Birgitta Linde

Birgitta Linde (* 27. November 1940 in Essen) ist eine deutsche freie Regisseurin.

Leben und Werk

Birgitta Linde, frei schaffende Theaterkünstlerin, lebt in Frankfurt am Main. In ihrem Bildungshintergrund vereinigt sie eine abgeschlossene Ausbildung als Schauspielerin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, von 1960 bis 1963, bei u. a. Herbert Maisch, Lola Müthel, Hannsgeorg Laubenthal, Rosemarie Gerstenberg, und, nach Gast-Engagements an den Städtische Bühnen Köln (1964/65), Staatstheater Braunschweig (1966/67), E.T.A.Hoffmann Theater Bamberg (1965), Grenzlandtheater Aachen (1968), ein Studium der Amerikanistik, Politikwissenschaft und Psychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, das sie mit der Arbeit Amerikanische Tagträume. Success- und Self-Help Literatur in den USA als Dr. phil. abschloss. Während ihres Studiums arbeitete sie als Autorin und Schauspielerin am Kabarett Die Maininger, wo sie 1976 zusammen mit ihrer Kollegin Christel Burgert das erste feministische Kabarettprogramm (Frisch, Fromm, Fröhlich, Frau) herausbrachte, das mehr als 2 Jahre mit ausverkauften Vorstellungen lief; ebenso erfolgreich war das medizinkritische Programm Vom Patienten, der sich auszog, das Fürchten zu lernen (ab 1977).

Nach Erlangung des Doktorgrads war sie während der Intendanzen von Adolf Dresen und Günther Rühle für 3 Jahre Regieassistentin am Schauspiel Frankfurt, dann bis 1995 als Lehrbeauftragte des Fachbereichs Amerikanistik an der Universität Frankfurt zum Thema Modernes Amerikanisches Drama und Theater tätig. 1988 begann sie ihre Karriere als selbstständige freie Regisseurin, zunächst hauptsächlich am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main.

Mit dem Hintergrund professioneller Theaterpraxis auf und hinter der Bühne und akademischem Literaturstudium entwickelte Linde ihre Theaterarbeit als frei schaffende Künstlerin. Sie spezialisierte sich auf die Arbeit mit zeitgenössischen Texten, die das Sprechen, die Kommunikation und deren soziale Konnotationen zum Gegenstand haben: Ihre Debüt-Inszenierung von 1988 mit dem Sprechstück Publikumsbeschimpfung von Peter Handke (Uraufführung in der Regie von Claus Peymann 1966), das sie mit vier weiblichen Darstellerinnen besetzt hatte, war dafür bereits eine deutliche Markierung. Ihre Inszenierung war die erste nach der Aufhebung der Sperrung des Textes durch Peter Handke und war laut Harenberg Schauspielführer die „überzeugendste“.[1] Von vier Schauspielerinnen wurde der Text als sprachliches Kammerkonzert wie Notenmaterial vom Blatt „heruntergespielt“. Mit ihrer innovativen Inszenierung Mexiko. Ein Stück von Gertrude Stein war Linde im Jahresheft von Theater heute 1989 für die Auszeichnung als beste Nachwuchsregisseurin nominiert.

Linde folgt in ihrer Arbeit als freie Regisseurin mit Werken hoch artifizieller Sprachkunst und Impulsen gesellschaftskritischer, oft auch feministischer Provenienz, die sie mit feinem Humor und professioneller Spielkultur umsetzt. Sie entwickelte damit ihr künstlerisches Profil, das in der deutschsprachigen Freien Theaterszene der 1990er- und 2000er-Jahre einzigartig ist. Sie arbeitete mit Texten von u. a. Gertrude Stein, Peter Handke, Ernst Jandl, Vladimir Kazakov, Feridun Zaimoglu, Thomas Bernhard und Moritz Rinke, die sie mit Darstellerinnen und Darstellern wie Barbara Nüsse, Blixa Bargeld, Lilo Wanders (Ernie Reinhardt), Lisa Fitz oder Jo van Nelsen in ebenso erhellende wie sinnlich ausdrucksstarke, originelle Bühnenproduktionen umsetzte. Das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main, ehrte sie im Herbst 1992 mit der Ausrichtung einer Werkschau ihrer „Birgitta-Linde-Inszenierungen“. Vielfach wurde sie mit ihren Arbeiten zu wichtigen Festivals (u. a. Impulse Theater Festival, Politik im freien Theater) und zu zahlreichen Gastspielen im In- und Ausland eingeladen. Neben ihrer künstlerischen Heimat, dem Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt produzierte sie auch auf Kampnagel in Hamburg, am Prinz Regent Theater Bochum und weiteren Produktionshäusern der Freien Darstellenden Künste. Zwischen 1995 und 2002 hatte sie die Regie für das hr2-Format Sunset Boudoir.

