Berliner Kairo-Ausstellung 1896

Die Berliner Kairo-Ausstellung 1896 war eine Völkerschau und fand gleichzeitig mit der von Mai bis Oktober 1896 andauernden Berliner Gewerbeausstellung und der Berliner Kolonialausstellung statt. Auf einem etwa 36.000 m2 großen Ausstellungsgelände südlich des Treptower Parks und damit in direkter Nachbarschaft zur Gewerbe- und Kolonialausstellung wurden sowohl altägyptische Monumente – wie verschiedene Tempel oder ein 35 m hoher Nachbau der Cheops-Pyramide – als auch eine Kairoer Einkaufsstraße mit Restaurants, Geschäften und Basaren sowie verschiedene weitere Gebäude – wie beispielsweise Moscheen, Stadttore, eine Koranschule und ein Harem – nachgebildet.

Die vom Impresario Willy Möller (1858–1900) aus Hamburg organisierte und unabhängig von der Gewerbeausstellung und mit Hilfe von im Handel mit Ägypten tätigen Unternehmen finanzierte Kairo-Ausstellung war – gemessen an der Zahl der Darsteller – die größte jemals im Deutschen Reich gezeigte Völkerschau und eine der größten in Europa überhaupt. Etwa 400 Araber, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, wurden zur Schau gestellt. Die Schau zählte nach Angaben der Veranstalter über zwei Millionen Besucher.

Impresario

Willy Möller begann anfangs zusammen mit seinem Bruder, dem Tierhändler Heinrich Möller aus St. Pauli, 1880 mit der Zurschaustellung indigener Menschen. Ihre erste Völkerschau der Nubier 1880 war ganz an die zeitlich stattfindenden Nubier-Völkerschauen von Carl Hagenbeck angelehnt. Möller spezialisierte sich in den folgenden Jahren auf die Rekrutierung großer Völkerschauen mit indigenen Menschen aus Nordafrika. Er organisierte 1890 eine Völkerschau-Tournee „Beduinenkarawane aus der libyschen Wüste“ mit etwa 100 Darstellern sowie weitere große Völkerschauen der „Schuli-Truppe“ oder einer „Dinka-Karawane“, bevor er die „Sonderausstellung Kairo“ 1896 in Berlin veranstaltete. Die „Kairo“-Ausstellung war sein größtes Unternehmen, das er anfänglich noch als eine gewöhnliche Völkerschau geplant hatte, dann aber aufgrund seiner vielfältigen Kontakte nach Ägypten zu einem großen Ausstellungsgelände mit zahlreichen Nachbauten ägyptischer Monumente und Straßenzüge ausbaute.[4] Möller zeichnete bei der Kairo-Ausstellung sowohl für die Anwerbung der zur Schau gestellten Personen als auch zahlreicher ethnografischer Ausstellungsobjekte Verantwortung.[2.2] Er führte anschließend noch weitere Beduinen-Völkerschauen durch. Möller verstarb im Februar 1900 mit 41 Jahren an Tropenfieber.[5]

Vorgeschichte und Planungen

Vorläufer der Berliner Kairo-Ausstellung (auch Special-Ausstellung Kairo[7] oder Kairo in Berlin[8] genannt) war die Pariser Weltausstellung 1867, bei der es erstmals eine Kairo-Ausstellung mit einer „Rue de Caire“, der Nachbildung einer orientalisch anmutenden Straße, gegeben hatte. Seither wurde die „Rue de Caire“ zu „einem fast unabdingbaren Ausstellungsklassiker“[9] von Weltausstellungen – so bei der Pariser Weltausstellung 1889 (mit 300 zur Schau gestellten Personen) sowie auch 1893 in Chicago oder 1894 in Antwerpen.[10] Laut George Steinmetz bemühten sich die Organisatoren der Berliner Kairo-Ausstellung die früheren „Rue de Cairo-Ausstellungen“ durch ihre Ausmaße, die mit „deutscher Gründlichkeit“ durchgeführte Planung sowie den Verzicht auf allzu theatralische Inszenierungen zu übertreffen.[11.1]

