Bunker von Seyss-Inquart in Apeldoorn

Der Bunker von Seyss-Inquart in Apeldoorn ist ein Bauwerk in der niederländischen Stadt Apeldoorn, das 1943 während der deutschen Besatzung für den deutschen Reichskommissar der Niederlande, Arthur Seyß-Inquart (1892–1946), und dessen Untergebene angelegt wurde. Seit dem Jahr 2000 steht der Bunker unter Denkmalschutz.

Geschichte

Rund drei Jahre vor Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss der Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete, Arthur Seyß-Inquart, die Präsidialabteilung seiner Besatzungsbehörde von den an der Küste gelegenen Orten Den Haag und Wassenaar ins vermeintlich sicherere Apeldoorn zu verlegen. Den entsprechenden Befehl erließ er am 7. Dezember 1942. Seine rechte Hand, Hans Piesbergen, schrieb an den Bürgermeister Apeldoorns und das Mitglied der NSB, Dirk Frans Pont, und legte ihm die dezidierten Wünsche seines Vorgesetzten dar: mehrere Gebäude und Zimmer für alle Behörden und für sich selbst ein Wohnhaus mit sieben Zimmern und einer Garage im Villenviertel der Stadt.[1]

Im Februar 1943 wurde das Hotel Bloemink in der Loolaan 56 (heute 556), unweit des königlichen Schlosses Palais Het Loo gelegen, geräumt. Das ehrwürdige Hotel war Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Namen De Nieuwe Kroon eröffnet worden. An dieser Kreuzung von Loolaan und Zwolseweg hatte sich schon zuvor eine Herberge neben einer Zollstation befunden.[2] Das Hotelinventar wurde eingelagert und das Gebäude für den neuen Zweck umgebaut.[1] Im März 1943 gaben Seyß-Inquart und der Generalkommissar Wimmer die Anweisung, splittersichere Luftschutzkeller anzulegen: Kurz darauf wurde mit dem Bau eines Bunkers im Garten der benachbarten weißen Villa (Loolaan 54, heute 554) begonnen, in der Seyß-Inquarts persönliches Dienstbüro untergebracht werden sollte.[1] Das Haus aus dem Jahr 1890 gehörte zuvor einem niederländischen Richter adliger Herkunft und trug den Namen Villa Vredestein.[3]

Im Februar 1944 bezog die Präsidialabteilung des Reichskommissariats mit 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihre Büros im Hotelgebäude. Für die NS-Mitarbeiter wurden Wohnhäuser requiriert oder sie wurden bei Apeldoorner Einwohnern einquartiert. Neben den deutschen Mitarbeitern und Beamten aus Den Haag arbeiteten auch Einwohner von Apeldoorn für die Präsidialabteilung des Reichskommissariats.[1] Seyß-Inquart wohnte privat mit seiner Familie in einer beschlagnahmten Villa in Velp. Nach dem „Dolle Dinsdag“ am 5. September 1944 zogen er und Wimmer mit ihren Familien auf das Landgut Spelderholt in Beekbergen.[4] Mehrfach wurde die Unterkunft in Beekbergen von britischen Kampfflugzeugen bombardiert.[5] Pläne des SAS, Seyß-Inquart von dort zu entführen oder zu töten, kamen nicht zur Ausführung.[6]

In dem Bunker vor der weißen Villa konnten bei einem Luftangriff die bis zu 175 Mitarbeiter des Reichskommissariats Schutz suchen.[4] Weitere Bunker entstanden hinter der Villa und in nahegelegenen Gärten.[4] Er bestand aus Stahlbeton, war 35 Meter lang und 13,25 Meter breit. Nach Angaben an einer Wand des Bunkers wurden für die Wände 385.000 Steine, 38,5 Tonnen Zement und 500 Kubikmeter Sand verwendet, für den Boden und das Dach 2000 Kubikmeter Beton. Die Wände waren etwa anderthalb Meter dick. Die Kosten beliefen sich auf 175.000 Gulden.[7]

