Camp de la route de Limoges
Das Camp de la route de Limoges befand sich bei Poitiers. Es entstand wie das Camp de la Chauvinerie in der Spätphase der Dritten Französischen Republik und zu Beginn der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940). Es war im Februar 1939 eigentlich zur Internierung spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge eingerichtet worden; es entwickelte sich aber in der Folgezeit zu einem Internierungslager der Nationionalsozialisten für Juden, Sinti und Roma.
Geschichte
Das unter diesem Namen oder auch als Camp de Poitiers bekanntgewordene Internierungslager steht exemplarisch für die Geschichte der politischen Verfolgung und Ausgrenzung in Frankreich während der Jahre 1939 bis 1944. Diese Geschichte reicht von der Internierung spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge bis zur Internierung von Juden, Sinti und Roma – in Frankreich meist als Nomades oder Tsiganes bezeichnet.[1] Yannick Deport hat dieses breite Spektrum bereits im Titel seines Aufsatzes über das Camp de la Route thematisiert.[2]
Zu Beginn des Jahres 1939 strömten Zehntausende spanische Bürgerkriegsflüchtlinge im Zuge der sogenannten Retirada über die Pyrenäen in den Süden Frankreichs. Seitens der französischen Regierung waren hierfür offenbar keine Vorkehrungen getroffen worden, wie und wo die Flüchtenden untergebracht werden könnten. So entstanden am Rande der Pyrenäen improvisierte Lager, die anfangs aus nicht mehr bestanden, als aus einem mit Stacheldraht umzäumten Gelände.[3] Um den Zustände in diesen Lagern, den sogenannten Centres d’acceil oder auch Centres de recueil (Aufnahmezentren oder Sammelstellen), Herr zu werden, entschlossen sich die französischen Behörden bereits im Februar 1939, einen Teil der Flüchtlinge in über ganz Frankreich verteilte Lager unterzubringen. Eines dieser Ausweichlager wurde das Camp de la Route de Limoges, in dem am 2. Februar 1939 800 spanische Flüchtlinge untergebracht wurden. Der Standort dieses "Centre de séjour surveillé" (CSS, Zentrum für überwachten Aufenthalt) befand sich an der Nationalstraße 147 nach Limoges im Umfeld des heutigen Gedenksteins an der Ecke Avenue Jacques Coeur/Rue du Père Jean Fleury, der auch in Google Street View angezeigt wird. (Lage) Au einem bei Yannick Deport abgebildeten Lageplan des Camps geht hervor, dass es sich bei der Route de Limoges um die heutige Avenue Jacques Coeur handelt und die heutige Rue du Père Jean Fleury die zentrale Lagerachse bildete.[2]
Über die Frühzeit dieses Spanier-Lagers gibt es nur wenige Hinweise. Auf der Webseite der AJPN heißt es, das Lager habe sich während der deutschen Invasion geleert. Es sei nach dem Waffenstillstand von Compiègne (22. Juni 1940) unter französischer Verwaltung geblieben, habe jedoch der Kontrolle durch die deutschen Behörden unterlegen.[4] Eliezer Schilt und Joseph Robert White schreiben, der Bau des Lagers habe im Herbst 1939 begonnen und sei im Mai 1941 abgeschlossen worden. Es habe sich über eine Fläche von mehr als 21.000 Quadratmetern erstreckt und sei zunächst mit einem Stacheldrahtzaun umschlossen gewesen, der nach 1941 verdoppelt und um zwei Wachtürme ergänzt wurde.