In Deutschland gründete sich das Interesse für Ägypten erstens auf die dort herrschende Ägyptomanie[12.1] und zweitens auf die seit den 1880er Jahren intensivierte deutsche Orientpolitik und die Bemühungen, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zum unter britischer Kolonialherrschaft stehenden Ägypten aufzubauen.[2.3] So kann die Kairo-Ausstellung auch als „Tribut an den Wettkampf der Metropolen und Nationen um den Besitz und die Repräsentation des Orients“ verstanden werden.[12.2]

Maßgeblich für die Finanzierung der Kairo-Ausstellung parallel zu der als „verhinderte Weltausstellung“[12.3] geltenden Berliner Gewerbeausstellung von 1896 waren auch im Ägypten-Handel tätige deutsche Unternehmen, insbesondere aus den Branchen Kunsthandwerk, dem Exporthandel und dem Tourismus, die in der Ausstellung ihre Waren und Dienstleistungen vermarkteten. Zur Finanzierung und Durchführung der Ausstellung wurde im Juli 1895 die Gesellschaft Kairo gegründet, die im April 1897 wieder aufgelöst wurde. Die Gestaltung der Ausstellung lag in den Händen von Baumeister Gabriel Wohlgemuth (1850–1898), Gründer der Berliner Baugenossenschaft.[2.2] Bereits im August 1895 wurde mit dem Aufbau der Ausstellung begonnen.[2.4] Die Beschaffung von Exponaten wurde unter anderem von dem deutschen Generalkonsul Edmund von Heyking, dem ägyptischen Khediven Abbas II. und dem ägyptischen Bildungsminister unterstützt.[11.1]

Ausstellungsgelände

Die Berliner Kairo-Ausstellung fand vom 1. Mai bis zum 30. Oktober 1896 statt und durfte zwei Wochen länger geöffnet bleiben als die Gewerbe- und Kolonialausstellung, die am 15. Oktober geschlossen wurde.[14] Sie war mit 36.577 m2 weit größer als die Kairo-Völkerschauen in Paris, Chicago oder Antwerpen.[2.5] Das Gelände maß 200 mal 170 m, war von einem hohen Holzzaun umgeben und befand sich direkt neben dem Ausstellungsbahnhof an der Görlitzer Bahn.[15]

Auf einer idealtypischen orientalischen Einkaufsstraße sollte das „moderne Kairo“ gezeigt werden. Es gab Basare, Cafés, Restaurants und Geschäfte, in denen beispielsweise Schmuck, Teppiche oder Möbel verkauft wurden, sowie auch Handwerksbetriebe wie Baumwollweber, Töpfer und Schmiede.[5] In einem als Harem gekennzeichneten Gebäude wurden Frauen zur Schau gestellt, die den voyeuristischen Blicken vor allem des männlichen Publikums ausgesetzt wurden.[2.6] In einer „Koranschule“ wurden die mit den Darstellern mitgereisten Kinder und Jugendliche unterrichtet.[2.7] In diesem Teil der Ausstellung wurden auch größere Bauwerke wie Moscheen, Stadttore und Kalifengräber nachgebaut. Die Besucher konnten sich in der Moschee, in der auch die Gebete und Gottesdienste der Darsteller stattfanden, über den islamischen Glauben informieren und erhielten Ratschläge zur angemessenen Etikette im Umgang mit den Arabern oder den Besuch eines Gottesdienstes.[17.1]

Außerdem wurden verschiedene Nachbauten altägyptischer Monumente errichtet und als „publikumswirksame Verräumlichungs- und Verlebendigungsstrategien von Geschichte“ inszeniert.[12.4] Das Gelände überragte eine 35 m hohe Imitation der Cheops-Pyramide. Sie bestand aus einer Stahlkonstruktion, an der zwei Seiten der Pyramide aus Gips und Holz nachgebildet wurden. Im Innern konnte eine Grabkammer besichtigt werden, in der Mumien aus den Berliner Museen ausgestellt wurden. Die Pyramide war nicht begehbar,[20] mit einem elektrischen Fahrstuhl konnten die Besucher für 30 Pfennig aber auf eine Aussichtsplattform an der Spitze der Pyramide fahren.[17.2] Weitere Bauwerke waren ein verkleinerter Nachbau des Horustempels von Edfu, ein nubischer Brunnentempel, Beamtengräber und eine Sphinx. Außerdem wurden eine große Arena sowie die Nachbildung eines Fellachendorfs mit dem Namen „el-Kafr“ errichtet.[2.8] Das Fellachendorf knüpfte an die „Eingeborenendörfer“ der benachbarten Kolonialausstellung an, sollte aber als besonders arm und rückständig scheinen, um das vermeintliche Elend der Ägypter unter britischer Kolonialherrschaft zu kritisieren.[11.2]

