Carl Reissner Verlag
Der Carl Reissner Verlag war ein 1878 in Köln gegründeter Verlag, der nach seinem Umzug nach Sachsen bis 1937 in Dresden weitergeführt wurde, bevor er durch Übernahme als Oswald Arnold Verlag und später Berliner Verlag bis 1941 existierte.
Geschichte
Carl Reissner führte zunächst gemeinsam mit Alexander Ganz die Lengfeld’sche Buchhandlung in Köln, bevor sie 1878 den Verlag unter dem Namen C. Reissner & Ganz gründeten. Carl Reissner siedelte mit dem Verlag nach Leipzig um. Bald darauf trennte sich Reissner von Ganz und führte ab Oktober 1880 allein den Carl Reissner Verlag. Im April 1894 verlegte er schließlich den Verlags- und Wohnsitz nach Dresden.[1]
Die liberale Gesinnung des Gründers prägte die Konzeption des Verlages, welche auf universelle humanistische Bildung, Völkerverständigung und Persönlichkeitsentwicklung gerichtet war.[2] Gleichzeitig spielte der Verlag eine entscheidende Rolle in der Geschichte des Naturalismus. Das 1889 von Arno Holz und Johannes Schlaf unter dem Pseudonym Bjarne P. Holmsen verlegte Werk "Papa Hamlet" gab nach Aussage des Verlages einen wichtigen Anstoß zur damaligen naturalistischen Revolution.[3]
Nach Reissners Tod im Jahr 1907 übernahm dessen Schwiegersohn Erwin Kurtz den Verlag. 1920 wurde Harry Schumann Teilhaber und ab 1927 alleiniger Inhaber. Unter dessen Leitung spiegelten sich in den 1920er Jahren gesellschaftspolitisch brisante Themen in der Verlagsproduktion. So erschienen 1927 z. B. die Gefängnisaufzeichnungen des wegen verbotener Schwangerschaftsabbrüche verurteilten Gynäkologen Carl Crede-Hoerder unter dem Titel Volk in Not! Das Unheil des Abtreibungsparagraphen 218 mit Illustrationen von Käthe Kollwitz. Verlegt wurden auch Repräsentanten der Weimarer Demokratie wie z. B. Friedrich Ebert, Walther Rathenau, Philipp Scheidemann, Prominente der Kunstszene wie Käthe Kollwitz, Frans Maserel und Mary Wigman aber auch Persönlichkeiten aus dem Ausland wie Henry Ford oder Emile Zola. Zu den verlegten Autoren im Reissner Verlag gehören u. a. auch Wilhelm Bölsche, Raoul H. France oder Willy Steiger. Der Verlag entwickelte sich so zu einer der ersten Adressen für Publikationen der Neuen Sachlichkeit im Geiste der Weimarer Republik.
Nach der Verhaftung Harry Schumanns wegen Steuerhinterziehung im Jahre 1937 übernahm Oswald Arnold die Geschäfte und führte den Verlag unter seinem Namen und später als Berliner Verlag, bis der Verlagssitz im November 1941 bei einem Bombenangriff zerstört wurde.[4]
Publikationen (Auswahl)
- Arno Holz; Johannes Schlaf: Papa Hamlet (1889)
- Lew N. Tolstoi: Für alle Tage (1906/07)
- Josef Popper-Lynkeus: Phantasien eines Realisten (1899)
- Edith von Salburg: Judas im Herrn (1904), Deutsche Barone (1909)
- Harry Schumann: Karl Liebknecht (1919)
- Hans Much: Die Welt des Buddha (1922)
- Heinrich Zille: Berliner Geschichten und Bilder (1924)
- Ernst Harthern (Niels Hoyer): Lili Elbe (1932)
- Toni Schwabe: Christiane (1932)
Literatur
- Erhard Frommhold: Vom »konsequenten« Naturalismus bis zu Henry Ford und Hugo Junkers – Bücher aus dem Carl Reissner-Verlag Dresden. In Dresdner Geschichtsverein (Hrsg.): Dresdner Heft 76: Verlage in Dresden, S. 39–46.
- Andreas Pehnke: Harry Schumann und sein Carl-Reissner Verlag. In: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.): Archiv für Geschichte des Buchwesens, Berlin, de Gruyter 2020, S. 99–130.
- Andreas Pehnke: Bücher im Geiste der Weimarer Demokratie. Beucha, Markleeberg: Sax-Verlag, 2021.
Weblinks
- Nachlass von Harry Schumann in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
Einzelnachweise
- ↑ Andreas Pehnke: Harry Schumann und sein Carl Reissner Verlag. In: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.): Archiv für Geschichte des Buchwesens. Band 75, Nr. 2020. de Gruyter, Berlin, S. 104.
- ↑ Andreas Pehnke: Harry Schumann und sein Carl Reissner Verlag. S. 106.
- ↑ Der Morgen. Ein Almanach des Verlages Carl Reissner in Dresden. Carl Reissner Verlag, Dresden 1926, S. 6.
- ↑ Andreas Pehnke: Harry Schumann. S. 123.