„Fünfzehn Holzbaracken[5] mit einer Länge von jeweils 50 Metern und einer Breite von 6 Metern wurden auf der Westseite der Hauptstraße aufgereiht. In den ersten drei Baracken waren die Verwaltung, die Krankenstation und die Wachen untergebracht. […] Getrennte, eingezäunte Bereiche für Roma, Spanier und Juden wurden Ende 1941 eingerichtet. Östlich der Straße von Limoges befanden sich weitere Baracken für das Verwaltungspersonal, Lagerräume, Küchen, Bäder, eine Kapelle und eine Gendarmeriestation.[6]“
Die beiden Autoren unterstreichen zudem, dass das Camp de Poitiers eines der wenigen gemischten Lager in Frankreichs war, in dem mehr als eine verfolgte Gruppe untergebracht war, aber die von Yannick Deport veröffentlichten Zahlen zeigen, dass die Spanier allmählich zu einer verschwindenden Minderheit wurden. „Am 1. Dezember 1941 befanden sich 801 Internierte im Lager. Es gab noch 27 Spanier, 452 Nomaden und 322 Juden.“[2] Im Dezember 1940 waren die Nomaden die ersten, die in großer Anzahl auf die Spanier folgten. Nach Deport handelte es sich um französische und ausländische tsiganes.[7]
„Insgesamt wurden so mehr als 500 Nomaden unter unmenschlichen Bedingungen interniert: Der lehmige Boden verwandelte sich im Winter in einen regelrechten Morast, es gab keine wirksame Heizung, die Nahrung war unzureichend und einseitig, Töpfe, Sitzgelegenheiten und Tische fehlten schmerzlich. Doch das Schlimmste für diese "Fahrenden" war zweifellos der Verlust ihrer Freiheit.[8]“
Die zusätzliche Unterbringung von Juden im Lager folgte nach einer von den französischen Behörden im April und Mai 1941 durchgeführten Volkszählung. In deren Folge wurden am 15. Juli 1941 alle Juden in der Region um Poitiers festgenommen; 151 Erwachsene und 158 Kinder wurden im Camp de Poitiers interniert.[9] Ein Zaun diente der Trennung der Nomaden von den in 3 Baracken untergebrachten Juden.[7]
Ein Jahr später verschärfte sich die Lage. Im Juni 1942 wurde es für alle jüdischen Internierten zur Pflicht, den Gelben Stern zu tragen, und im Juli begannen die Deportationen – sowohl der männlichen Sinti und Roma, als auch der Juden. „Am 1. Juli 1942 gab es 841 Internierte, darunter 368 Juden. Am 1. Oktober desselben Jahres waren es nur noch 13 Juden und 459 Nomaden.“[2] Von diesen verbliebenen Nomaden wurden die restlichen Männer am 13. Januar 1943 ins Deutsche Reich gebracht. „Am 29. Dezember 1943 ordneten die deutschen Behörden die Verlegung der verbliebenen 304 Roma-Frauen und -Kinder in das Lager Montreuil-Bellay an.“[9]
Das Camp de Poitiers fungierte ab dem 10. September 1942 als Nebenlager des Gefängnisses Pierre Levée (Gefängnis). das seit Sommer 1942 von den deutschen Besatzern zur Unterbringung und Folterung von Widerstandskämpfern benutzt wurde.[2][10] Anfangs wurden im Camp offenbar noch nach bürgerlichem Recht Verurteilte untergebracht, ab Januar 1943 dann Widerstandskämpferinnen.[2]
Nach Deport wurden von Ende 1939 bis August 1944 insgesamt 2.500 bis 2.900 Menschen im Lager interniert. 1.800 bis 1.900 von ihnen seien Juden gewesen, 500 bis 600 Nomaden, 200 bis 300 politische Gefangene, zu denen noch einige Dutzend Spanier und andere Opfer der Willkür hinzugekommen seien.[2] In diesen Zahlen nicht enthalten sind die 800 Spanier, mit denen das Lager im Februar 1939 eröffnet wurde.
Mit dem deutschen Rückzug endete am 26. August 1944 die Geschichte des Lagers, noch verbliebene Gefangene wurden freigelassen. Vom 6. September 1944 bis zum 31. Oktober 1945 wurden hier dann deutsche Kriegsgefangene, Kollaborateure und Schwarzmarkthändler festgehalten. Im Dezember 1944 hielten sich 390 Gefangene hier auf.[9]
Solidarität mit den Internierten
Deport und Schilt/White berichten übereinstimmend, dass es ein solidarisches Verhalten zwischen den durch Stacheldraht getrennt untergebrachten Nomaden und Juden gegeben habe und es auch regelmäßig zu Fluchten aus dem Lager kam. Beide Gruppen wurden aber in unterschiedlicher Weise zu Arbeiten herangezogen.
„Die Arbeitseinsätze für Roma unterschieden sich von denen für Juden. Von Beginn der Besatzung an versuchten die deutschen Behörden, ausschließlich die Arbeitskraft der Roma auszunutzen. Für Juden gab es nur sporadisch Arbeitsmöglichkeiten. Innerhalb des Lagers gab es eine Korbflechterei, und private Unternehmen setzten gelegentlich Häftlingsarbeiter in der Stadt Poitiers ein.[11]“
Für die Internierten gab es auch Hilfe von außen; selbst ein Vize-Präfekt des Departements, Robert Holveck[12], soll sich für die Gefangenen eingesetzt haben und sei im November 1943 deportiert worden, weil er Befehle der Feldkommandantur 677 in Poitiers ignoriert habe.[9] Auch andere Mitarbeiter der Präfektur und Gendarmen hätten die Flüchtlinge und Internierten unterstützt.[2] Immer wieder aber fallen die Namen von zwei Personen, die sich in besonderem Maße für die Internierten eingesetzt haben sollen: Elie Bloch und Jean Fleury.
