Besiedlungsgeschichte Europas in der Jungsteinzeit

Die Besiedlungsgeschichte Europas in der Jungsteinzeit bezeichnet den Teil der Geschichte Europas, der sich mit Wachstum, Wanderung und Ansiedlung der Menschen in der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, befasst.

Paläolithikum

In der Altsteinzeit, spätestens vor 45.000 Jahren, kam der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens) nach Europa, nachdem er vor rund 50.000 bis 60.000 Jahren aus Afrika aufgebrochen war. In Europa lebten bis dahin die eng mit dem Homo sapiens verwandten Neandertaler (Homo neanderthalensis), deren Vorfahren ursprünglich ebenfalls aus Afrika stammten, aber schon Hunderttausende Jahre früher den afrikanischen Kontinent verlassen hatten. Vor etwa 40.000 Jahren starben die Neandertaler in Europa aus.[1] Dies markiert den Übergang vom Altpaläolithikum zum Mittelpaläolithikum.

Migration im neolithischen Europa

Während des Neolithikums fanden in Zentraleuropa vier wesentliche Migrationsereignisse statt. Der Wandel von der mesolithischen Lebensweise der Jäger und Sammler zur Landwirtschaft war mit dem ersten Bevölkerungsumbruch verbunden. Das Neolithikum entwickelte sich um 10.000 v. Chr. im Nahen Osten und erreichte über den ostmediterranen Raum und den Balkan um 5500 v. Chr. mit der Linearbandkeramischen Kultur Zentraleuropa. Die eingewanderten Bauern ersetzten im Laufe der Zeit große Teile der ansässigen Jäger-Sammler-Bevölkerung. Der Neolithisierung Europas folgte eine etwa 2500 Jahre andauernde Phase genetischer Stabilität.

Die um 3000 v. Chr. beginnenden Spätphasen des Neolithikums waren durch mehrere, aufeinander folgende dynamische Bevölkerungsverschiebungen gekennzeichnet, die mit der Trichterbecherkultur, der Schnurkeramischen Kultur und der Glockenbecherkultur verbunden waren. Während die genetische Signatur der ersten Bauern in dieser Zeit ausgedünnt wurde, kommen neue genetische Linien hinzu.

Beschreibung

Die Besiedlungsgeschichte Europas in der Jungsteinzeit zwischen dem 6. und 2. Jahrtausend v. Chr. ergibt anhand von DNA-Proben jungsteinzeitlicher Skelettfunde aus dem Mittelelbe-Saale-Gebiet Hinweise auf vier wesentliche Migrationsereignisse. Einem internationalen Forscherteam gelang es 2013 die Bevölkerungsentwicklung Europas zu entschlüsseln. Untersucht wurden 364 Skelette von insgesamt 25 Fundplätzen. Die mitteldeutschen Funde eignen sich wegen der günstigen Erhaltungsbedingungen gut für genetische Untersuchungen.

Während der Jungsteinzeit besiedelte eine Vielzahl von Kulturen Europa, die lediglich anhand ihrer materiellen Hinterlassenschaften unterschieden werden. Ob sich hinter den archäologisch fassbaren Elementen genetisch unterschiedliche Populationen abbilden, war eine der Kernfragen der Forschung. Der Forschergruppe ist es gelungen, die Populationsdynamik des Neolithikums in Zentraleuropa zu rekonstruieren. Die Zusammenarbeit von Archäologie und Naturwissenschaften ermöglichte es, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, ob der kulturelle Wandel während des Neolithikums durch wandernde Populationen oder den Ideentransfer zwischen ansässigen Bevölkerungen ausgelöst wurde. Die Forscher extrahierten DNA aus Knochen und Zähnen prähistorischer Individuen und analysierten Bereiche der mitochondrialen DNA, die von der Mutter auf deren Nachkommen vererbt wird und so die Rekonstruktion der mütterlichen Abstammungslinien erlaubt. Es gelang eine lückenlose genetische Chronologie zu erstellen und die zwischen 5500 und 1500 v. Chr. erfolgten Umbrüche nachzuvollziehen.

Während frühere Untersuchungen die genetische Diversität heutiger Europäer nicht allein durch mesolithische Jäger und Sammler oder die frühe bäuerliche Bevölkerung erklären konnten, zeigt diese Studie, dass spätere Migrationsereignisse zur genetischen Vielfalt Europas deutlich beitrugen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Formierung rezenter genetischer Variabilität ein komplexer Prozess war und nicht allein durch die Vermischung lokaler Jäger-Sammler und zugewanderter Bauern aus dem Nahen Osten erklärt werden kann.

Genetische Hauptereignisse der europäischen Frühgeschichte (Stand 2013)

Vier wesentliche genetische Umbrüche im Laufe des Neolithikums sind nach einer grundlegenden Studie von 2013 mit bekannten archäologischen Kulturen verbunden:[2]

Einführung der Landwirtschaft (~5500 v. Chr.) – Linearbandkeramische Kultur

Das erste große genetische Ereignis markiert den Übergang von mesolithischen Jäger- und Sammlergruppen zu den ersten neolithischen Bauern Mitteleuropas. Mit der Ankunft der Linearbandkeramischen Kultur um etwa 5500 v. Chr. verbreiteten sich Ackerbau und Viehzucht rasch über Mitteleuropa. Die genetischen Analysen zeigen dabei einen deutlichen Bruch in der mitochondrialen DNA-Zusammensetzung: Während Jäger und Sammler ausschließlich Haplogruppen der Linie U (U, U4, U5, U8) aufwiesen, besaßen die Bauern der linearbandkeramischen Kultur ein neues, charakteristisches Muster mit den Haplogruppen N1a, T2, K, J, HV, V, W und X. Dieses sogenannte „neolithische Paket“ wird mit einer Einwanderung aus dem Nahen Osten, Anatolien und dem Kaukasusraum in Verbindung gebracht. Die Daten deuten auf eine rasche und weitreichende Migration von Ackerbauern nach Mitteleuropa hin, deren genetische Signatur über etwa 2500 Jahre hinweg relativ stabil blieb.