Inszenierungen (Auswahl)

  • Publikumsbeschimpfung von Peter Handke, OFF-TAT-Produktion, Frankfurt, 7. Januar 1988
    mit Barbara Englert, Ursula Lillig, Gisela E. Marx, Angelika Sieburg
    eingeladen zu Spectrum ’93, 11. Internationale Theaterwoche Villach; Festival Politik im Freien Theater, Bremen[1]
  • Mexiko. Ein Stück von Gertrude Stein, Mouson-Produktion, Frankfurt, 19. Januar 1989
    mit Barbara Englert, Claudia Macht, Angelika Sieburg, Andreas Wellano
    eingeladen zu Impulse ’90;[2] arte fact ’92, Erfurt; Festival: Der andere Blick, München 1991; Frankfurt Kultour Leipzig 1991; Treburger Theatertage 1989; Frankfurt-het ’93, Budapest; u. a.[3]
  • Er sagte es. Monolog von Gertrude Stein, Kampnagel Hamburg, Internationales Sommertheater Festival, Der gut gefettete Muskel August/September 1989
    mit David Eeles, Michaela Ehinger, Barbara Nüsse, Michael Schech[4]
  • Ladies’ Voices von Gertrude Stein. Mousonturm Frankfurt, 18. Dezember 1990,
    mit Cornelia Niemann und Annemarie Roelofs (Posaune)
    eingeladen zum Free-Jazz-Festival Berlin, zum Symposium Frauen auf dem Theater, Berlin 1991, zum Red Train, Kunstzug der Bahn, München 1992; zum Frauentheaterfestival Tübingen 1991 u. a.[5]
  • Wunderland. Mein Ein und Alice von Birgitta Linde, nach Lewis Carroll, Marburg, Theater neben dem Turm, 18. Oktober 1991,
    mit Udo Blickensdorf, Sigrid Giese, Rolf Michenfelder, Claudia Weiss
    eingeladen zu Impulse ’92 u. v. a.[6][2]
  • How to usher the house of Poe. Künstlerhaus Mousonturm, Januar 1992[7]
  • Der Erdbebenforscher von Gisela von Wysocki, Mousonturm Frankfurt, 6. Juli 1993
    mit Elettra de Salvo, Ulrich Cyran, Ralf Knicker, Rolf Michenfelder
    eingeladen zu Artefact, Erfurt 1996[8][9]
  • Unterbrechen Sie mich nicht, ich schweige von Vladimir Kazakov, Kampnagel Hamburg, November 1993,
    mit: Ulrich Cyran, Max Eipp, Marion Martienzen und Christian von Richthofen (Schlagwerker)
    eingeladen zum V. Festival Internacional De Las Artes 96, San José, Costa Rica u. a.[10]
  • Die Unbehandkelbarkeit von Zwangsjandlungen. Texte von Ernst Jandl und Peter Handke, Mousonturm Frankfurt, 20. April 1995
    mit: Petra Bogdahn, Ulrich Cyran, Michaela Ehinger, Gerhard Polacek
    eingeladen zu Spectrum ’95, Villach[11]
  • Das Händchen, das die Mutter schlägt von Birgitta Linde. Romanfabrik Frankfurt, 16. Oktober 1996
    Solo für Cornelia Niemann
    Eingeladen zum Festival der Kabarettistinnen, HR, 2000 u. a. Kabarett-Festivals[12]
  • Die Gehaltserhöhung von George Perec, Theaterhaus Frankfurt, 5. Juli 1997
    mit Cornelia Niemann und Annemarie Roelofs (Posaune)
    eingeladen zu Reflexionen, Festival Freier Theater in Hessen 1997[13]
  • Kanak Sprak von Feridun Zaimoglu, Kampnagel Hamburg, 9. Oktober 1997[14]
    mit Marion Martienzen, Anina Michalski, Barbara Nüsse und dem Rap-Duo Cinai Sebeke
    eingeladen zum Festival Politik im Freien Theater in Stuttgart November 1999,[15] zu Impulse, November 1999[16][2]
  • Kitsch. Lieder und Texte entlang der deutschen Schmerzgrenze, Mousonturm Frankfurt, 15. April 1998
    mit Jo van Nelsen und Clemens Kanka (Klavier)
    Preise: St. Ingberter Pfanne Herbst 1998, Wilhelmshavener Knurrhahn Januar 1999, Thüringer Kleinkunstpreis[17]
  • Alpenglühn und Stützstrümpfe, von Birgitta Linde, Gallustheater Frankfurt, 28. Oktober 2000