Rabbiner Elie Bloch & Marcelle Valensi
Im Zuge einer Volkszählung im Département Vienne wurden im Oktober 1940 836 Personen jüdischen Glaubens gezählt, die etwa 15 verschiedenen Nationalitäten angehörten. 56,69 % von ihnen waren evakuierte Franzosen aus dem Département Moselle, der Rest bestand aus dort im Exil lebenden Ausländern.[13]
Als 1941 die Internierungen der Juden aus dem Departement in Poitiers begannen, wurden mehrere Kinder von ihnen, die noch bis Anfang 1942 das Lager verlassen durften, in Châtellerault untergebracht – oftmals bei dortigen jüdischen Familien. Organisiert wurde das in der Regel von Rabbiner Elie Bloch, der aber auf Geheiß der Deutschen keine Kinder bei aufnahmebereiten nicht-jüdischen Familien aus Châtelleraudais unterbringen durfte.[13]
Elie Bloch (* 8. Juli 1909 in Dambach-la-Ville; am 22. Dezember 1943 in Auschwitz ermordet) gehörte selber zu den aus dem Département Moselle deportierten Menschen. Er wurde zum Rabbiner der evakuierten Juden ernannt, begleitet sie und trug bald die Verantwortung für 3.600 bei der Volkszählung im Oktober 1940 erfassten Juden. 1.464 von ihnen lebten im Département Charente-Maritime, 836 im Vienne, 306 im Département Deux-Sèvres und etwa 1.000 im Département Charente.[14] „Zunächst war er Rabbiner der verfolgten Juden, wurde dann Rabbiner der internierten Juden und schließlich Rabbiner der deportierten Juden“, heißt es bei Renard-Darson.[15]
Nach den Festnahmen der Juden am 15. Juli 1941 und deren Überstellung in das Camp de Poitiers intervenierte Bloch beim Präfekten und kämpfte für bessere Lebensbedingungen der Internierten. Ihm gelang es mit Unterstützung des in Paris gegründeten Comité de la rue Amelot[16] und der dort engagierten Marcelle Valensi[17] Hilfsgüter zu beschaffen und ins Lager zu bringen.
„Rabbi Bloch braucht Helferinnen, um den Internierten zu helfen. Zusätzlich zu den Geldern der UGIF[18] und der Hilfe aus der Rue Amelot sammelt Élie Bloch bei den Juden in den Departements Vienne und Haute-Vienne Geld, um Pakete mit Lebensmitteln und Kleidung für die Internierten zusammenzustellen, die sich in großer Not befinden. Marcelle Valensi verteilt diese Pakete im Lager unter dem Deckmantel des Roten Kreuzes. Sie intensiviert ihre Kontakte, um die Freilassung von Kindern unter vierzehn Jahren zu erreichen. Dabei wird sie von Pater Fleury, dem Seelsorger der Zigeuner […], unterstützt. Marcelle Valensi schickte regelmäßig Berichte über ihre Aktivitäten an das Komitee in der Rue Amelot.[19]“
Den Bemühungen von Bloch und Valensi war es auch zu verdanken, dass es zu der oben schon erwähnten Freilassung von Kindern aus dem Camp kam. Am 24. November 1941 durften 66 Kinder unter 14 Jahren das Lager verlassen, ein Teil wurde in einem Kinderheim untergebracht, der andere Teil bei jüdischen Familien.[14] Am 29. August 1942 gelang es Marcelle Valensi, noch eine weitere Gruppe von 29 Kindern mit französischer Staatsangehörigkeit freizubekommen, danach noch einmal 11 Kinder. Am 25. Mai 1943 wurden jedoch alle befreiten Kinder wieder aufgegriffen nach Paris und ins Pariser Umland gebracht. Viele von ihnen wurden mit dem Konvoi 77 am 31. Juli 1944 nach Auschwitz deportiert.[17]