Die unterirdischen Räume umfassten Büros, Schlafzimmer und ein Badezimmer mit Dusche für Seyß-Inquart sowie eine Telefonzentrale.[4] Ingenieure der PTT, die die Telefonzentrale installierten, manipulierten sie, so dass Angehörige der Widerstandsbewegung in den Monaten vor Kriegsende die Gespräche der Deutschen abhören konnten.[7] Der Bunker konnte luftdicht verschlossen und mit Außenluft versorgt werden, die durch spezielle Pumpen zugeführt und mit Gasfiltern gereinigt wurde.[7] An den Wänden hingen Perserteppiche, die aus dem Palais Het Loo „ausgeliehen“ worden waren.[8] Wie oft der Bunker tatsächlich genutzt werden musste, ist nicht bekannt.

Nach der Befreiung Apeldoorns am 17. April 1945 ließen die deutschen Besatzer den Bunker mit seinem gesamten Inhalt – Akten, Bücher, Möbel – zurück.[4] Noch Anfang März hatten sie am nahegelegenen Gehöft Woeste Hoeve im Rahmen einer Vergeltungsmaßnahme 117 Männer erschießen lassen. Nach Zeitzeugenberichten soll Seyß-Inquart selbst schon Ende März 1945 Apeldoorn verlassen haben. Er floh nach Deutschland, wo er am 4. Mai verhaftet wurde. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde er zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet.[9] Nach seiner Flucht zog der Prinzgemahl und Oberbefehlshaber der Binnenlandse Strijdkrachten, Prinz Bernhard, in das Gut Spelderholt und übernahm auch Seyß-Inquarts gepanzerten Mercedes, mit dem dieser zur Arbeit nach Apeldoorn gefahren war.[6]

Nach der Befreiung wurde ein zweiter Bunker zugeschüttet, der sich hinter dem Haus befand. Der, in dem sich der Arbeits- und Schlafbereich von Seyß-Inquart befanden, blieb erhalten.[10] Das Hotelgebäude, das während der Besatzungszeit mutmaßlich einem Eigentümer mit Verbindung zu den Deutschen gehörte, ging in das Eigentum des niederländischen Staates über und wird seit 1952 wieder als Beherbergungsbetrieb genutzt.[1]

1948 richteten ehemalige Widerstandskämpfer in dem Bunker an der Loolaan eine Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg ein, um Geld für die „Stichting 40–45“ zu sammeln, die Witwen gefallener Widerstandskämpfer finanziell unterstützte. In dieser Zeit wurden die Wände des Bunkers mit Bildern bemalt, die „die Geschichte und Niederlage von Seyss-Inquart“ erzählen. Entgegen der ursprünglichen, eher bescheidenen Erwartungen wurde die Ausstellung von zahlreichen Menschen aus den ganzen Niederlanden besucht.[11] Ein weiterer auf Veranlassung von Seyß-Inquart angelegter Bunker, baulich als Bauernhof getarnt, ist weiterhin auf dem Landgoed Clingendael in Wassenaar zu sehen.[12]

2000 wurde der Bunker in Apeldoorn unter Denkmalschutz (Rijksmonument Nr. 515 582) gestellt. Mit Hilfe von Spenden wurde er 2017 restauriert, nachdem er jahrelang nicht hatte betreten werden können und feucht geworden war.[13] Er ist im Rahmen von Führungen zugänglich.[14] In der Zentralbibliothek des Kulturzentrums „CODA“ in Apeldoorn kann man auf einem Multi-Touch-Screen einen virtuellen 3D-Rundgang durch den Bunker machen.[4]

Umgebung

Die Loolaan ist eine Allee, die über mehr als einen Kilometer von der Grote Kerk aus bis zu den Eingangstoren von Palais Het Loo führt und die zum Teil von eleganten historischen Villen gesäumt ist. Das Hotel Het Loo, die ehemalige Bürovilla Seyß-Inquarts und der Bunker liegen am nördlichen Ende der Straße. Gegenüber dem Hotel wurde 2000 das Nationaal Canadees Bevrijdingsmonument (Nationales Kanadisches Befreiungsdenkmal) errichtet, das an die Befreiung der nördlichen und östlichen Niederlande von der deutschen Besatzung durch die kanadischen Streitkräfte erinnert.[15] Die zentrale Skulptur zeigt einen Mann, der zwei Hüte hochhält („De Man met Twee Hoeden“); in Ottawa steht ein identisches Denkmal. Das Monument in Apeldoorn ist Teil der Liberation Tour Europe.[16]