Als Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria die Ausstellung zur Eröffnung am 1. Mai 1896 besuchten, waren die Bauten noch nicht ganz fertig gestellt. Sie hielten sich 45 Minuten in der Ausstellung auf, wo ihnen u. a. ein Reiterkampf der Beduinentruppen vorgeführt wurde.[2.5] Der Kaiser soll am Ende geäußert haben: „Ich werde dem Khedive telegraphiren, wie sehr mir die Copie seines Kairo gefallen hat“.[21]

Eine weitere Attraktion der Kairo-Ausstellung war die damals noch wenig verbreitete elektrische Beleuchtung, was einen „magischen Eindruck“ auf die Besucher gemacht habe und auch längere Öffnungszeiten ermöglichte. Die Kairo-Ausstellung war damit Vorläufer bei der Einführung elektrischer Technologien in die Ausstellungskultur.[17.2]

Eintritt, Gesamtkosten und Besucherzahlen

Im Zusammenhang der Berliner Gewerbeausstellung fanden mehrere Sonderausstellungen statt – neben der Kolonialausstellung auch die Ausstellung „Alt-Berlin“, außerdem ein Vergnügungspark und weitere Attraktionen. Sowohl für die Kolonialausstellung als auch für Kairo waren separate Eintritte zu entrichten. Weil sich die Eingänge zu beiden Ausstellungen in unmittelbarer Nachbarschaft an der Köpenicker Landstraße befanden, wurden die beiden Völkerschauen vom Publikum anfangs häufig verwechselt.[2.9] Der Eintritt betrug in der Regel 50 Pfennig, wobei auch eine Dauerkarte für 15  erworben werden konnte. Zu Beginn der Ausstellung warben die Veranstalter mit freiem Eintritt nach 19 Uhr.[17.3]

Die Kosten der Ausstellung sollen sich auf über 650.000 ℳ belaufen haben.[5] Am Ende konnte die Ausstellung ohne finanzielle Verluste abgeschlossen werden.[2.10] Laut eines Zeitungsberichts vom 12. Mai wurden in den ersten zehn Tagen der Ausstellung etwa 44.000 reguläre Eintrittskarten verkauft (zum Vergleich: bei der Kolonial-Ausstellung waren es 25.000).[23] Die Ausstellung besuchten bis Ende Oktober über zwei Millionen Personen.[24.1]

Trotzdem schloss „die Gesellschaft ‚Kairo in Berlin‘ ohne Gewinn und ohne Verlust“ ab.[25]

Zur Schau gestellte Personen

In der Kairo-Völkerschau sollen knapp 400[24.2] Personen zur Schau gestellt worden sein. Dabei handelte es sich sowohl um Beduinen als auch arabische Kaufleute und Handwerker. Nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit soll es sich um ägyptische Araber und Nubier sowie um jeweils einige Fellachen, Kopten, Sudanesen, Abessinier, Palästinenser, Tunesier und Algerier gehandelt haben.[27] Eine erste Gruppe von 59 Personen reiste bereits im März nach Deutschland, die restlichen erreichten Berlin am 20. April 1896. Möller hatte mit der Anreise der Darsteller auch eine Reihe von Tieren mit nach Berlin gebracht, darunter Pferde, Nilpferde, Pelikane, Strauße, Esel, Gazellen und Antilopen.[2.10] Anders als bei der benachbarten Kolonialschau, bei der die meisten Namen der Darsteller genau dokumentiert wurden, gibt es kaum Informationen über die zur Schau gestellten Personen aus Ägypten. Im „Offiziellen Führer durch die Special-Abteilung Kairo“ schrieb Carl Krug:

„Mehrere Hunderte von ägyptischen Eingeborenen und eine Beduienentruppe bevölkern ‚Kairo‘ in Berlin. Es ist auch weitgehende Sorge dafür getragen, dass die Leute vollauf Gelegenheit finden, ihren rituellen und sonstigen Eigenthümlichkeiten nachzuleben: sie haben ihre Moschee, Schlafräume und Küche für sich, und die Gebetrufer lassen, ganz wie daheim, von den Minarets herab zur bestimmten Uhrzeit ihre Sprüche laut erschallen.“[28]