Bei dem zuvor erwähnten Kinderheim handelte es sich um das Haus La Sansonnerie in Migné-Auxances. Marcelle Valensi organisierte dort eine Übergangslösung für einen Teil der aus dem Camp befreiten Kinder. Leider waren die Lebensbedingungen dort nicht ideal und die Verpflegung nicht ausreichend. Da diese Schwierigkeiten trotz des Einsatzes von Valensi nicht überwunden werden konnten, verließen die Kinder im Januar 1942 das Heim und wurden ebenfalls bei Familien untergebracht zu werden.[20]
Marcelle Valensi, über die nur wenige Lebensdaten bekannt sind, starb am Ersten Weihnachtstag 1942 in Marseille an einem Herzinfarkt.[21]
Eli Blochs Aktionsradius reichte zu dieser Zeit weit über die Stadt Poitiers hinaus. Er wurde Leiter der UGIF für die Region Poitiers und war damit verantwortlich für die Erstellung von Hilfspaketen für die dortigen Internierten. Seine Bekanntheit reicht aber auch weit in die Südzone, und Bitten um Hilfssendungen erreichen ihn gar aus dem Internierungslager im algerischen El Djelfa. Bis Ende 1942 konnten er und sein Team 1.007 Pakete versenden, die aus UGIF-Mitteln, Geldern des Comité de la rue Amelot und durch Einzelspenden finanziert wurden.[14]
Blochs Aktivitäten blieben der Besatzungsmacht nicht verborgen, und es kam zu Einschüchterungsversuchen durch Wilhelm Hipp, den Leiter der Sipo in Poitiers. Dieser ließ am 22. Januar 1943 Blochs Frau Georgette verhaften und ins Camp de Poitiers bringen. Am 11. Februar wurden auch Elie Bloch und seine fünfjährige Tochter Myriam verhaftet. Ein Fluchtversuch scheiterte, und am 24. Februar 1943 wurden Elie, Georgette und Myriam Bloch mit einem Sonderzug in das Sammellager Drancy gebracht.[14]
Am 17. Dezember 1943 wurden Elie Bloch und seine Familie von Drancy aus nach Auschwitz deportiert und dort nach der Ankunft ermordet. Ernie Levy, eine Figur in André Schwarz-Barts Roman Le dernier des justes, ist eine Hommage an Eli Bloch. Bloch hatte noch im Januar 1943 Schwartz-Bart begleitet, als dieser nach Paris überstellt worden war.[15]
Pater Jean Fleury, Hélène Marzellier und das Réseau Renard
Jean Fleury (* 21. Februar 1905 in La Selle-en-Luitré; † 12. April 1982 in Pau) stammte aus einfachen Verhältnissen. Nach dem Besuch des Priesterseminars in Rennes und der Ableistung des Militärdienstes begann im November 1925 sein Noviziat bei den Jesuiten in Beaumont-sur-Oise. 1938 wurde er zum Priester geweiht.[22]
Zu Beginn des Zweiten Kriegs wurde Fleury einem Hospital in der Nähe von Lyon als Pflegekraft zugeteilt, bevor er im September 1941 als Seelsorger und Lehrer nach Poitiers berufen wurde.[22] Doch es dauerte noch einige Monate, bis er seine seelsorgerische Arbeit auch auf das Camp de Poitiers ausdehnte. Ab dem 10. Mai 1942 ging er regelmäßig dreimal pro Woche in das Lager und übte dort seine pastorale Arbeit bei den internierten Nomaden und Sinti und Roma aus: Feiern von Taufen, Erstkommunionen, Hochzeiten …[23]
Wann genau Fleury auch Kontakt zu den jüdischen Internierten aufnahm, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Er selber stellte einen zeitlichen Zusammenhang zur Rafle du Vélodrome d’Hiver am 16. und 17. Juli 1942 in Paris her, nach der er beschlossen habe, sich „dem Rabbiner Elie Bloch zur Verfügung zu stellen und wann immer es mir möglich war, in das jüdische Lager zu gehen“.[24] Das oben schon erwähnte solidarische Verhalten über Stacheldrahtgrenzen hinweg, durch die die Gefangenengruppen voneinander getrennt waren, bestätigt sich auch in Fleurys Darstellung seiner Hilfe für die jüdischen Internierten.
