Camp de la Chauvinerie
Das Camp de La Chauvinerie befand sich bei Poitiers. Es entstand zu Beginn der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940). Es war zunächst ein Frontstalag, in dem die Wehrmacht nach dem Waffenstillstand die sogenannten „tirailleurs sénégalais“ (Senegalesische Schützen) unterbrachte. Diese französischen Kriegsgefangenen, die aus Subsahara-Afrika, aber auch aus Madagaskar, den Antillen und Indochina stammten, wollte das Nazi-Regime nicht auf deutschem Boden haben und brachte sie in Frontstalags in der Besetzten Zone (Nordzone) unter.[1] In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurden dann im Camp de La Chauvinerie Tausende deutscher und ungarischer Kriegsgefangener interniert und zusätzlich Männer, Frauen und Kinder, die vor allem bei den Kämpfen um Elsass und Lothringen im Winter 1944 evakuiert worden waren, aber auch verhaftete deutsche Zivilisten.[1]
Geschichte
Die Erinnerungen an das Camp de la Chauvinerie sind nahezu völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dass dieses Lager überhaupt wieder bekannt wurde, verdankt sich archäologischen Untersuchungen im Jahr 2008.
„Sonia Leconte, die Archäologin, die die Sondierungen durchgeführt hat: "Wir waren auf der Suche nach gallo-römischen Überresten. Unsere Entdeckung war eine ganz andere: "Ein riesiges Rechteck von 266 m x 144 m, umgeben von Gräben, die mit Gegenständen aller Art gefüllt sind: Stacheldraht, Geschirr, heterogene Gegenstände aus jüngerer Zeit. Eine Müllhalde?" Die Aussage eines Nachbarn führte die Archäologen auf die Spur des Lagers, das von den Gefangenen selbst im Winter 1940-1941 unter dramatischen Bedingungen in der Nähe der von den Deutschen beschlagnahmten Kaserne "La vieille Chauvinerie" errichtet worden war.[2]“
Das damalige Grabungsfeld lag ungefähr in der Mitte zwischen dem Bahnhof von Poitiers und dem heutigen Flugplatz Aéroport de Poitiers-Biard. (Lage) Nicht ohne Grund trägt eine Straße am westlichen Rand des Geländes den Namen von Léopold Sédar Senghor.
Es gibt Hinweise darauf, dass während des Ersten Weltkriegs auf dem Gelände ein Lager für deutsche Kriegsgefangene bestand.[3] Mehr ins Blickfeld geriet dann allerdings der Frontstalag 230, den die deutsche Wehrmacht hier am 20. Juli 1940 eröffnete und bis zum 7. April 1942 betrieb. Interniert wurden hier vor allem die sogenannten "tirailleurs sénégalais" (senegalesischen Schützen), aus Schwarzafrika stammende Angehörige der französischen Streitkräfte, aber auch Madagassen, Soldaten von den Antillen und Indochinesen. Sie alle waren nach dem von Vichy-Regime unterzeichneten Waffenstillstand von den Deutschen verhaftet worden, die aber deren Verlegung auf deutsches Staatsgebiet ausschlossen. Zu den hier internierten Kolonialsoldaten gehörte auch der spätere erste Präsidenten des Senegal, Léopold Sédar Senghor.[4.1]
Für die Jahre unmittelbar nach der Schließung des Frontstalags gibt es keine Hinweise darüber, wie das Gelände genutzt wurde. Erst 1945 wurde dann für die noch vorhandenen Baracken eine neue Verwendung gefunden. Ein Teil des Lagers diente fortan der Unterbringung von Kriegsgefangenen der Achsenmächte, der andere Teil wurde zum Centre de séjour surveillé (CSS). Dieser Teil des Lagers war „ein großes Viereck, das von zwei Reihen Stacheldraht umgeben ist. Im Inneren befinden sich auf der einen Seite die Männer und auf der anderen Seite die Frauen und Kinder. Am 10. Oktober 1945 befanden sich dort 1.879 Internierte, die von etwa 150 französischen Wächtern bewacht wurden: Offiziere, Aufseher, Krankenschwestern“.[4.2]
„In der Chauvinerie, die dem Innenministerium unterstellt war, wurden Zivilisten, oft ganze Familien, die während des Vormarsches der alliierten Truppen gefangen genommen worden waren und der Kollaboration verdächtigt wurden, untergebracht. Unter ihnen befanden sich Personen, die in Deutschland (Saarland, Rheinland, Baden und Württemberg) wohnten oder aus den vom Dritten Reich annektierten Gebieten Elsass-Mosel stammten: ethnische Elsässer und Lothringer oder Deutsche, die vom Naziregime angesiedelt worden waren. Aus verschiedenen Lagern (Struthof, Dôle, Ecrouves, Noé...) nach Poitiers überstellt, wurden einige Internierte nach Prüfung ihrer Unterlagen freigelassen. Ab dem 5. April 1945 verlässt ein Konvoi mit 341 Erwachsenen und 123 Kindern Poitiers und fährt über die Schweiz nach Konstanz.[5]“