Die Wohnhütten und Küchen am südwestlichen Rand des Ausstellungsgeländes waren für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Völkerschau-Darsteller durften das Gelände nur unter Aufsicht verlassen.[2.10]

Inszenierung

Während der Kairo-Ausstellung fanden mehrmals täglich stattfindende „Massenausstellungen“ in der Arena sowie Inszenierungen religiöser Feste statt. Die Vorstellungen umfassten insbesondere Tanzvorführungen und Schaukämpfe. Eine besondere Rolle spielte die musikalische Untermalung beispielsweise von der „Hofkapelle des Khediven“:[2.11] „Die aus fünfzig arabischen Fellachen bestehende uniformirte Musik war die Hauptanziehung der Ausstellung ‚Kairo in Berlin‘ und concertirte auch vor dem deutschen Kaiser im Neuen Palais zu Potsdam.“[29]

In der zeitgenössischen Berichterstattung wurde besonders der vorgebliche Realismus der Ausstellung hervorgehoben.[17.4] So schrieb Paul Lindenberg im Pracht-Album von 1896: „der Charakter des Ganzen“ entspreche „durchaus der Wirklichkeit. Personen, welche Egypten genau kennen, finden den Hauptreiz dieser Veranstaltung darin, dass sie auf Schritt Tritt den ihnen wohl vertrauten Menschen und Dingen Kairos begegnen“.[30] Die muslimischen Darsteller der Kairo-Ausstellung wurden – anders als die der Kolonialausstellung – nicht zu den „Naturvölkern“ gezählt, sondern galten als „Halbkulturvölker“. Entsprechend fiel die Presseberichterstattung über die in der Kairo-Ausstellung zur Schau gestellten Menschen eher positiv aus.[17.1]

Konflikte

Während der sechs Monate dauernden Völkerschau fanden einige Konflikte in der Presse Beachtung, etwa körperliche Ausschreitungen oder der übermäßige Alkoholkonsum der Völkerschau-Darsteller. So berichtet die Presse Ende Mai, dass zehn Darsteller der Kairo-Ausstellung einen Kutscher verprügelt hätten und vier Polizisten nötig gewesen wären, den Konflikt zu beruhigen.[31] Wie auch schon bei vorherigen Völkerschauen fanden auch sexuelle Beziehungen zwischen männlichen Darstellern und deutschen Frauen in der Presse Erwähnung. Und im Juli wurden sieben Darsteller von der Ausstellung ausgeschlossen und durch andere Darsteller ersetzt, weil sie angeblich die Ausstellungsbesucher belästigt hätten.[2.1] Gelegentlich wurde in der Presse von Missständen während der Kairo-Ausstellung berichtet. So reichte der „Riese Hassan Ali“ Klage ein, weil er unter Prügel zur Arbeit gezwungen worden sei. Auch andere Darsteller reichten Klage gegen die Arbeits- und Lebensbedingungen im Ausstellungsgelände ein und erschienen deshalb beim Berliner Gewerbegericht. Während sich das Gericht in der Sache des Riesen „Hassan Ali“ für nicht zuständig erklärte, wurde der Klage der „acht Derwische“ stattgegeben. Ihnen wurden jeweils 158,50 ℳ ausstehende Gage gerichtlich zugesprochen.[26] Auch die Botschaft des Osmanischen Reiches schaltete sich in den Konflikt ein.[2.1]

Zeitgenössische Rezeption

Die Kairo-Ausstellung wurde in der öffentlichen Wahrnehmung meist positiv beurteilt. Die Vossische Zeitung etwa berichtete bereits zwei Tage vor der offiziellen Eröffnung:

„Wandert man durch den lockeren Sand, […] sieht man die schlanken Palmen, die bunten, wechselvollen Bauten, die Kioske, Hallen, Wohnhäuser, Tempel, die Beduinen in ihren weißen Mänteln die Fakire, Derwische, Eseltreiber, Weiber und Kinder – in bunter, abenteuerlicher, sittsamer Troß – die prächtig aufgeputzten Kamel, schlanken und geschmeidigen Rosse, reich geschirrten Esel, und hört man zu alledem die wunderbare Musik, die an Monotonie nichts zu wünschen übrig läßt, so ist die Täuschung, als ob man den Berliner Staub längst von seinen Sohlen geschüttelt und sich im Lande der Pharaonen befände, eine vollkommene.“[32]