„Ich werde nicht alle Abenteuer und Sioux-Tricks erzählen, die ich anwenden musste, um mich unter gefährlichen Bedingungen in das jüdische Lager zu schmuggeln, da ich seit September 1942 wusste, dass die Deutschen davon sprachen, mich zu verhaften. Ich möchte einfach den Zigeunern und Sinti und Roma meine Dankbarkeit zeigen, die es mir ermöglicht haben, die deutsche Überwachung zu täuschen, und als die Männer festgenommen wurden, waren es die zwölf- oder vierzehnjährigen Jungen selbst, die mir halfen, durchzukommen. Meine Dankbarkeit ihnen gegenüber ist umso größer, da sie mich selbst beschützt haben, ohne dass sie es noch wissen konnten, und es mir so ermöglicht haben, viele Menschenleben zu retten. Wenn es Gott gefällt, werde ich dies in meinen "Memoiren" erzählen, die zu schreiben ich von allen Seiten aufgefordert werde. Meine brüderliche Dankbarkeit gilt auch all den Menschen, die mir geholfen haben, meine Arbeit fortzusetzen und selbst Juden zu retten, oft unter Einsatz ihres Lebens! Gott sei Dank wurden alle, die wir verstecken konnten, gerettet.[25]“
Wie Eli Bloch war auch Jean Fleury kein Einzelkämpfer. Entscheidend für den Erfolg seiner Hilfsaktionen war, dass er über engen Beziehungen zum französischen Untergrund verfügte und dank dessen ausgedehntem Netzwerk falsche Papiere und Reisepässe organisieren konnte, mit denen die Flucht von mindestens einhundert Juden erst möglich wurde.[26] Teil dieses Netzwerkes war unter anderem Hélène Marzellier (* 1915), die in Poitiers lebte und von 1942 bis 1944 eine leitende Angestellte in der Präfektur war. Ihr frühes Wissen über bevorstehende Verhaftungen von Juden nutzte sie, um bedrohte Menschen zu warnen. Ende September 1943 warnte Marzellier Régine Breidick, die Sekretärin von Rabbi Élie Bloch, drängte diese und ihre beiden Geschwister zur sofortigen Flucht. Die drei Breidicks flohen und überlebten.[26] Am 25. Oktober 1978 erkannte Yad Vashem Hélène Marzellier als Gerechte unter den Völkern an.[27]
Nach deer Befreiung Frankreichs wurde Jean Fleury Beauftragte für die Sozialhilfe für Nazi-Opfer im Departement Vienne. Auch in dieser Funktion setzte er sich für die Belange der Sinti und Roma ein. 112 von ihnen konnte er im Mai 1945 im Konzentrationslager Dachau abholen und zurück nach Poitiers bringen.[28]
Im Oktober 1945 unternahm Fleury eine weitere Reise nach Deutschland. Diesmal ging es darum, die Leichen von im Strafgefängnis Wolfenbüttel guillotinierten Kameraden aus der Résistance nach Poitiers zu überführen.[22] Einer dieser Hingerichteten war der Benediktiner Aimé Lambert (* 15. September 1874 Crottet; † 3. Dezember 1943 ermordet in Wolfenbüttel)[29], ein weiterer der Priester Joseph Georges Jean Marie Duret (* 12. November 1887 in La Bruffière; † 30. Mai 1943 in Wolfenbüttel). Duret hatte am 29. Mai 1943 seine Anklageschrift wegen "Mitgliedschaft in einer geheimen Organisation, die sich gegen die Sicherheit der Besatzungstruppen richtet, und Spionage" erhalten und starb am Tag darauf in Folge einer Lungenentzündung, die er sich zuvor im SS-Sonderlager Hinzert zugezogen hatte.[30] Beide waren Angehörige des Réseau Renard, dem in Poitiers von Louis Renard (* 7. Dezember 1893 in Poitiers; † 3. Dezember 1943 in Wolfenbüttel) gegründeten Netzwerk, einer der ersten Widerstandsgruppen im besetzten Frankreich. Louis Renards Name steht wie der beiden zuvor Genannten auf einer Gedenktafel auf dem Friedhof Chilvert in Poitiers, das an die insgesamt 11 Opfer des Réseau Renard erinnert.[31] (Lage)
Ehrungen und Gedenken
Jean Fleury wurde im Oktober 1948 von der Versammlung der französischen Kardinäle und Erzbischöfe zum Nationalen Seelsorger für die Nomadenhilfe (Aumônier National de l'Aide aux Nomades) ernannt, ein Amt, das er bis zu seinem Tod innehatte.[22] Yad Vashem erkannte ihm am 24. März 1964 den Titel „Gerechter unter den Völkern“ zu und erwähnt auf seiner Webseite weitere Auszeichnungen.
