Bus-300-Affäre
Als Bus-300-Affäre werden zwei durch israelische Geheimdienstleute begangene Morde an palästinensischen Gefangenen und der damit ausgelöste politische Skandal in Israel ab dem Jahr 1984 bezeichnet. Vorhergegangen war die Entführung der Egged-Buslinie 300 (hebräisch קו 300 / kav 300). Die Politisierung der Frage ergab sich aus dem Selbstverständnis vieler Israelis, in einem Rechtsstaat zu leben.[1]
Beschreibung der Ereignisse
Am Abend des 12. April 1984 wurde der Bus 300 von Tel Aviv nach Aschkelon von Palästinensern aus dem Gazastreifen entführt und die 41 Passagiere als Geiseln genommen. Die Entführer forderten die Freilassung von 500 Gefangenen und freies Geleit nach Ägypten. Sie täuschten vor, einen mit Sprengstoff gefüllten Koffer mit sich zu tragen, waren aber nur mit Messern bewaffnet. Eine schwangere Passagierin ließen sie frei, diese alarmierte die Polizei. Der Bus wurde in den Gazastreifen Richtung Ägypten dirigiert, aber vor der Grenze bei Dair al-Balah durch Beschuss der Reifen gestoppt und Verhandlungen mit den Entführern aufgenommen. Bei der am folgenden Morgen durchgeführten Befreiungsaktion konnten die Entführer überwältigt werden. Dabei wurden nach offiziellen Angaben alle vier Busentführer und eine junge Passagierin getötet.[1]
Danach tauchten – wegen der israelischen Zensur nur in ausländischen Medien – Fotos eines Journalisten der Zeitung Chadaschot[1] auf, die zwei Entführer lebend und in guter Verfassung nach ihrer Gefangennahme zeigten. Nachdem diese Information erst eine Woche später durch das nicht verbotene Zitieren eines Artikels der New York Times in einer israelischen Zeitung veröffentlicht worden war, wurde durch Mosche Arens eine armeeinterne Untersuchung unter der Leitung eines Reservegenerals eingeleitet.
Es stellte sich heraus, dass Brigadegeneral Jitzchak Mordechai die beiden Gefangenen verhört und dann Agenten des Schin Bet übergeben hatte. Ein gewisser Ehud Jatom,[1] ein Geheimdienstkader, ermordete die Gefangenen – angeblich auf Veranlassung des Geheimdienstoffiziers Avraham Schalom.[2][3] Die beiden Gefangen wurden gesteinigt und mit Eisenstangen zutodegeschlagen. Schalom habe Anweisung gegeben, sie in die Wüste bringen und gesagt „Ehud, liquidiere sie!“.[1]
Schalom war durch die Besetzung der Untersuchungskommission mit Getreuen laufend über deren Fortgang informiert und versuchte diesen zu behindern. In der Anhörung beschuldigten Schalom und Jatom Mordechai, für die Morde verantwortlich zu sein.[4][5] Das Militärgericht sprach Mordechai und Jatom frei. Gegen diese Entscheidung kam Widerstand aus Rängen des Geheimdiensts. Schaloms Stellvertreter Reuven Hazak und zwei weitere Mitarbeiter verlangten Schaloms Rücktritt und wurden ihrerseits entlassen. Hazak gelangte darauf an Schimon Peres und verlangte erneut die Absetzung Schaloms, was Peres ablehnte. Hazak wandte sich an Jitzchak Zamir, den Rechtsbeirat der Regierung, der seinerseits von Peres abgewiesen wurde. Zamir eröffnete darauf zusammen mit Dorit Beinisch im Mai 1986 ein Polizeiverfahren. Dies brachte Jitzchak Schamir auf den Plan, der versuchte, die Ehre der Armee zu verteidigen. Die Regierung sorgte dafür, dass Zamir vorzeitig aus dem Amt entlassen wurde und hoffte, der Amtsnachfolger würde die Untersuchung fallen lassen. Doch auch Yossef Harish führte sie fort.[1]
Staatspräsident Chaim Herzog begnadigte Schalom und vier weitere Schin-Bet-Agenten.[6] Dies geschah auf Bitte der Regierung, die einen weiteren Skandal vermeiden wollte. Im Gegenzug wurde vereinbart, dass Avraham Schalom aus seiner Funktion zurücktrat. Weitere Kader, die bei der Behinderung der Justiz geholfen hatten, mussten gehen. Schalom erhob in seinem Gnadengesuch den Vorwurf, bei den Morden Anweisungen von Jitzchak Schamir befolgt zu haben, was Schamir öffentlich bestritt. Im September 1986 erhielt Schalom eine Anstellung als Direktionsmitglied bei einem Unternehmen der Luftfahrttechnologie. Jatom arbeitete noch 13 Jahre ungehindert im Geheimdienst weiter. Kurz vor seinem Abgang dankte ihm Jitzchak Rabin am 23. März 1995 in einem Brief für seine Taten. Jatoms Versuch, die Leitung des Generalstabs zur Bekämpfung des Terrorismus zu übernehmen, wurde jedoch vom Obersten Gericht blockiert, das die Besetzung des Postens durch eine vorbelastete Person als „unvernünftig“ bezeichnete. Die Partei Likud hingegen bot Jatom 2003 einen vorderen Listenplatz und damit einen Sitz in der Knesset an. Jatom war darauf bis 2006 Mitglied des israelischen Parlaments.[1]
In einem privaten Treffen mit ehemaligen Geheimdienstleuten im Jahr 2004 bezeichnete Schalom seine damaligen Befehle als „dumm“ und übernahm dafür die Verantwortung, meinte aber, seine Vorgesetzten hätten von allem gewusst. Auch Jatom gab die Vorwürfe später zu.[1] Schalom äußerte sich zu der Affäre 2012 erstmals öffentlich im Dokumentarfilm Töte zuerst (engl. The Gatekeepers) des israelischen Filmregisseurs Dror Moreh. Anfang 2013 kam der Film in die israelischen Kinos und wurde im März 2013 vom französisch-deutschen Fernsehsender arte und von der ARD ausgestrahlt.[7] In dem Film machte er die Armee für den schlechten Zustand („halb-tot“) der beiden Gefangenen bei der Übergabe an den Schin Beth verantwortlich, seine Agenten hätten ihnen „nur mehr den Rest“ gegeben. Diese Anweisung habe er gegeben, um einen medienwirksamen Terroristen-Prozess zu verhindern.[8]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h Samy Cohen: Tuer ou laisser vivre : Israël et la morale de la guerre. Éditions Flammarion, Paris 2025, ISBN 978-2-08-046824-6, S. 103–107.
- ↑ Michael Keren: Professionals Against Populism: The Peres Government and Democracy. SUNY Press, 1995, ISBN 0-7914-2563-0, S. 32–33.
- ↑ Gidi Weitz: Newly released papers reveal how Shin Bet tried to hide „Bus 300“ killings. In: Haaretz. 27. September 2001.
- ↑ Peretz Kidron in Middle East International. Issue 276, S. 5.
- ↑ Michael Keren: Zichroni V. State of Israel: The Biography of a Civil Rights Lawyer. Lexington Books, 2002, ISBN 0-7391-0316-4, S. 172.
- ↑ Peretz Kidron in Middle East International. Issue 279, S. 8–10.
- ↑ Die Schlacht gewinnen, den Krieg verlieren? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. März 2013, S. 31.
- ↑ Thomas Assheuer: „Unsere Armee ist brutal“. In: Die Zeit, 28. Februar 2013, abgerufen am 9. September 2025.