Bildüberlegenheitseffekt
Der Bildüberlegenheitseffekt (engl. picture superiority effect) beschreibt das psychologische Phänomen, dass sich Menschen Informationen in Form von Bildern, Fotos oder Grafiken deutlich besser und länger merken können als reine Text- oder Wortinformationen. Die inhärent höhere Gedächtniswirkung von Bildern ist seit langer Zeit bekannt (man denke an die Hinweise zur Loci-Methode, die dem Simonides von Keos zugeschrieben wird und die von Cicero exemplifiziert wurde).
Empirisch hat dies bereits 1884 E. A. Kirkpatrick[1] herausgearbeitet. Er hat bei verschiedenen Schüler- und Studentengruppen die Merkleistung hinsichtlich von 10 Wörtern versus der von 10 Bildern verglichen. Die unmittelbare Wiedergabe bei der Vorlage von Bildern war nur geringfügig besser als bei der von Wörtern, drei Tage später konnten in der Bildbedingung im Schnitt noch 6,29 Bilder, aber nur mehr 0,91 Wörter genannt werden. Auch von Bower (1972) stammen viele Untersuchungen, welche die Überlegenheit bildlicher Kodierung deutlich machen.[2] In einem dieser Experimente zum Paar-Assoziations-Lernen wurden den Probanden fünf Listen mit jeweils 20 Paaren konkreter Wörter gegeben (z. B. Hund – Fahrrad); die Experimentalgruppe war angewiesen, sich diese Wörter in einer bildhaften Szene und mit interaktiver Verbindung vorzustellen. Der Kontrollgruppe wurde keine spezielle Anweisung gegeben. Die Ergebnisse zeigen bei einem „Cued-recall-Test“ sowohl unmittelbar wie auch verzögert einen deutlichen Bildüberlegenheitseffekt.
Dieser Effekt wurde lange nicht zum Anlass für Modell- und Theoriebildung genommen. Erst Allan Paivio (1971) entwickelte ein Erklärungsmodell für diesen Effekt: In seiner Dual-Coding-Theorie wird von zwei Kodierungssystemen Gebrauch gemacht, einem bildhaften und einem verbalen: Bilder werden spontan dual kodiert, Wörter eher dann, wenn sie sich auf Konkretes beziehen (z. B. „Baum“); für Wörter, die sich auf abstrakte Gegebenheiten (z. B. „Freiheit“) beziehen, gilt dies nicht automatisch, eine bildhafte Kodierung ist aber dennoch möglich (z. B. „Freiheitsstatue“).
Literatur
- Joachim Hoffmann; Johannes Engelkamp: Lern- und Gedächtnispsychologie (2. Aufl.) Springer, Berlin 2013, ISBN 978-3-642-33866-3.
- Helmut Lukesch: Psychologie des Lernens und Lehrens (= Psychologie in der Lehrerausbildung. Band 2). Roderer, Regensburg 2001, ISBN 3-89783-277-1 (Kap. 2).
- Allan Paivio: Imagery and verbal processes. Holt, Rinehart & Winston, New York 1971
Weblinks
- Bildüberlegenheitseffekt auf cognitive-ux.com
- Lehren und Lernen mit Medien auf TU Chemnitz