„Nach dem Krieg wurde Pater Fleury Vorsitzender des COSOR (Comité des Oeuvres Sociales de la Résistance) und half unter seiner Schirmherrschaft weiterhin Überlebenden. Anschließend bestätigte die französische Regierung Fleurys lobenswertes Verhalten, indem sie ihm das Zitat der Ehrenlegion verlieh.[32]“
Sabine Renard-Darson zeigt auf ihrer Webseite ein Foto von Jean Fleury beim Pflanzen eines Baums der Gerechten im Elie-Bloch-Wald auf dem Gelände von Yad Vashem.[15][22]
In Poitiers trägt die frühere Hauptstraße des Lagers heute seinen Namen.[34] An das Camp de la Route de Limoges selber erinnert nur der oben schon erwähnte Gedenkstein, der sich an einer eher unwirtlichen Straßenecke befindet, just an der Stelle, wo sich früher der Lagereingang befand. Der Gedenkstein wurde am 4. September 1985 eingeweiht und trägt heute zwei Tafeln mit Inschriften.
An Eli Bloch und seine Familie erinnern in Barr, der Gemeinde, in der er aufwuchs, drei Stolpersteine.[35]
Literatur
- Les Archives départementales de la Vienne: Des Camps dans la Vienne 1939-1945. Contrôler, Exclure, Persécuter, 2017. Bei dem Buch handelt es sich um den Katalog zur gleichnamigen Ausstellung; es ist online einsehbar und reich bebildert. Ergänzend hierzu:
- Les Archives départementales de la Vienne auf der Webseite von France Archives.
- Paul Lévy: Un camp de concentration français. Poitiers (1939-1945), 1995. Das online zur Verfügung stehende Buch konnte nicht berücksichtigt werden, da es nur kapitelweise für 5 Euro zugänglich ist.
Weblinks
- VRID MEMORIAL. VRID steht für Vienne Résistance Internement Déportation, einem Kollektiv für Medienarbeit zur Geschichte und Erinnerung des Zweiten Weltkriegs im Département Vienne. Auf deren Plattform wurden die folgenden Artikel veröffentlicht:
- Yannick Deport: LE CAMP DE POITIERS. De la création du camp en 1939 pour accueillir les réfugiés espagnols à l’internement des juifs et des tziganes. (Online)
- Sabine Renard-Darson: 1er chapitre : Qui sont ces enfants ?, ILS ONT AIDÉ DES ENFANTS JUIFS – I – (Online)
- Sabine Renard-Darson: Le rabbin Elie Bloch. ILS ONT AIDÉ DES ENFANTS JUIFS – II – (Online).
- Sabine Renard-Darson: Marcelle Valensi, ILS ONT AIDÉ DES ENFANTS JUIFS – III – (Online)
- Sabine Renard-Darson: Le Père Jean Fleury (1905-1982), ILS ONT AIDÉ DES ENFANTS JUIFS – IV – (Online)[36]
- Eliezer Schilt and Joseph Robert White: POITIERS, in: The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945, Volume III: Camps and Ghettos under European Regimes Aligned with Nazi Germany, Chapter 157 (Online)
- AJPN – Anonymes, Justes et Persécutés durant la période Nazie dans les communes de France: Camp de la Route de Limoges durant la Seconde Guerre mondiale (WWII)
- Mémorial des Nomades de France: Camp de Poitiers (Vienne), 1940-1944
- Jean-Michel Gouin: Route de Limoges : souvenirs d'un autre camp, 19. Juli 2015 (Online auf la Nouvell République.fr)
- Denys Frétier: Survivante du camp de la route de Limoges, 16. April 2016 (Online auf la Nouvell République.fr)
- Poitiers, le camp de la route de Limoges (1939-1945) : internement et déportation – Journées européennes du patrimoine 2022. In die Webseite ist ein etwa eineinhalbstündiges Video von der Tagung über die Geschichte des Camps eingebettet.
- Paul Levy: Rabbi Elie BLOCH Dambach-la-Ville 1909 – Auschwitz 1943 (Online).
- Société d'Histoire et d'Archéologie du Pays de Fougères: Jean Fleury, Résistant et premier Juste de France.
- AJPN – Anonymes, Justes et Persécutés durant la période Nazie dans les communes de France: Jean Fleury.
- Limore Yagil: Rescue of Jews in France 1940–44: The Jesuit Contribution, in: Journal of Jesuit Studies, (Online Publication Date: 26 Apr 2018).