    mit dem Trio Kujon: Ingrid El Sigai, Sabine Fischmann, Monica Ries[18]
  • Rosa Melone Schnitt Freude. Von Gertrude-Stein, Co-Produktion des Künstlerhauses Mousonturm mit dem Prinz Regent Theater Bochum, 14. Dezember 2000
    mit Oliver Augst, Blixa Bargeld, Pirkko Cremer, Verena Unbehaun[19]
  • Painful Strokes and Horrible Screams nach Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter. Theaterhaus Frankfurt, 22. November 2001. Coproduktion mit Con Tempo: Udo Diegelmann und Ralph Mangelsdorff.[20][21][22]
  • Der Graue Engel von Moritz Rinke. Coproduktion des Mousonturms Frankfurt mit dem Prinz Regent Theater Bochum, Kampnagel Hamburg, Forum Freies Theater, FFT, Düsseldorf, 3. Februar 2002,
    mit Lilo Wanders. Musik Hubert Machnik[23]
  • Totentrompeten von Einar Schleef, Koproduktion des Mousonturm Frankfurt mit dem Prinz Regent Theater Bochum 16. September 2005.
    Mit Michaela Conrad, Verena Unbehaun, Tabea Wollner[24]
  • Ein Hungerkünstler. Lieder aus dem Käfig. Nach Franz Kafka. Mousonturm Frankfurt, 24. November 2006
    Mit Tabea Wollner, Hilko Dumno, Arnold Frühwald, Stimme vom Band: Gregor Gysi[25]
  • Nacht Mutter. Von Marsha Norman, Theater im Dunkeln, Dialogmuseum Frankfurt, 22. Januar 2007
    mit Cornelia Niemann, Sabine Fischmann, Matthias Schäfer[26]
  • Der deutsche Mittagstisch. Von Thomas Bernhard. Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt, Coproduktion mit dem Gostner Hoftheater Nürnberg, 31. Januar 2008
    Mit Lisa Fitz, Carolin Freund, Luise Kinder, dem Chor des türkischen Kulturzentrums Frankfurt, dem Chor der Dreieinigkeitskirche Nürnberg[27]
  • Marilyn. Eine öffentliche Nervenprobe von Birgitta Linde. Mousonturm Frankfurt, 27. November 2008
    Mit Sabine Fischmann und Thorsten Larbig[28]
  • Clara und Robert Schumann, Paartherapie (mit Klavier!) von Birgitta Linde. Mousonturm Frankfurt, 18. März 2010
    Mit Sabine Fischmann, Thorsten Larbig, Birgitta Linde[29]
  • Doppelrahmfuge. Skript Birgitta Linde. Mousonturm Frankfurt, 25. August 2011
    mit Thorsten Larbig[30]
  • Durchgeritten. Alles von Karl May. Skript Birgitta Linde. Neues Theater Höchst, Frankfurt, 4. Mai 2013. In Koproduktion mit dem Theater im Pfalzbau Ludwigshafen, Theater Wolfsburg.
    Mit Andreas Wellano[31][32]
  • Florence Foster Jenkins. Die coole Sängerin. von Birgitta Linde. Internationales Theater Frankfurt, 6. Mai 2017
    mit Sabine Fischmann, Thorsten Larbig, Birgitta Linde[33][34]
  • Zarah Leander singt Lady Gaga. Skript Birgitta Linde. Stalburgtheater Frankfurt, 25. April 2019
    mit Monica Ries, Benedikt Fox[35]
  • Wenn eine von uns stirbt. Eine Begräbnisprobe. Skript Birgitta Linde. Stalburgtheater Frankfurt, 17. Oktober 2021
    mit Cornelia Niemann, Annemarie Roelofs[36][37]
  • #MeToo Medusa. Ein feministischer Wutausbruch. Skript Birgitta Linde. Stalburgtheater Frankfurt, 28. April 2023
    mit Sabine Fischmann, Musik: Ali Neander[38][39]

Werke

  • Amerikanische Tagträume. Success- und Self-Help Literatur in den USA. Campus, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-593-33371-6.
  • „Ich werde kommen und die Sklaven befreien.“ Judith Malina und das Living Theatre. In: Ursula May (Hrsg.): Theaterfrauen. Fünfzehn Porträts (= Suhrkamp Taschenbuch. 2876). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-39376-6, S. 139–154.

