Allan Paivio
Allan Urho Paivio (* 29. März 1925 in Thunder Bay; † 19. Juni 2016 in London (Ontario)) war ein kanadischer Bodybuilder, Psychologe und emeritierter Professor an der University of Western Ontario.[1]
Leben
Er wurde als Sohn finnischer Einwanderer, Aku Paivio und Ida Hanninen, in Nord-Ontario geboren; in dieser Gegend Kanadas wurde damals Finnisch häufiger gesprochen als Englisch. Sein Vater war Dichter, Dramatiker und radikaler sozialistischer Journalist, der für finnischsprachige Zeitungen schrieb und dessen linke Gesinnung seinen Sohn ein Leben lang prägte. Sein älterer Bruder Jules hatte sich dem kanadischen Kontingent der Internationalen Brigade angeschlossen, die während des Spanischen Bürgerkriegs gegen den Faschismus kämpfte. Er selbst musste im Winter oft kilometerweit zur Schule mit den Skiern fahren und entwickelte dadurch sein sportliches Talent und seine Leidenschaft für einen gesunden Lebensstil.
In den letzten zwei Jahre des Zweiten Weltkriegs diente er in der kanadischen Marine, danach zog er mit seiner Frau Kathleen nach Montreal. Er war ein erfolgreicher Bodybuilder und gewann 1948 den Titel „Mr. Canada“ bei einem Wettbewerb, der vom Internationalen Bodybuilding-Verband (IFBB) ins Leben gerufen wurde. 1949 erwarb er an der McGill University einen Bachelor of Science in Sportwissenschaften und eröffnete in Montreal ein Fitness- und Gesundheitsstudio. Nachdem er sein erfolgreiches Unternehmen gegründet hatte, bewarb er sich für ein Graduiertenstudium für Psychologie an der McGill University. Unter der Betreuung von Wallace Lambert promovierte (Ph.D.) er mit einer Arbeit über Lampenfieber. Nach seinem Abschluss an der McGill University absolvierte er ein Postdoktorat an der Cornell University. Anschließend trat er seine erste akademische Stelle an der University of New Brunswick (UNB) an; 1963 wechselte er an die University of Western Ontario und war auch nach seiner Pensionierung an der Western als Professor Emeritus im Fachbereich Psychologie sowie am Brain and Mind Institute tätig.
Werk
Er ist vor allem für seine bahnbrechenden Forschungen zur Repräsentation und den Eigenschaften mentaler Bilder sowie verbaler Assoziationsstrukturen bekannt. Bereits während seines Studiums an der McGill University begann er, linguistische Faktoren beim Lernen zu untersuchen und stellte fest, dass konkrete Wörter beim Lernen von Wortpaaren bessere Abrufhinweise lieferten als abstrakte Wörter. Er postulierte, dass dieser Effekt darauf zurückzuführen sei, dass konkrete Wörter die mentale Vorstellungskraft leichter aktivieren und somit besser als „konzeptuelle Ankerpunkte“ dienen. Diese Erkenntnis und seine nachfolgenden Arbeiten mündeten in der Ausarbeitung seiner Dual-Coding-Theorie.[2]
Die Dual-Coding-Theorie besagt, dass mentale Vorstellungen und verbale Prozesse trennbare, aber miteinander verbundene Repräsentationssysteme sind, die jeweils über eigene, überprüfbare Eigenschaften verfügen. Seine Forschungen zum vergleichenden Gedächtnis für konkrete und abstrakte Wörter führten ihn zu der Annahme, dass die Fähigkeit von Wörtern, ein mentales Bild hervorzurufen, der psychologische Prozess ist, der der konkret-abstrakten linguistischen Dimension zugrunde liegt. Diese Sichtweise wurde auf komplexere verbale Materialien wie Sätze oder Texte ausgeweitet. Die Theorie postuliert die Existenz zweier Modi symbolischer Repräsentation, eines bildlichen und eines verbalen, die als miteinander verbundene, aber funktional unterschiedliche kognitive Systeme verstanden werden. Diese Systeme sind an Gedächtnisprozessen und Lernen sowie allgemeiner an allen Aspekten menschlicher kognitiver Funktionen (Wahrnehmung, Denken, Problemlösen) beteiligt. Heute könnte man seine Theorie dahingehend erweitern, dass Wörter einprägsamer werden, wenn sie multisensorische Vorstellungen mit einer starken visuellen Komponente hervorrufen. Auch Förderprogramme im Bildungsbereich wurden von diesem Ansatz inspiriert.
Er hat für die Sportpsychologie auch herausgestellt, dass mentale Vorstellungskraft ein genau so wichtiger Bestandteil der mentalen Strategie eines Athleten ist wie das körperliche Training zur Leistungssteigerung. Er und andere entwickelten dazu das „Sport Imagery Questionnaire“, um den Einsatz von mentaler Vorstellungskraft durch Athleten zu untersuchen.