Der liberale Politiker Friedrich Naumann äußerte sich beispielsweise in seinen Ausstellungsbriefen:

„Die Ausstellungsabteilung ‚Kairo‘ ist eine Welt für sich. Unter der Pyramide, im Schatten von Palmen und Minaretts, unter arabischem Geschrei: ‚Baba, Bakschisch!‘ (Herr, Trinkgeld!) hat man das gewöhnliche kultivierte Europa verlassen, man ist in eine andere ferne Kultur eingetreten. Bekannte, welche den Nil, Syrien oder Tunis selber gesehen haben, versichern uns, daß die Aehnlichkeit sehr groß ist. […] Hier ist die Außenseite des Muhamedanismus, Halbmonde, Harems, Moscheen und dahinter die steinernen Erinnerungen der Pharaonen. Merkwürdig, in einem Raum mit den ältesten ägyptischen Säulen arbeitet eine moderne Druckerei mit Setzmaschinen und gibt dort das ‚Kleine Journal von Kairo‘ heraus! Arabische Diener bringen – Münchener Bier! Auf den nubischen Eseln sitzen – Berliner Fräulein! Und die Pyramide selbst ist nur Theaterwand. Alles ist Schein, aber freilich, ein großer, bunter, anregender Schein, ein Ausstattungsstück, wo Hunderte von Asiaten ihre eigene Rolle spielen, so gut das unter der wechselnden Sonne Berlins gehen will.“[33]

Nachwirkungen

1911 fand im Berliner Lunapark eine weitere, allerdings weit kleinere Kairo-Ausstellung statt, auf der eine orientalische Straße nachgebildet wurde. 85 Personen aus Ägypten wurden zur Schau gestellt.[34]

Rezeption

Deutung

Während die Berliner Kolonialausstellung vor allem den Geltungsansprüchen des Deutschen Reichs als Kolonialmacht Ausdruck geben sollte, verfolgte die Kairo-Ausstellung laut George Steinmetz einen anderen Anspruch. Kairo wurde zumeist als immerhin „halbautonomer“ außereuropäischer und damit kulturell, wirtschaftlich und religiös weit eigenständiger Raum gezeigt, zugleich transportierte die Ausstellung mögliche Geltungsansprüche des Deutschen Reichs auf mehr Einfluss in Ägypten.[11.2] Auch die Historikerin Jennifer Kopf sieht in der Vereinnahmung der Ausstellung durch den Kaiser und deutsche Politiker den Versuch, den politischen Anspruch des Deutschen auf Ägypten zu verstärken und eine größere Rolle im Orient zu spielen.[35] Die Ausstellung habe im Gegenzug von ägyptischer Seite eine gewisse Unterstützung erfahren, indem der Khedive Abbas II. für die Ausstellung Zollermäßigungen und Kredite angeboten habe.[17.5]

Die Historikerin Katherine Arnold stellt in ihrem Aufsatz fest, dass erst die Kolonialausstellung im Zusammenspiel mit der Kairo-Ausstellung Berlin auf der Gewerbeschau als „imperiale Hauptstadt“ erscheinen ließ,[17.6] wobei die Kairo-Ausstellung beim Publikum im Vergleich mehr Zuspruch gefunden habe: „In placing these non-European exhibitions side-by-side, the German public comprehended, and rather preferred, the more subtle aspects of imperialism evident in Kairo as opposed to the aggressive conquest visible in the Kolonialausstellung“.[17.7]

Forschungsstand

Über die Kairo-Ausstellung geben der Aufsatz Fashioning an Imperial Metropolis at the 1896 Berliner Gewerbeausstellung (2021) von Katherine Arnold[17] und die Magisterarbeit Exotische Welten – Die Inszenierung Ägyptens in der Sonderausstellung „Kairo“ der Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896 von Ines Roman am umfassendsten Auskunft.[2] Einen Überblick zum Forschungsstand gibt Katherine Arnold, wobei sie darauf hinweist, dass Kairo im Gegensatz zur gleichzeitig stattfindenden Kolonialausstellung bislang weit weniger Aufmerksamkeit in der Forschung erfahren habe.[17.7] Einschlägige Publikationen sind außerdem die Arbeiten von Nana Badenberg[9], Rea Brändle[5], Britta Lange[12] und George Steinmetz[11].

