Bauerngraben (Harz)

Bauerngraben
Hungersee, Periodischer See,[1.1] Episodischer See[2.1]
Bauerngraben in halb gefülltem Zustand
Geographische Lage Südharzer Zechsteingürtel nahe Agnesdorf, Landkreis Mansfeld-Südharz, Sachsen-Anhalt
Zuflüsse Glasebach
Abfluss oberirdisch abflusslos
Daten
Koordinaten 51° 29′ 18″ N, 11° 4′ 37″ O
Höhe über Meeresspiegel 250 m ü. NHN[2.2]
Fläche 4,3 ha[2.3]
Länge 430 m[2.3]
Breite 180 m[2.3]
Einzugsgebiet 8,7 km²[2.4]

Besonderheiten

zeitweise trockenliegender Karstsee

Der Bauerngraben ist ein Schwindenbecken im Südharzer Zechsteingürtel, in dem Wasser des Glasebachs in verkarsteten Schichten versinkt. Durch Rückstau bildet sich zeitweise ein Karstsee, der als Hungersee, Episodischer See oder Periodischer See bezeichnet wird. Der Bauerngraben liegt südwestlich des Südharzer Ortsteils Agnesdorf im sachsen-anhaltischen Landkreis Mansfeld-Südharz.

Geographie und Geologie

Der Bauerngraben liegt im Auslaugungstal, das sich am Südrand des Harzes entlangzieht. In Höhe des Bauerngrabens ist das Tal 1,5 Kilometer breit und besonders gut ausgeprägt. Durch das Tal verläuft kein durchgehendes Fließgewässer. Aus dem Harz kommende größere Gewässer wie die Thyra oder die Nasse queren das Auslaugungstal in Durchbruchstälern. Kleinere Gewässer enden in Schwinden (siehe Ponor) am Südrand des Auslaugungstals. Östlich von Questenberg liegen mit der Dinsterbachschwinde, der Haselbornschwinde und der Ankenbergschwinde noch weitere Schwinden.

Das Auslaugungstal entstand durch Subrosion der Anhydritschichten, die Teil des Zechsteins sind. Der Talgrund ist heute aus Sedimenten aufgebaut, die von den aus dem Harz kommenden Gewässern abgelagert wurden. Zuweilen neu entstehende Erdfälle zeigen an, dass die Auslaugung noch nicht abgeschlossen ist. Die Schichten des Zechsteins fallen nach Süden ein, so dass am Nordrand des Tals die unterste Schicht des Zechsteins, der Kupferschiefer, ausstreicht. Am Südrand des Tals treten Anhydritschichten zutage, in denen sich das Wasser aus den Bachschwinden fortbewegt.[3] Der Höhenzug, der das Auslaugungstal vom der Goldenen Aue mit der Helme im Süden trennt, ist aus dem Unteren Buntsandstein aufgebaut. Teil dieses Höhenzuges ist der etwas über 350 m ü. NHN hohe Hohe Kopf, der südwestlich des Bauerngrabens (etwa 250 m ü. NHN)[2.2] liegt.

Der Bauerngraben ist in West-Ost-Richtung etwa 430 Meter lang und rund 180 Meter breit;[2.3] anderen Angaben belaufen sich auf etwa 350 Meter Länge und 100 Meter Breite.[1.1] Die Seefläche beträgt bis zu 4,3 Hektar[2.3]; es werden aber auch nur 3,4 ha[1.1] genannt. Bei voller Ausdehnung fasst der See etwa 200.000 [1.1] Wasser. Bauerngraben und Glasebach haben zusammen ein Einzugsgebiet von 8,7 km².[2.4]

Der Bauerngraben liegt im Gebiet der Gemeinde Südharz, 1,3 Kilometer südwestlich von Agnesdorf, etwa 2 Kilometer südöstlich von Breitungen und knapp 3 Kilometer nördlich von Roßla. Er ist Teil des Naturparks Harz/Sachsen-Anhalt und des Biosphärenreservats Karstlandschaft Südharz. Das Gebiet wurde 1961 unter Naturschutz gestellt und ist 1996 im Naturschutzgebiet Gipskarstlandschaft Questenberg aufgegangen.