- Yad Vashem Collections: Eli Bloch
- Vad Vashem Collections: From the Rabbi Elie Bloch Collection: Documentation related to the rescue of children in France, 1942
- Le blog de Véronique D: Frontstalag et camp d’internement de Poitiers (Online)
Einzelnachweise
- ↑ Nomades, Tsiganes und Manouches sind im Französischen auch aktuell benutzte Begriffe für Menschen, die im Deutschen zumeist als Sinti und Roma bezeichnet werden.
- ↑ a b c d e f g h Yannick Deport: LE CAMP DE POITIERS
- ↑ Christian Eggers: Unerwünschte Ausländer. Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in französischen Internierungslagern 1940 – 1942. Metropol Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932482-62-X, S. 37.
- ↑ AJPN: Camp de la Route de Limoges durant la Seconde Guerre mondiale (WWII)
- ↑ In anderen Quellen ist von 20 Baracken die Rede, wobei nicht klar ist, wie die Baracken, die nachfolgend als östlich der Straße von Limoges gelegenen erwähnt werden, in die unterschiedlichen Zählweisen einflossen. Die Fondation pour la Mémoire de la Déportation spricht von 15 Baracken, die auf 20 aufgestockt worden seien.
- ↑ „The Poitiers camp was located on the road to Limoges and was spread over more than 21,000 square meters (25,116 square yards). The French authorities obtained this space in two plots: one amicably, the other commandeered when the owner asked for too much Poitiers was also known as the Route de Limoges camp. It was first enclosed with a barbed-wire fence, which was doubled after 1941, and two watchtowers were added. Fifteen wooden barracks, each 50 meters (55 yards) long and 6 meters (6.6 yards) wide, were lined up on the western side of the main road. The administration, infirmary, and guards occupied the first three barracks. The camp’s construction, which started in the fall of 1939, was completed in May 1941. Separate, fenced-in compounds for Roma, Spaniards, and Jews were set up at the end of 1941. East of Limoges Road were additional barracks for administrative staff, stockrooms, kitchens, bathrooms, a chapel, and a gendarmerie station.“
- ↑ a b Für differenziertere Belegungszahlen des Camps siehe: Fondation pour la Mémoire de la Déportation: Camp d'internement : Le-Fief-du-Pied-de-Marc.
- ↑ „Au total, plus de 500 nomades furent ainsi internés dans des conditions inhumaines : le sol argileux se transformait en véritable bourbier l’hiver, il n’existait aucun chauffage efficace, la nourriture était insuffisante et déséquilibrée, casseroles, sièges, tables manquaient cruellement. Mais le plus pénible pour ces » gens du voyage « était sans nul doute la perte de la liberté.“
- ↑ a b c d Eliezer Schilt and Joseph Robert White: POITIERS
- ↑ Zum Gefängnis Pierre Levée siehe: CENTRE RÉGIONAL "RÉSISTANCE & LIBERTÉ": PRISON DE LA PIERRE-LEVÉE À POITIERS (Online)
- ↑ „Work assignments for Roma differed from those for Jews. From the outset of the Occupation, the German authorities tried to take sole advantage of Roma labor. For Jews, work opportunities were intermittent. There was a basket-making workshop inside the camp, and private companies occasionally deployed detainee labor in the city of Poitiers.“
- ↑ Zu ihm siehe den Artikel von Sabine Renard-Darson: ROBERT SCHUMAN À POITIERS ET À LIGUGÉ, online auf der Plattform VRID.
- ↑ a b Sabine Renard-Darson: 1er chapitre : Qui sont ces enfants ?
- ↑ a b c d Paul Levy: Rabbi Elie BLOCH
- ↑ a b c Sabine Renard-Darson: Le rabbin Elie Bloch
- ↑ Für mehr Informationen über das Comité de la rue Amelot siehe die Dokumentation einer Ausstellung aus dem Jahr 2012. Hommage au Comité Amelot.
