nachfolge der christlichen Heiligen aufzurufen.[6] Die Kirche Saint-André kam unter den Einfluss der Jesuiten.[7] Eine neue Kirche bei der Schule wurde 1700 fertig. Schließlich entstand allmählich im 18. Jahrhundert ein neues Schulgebäude nach den Plänen von Paquay Barbière.[8]
Jesuitenverbot und Gründung der Universität
Doch 1773 endete die Jesuitenschule durch eine päpstliche Entscheidung vorerst. Weltliche Priester übernahmen den Unterricht in einer neu eingerichteten bischöflichen Schule. Nach einigen Schwierigkeiten in der französischen Besatzungszeit, die auch die kostbare Bibliothek weitgehend vernichteten, entstand schließlich ein Gymnasium bzw. eine Akademie, aus der 1817 die Universität Lüttich hervorging. Infolge wurde die Jesuitenkirche abgerissen, um einen großen akademischen Festsaal zu bauen, der 1824 eingeweiht wurde.
Die Schultradition wurde 1828 durch eine neue Jesuitenschule, das Collège Saint-Servais, wieder aufgenommen, das in modifizierter Form bis heute besteht.[9] Die Nebenarme der Maas wurden im Zuge der Stadtwicklung zugeschüttet, daher verschwand auch die Brücke.
Collège des Jesuites Anglais
Nach der Reformation in England hatten die Jesuiten keine Möglichkeit mehr, Novizen und Priester im Land auszubilden. Daher wurde erst in Löwen ein Ort dafür geschaffen, doch zog der gegenreformerisch gesinnte Ernst von Bayern († 1612) die englischen Jesuiten nach Lüttich, indem er ihnen ein eigenes Kolleg anbot. Sein Nachfolger Ferdinand von Bayern setzte den Plan fort.
Damit wurde 1614 Pater John Gérard beauftragt. Am 2. Oktober 1614 erhielten die englischen Jesuiten ein Haus auf dem Favechamps-Gelände im damaligen Viertel Pierreuse neben dem Kapuzinerkloster in der Nähe der nordwestlichen Stadtmauern, nicht weit von der Kathedrale Saint-Lambert und dem Fürstbischöflichen Palast. Auch mit Hilfe englischer Adelsfamilien wurde der Bau 1616 abgeschlossen. Ein Priesterseminar mit wissenschaftlichen Fächern wie Theologie, Mathematik und Astronomie trat durch eine Stiftung des jesuitisch erzogenen Herzogs von Bayern Maximilian I. und seiner Frau Elisabeth Renata von Lothringen hinzu, das Anglo-Bayerische Kolleg. Nach der Aufhebung des Ordens 1773 wurde es durch den Bischof als Englisches Kolleg weitergeführt.[10]
Wegen der Französischen Revolution wurden Schule und Kolleg 1794 in das Stonyhurst College in Lancashire verlegt, wo bis heute eine konfessionelle Privatschule besteht.[11]
Literatur
- Pierre Guérin: Les Jésuites du collège wallon de Liège durant l’Ancien Régime. Liège, Société des Bibliophiles liégeois, 1999.
- J. Javaux, R. Lechat, Léopold Willaert: Les jésuites inaugurent Place du XX août. Le 30 avril 1582. Collège Saint-Servais, 1982.
Einzelbelege
- ↑ Paul Drews: Petrus Canisius, der erste deutsche Jesuit. Verein für Reformationsgeschichte, 1892 (google.de [abgerufen am 15. November 2025]).
- ↑ Eglises de Liege - Les origines du collège des Jésuites de Liège - L. Halkin. Abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ Der bedeutende Humanist Georgius Macropedius leitete die Schule kurz von 1524 bis 1527. Sie galt als besonders gute Schule.
- ↑ Eglises de Liege - Les origines du collège des Jésuites de Liège - L. Halkin. Abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ Stefan Tilg: Die Hl. Katharina von Alexandria auf der Jesuitenbühne: Drei Innsbrucker Dramen aus den Jahren 1576, 1577 und 1606. Walter de Gruyter, 2011, ISBN 978-3-11-094033-6 (google.de [abgerufen am 15. November 2025]).
- ↑ Theatre de Liege - Georges Macropédius de Gemert - Léon Halkin. Abgerufen am 16. November 2025.
- ↑ Entdecken Sie die Eglise Saint-Andre: Unverwüstliches Erbe in Lüttich. 6. April 2025, abgerufen am 15. November 2025 (deutsch).
- ↑ Ch-J.Comhaire: Esquisse historique sur les bâtiments universitaires, Liège, Auguste Bénard, 1892
- ↑ Saint-Benoît | Saint-Servais. Abgerufen am 15. November 2025.
- ↑ Camelia Opsommer: Un foyer d’études sous l’Ancien Régime: le Collège des Jésuites anglais de Liège, 2014, PDF
- ↑ Stonyhurst | History. Abgerufen am 16. November 2025 (englisch).
Koordinaten: 50° 38′ 28″ N, 5° 34′ 32″ O