Literatur

  • Katherine Arnold: Fashioning an Imperial Metropolis at the 1896 Berliner Gewerbeausstellung. In: The Historical Journal. Cambridge University Press, Band 65, Ausgabe 3 (Juni 2022), S. 685–706, doi:10.1017/S0018246X21000467 (cambridge.org [PDF; 384 kB]).
  • Nana Badenberg: Zwischen Kairo und Alt-Berlin. Sommer 1896: Die deutschen Kolonien als Ware und Werbung auf der Gewerbe-Ausstellung in Treptow. In: Alexander Honold, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit. J.B. Metzler, Stuttgart 2004, ISBN 3-476-02045-2, S. 190–199.
  • Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Verlag Chronos, Zürich 2023, ISBN 978-3-0340-1707-7.
  • Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt/Main / New York 2005, ISBN 3-593-37732-2 (Zugl.: München, Univ., Diss., 2004).
  • Jennifer Kopf: Picturing Difference. Writing the Races in the 1896 Berlin Trade Exposition's Souvenir Album. In: Historical Geography. Jg. 2008 (36), ISSN 1091-6458, S. 112–138 (cloudfront.net [PDF; 697 kB]).
  • Britta Lange: Geschichte als Argument. Deutsche Kolonien und deutsche „Heimat“ in der Berliner Gewerbeausstellung 1896 und in der Retrospektive 1996/2007. In: Jahrbuch für Politik und Geschichte. Band 4 (2013), ISBN 978-3-515-10676-4, S. 67–86, doi:10.25162/9783515107068.
  • Ines Roman: Exotische Welten – Die Inszenierung Ägyptens in der Sonderausstellung „Kairo“ der Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896. Magisterarbeit. Münster 2009, doi:10.11588/propylaeumdok.00001114 (uni-heidelberg.de [PDF; 2,6 MB]).
  • George Steinmetz: Empire in three keys. Forging the imperial imaginary at the 1896 Berlin trade exhibition. In: Thesis Eleven. Jg. 2017 (139), Nr. 1, ISSN 0725-5136, S. 46–68, doi:10.1177/0725513617701958.

Zeitgenössische Literatur

  • Carl Krug: Offizieller Führer durch die Special-Abteilung Kairo der Berliner Gewerbe-Ausstellung. Verlag des „Kleinen Journals“, Berlin 1896, urn:nbn:de:kobv:109-1-15360237 (Scanzlb.de).
  • Carl Krug: Die Sonderausstellung Kairo. In: Fritz Kühnemann u. a. (Hrsg.): Berlin und seine Arbeit. Amtlicher Bericht der Berliner Gewerbeausstellung 1896. D. Reimer Verlag, Berlin 1898, S. 867–873, urn:nbn:de:kobv:109-1-15363953.(Scan – zlb.de).
  • Paul Lindenberg: Pracht-Album fotografischer Aufnahmen der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Werner Verlag, Berlin 1896, S. 43–48: Kairo. (Scan – Internet Archive).
  • Ansichten von Kairo in der Berliner Gewerbeausstellung 1896. Kaufmann, Berlin 1896 (Scan – zlb.de).
  • Illustrierter Amtlicher Führer durch die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Verlag der Expedition des Amtlichen Führers, Berlin 1896 (Scan – zlb.de).