Das Camp de la Chauvinerie war zu seiner Zeit eines der zehn größten Zentren für überwachte Aufenthalte (CSS) in Frankreich. Es beherbergte im Sommer 1945 etwa 4.000 Internierte – etwa 30 % aller in Frankreich internierten deutschen Zivilisten. Sie konnten „außerhalb des Lagers arbeiten, in der Landwirtschaft, in einigen Fabriken oder gehen zur Räumung der bombardierten Gebiete von Poitiers. Nur wenige Frauen verlassen das Lager: Einige wenige nähen und waschen Wäsche. Es handelt sich um streng reglementierte Tätigkeiten, bei denen insbesondere die Hälfte des Lohns an die Verwaltung und die andere Hälfte an die Internierten geht.“[4.3] Der Spiegel-Artikel Mon cher, cher petit erzählt ausführlich die ungewöhnliche Geschichte eines deutschen Kriegsgefangenen, der im Camp de la Chauvinerie interniert und zur Landarbeit verpflichtet worden war, und eine dort internierte Deutsche war auch die Schauspielerin Dita Parlo.[6]
Nach Einschätzung des Historikers Jean Hiernard waren Haftbedingungen „entsetzlich“.
„Neben dem Ärger und der Rache derer, die unter der deutschen Besatzung gelitten hatten, gab es Unterschlagung von Lebensmitteln, die vom Kommandeur des Zivillagers, einem pensionierten Oberst der Gendarmerie, organisiert wurde. Zweimal – im Mai, dann im September 1945, wurde der Präfekt von Poitiers vom Roten Kreuz alarmiert. 65 Kinder wurden im Lager geboren. Keiner hat überlebt. Ab dem 85. Lebensjahr sank die Zahl der Kinder unter drei Jahren zwischen Juli und August auf 25. Es gab durchschnittlich zwei Todesfälle bei Erwachsenen pro Tag. Siebenmal mehr als in den anderen Lagern, die gleichzeitig in Frankreich eröffnet wurden.[7]“
Am 1. November 1945 wurde das Camp de la Chauvinerie geschlossen.[4.4] Der für die Lebensmittelunterschlagungen verantwortliche Offizier, Justin Blanchard, wurde 1947 angeklagt, kam aber zunächst in den Genuss einer Amnestie. Während seines Prozesses rechtfertigte er sein Verhalten mit einer angeblichen Diphtherie-Epidemie, der Schädlichkeit der Milch und dem Mangel an sauberem Trinkwasser. 1948 kam er durch einen Bericht des Rechnungshofs erneut ins Visier der Justiz; er musste unrechtmäßig einbehaltene Gelder erstatten.[8]
Auch wenn die Archives départementales de la Vienne die Praxis der Internierung im Camp de la Chauvinerie als einen „"Skandal" in der Zeit der Befreiung“ bezeichnen, dokumentieren sie aber auch Objekte, die zeigen, dass das Lagerleben den Internierten Gelegenheiten zur handwerklichen und künstlerischen Entfaltung bot, die ihnen darüber hinaus Möglichkeiten zur Verbesserung der eigenen materiellen Situation schuf.
„Nach der Befreiung stellten die im Lager La Chauvinerie internierten Zivilisten, vor allem die Elsaß-Lothringer, ihrerseits Gegenstände her. Es gibt keine offiziell im Lager eingerichtete Werkstatt. Die Gegenstände werden im Verborgenen hergestellt und mit den Wärtern gegen Lebensmittel getauscht. Das Rohmaterial, das Holz, wird von den Aufsehern gespendet oder in einer Schreinerei in der Nähe des Lagers abgeholt, in der einige Internierte arbeiten gehen. Die Leistung ist umso bemerkenswerter, als diese Internierten anscheinend über keinerlei Werkzeuge verfügen. Andere Künstler, Maler oder Zeichner, fertigten Porträts anhand von Passfotos oder lebenden Modellen an.[9]“
Architektonische Erinnerungen an die beiden Lager in Poitiers gibt es heute nicht mehr, und im Falle des Camp de la Chauvinerie auch keine Fotos aus der Zeit als Internierungslager nach der Befreiung der Stadt. Fotos, die Eindrücke über die Struktur des Lagers vermitteln könnten, stammen alle noch aus der Zeit von dessen Nutzung als Frontstalag 230.[4.5]
Literatur
- Les Archives départementales de la Vienne: Des Camps dans la Vienne 1939-1945. Contrôler, Exclure, Persécuter, 2017. Bei dem Buch handelt es sich um den Katalog zur gleichnamigen Ausstellung; es ist online einsehbar und reich bebildert. Ergänzend hierzu:
- Les Archives départementales de la Vienne auf der Webseite von France Archives.