Der Bauerngraben wurde erstmals 1480 in einer Lehensurkunde erwähnt. Spätere Nachrichten beziehen sich meist auf die Nutzung des Sees: Lag der See trocken, so stand dem Breitunger Pfarrer das Recht zu, den Seeboden als Acker zu nutzen. Wenn der See gefüllt war, wurden zeitweise Fische eingesetzt.[1.2]

Hydrologie

Der im Bauerngraben sich zeitweise bildende See wird teilweise als periodisches Gewässer eingeordnet, wobei auf eine auffällige Häufung der Seebildung im Frühjahr bei der Schneeschmelze verwiesen wird. Auch bei starken Niederschlägen im Sommer kann sich der Bauerngraben füllen. Das Füllen des Schwindenbeckens erfolgt meist schneller als das Leeren. Leere und volle Phasen können Jahre andauern. Dabei wird teilweise dem Zufluss des Glasebachs große Bedeutung beigemessen, während das Grundwasser im Auslaugungstal nur wenig Einfluss auf die Seebildung habe.[4.1] Andere Autoren lehnen angesichts der Unregelmäßigkeiten eine Einordnung als periodisches Gewässer ab. Auch gehen sie davon aus, dass der Zufluss aus dem Grundwasser größere Bedeutung hat als der aus dem Glasebach.[1.3]

Bei der Schneeschmelze 1987 füllte sich der Bauerngraben so stark, dass der See überlief. Das Wasser floss nach Westen zum Breitunger Bach und damit zur Thyra.[5] Dabei passierte das Wasser den Breitunger Hungersee, einen episodischen See, der sich nach Drainagearbeiten um 1960 nur noch selten füllt.[1.1]

Im Bauerngraben liegen mehrere Schwinden, wobei sich deren Zahl und Lage ändern kann. Anfang der 1950er Jahre wurde der Westponor und der Ostponor unterschieden, wobei der Westponor mehr Wasser verschlucken konnte. Der Glasebach floss zum Westponor; der Ostponor lag hinter einer Schwelle und wurde nur bei höheren Wasserständen überflutet.[4.2]

Im Süden grenzt der See an einen rund 60 Meter hohen Steilabfall, der aus Anhydrit besteht. Das versinkende Wasser laugt das Gestein weiter aus, so dass die Steilwand instabil ist, sich Abrissspalten bilden und Hangpartien in den Bauerngraben stürzen können. Gesteinstrümmer und vom Glasebach mitgeführter Schlamm können die Schwinden vorübergehend verstopfen, was zu einem steigenden Wasserspiegel im Bauerngraben führen kann.[1.3]

Hinweise auf den Verbleib des versinkenden Wassers ergaben sich 1750,[6] als beim Vortrieb des Tiefen Breitunger Stollens rund 400 Meter südwestlich des Bauerngrabens Wasser einbrach. Der zu diesem Zeitpunkt etwa 1600 Meter lange Wasserlösungsstollen war seit 1727 vom Mundloch () nördlich von Roßla aus vorgetrieben worden und sollte die Probleme mit der Wasserhaltung in einem Bergwerk am Kirchberg südwestlich von Breitungen lösen. Dort wurde seit 1715 Kupferschiefer abgebaut.[1.4]

Nach weitgehend erfolglosen Versuchen, das Wasser aus dem Stollen abzuleiten, wollte das Bergwerksunternehmen ab 1760 das Wasser des Glasebachs umleiten, um die Versinkung im Bauerngraben zu stoppen. Gegen diesen Plan erhob ein konkurrierendes Unternehmen aus Wickerode Einspruch. Im folgenden, langwierigen Gerichtsverfahren konnte sich das Breitunger Unternehmen 1784 durchsetzen, allerdings war zu diesem Zeitpunkt das Bergwerk wegen Überschuldung stillgelegt worden.[6] Ab 1858 wurde versucht, den Tiefen Breitunger Stollen aufzuwältigen. 1863 wurde die Arbeiten eingestellt, da der Wasserzutritt nicht zu beherrschen war.[1.5]

Im August 1953 führte der Freiberger Geologe Günter Viete Markierungsversuche an der West- und der Ostschwinde des Bauerngrabens durch. Die Versuche bestätigten die Verbindung zum Tiefen Breitunger Stollen, an dessen Mundloch das Markierungsmittel zwei Tage nach Eingabe austrat. Das Wasser aus dem Mundloch speist den Zollbach, der in Roßla über den Mühlgraben der Helme zufließt. Zudem konnte eine Verbindung[4.3] zu einer Karstquelle() nachgewiesen werden, die gut drei Kilometer östlich des Bauerngrabens am Westhang des Durchbruchstals der Nasse knapp nördlich von Wickerode liegt.[7]