Einzelnachweise

  1. a b Fotografien von Brandt aus dem Bestand der Stiftung Stadtmuseum Berlin, abgerufen am 16. November 2025.
  2. Ines Roman: Exotische Welten – Die Inszenierung Ägyptens in der Sonderausstellung „Kairo“ der Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896. Magisterarbeit. Münster 2009, doi:10.11588/propylaeumdok.00001114 (uni-heidelberg.de [PDF; 2,6 MB]).
    1. a b c d S. 66 ff.
    2. a b S. 39.
    3. S. 36 ff.
    4. S. 41 f.
    5. a b S. 43 f.
    6. S. 63 f.
    7. S. 65 f.
    8. S. 47–56 f.
    9. S. 34 f.
    10. a b c S. 45 f.
    11. S. 60 f.
  3. Erinnerung an die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Berlin 1896, ohne Seitenangabe (Scanzlb.de).
  4. Carl Krug: Offizieller Führer durch die Special-Abteilung Kairo der Berliner Gewerbe-Ausstellung. Verlag des „Kleinen Journals“, Berlin 1896, S. 1, urn:nbn:de:kobv:109-1-15360237 (Scanzlb.de).
  5. a b c d Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Verlag Chronos, Zürich 2023, ISBN 978-3-0340-1707-7.
  6. Carl Krug: Offizieller Führer durch Kairo. Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Berlin 1896, ohne Seitenangabe, nach der Inhalts-Uebersicht, vor S. 1 (Scanzlb.de).
  7. Die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. (Mit Illustration.). In: Dillinger’s Reise- und Fremdenzeitung, Unabhängiges Organ für internationalen Reise- und Fremdenverkehr, 20. März 1896, S. 8 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/dil, und Das Fernsprechvermittlungs-Amt der Berliner Gewerbe-Ausstellung. In: Zeitschrift für Elektrotechnik. Organ des Elektrotechnischen Vereines in Wien, Heft 15/1896, S. 482 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/zfe
  8. Berliner Gewerbe-Ausstellung. In: Die Presse, 28. Juni 1895, S. 10, Sp. 1 unten – Sp. 2 oben (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/apr
  9. a b Nana Badenberg: Zwischen Kairo und Alt-Berlin. Sommer 1896: Die deutschen Kolonien als Ware und Werbung auf der Gewerbe-Ausstellung in Treptow. In: Alexander Honold, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit. J.B. Metzler, Stuttgart 2004, ISBN 3-476-02045-2, S. 190–199, hier S. 190.
  10. John MacKenzie: Imperiale Ausstellungen in Großbritannien. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Deutsche Erstausgabe. Aus dem Französischen von Susanne Buchner-Sabathy. Les éditions du Crieur Public, Hamburg 2012, ISBN 978-3-9815062-0-4, S. 335–345, hier S. 343 f.
  11. George Steinmetz: Empire in three keys. Forging the imperial imaginary at the 1896 Berlin trade exhibition. In: Thesis Eleven. Jg. 2017 (139), Nr. 1, ISSN 0725-5136, S. 46–68, doi:10.1177/0725513617701958.
    1. a b S. 62.
    2. a b S. 63 f.
  12. Britta Lange: Geschichte als Argument. Deutsche Kolonien und deutsche „Heimat“ in der Berliner Gewerbeausstellung 1896 und in der Retrospektive 1996/2007. In: Jahrbuch für Politik und Geschichte. Band 4 (2013), S. 67–86.
    1. S. 71.
    2. S. 74.
    3. S. 70.
    4. S. 73.
  13. Berliner Kolonialausstellung – Billetbuch zu wesentlich ermässigten Preisen. W. Hagelberg, Berlin 1896, urn:nbn:de:kobv:109-1-15360505 (Scanzlb.de).
  14. Berliner Gewerbe Ausstellung 1896. Vom 1. Mai bis 15. Okt (Anzeige). In: Wiener Mode, Heft 16/1896, S. 625 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/wmm
  15. Alexander C. T. Geppert: Weltstadt für einen Sommer. Die Berliner Gewerbeausstellung 1896 im europäischen Kontext. In: diegeschichteberlins.de, ohne Datum, abgerufen am 15. November 2025 (zuerst veröffentlicht in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. Band 103, Nr. 1, Januar 2007, S. 434–448).
  16. Zeitungsinserate. In: Vorwärts. 13. Mai 1896, S. 8 (ScanDeutsche Digitale Bibliothek).
  17. Katherine Arnold: Fashioning an Imperial Metropolis at the 1896 Berliner Gewerbeausstellung. In: The Historical Journal. Band 65, Ausgabe 3 (Juni 2022), S. 685–706, doi:10.1017/S0018246X21000467 (cambridge.org [PDF; 384 kB]).
