Charles Webster Hawthorne
Charles Webster Hawthorne (* 8. Januar 1872 in Lodi, Illinois; † 29. November 1930 in Baltimore, Maryland) war ein US-amerikanischer Genre- und Porträtmaler sowie Kunstpädagoge. Er gilt als Hauptvertreter des amerikanischen Realismus impressionistischer Prägung und als prägende Lehrerfigur der amerikanischen Malerei des frühen 20. Jahrhunderts.[1]
Leben
Charles Webster Hawthorne entstammte einer Seemannsfamilie: Sein Vater war Kapitän. Er verbrachte seine Jugend in Richmond, Maine, und stand dabei in engem Kontakt mit dem maritimen Milieu. Im Jahr 1890 zog die Familie nach New York. Dort begann Hawthorne eine Ausbildung in Illustration und Design an der Cooper Union. Ab 1893 besuchte er Abendkurse an der Art Students League, unter anderem bei Frank Vincent DuMond. Tagsüber arbeitete er zunächst in einer Textilwarenfirma an den Docks und später in den J. and R. Lamp Studios, einer Buntglasfabrik. Dank eines Stipendiums konnte er 1894 und 1895 ein Tagesstudium bei George de Forest Brush, William Merritt Chase und Henry Siddons Mowbray absolvieren. 1895 besuchte er die Antiken- und Aktklasse der National Academy of Design und im Sommer 1896 die Shinnecock Summer School von William Merritt Chase auf Long Island. Er übernahm rasch dessen Stil und kunsthistorische Vorlieben, weshalb er von Kollegen scherzhaft als „Charley Chase“ bezeichnet wurde. 1897 half er Chase beim Aufbau der New York School of Art und arbeitete dort als Assistent.[2]
1898 reiste Charles Hawthorne in die Niederlande, um Werke alter Meister wie Tizian, Rembrandt und Frans Hals zu studieren. Besonders die Tonalität und die monumentale Figurenauffassung von Hals beeindruckten ihn. In Zandvoort lernte er die Malerei der Haager Schule kennen und ließ sich dort zeitweise nieder. Es entstanden seine ersten Fischerbilder, die er nach seiner Rückkehr erfolgreich in seinem New Yorker Atelier ausstellte. Nach dem Vorbild der Shinnecock Summer School gründete Hawthorne im Jahr 1899 die Cape Cod School of Art in Provincetown, Massachusetts, und leitete sie bis zu seinem Tod. Ab 1903 verfügte er dort über ein eigenes Atelier und verbrachte die Sommermonate fortan lehrend und malend in Provincetown. Er gehörte zu den Gründern der Provincetown Art Association sowie des Beachcombers Club. Unter seiner Leitung entwickelte sich Provincetown zur bedeutendsten Künstlerkolonie für impressionistische Freilichtmalerei in den Vereinigten Staaten.[2]
Ab 1902 erhielt er zahlreiche bedeutende Auszeichnungen. 1908 wurde er in die National Academy of Design gewählt und drei Jahre später als Vollmitglied aufgenommen. Im Jahr 1903 heiratete er die Malerin Marion Campbell, die er 1897 in der Summer School von William Merritt Chase kennengelernt hatte. Von 1904 bis 1906 unterrichtete er an der Art Students League. 1906 reiste er nach Europa, wo er sich intensiv mit der italienischen Renaissance und den Werken Diego Velázquez’ beschäftigte. Ab 1908 lehrte er an der New York School of Art und verbrachte die Wintermonate in Nutley, New Jersey. Die Winter 1910/11 und 1915/16 verbrachte er auf den Bermudas. Von 1911 bis 1914 lebte er überwiegend in Paris, wo er 1912 Vollmitglied der Société Nationale des Beaux-Arts wurde. In den 1920er Jahren unterrichtete er erneut an der National Academy of Design sowie an mehreren Kunstinstitutionen in Chicago, Indianapolis und Pittsburgh. Charles Webster Hawthorne starb im Jahr 1930 in Baltimore.[2][3]
Werk