Neben diesem Denkmal befindet sich ein weiteres, das an den Anschlag am Koninginnedag vor den Toren des Paleis Het Loo am 30. April 2009 erinnert. Dabei fuhr ein Mann mit einem Auto in die feiernde Menschenmenge. Der Anschlag galt der Königsfamilie. Die Fahrt des Attentäters endete, als sein Auto an den Marmorobelisken De Naald prallte. Das Attentat kostete acht Menschen das Leben, darunter das des Attentäters.[17]

Literatur

  • Johannes Koll: Arthur Seyß-Inquart und die deutsche Besatzungspolitik in den Niederlanden (1940–1945). Böhlau, 2015, ISBN 978-3-205-79660-2.
Commons: Bunker von Seyss-Inquart in Apeldoorn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e Loolaan 56 - Beladen Geschiedenis Apeldoorn. In: beladengeschiedenis-apeldoorn.nl. 19. Juni 2025, abgerufen am 26. August 2025 (niederländisch).
  2. Berry Meester: Hotel het Loo. In: parkenbuurt.nl. Abgerufen am 29. August 2025 (niederländisch).
  3. Berry Meester: Loolaan 552-554. In: parkenbuurt.nl. Abgerufen am 1. September 2025.
  4. a b c d e f Der unterirdische Bunker von Seyss-Inquart: Ein verborgenes Stück Geschichte in Apeldoorn. In: liberationroute.com. Abgerufen am 29. August 2025.
  5. Koll, Arthur Seyß-Inquart und die deutsche Besatzungspolitik in den Niederlanden (1940–1945), S. 536.
  6. a b Jacob-Jan van de Groep: The Keystone Paper | Opdracht liquidatie Seyss-Inquart? - De Puttenaer | Nieuws uit de regio Putten. In: deputtenaer.nl. 5. April 2025, abgerufen am 1. September 2025 (niederländisch).
  7. a b c Berry Meester: Loolaan. In: parkenbuurt.nl. Abgerufen am 31. August 2025.
  8. Bunker Seyss-Inquart blootgelegd voor restauratie. In: nos.nl. 16. September 2017, abgerufen am 29. August 2025 (niederländisch).
  9. Seyss-Inquart, Arthur. In: biographien.ac.at. Abgerufen am 31. August 2025.
  10. Gedenkzentrum Apeldoornsche Bosch - In der Region - Der Bunker von Seyss-Inquart. In: apeldoornschebosch.nl. 18. August 2025, abgerufen am 29. August 2025.
  11. Rondleiding Bunker van Seyss-Inquart - CODA. In: coda-apeldoorn.nl. 17. April 1945, abgerufen am 29. August 2025 (niederländisch).
  12. Stützpunkt Clingendael - Command bunker Seyss Inquart - Wassenaar. In: tracesofwar.com. Abgerufen am 29. August 2025 (englisch).
  13. Bij Loolaan 554, 7315 AG te Apeldoorn | Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed. In: monumentenregister.cultureelerfgoed.nl. 26. Juni 2000, abgerufen am 29. August 2025 (niederländisch).
  14. Voormalige bunker van Seyss-Inquart open voor publiek. In: hetgroteverhaalvanapeldoorn.nl. 20. August 2025, abgerufen am 29. August 2025 (niederländisch).
  15. In den Fußspuren der kanadischen Befreier. In: liberationroute.com. Abgerufen am 30. August 2025.
  16. De Man met Twee Hoeden. In: liberationroute.com. Abgerufen am 30. August 2025 (niederländisch).
  17. Geheugen van Apeldoorn - Herinneringsmonument Koninginnedag 2009. In: geheugenvanapeldoorn.nl. Abgerufen am 31. August 2025 (niederländisch).

Koordinaten: 52° 13′ 36,7″ N, 5° 56′ 51,4″ O