    1. a b S. 695 f.
    2. a b S. 702.
    3. S. 699 f.
    4. S. 698.
    5. S. 694.
    6. S. 691.
    7. a b S. 687 ff.
  18. a b c Fotografien aus: Paul Lindenberg: Pracht-Album fotografischer Aufnahmen der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Werner Verlag, Berlin 1896, S. 188 f. (Scan – Internet Archive).
  19. a b c d e Fotografien von Richard Neuhauss aus dem Bestand der Stiftung Stadtmuseum Berlin, abgerufen am 16. November 2025.
  20. Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt/Main / New York 2005, ISBN 3-593-37732-2, S. 252.
  21. Paul Lindenberg: Pracht-Album fotografischer Aufnahmen der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Werner Verlag, Berlin 1896, S. 26 (Scan – Internet Archive).
  22. Bildergalerie: Die „Specialausstellung Cairo“ auf der Berliner Gewerbeausstellung (1896). In: German History in Documents and Pictures, ohne Datum, abgerufen am 5. Oktober 2025.
  23. Major von Wissmann. In: General-Anzeiger der Stadt Mannheim und Umgebung. 12. Mai 1896 (ScanDeutsche Digitale Bibliothek).
  24. Carl Krug: Die Sonderausstellung Kairo. In: Fritz Kühnemann u. a. (Hrsg.): Berlin und seine Arbeit. Amtlicher Bericht der Berliner Gewerbeausstellung 1896. D. Reimer Verlag, Berlin 1898, urn:nbn:de:kobv:109-1-15363953.(Scanzlb.de).
    1. S. 873.
    2. S. 871.
  25. Von der Berliner Gewerbeausstellung. In: Prager Tagblatt, 6. November 1896, S. 7, Sp. 3 unten (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/ptb
  26. a b Noch einmal vor dem Berliner „Kadi“. In: Berliner Tageblatt. 28. Juni 1896, S. 6, Sp. 2 oben (ScanDeutsche Digitale Bibliothek).
  27. Anne Dreesbach und Ines Roman geben als Gesamtzahl 400 Personen an; Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt/Main / New York 2005, ISBN 3-593-37732-2, S. 252, und Ines Roman: Exotische Welten – Die Inszenierung Ägyptens in der Sonderausstellung „Kairo“ der Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896. Magisterarbeit. Münster 2009, S. 45, doi:10.11588/propylaeumdok.00001114 (uni-heidelberg.de [PDF; 2,6 MB]).
  28. Carl Krug: Offizieller Führer durch die Special-Abteilung Kairo der Berliner Gewerbe-Ausstellung. Verlag des „Kleinen Journals“, Berlin 1896, S. 4, urn:nbn:de:kobv:109-1-15360237 (Scanzlb.de).
  29. Die egyptische Hofcapelle im Sophiensaale. In: Neue Freie Presse, Abendblatt, 22. Oktober 1896, S. 1, Sp. 3 unten (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/nfp
  30. Paul Lindenberg: Pracht-Album fotografischer Aufnahmen der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Werner Verlag, Berlin 1896, S. 180 (Scan – Internet Archive).
  31. Die Araber Kairos. In: Berliner Tageblatt. 24. Mai 1896, S. 5, Sp. 3 oben (ScanDeutsche Digitale Bibliothek).
  32. Vossische Zeitung. Morgen-Ausgabe, 29. April 1896, zitiert nach: Ines Roman: Exotische Welten – Die Inszenierung Ägyptens in der Sonderausstellung „Kairo“ der Berliner Gewerbe-Ausstellung von 1896. Magisterarbeit. Münster 2009, S. 69, doi:10.11588/propylaeumdok.00001114 (uni-heidelberg.de [PDF; 2,6 MB]).
  33. Zitiert nach: Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt/Main / New York 2005, ISBN 3-593-37732-2, S. 199 f.
  34. Johanna Niedbalski: „Völkerschauen“ im Berliner Lunapark. In: Kolonialismus begegnen. Dezentrale Perspektiven auf die Berliner Stadtgeschichte. Projekt des Arbeitskreises der Berliner Regional- und Bezirksmuseen. FHXB Museum, Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin, 25. Februar 2022, abgerufen am 15. Oktober 2025.
  35. Jennifer Kopf: Picturing Difference. Writing the Races in the 1896 Berlin Trade Exposition's Souvenir Album. In: Historical Geography. Jg. 2008 (36), ISSN 1091-6458, S. 112–138, hier S. 118 (cloudfront.net [PDF; 697 kB]).