Bokujinkai
Bokujinkai (japanisch 墨人会; People of the Ink – Vereinigung der Tuschezeichner) ist eine japanische Kalligrafie-Künstlergruppe und ein Forschungs- und Ausstellungskollektiv, gegründet 1952.[1]
Geschichte
Bokujinkai wurde am 5. Januar 1952 von den fünf Kalligrafen Morita Shiryū, Inoue Yūichi, Eguchi Sōgen, Sekiya Yoshimichi und Nakamura Bokushi im Zen-Tempel Ryōan-ji in Kyōto gegründet. Alle fünf waren Schüler des experimentellen Kalligrafielehrers Ueda Sōkyū. Mit der Gründung brach die Gruppe mit der konservativen Kalligrafie-Tradition Japans. Sie trat für eine Öffnung der Schriftkunst ein und setzte sich für die Anerkennung der Kalligrafie als moderne Kunstform ein. Bokujinkai verfolgte das Ziel, die Kalligrafie – „sho“ (書) – auf eine Stufe mit der abstrakten Malerei zu stellen und sie einem internationalen Publikum zugänglich zu machen. Die Gruppe betrachtete Kalligrafie nicht nur als traditionelle Schriftkunst, sondern als lebendige, dynamische Form. Der Akt des Schreibens wurde als „Bewegung des Lebens“ verstanden, bei der die Pinselzeichnung als Ausdruck von Körper und Geist diente. Zugleich suchte die Gruppe den Dialog mit der westlichen abstrakten Kunst: Es wurden Kontakte zu Künstlern des europäischen Art Informel und des amerikanischen Abstract Expressionism gepflegt.[1][2]
Aktivitäten und Wirkung
Seit 1953 organisiert Bokujinkai regelmäßig Gruppenausstellungen. Lange reichte die Gruppe bewusst keine Werke bei traditionellen kalligrafischen Jurysalon-Ausstellungen ein, sondern präsentierte ihre Arbeiten in der zeitgenössischen Kunstwelt. Parallel dazu erschien die Zeitschrift Bokubi („Beauty of Ink“), die bereits 1951, also vor der offiziellen Gründung der Gruppe, gestartet wurde. Bokubi war ein zentrales Medium der Gruppe und enthielt Beiträge zu Ausstellungen, kritische Debatten, theoretische Texte, künstlerische Auseinandersetzungen und Bilder der Werke. Über Bokubi wurde der internationale Austausch mit westlichen Kunstkreisen gefördert.[2]
Stil und Werke
In den frühen Jahren war der Stil sehr experimentell: Die Mitglieder produzierten großformatige kalligrafische Arbeiten mit wenigen Zeichen (少字数書, shōjisūsho), die sich durch kräftige, expressive Pinselstriche auszeichneten. Dabei wurden der Tintenfluss, Spritzer und Tropfen sowie die körperliche Bewegung der Schreibenden betont. Es handelte sich dabei eher um zeichnerische Bewegungen als um lesbare Schriftzeichen. Manche verwendeten auch ungewöhnliche Werkzeuge oder Materialien wie große Pinsel, Haushaltsbesen, Öl- oder Enkaustikfarbe, Emaille, Lack oder sogar farbige Tinten und Farben. Diese radikale, gestische Kalligrafie wird heute meist den Gattungen Zen’ei Sho (前衛書, Avantgarde-Kalligrafie) oder Gendai Sho (現代書, moderne Kalligrafie) zugeordnet. Der Fokus lag dabei nicht auf lesbarer Schrift, sondern auf visueller Intensität und expressiver Gestik mit Bezug zur abstrakten Malerei.[3][2]
Bedeutung und internationale Rezeption
Der Bokujinkai hatte großen Einfluss auf die internationale Wahrnehmung der japanischen Kalligrafie: Durch Ausstellungen und Publikationen trug die Gruppe wesentlich dazu bei, dass japanische Kalligrafie als globale Avantgarde-Kunst verstanden wurde. Innerhalb Japans war der Einfluss ebenfalls stark – insbesondere in den 1950er und frühen 1960er Jahren konkurrierte der Bokujinkai mit anderen Avantgarde-Kunstgruppen, wie Gutai, um Aufmerksamkeit. Die Mischung aus Tradition und Moderne, Kalligrafie und Malerei machte die Gruppe zu Wegbereitern für eine Neubewertung der Schriftkunst. Laut der Forschung endete die intensive Phase der internationalen Kontakte und Kollaborationen in den mittleren 1960er Jahren. Fortan konzentrierte sich die Gruppe stärker auf interne Aktivitäten, die eigene kalligrafische Praxis und Forschung.[2]
Literatur
- Eugenia Bogdanova-Kummer, Bokujinkai: Japanese Calligraphy and the Postwar Avant-Garde, Brill, Leiden / Boston 2020.
Weblinks
- Bokujin History
- Bokujinkai Activities
- Bokujinkai: Japanese Calligraphy and the Postwar Avant-Garde
- MOMAK – National Museum of Modern Art Kyoto zur Entwicklung der Avantgarde-Kalligrafie
Einzelnachweise
- ↑ a b BOKUJIN | history. Abgerufen am 30. November 2025.
- ↑ a b c d Eugenia Bogdanova-Kummer: Bokujinkai: Japanese Calligraphy and the Postwar Avant-Garde,. Brill, Leiden / Boston 2020.
- ↑ The National Museum of Modern Art, Kyoto. Abgerufen am 30. November 2025.