Ehrungen/Positionen
- Donald O. Hebb Award for Distinguished Contributions to Psychology as a Science der CPA
- 1978: Mitglied der Royal Society of Canada
- 1975: Präsidentschaft der Canadian Psychological Association (CPA)
- 1948: Titel „Mr. Canada“
Privates
Er war in erster Ehe 50 Jahre lang mit seiner Frau Kathleen (Kay) Laura Blanchem (geb. Austin, †) verheiratet. In zweiter Ehe war er mit Dolores Melba May Vuori Niskanen verheiratet; vier seiner fünf Kinder haben ihn überlebt (Sandra, Anna Lee Dietsche, Heather Gerrard †, Eric und Karina Macfarlane).
Publikationen (Auswahl)
- Monografien
- Imagery and Verbal Processes. Psychology Press, New York 2013, ISBN 978-1317757818.
- Mind and Its Evolution: A Dual Coding Theoretical Approach. Routledge, Abingdon-on-Thames 2006, ISBN 978-0805852608.
- Mit Mark Sadoski: Imagery and Text: A Dual Coding Theory of Reading and Writing (Second Edition). Routledge, Abingdon-on-Thames 2013, ISBN 978-1136623295.
- Images in Mind: The Evolution of a Theory. Prentice Hall, Englewood Cliffs 1991, ISBN 978-0745009384.
- Mental Representations: A Dual Coding Approach (Oxford Psychology Series, Band 9). Oxford University Press, Oxford 1986, ISBN 978-0195039368.
- Mit Ian Begg: Psychology of Language. Prentice Hall, Englewood Cliffs 1981, ISBN 978-0137359516.
- Herausgeberschaften
- Mit Craig R. Hall; Diane E. Stevens: Sport Imagery Questionnaire Manual. FiT Publishing, Morgantown 2005, ISBN 978-1-885693-65-5.
- Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
- Allan Paivio’s response to Delprato’s review of Mind and its evolution: A dual-coding theoretical approach. In: The psychological record, 2017, 59 (2), S. 301–311.
- Mit Marc Marschark; Linda J. Spencer; Andreana Durkin; Georgianna Borgna; Carol Convertino; Elizabeth Machmer: Don’t Assume Deaf Students are Visual Learners. In: Journal of developmental and physical disabilities, 2016, S. 1–19.
- Intelligence, dual coding theory, and the brain. In: Intelligence, 2014, 47, S. 141–158.
- Mit Margaret Olver: Denotative-generality, imagery, and meaningfulness in paired-associate learning of nouns. In: Psychonomic Science, 2014, 1 (1–12), S. 183–184.
- Mit A. Daniel Yarmey: Abstractness of the common element in mediated learning. In: Psychonomic Science, 2014, 2 (1–12), S. 231–232.
- Mit Padric C. Smythe: A comparison of the effectiveness of word Imagery and meaningfulness in paired-associate learning of nouns. In: Psychonomic Science, 2013, 10 (2), S. 49–50.
- Mit James M. Clark: Dual coding theory and education. In: Educational psychology review, 1991, 3 (3), S. 149–210.
- Mit Albert N. Katz; Marc Marschark: Poetic comparisons: Psychological dimensions of metaphoric processing. In: Journal of psycholinguistic research, 1985, 14 (4), S. 365–383.
Weblinks
- Literatur von und über Allan Paivio im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Allan Paivio's research while affiliated with Western University and other places auf Research Gate, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- Dr. Allan Urho Paivio June 19, 2016 auf The London Free Press, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- Visual Memories Linger Laura Otis: If you want people to remember, give them an image auf Psychology Today vom 26. November 2020, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- Allan Paivio auf Scholar GPS, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- Allan Paivio auf Research.com, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- Who Developed Dual Coding Theory? - Ultimate Study Hacks auf YouTube, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- Allan Paivio Introducing a Golden Era Superman auf YouTube, abgerufen am 22. Dezember 2025.
Literatur
- David Whitehead: Mark Sadoski and Allan Paivio. 2001. Imagery and text: A dual coding theory of reading and writing. In: Reading and writing, 2003, 16 (3), S. 259–262.
- Albert Katz: Allan Urho Paivio (1925–2016). In: American Psychologist, 2017, 72 (5), S. 497.
Einzelnachweise
- ↑ Albert Katz: Allan Urho Paivio (1925-2016), abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ Ansgar Schlichter: Dual Coding, dt. manchmal auch: Doppelkodierung auf Filmlexikon der Uni Kiel, abgerufen am 22. Dezember 2025.