- Paul Lévy: Un camp de concentration français. Poitiers (1939-1945), 1995. Das online zur Verfügung stehende Buch konnte nicht berücksichtigt werden, da es nur kapitelweise für 5 Euro zugänglich ist.
Weblinks
- Jean-Jacques Boissonneau: 1940-1946 : l'histoire oubliée des camps de La Chauvinerie, 18. September 2012 (Online auf la Nouvell République.fr)
- Jean-Jacques Boissonneau: Camps de la Chauvinerie : des destins se sont croisés, 2. Juni 2015 (Online auf la Nouvell République.fr)
- Bruno Delion: Il y a 70 ans, éclatait le scandale du camp de la Chauvinerie, 12. März 2015 (Online auf Centre Press.fr)
- Mon cher, cher petit, Der Spiegel 44/1950, 31. Oktober 1950 (Online) Die abenteuerliche Geschichte eines deutschen Kriegsgefangenen, der im Camp de la Chauvinerie interniert und zur Landarbeit verpflichtet worden war.
- Le blog de Véronique D: Frontstalag et camp d’internement de Poitiers (Online)
Einzelnachweise
- ↑ a b Jean-Jacques Boissonneau: 1940-1946 : l'histoire oubliée des camps de La Chauvinerie
- ↑ Sonia Leconte, l'archéologue qui a conduit les sondages : « Nous étions à la recherche de vestiges gallo-romains. Notre découverte fut tout autre. »Un vaste rectangle de 266 m x 144 m entouré de fossés, comblés d'objets de toutes sortes : fils de fer barbelé, vaisselle, objets hétéroclites récents. Un dépotoir ?" Le témoignage d'un voisin a conduit les archéologues sur la piste du camp édifié par les prisonniers eux-mêmes au cours de l'hiver 1940-1941 dans des conditions dramatiques, à proximité de la caserne de « la vieille Chauvinerie » réquisitionnée par les Allemands.
- ↑ Jean-Jacques Boissonneau: Camps de la Chauvinerie
- ↑ Les Archives départementales de la Vienne: Des Camps dans la Vienne 1939-1945
- ↑ „La Chauvinerie, placée sous la tutelle du ministère de l’Intérieur, regroupe des civils, souvent des familles entières, faits prisonniers lors de l’avancée des troupes alliées, et suspectés de collaboration. Parmi eux, se trouvent des personnes habitant l’Allemagne (Sarre, Rhénanie, Pays de Bade et Wurtemberg) ou venant des territoires d’Alsace-Moselle annexés par le IIIe Reich : Alsaciens et Lorrains de souche ou Allemands installés par le régime nazi. Transférés de différents camps (Struthof, Dôle, Ecrouves, Noé...) vers Poitiers, certains internés sont libérés après examen de leur dossier. Dès le 5 avril 1945, un convoi de 341 adultes et 123 enfants quitte Poitiers pour Constance via la Suisse.“
- ↑ Jean-Jacques Boissonneau: 1940-1946 : l'histoire oubliée des camps de La Chauvinerie
- ↑ „Les conditions de détentions y étaient « effroyables » a expliqué l'historien. Aux vexations et à la vengeance de ceux qui avaient souffert de l'occupation allemande, s'est ajouté un détournement de nourriture organisé par le commandant du camp civil, un colonel de gendarmerie en retraite. A deux reprises – en mai, puis en septembre 1945, le préfet de Poitiers a été alerté par la Croix-Rouge. 65 enfants sont nés dans le camp. Aucun n'a survécu. De 85, le nombre des enfants de moins de trois ans, a chuté à 25 entre juillet et août. On a dénombré une moyenne de deux décès d'adultes par jour. Sept fois plus que dans les autres camps ouverts en France à la même époque.“
- ↑ Bruno Delion: Il y a 70 ans, éclatait le scandale du camp de la Chauvinerie
- ↑ „A la Libération, les civils internés dans le camp de la Chauvinerie, surtout les Alsaciens-Lorrains, fabriquent à leur tour des objets. Il n’y a pas d’atelier installé officiellement dans le camp. Les objets sont fabriqués en cachette et échangés avec des gardiens contre de la nourriture. La matière première, le bois, est donné par des gardiens ou récupéré dans une menuiserie proche du camp ou certains internés vont travailler. La prouesse est d’autant plus remarquable que ces internés ne semblent disposer d’aucun outil. D’autres, artistes peintres ou dessinateurs, réalisent des portraits à partir de photographies d’identité ou de modèles vivants.“