Nord-Süd-Interaktion und Rückfluss von Jäger-Genen (~4100–3100 v. Chr.) – Trichterbecher- und Bernburger Kultur

Das zweite Ereignis beschreibt eine bidirektionale genetische Wechselwirkung zwischen Mitteleuropa und Südskandinavien. Um 4100 v. Chr. breitete sich die Trichterbecherkultur von Mitteleuropa nach Norden aus und brachte dort die Landwirtschaft in Gebiete, in denen zuvor Jäger und Sammler lebten. Diese skandinavischen Gruppen übernahmen die Landwirtschaft, behielten jedoch einen hohen Anteil an Jägerhaplogruppen (rund 30 %) bei. Etwa ein Jahrtausend später kam es in Mitteleuropa zu einer Rückmigration genetischer Elemente aus dem Norden: Die Bernburger Kultur, eine späte Variante der Trichterbecherkultur, weist eine deutlich erhöhte Häufigkeit von Jägerhaplogruppen (etwa 29 %) und eine Abnahme der bäuerlichen Haplogruppen auf. Diese Verschiebung deutet auf eine erneute genetische Durchmischung zwischen Bauern und Jägern hin und markiert den Übergang von einer nahöstlich orientierten zu einer stärker nordeuropäischen genetischen Signatur.

Einwanderung aus dem Osten (~2800 v. Chr.) – Schnurkeramische Kultur

Das dritte Ereignis fällt mit dem Auftreten der Schnurkeramischen Kultur zusammen, die sich um 2800 v. Chr. über weite Teile Mitteleuropas und Osteuropas ausbreitete. Die mtDNA der Schnurkeramischen Kultur zeigt erstmals das Auftreten neuer Haplogruppen, darunter I, U2 und T1, die in den vorangegangenen mitteleuropäischen Populationen nicht vorkamen. Diese genetischen Merkmale stehen in enger Verbindung mit Steppenkulturen der eurasischen Kurgan-Regionen, insbesondere aus Südsibirien und Kasachstan, wo dieselben Haplogruppen häufig sind. Zusätzliche Hinweise liefert die Y-chromosomale Haplogruppe R1a1a, die sowohl in den Schnurkeramischen Kulturfunden als auch in alten sibirischen und osteuropäischen Populationen vorkommt. Die Befunde sprechen für eine Einwanderung aus der osteuropäischen Steppe nach Mitteleuropa, möglicherweise im Zusammenhang mit den frühen indoeuropäischen Wanderbewegungen.

Einfluss aus Südwesteuropa (~2500 v. Chr.) – Glockenbecherkultur

Das vierte genetische Ereignis wird mit der Glockenbecherkultur in Verbindung gebracht, die ab etwa 2500 v. Chr. in Mitteleuropa auftrat. Die Glockenbecherkultur entstand ursprünglich im Westen der Iberischen Halbinsel um 2800 v. Chr. und breitete sich von dort nach Mitteleuropa aus. Genetisch unterscheidet sie sich deutlich von der zeitgleichen Schnurkeramischen Kultur: In den Proben der Glockenbecherkultur dominiert die Haplogruppe H mit einem Anteil von fast 50 %, während Haplogruppen wie I und U2, die typisch für die Schnurkeramik sind, fehlen. Die Haplogruppe H war in den vorangegangenen mitteleuropäischen Kulturen kaum vertreten, kommt jedoch in iberischen Populationen seit dem Mesolithikum häufig vor. Diese Befunde belegen eine genetische Einwanderung aus Südwesteuropa und damit einen westlichen Einfluss auf die mitteleuropäische Bevölkerung. Obwohl die Glockenbecherkultur und die Schnurkeramische Kultur über mehrere Jahrhunderte nebeneinander existierten, zeigen genetische Analysen nur geringe Durchmischung zwischen beiden Gruppen.

Einzelnachweise

  1. Mateja Hajdinjak, Fabrizio Mafessoni, Laurits Skov, Svante Pääbo et al.: Initial Upper Palaeolithic humans in Europe had recent Neanderthal ancestry. Nature 592, 2021, S. 253–257, doi:10.1038/s41586-021-03335-3.
  2. siehe Literatur: Guido Brandt et al.: Ancient DNA Reveals Key Stages in the Formation of Central European Mitochondrial Genetic Diversity.

Literatur

  • Guido Brandt, Wolfgang Haak, Christina J. Adler, Christina Roth, Anna Szécsényi-Nagy, Sarah Karimnia, Sabine Möller-Rieker, Harald Meller, Robert Ganslmeier, Susanne Friederich, Veit Dresely, Nicole Nicklisch, Joseph K. Pickrell, Frank Sirocko, David Reich, Alan Cooper, Kurt W. Alt: Ancient DNA Reveals Key Stages in the Formation of Central European Mitochondrial Genetic Diversity. In: Science 342/10. 2013, S. 257–261 doi:10.1126/science.1241844.