Einzelnachweise

  1. a b Harenberg Schauspielführer: die ganze Welt des Theaters : 265 Autoren mit mehr als 750 Werken. Harenberg, 1997, ISBN 3-611-00541-X, S. 425 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. a b c Archiv. Impulse Festival für Performance, Theater & Tanz, abgerufen am 30. November 2025.
  3. Theater Heute, Jahresheft 1989
  4. Die Welt, 15. August 1989
  5. Frankfurter Allgemeine Zeitung 21. Dezember 1990
  6. Frankfurter Rundschau 26. November 1991
  7. Arnd Wesemann: Shrink-shrank-shrunk. In: Die Tageszeitung: taz. 1. Februar 1992, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
  8. Gerda Poschmann: Der nicht mehr dramatische Theatertext: Aktuelle Bühnenstücke und ihre dramaturgische Analyse. Walter de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 3-11-094241-0, S. 355 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. NDR 3, Text und Zeichen, 7. Juli 1993
  10. Die Welt, 29. November 1993
  11. Stuttgarter Zeitung 3. März 1997
  12. Frankfurter Rundschau 16. Oktober 1996
  13. Frankfurter Allgemeine Zeitung 8. Juli 1997
  14. Gallus Theater Programm: Birgitta Linde Inszenierung mit Kanak Sprak. Abgerufen am 30. November 2025.
  15. Bundeszentrale für politische Bildung: 4. Festival // Next Generation – Stuttgart 1999. 17. Dezember 2007, abgerufen am 30. November 2025.
  16. NDR 90,3, Abendjournal, 10. Oktober 1997
  17. Frankfurter Allgemeine Zeitung 15. März 1999
  18. Mannheimer Morgen, 24. September 2001
  19. WAZ, 14. März 2001
  20. Frankfurter Allgemeine Zeitung 24. November 2001
  21. Das Ensemble. Con Tempo Ensemble, abgerufen am 30. November 2025.
  22. Über mich. Udo Diegelmann, abgerufen am 30. November 2025.
  23. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 3. Februar 2002
  24. WAZ 19. September 2005
  25. Frankfurter Allgemeine Zeitung 29. November 2006
  26. Frankfurter Allgemeine Zeitung 24. Januar 2007
  27. Passauer Neue Presse 2. Februar 2008
  28. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 30. November 2008
  29. Frankfurter Allgemeine Zeitung 20. März 2010
  30. Frankfurter Allgemeine Zeitung 27. August 2011
  31. Frankfurter Rundschau 7. Mai 2013
  32. Henning Franke: Medienbericht. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft. Band 44, 2014, ISBN 978-3-941629-12-7, ISSN 0300-1989, S. 353–395, hier S. 360 f. (karl-may-gesellschaft.de [PDF; 208 kB]).
  33. Frankfurter Rundschau 7. September 2017
  34. Die Kunst der falschen Töne. In: fr.de. Frankfurter Rundschau, 9. Januar 2019, abgerufen am 30. November 2025.
  35. Frankfurter Rundschau 27. April 2019
  36. Cornelia Niemann: Urgestein der Frankfurter Szene. In: faz.net. 11. Dezember 2023, abgerufen am 30. November 2025.
  37. Wenn eine von uns stirbt. Eine Begräbnisprobe — Stalburg Theater Frankfurt am Main. Abgerufen am 30. November 2025.
  38. Birgitta Linde und Sabine Fischmann: „#Me Too Medusa“ – Gibt Schlimmeres, als ein Schlangenhaupt zu haben. 1. Mai 2023, abgerufen am 30. November 2025.
  39. Sabine Fischmann als Medusa im Stalburg Theater. In: faz.net. 10. Mai 2023, abgerufen am 30. November 2025.