Charles Webster Hawthorne gilt als einer der wichtigsten Vertreter des realistischen Impressionismus in den Vereinigten Staaten. In seiner Malerei blieb er der naturgetreuen Darstellungsweise und technischen Virtuosität seines Lehrers William Merritt Chase stets treu. Dies brachte ihm den Ruf eines konservativen und akademischen Malers ein. Seine besondere Bedeutung leitet sich jedoch vor allem aus der Wahl seiner Sujets ab. Zentrale Themen seines Werkes sind das entbehrungsreiche Leben der niederländischen und portugiesischen Fischer in Neuengland sowie Darstellungen des häuslichen Umfelds von Frauen und Kindern. Diese Szenen schilderte er auf kompromisslos realistische Weise, die zur damaligen Zeit als brutal empfunden wurde. Hawthorne arbeitete häufig mit einer dunklen Palette, kräftigen Pinselstrichen und ausgeprägten Hell-Dunkel-Kontrasten. Dies verweist auf Einflüsse der Münchner Schule, die er über Chase kennengelernt hatte. Aufgrund seiner Kenntnis der niederländischen Genremalerei wurde er stilistisch mit der New Yorker Künstlergruppe um Robert Henri in Verbindung gebracht.[2][3]
Nach 1906 entstanden wiederholt großformatige Mutter-Kind-Darstellungen, die an Madonnenbilder erinnern und möglicherweise mit der Geburt seines Sohnes Joseph Campbell Hawthorne im Jahr 1908 in Zusammenhang stehen. In späteren Jahren nahm Hawthorne zunehmend Porträtaufträge an. Gleichzeitig vollzog sich ein Wandel hin zur Aquarellmalerei. In einer eigenständigen Plein-Air-Wasserfarbentechnik entwickelte er einen freieren, helleren und spontaneren Umgang mit Farbe und Form. Diese Technik prägte sein Spätwerk und bestimmte zahlreiche Arbeiten, die auf Reisen nach Florida, auf die Bermudas, nach Texas, Mexiko und auf die Azoren entstanden.[2]
Als Lehrer beeinflusste Hawthorne mehrere Generationen amerikanischer Künstler. Mit seiner didaktischen Forderung, der Farbe den Vorrang vor der Zeichnung zu geben, bereitete er die Entwicklung der amerikanischen Kunst im 20. Jahrhundert maßgeblich vor. Zu seinen Schülern zählten William Auerbach-Levy, Max Bohm, George Elmer Browne, Ernest Lawson, Leon Kroll, Richard E. Miller, Ross Moffett, William McGregor Paxton, Helen Alton Sawyer, Maurice Sterne, Frederick Judd Waugh und John Whorf.[2][3]
Werke (Auswahl)
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Fisher Children (um 1902). Smithsonian American Art Museum, Washington, D.C.
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The Trousseau (1910). Metropolitan Museum of Art, New York City
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His First Voyage (1915). Metropolitan Museum of Art, New York City
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American Motherhood (1924). Museum of Fine Arts, Houston, Texas
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A Study in White (um 1900). Reading Public Museum, Reading, Pennsylvania
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The Bowl (um 1899). Museum of Fine Arts Boston
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The Fisherman's Daughter (ca. 1912). Corcoran Gallery of Art, Washington, D.C.,
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Sketch, Hyannisport (1903). Indianapolis Museum of Art
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The Bridge at Provincetown. Privatsammlung
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Young Girl with Hat (um 1900)
Literatur
- Elizabeth Maccausland: Charles W. Hawthorne. An American figure painter, E. P. Dutton, New York 1947.
- Mrs. Charles Webster Hawthorne: Hawthorne on Painting. From students’ notes collected by Hawthorne, mit einer Einführung von Edwin Dickinson, Dover Publications, New York 1960.
- Richard Mühlberger: Charles Webster Hawthorne. Paintings and watercolors, Chesterfield Press, Chesterfield 2000.
- Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 6: Gémignani – Herring. Paris, 2006.
- Allgemeines Künstlerlexikon – Internationale Künstlerdatenbank – Online. Herausgegeben von: Andreas Beyer, Bénédicte Savoy und Wolf Tegethoff, De Gruyter 2009.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 6: Gémignani – Herring. Paris 2006.
- ↑ a b c d e f Annie Longley: Charles Hawthorne from the Permanent Collection | PAAM. 14. April 2025, abgerufen am 11. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b c Andreas Beyer, Bénédicte Savoy und Wolf Tegethoff (Hrsg.): Allgemeines Künstlerlexikon – Internationale Künstlerdatenbank – Online. De Gruyter, 2009.