Laut Viete bewegt sich das Wasser vom Westponor nach Südwesten längs einer rheinisch streichenden Zerrüttungszone, die den Tiefen Breitunger Stollen kreuzt. Im Gelände lasse sich die Zone durch in Reihen angeordnete Erdfälle ausmachen. Das im Nassetal austretende Wasser folge vom Ostponor zunächst dem Südrand des Auslaugungstals und dann dem Nassetal, wobei es sich mit Wasser anderer Herkunft mische.[4.4]

Wandern

Der Bauerngraben ist von einem Parkplatz an der Landesstraße 234 zwischen Agnesdorf und Roßla auf einem leicht begehbaren, 1,2 Kilometer langen Wald- und Wanderweg zu erreichen. Er ist als Nr. 213[8] in das System der Stempelstellen der Harzer Wandernadel einbezogen; der Stempelkasten () befindet sich auf dem Nordhang des Wurmbergs oberhalb des Bauerngrabens am Karstwanderweg.

Literatur

  • Günter Viete: Über hydrologische Untersuchungen im Gebiet des Periodischen Sees bei Roßla. In: Geologie. Zeitschrift für das Gesamtgebiet der Geologie und Mineralogie sowie der angewandten Geophysik. ZDB-ID 2178-7, 3(1954), Nr. 2, S. 197–203.
  • Christel Völker, Reinhard Völker: Der Bauerngraben. (=Mitteilungen des Karstmuseums Heimkehle, 5) Karstmuseum Heimkehle, Uftrungen 1983 (online).
  • Johann August Streng: Der Bauerngraben oder Hungersee. Beitrag zur physikalischen Geographie des Harzes. In: Petermanns Mitteilungen 10(1864), S. 43–46 (Digitalisat).
Commons: Bauerngraben – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Christel Völker, Reinhard Völker: Der Bauerngraben. (=Mitteilungen des Karstmuseums Heimkehle, 5) Karstmuseum Heimkehle, Uftrungen 1983 (online).
    1. a b c d e Kapitel Der Bauerngraben.
    2. Kapitel Der Bauerngraben in der historischen Darstellung bis 1760.
    3. a b Kapitel Wie die „Glasegründer wilden Wasser“ fallen und steigen.
    4. Kapitel Der Tiefe Breitunger Stollen und seine Beziehung zum Bauerngraben.
    5. Kapitel Der zweite Angriff des Bergbaus auf den Bauerngraben.
  2. Karte des Bauerngrabens beim Sachsen-Anhalt-Viewer des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation (Hinweise)
    1. Name auf der Topographischen Karte 1:10.000.
    2. a b Höhe nach Digitalem Höhenmodell.
    3. a b c d e Abgemessen auf der Topographischen Karte 1:10.000.
    4. a b Summe nach Layer Oberirdische Teileinzugsgebiete.
  3. Standort Auslaugungstal bei Karstwanderweg.de (Abgerufen am 23. November 2025).
  4. Günter Viete: Über hydrologische Untersuchungen im Gebiet des Periodischen Sees bei Roßla. In: Geologie. Zeitschrift für das Gesamtgebiet der Geologie und Mineralogie sowie der angewandten Geophysik. ZDB-ID 2178-7, 3(1954), Nr. 2, S. 197–203.
    1. S. 197–199.
    2. S. 198 f.
    3. S. 200 f.
    4. S. 201 f.
  5. Standort Bauerngraben auf karstwanderweg.de (Abgerufen am 23. November 2025).
  6. a b Christel Völker, Reinhard Völker: Der Tiefe Breitunger Stollen und seine Beziehung zum Bauerngraben. In: Förderverein Gipskarst Südharz (Hrsg.): Gipskarst Südharz. Heft 2000, S. 2–15 (online).
  7. Tour 06 – Wanderung durch Questenberg, Station 3 – Karstquelle mit „Gipsvulkanen“. bei Mansfelder Kupferspuren (Abgerufen am 22. November 2025).
  8. Harzer Wandernadel: Stempelstelle 213 / Bauerngraben, auf harzer-wandernadel.de