- ↑ a b Amis de la Fondation pour la Mémoire de la Déportation: VALENSI Marcelle
- ↑ UGIF = Union générale des israélites de France
- ↑ „Le rabbin Bloch a besoin d’assistantes pour aider les internés. En plus des fonds de l’UGIF, de l’aide de la rue Amelot, Élie Bloch récolte des fonds chez les Juifs de la Vienne et de la Haute-Vienne afin de confectionner des colis de vivres et de vêtements pour les internés, qui sont dans une grande détresse. Marcelle Valensi distribue ces colis dans le camp sous le couvert de la Croix-Rouge. Elle multiplie les contacts pour faire libérer les enfants de moins de quatorze ans. Elle est alors aidée par le père Fleury, aumônier des Tziganes […]. Marcelle Valensi envoie régulièrement des rapports sur son activité au comité de la rue Amelot.“
- ↑ AJPN – Anonymes, Justes et Persécutés durant la période Nazie dans les communes de France: La Sansonnerie durant la Seconde Guerre mondiale (WWII)
- ↑ Sabine Renard-Darson: Marcelle Valensi
- ↑ a b c d e AJPN: Jean Fleury
- ↑ „…A partir du 10 mai 1942, je suis allé régulièrement trois fois par semaine au camp de la route de Limoges où se trouvaient internés les nomades, gitans, tsiganes…“ Jean Fleury 1982, zitiert nach Sabine Renard-Darson:: Le Père Jean Fleury.
- ↑ „C’est alors que je décidai d’aller me mettre à la disposition du rabbin Elie Bloch pour me rendre au camp juif chaque fois qu’il me serait possible.“ Jean Fleury 1982, zitiert nach Sabine Renard-Darson:: Le Père Jean Fleury.
- ↑ „Je ne raconterai pas toutes les péripéties ni les ruses de Sioux que je dus employer pour aller en fraude au camp juif, dans des conditions périlleuses puisque, je le savais depuis septembre 1942, les allemands parlaient de m’arrêter. Je veux simplement témoigner ma reconnaissance aux gitans et tsiganes qui m’ont permis de tromper la surveillance allemande et, quand les hommes ont été arrêtés, ce sont les jeunes eux-mêmes de douze ou quatorze ans qui m’ont aidé à passer. Ma reconnaissance envers eux est d’autant plus vive qu’en me protégeant moi-même, sans qu’ils pussent encore le savoir, ils m’ont permis de sauver de nombreuses vies humaines. S’il plait à Dieu, je le raconterai dans mes » Mémoires « qu’on me demande de tous côtés d’écrire. Que ma reconnaissance fraternelle aille aussi à toutes les personnes qui m’ont aidé à poursuivre mon travail et à sauver elles-mêmes des juifs souvent au péril de leur vie ! Grâce à Dieu, tous ceux que nous avons pu cacher ont été sauvés.“
- ↑ a b Limore Yagil: Rescue of Jews in France 1940–44
- ↑ Yad Vashem: Hélène Marzellier
- ↑ AJPN: Jean Fleury. In einem nachfolgenden Absatz auf der Webseiteist nur noch von 96 Personen die Rede, die repatriiert werden konnten.
- ↑ Biographia Benedictina: Aimé Lambert. Bibliothekar der Abtei Ligugé; Mitglied der Résistance, NS-Opfer
- ↑ Les Fusillés (1940-1944): DURET Joseph, Georges, Jean, Marie. Das Online-Nachschlagewerk Les Fusillés (1940-1944): dictionnaire biographique des fusillés et exécutés par condamnation et comme otages et guillotinés en France pendant l'Occupation (Biographisches Lexikon der Erschossenen und Hingerichteten durch Verurteilung und als Geiseln und Guillotinierte in Frankreich während der Besatzungszeit 1940 - 1944) ist eine Weiterführung des von dem französischen Historiker Jean Maitron (1910–1987) begründeten und herausgegebenen Dictionnaire biographique du mouvement ouvrier français (Biografisches Wörterbüchern der Französischen Arbeiterbewegung), bekannt auch als Le Maitron.
- ↑ Les Fusillés (1940-1944): RENARD Louis Für Bilder der Gedenkstätte siehe: Le blog de Véronique D: Le monument au réseau Louis Renard, cimetière de Chilvert à Poitiers
- ↑ „After the war, Father Fleury became the chairman of COSOR (Comité des Oeuvres Sociales de la Résistance) and under its auspices, continued to help survivors. Subsequently, the Government of France acknowledged Fleury’s commendable behavior by awarding him the citation of the Legion of Honor.“
- ↑ Yad Vashem: Father Jean Fleury, France
- ↑ Le blog de Véronique D: Frontstalag et camp d’internement de Poitiers
- ↑ Stolpersteine Guide: 12, rue du Général Vandenberg - BARR
- ↑ Zu ihm siehe auch den Artikel in der französischsprachigen Wikipedia: fr:Jean Fleury (jésuite).