Banaʾim
Die Banaʾim (hebräisch בַּנָּאִים bannāʾīm oder Banaʾim[Anm. 1] zu möglicherweise hebräisch בנה banah, deutsch ‚bauen‘) sind eine nur selten belegte jüdische Gruppierung der Zeit nach 70 n. Chr., die ausschließlich in rabbinischer Literatur erwähnt wird. Charakteristisch ist ihre auffallend rigorose Haltung gegenüber ritueller Reinheit, insbesondere hinsichtlich der Beschaffenheit von Kleidung beim Eintauchen in eine Mikwe. Die Bana´im war damit eine von mehreren jüdischen Sekten, für welche die rituelle Reinheit, Tahara (hebräisch טָהֳרָה), von großer Bedeutung war. In der Forschung werden sie teilweise als Nachwirkung älterer, tempelzeitlicher Reinheitsströmungen interpretiert. Damit unterschieden sie sich von den Tannaim.
Banaʾim als jüdische Sekte
Der in der Mischna verwendete Gruppenname „Banaʾim“ ist vermutlich eine rabbinische Fremdbezeichnung, eine gesicherte Eigenbezeichnung der Gruppe ist nicht überliefert. Der Gruppenname Banaʾim ist nur einmal belegt, nämlich in Mischna, Mikvaʾot 9,6, einem mishnaischen Traktat ohne Gemara. Die Mischna ist Bestandteil des Talmuds, dieser besteht aus Mischna und Gemara. Die Banaʾim sollen großen Wert auf die Reinheit ihrer Kleidung gelegt haben und glaubten, dass Kleidungsstücke vor dem Eintauchen in Reinigungswasser nicht einmal einen kleinen Schlammfleck aufweisen durften. In der jüdischen Praxis des 1. und 2. Jahrhunderts n. Chr. war Kleidung kein nebensächliches Element, sondern galt halachisch als Teil der Person und konnte rituelle Reinheit sowohl vermitteln als auch beeinträchtigen.[1]
Insbesondere beim Eintauchen in eine Mikwe stellte sich die Frage, ob Kleidung als integraler Bestandteil des Körpers oder als trennende Schicht zu behandeln sei. Während das frührabbinische Judentum nach der Zerstörung des Zweiten Tempels eine pragmatische Reduktion der Reinheitsvorschriften entwickelte und alltägliche Verschmutzungen meist nicht als rituelles Hindernis wertete, vertraten kleinere Gruppierungen deutlich strengere Maßstäbe. Die in der Mischna erwähnten Banaʾim erscheinen in diesem Zusammenhang als Vertreter einer rigoristischen Position, nach der selbst geringste Verunreinigungen an der Kleidung als Unterbrechung der rituellen Reinigung galten. Diese Haltung deutet auf ein asketisch verschärftes Reinheitsideal hin, das vermutlich an ältere, tempelzeitliche Vorstellungen anknüpfte und sich bewusst vom rabbinischen Mainstream abgrenzte. Die halachische Diskussion um Kleidung beim Eintauchen in die Mikwe kreist um die Frage, ob Kleidung als Teil der Person oder als trennende Schicht (hebräisch חציצה ḥaṣiṣa, deutsch ‚trennen‘ ‚abschneiden‘ ‚dazwischenstehen‘) zu bewerten ist. Maßgeblich ist dabei, ob das Wasser – in das ‚lebendige Wasser‘ (hebräisch מַיִם חַיִּים mayim chayyim) – den Körper unmittelbar erreichen kann. Material, Verarbeitung, Verschmutzung und Feuchtigkeit der Kleidung werden daher im Detail berücksichtigt.
Während das rabbinische Judentum der frührabbinischen Zeit pragmatische Kriterien entwickelte und nur dauerhafte oder subjektiv störende Elemente als „ḥaṣiṣa“ wertete, vertraten die Banaʾim eine deutlich strengere Position, nach der selbst geringfügige Verunreinigungen an der Kleidung das Eintauchen ungültig machten.
Über ihre Aktivitäten im römischen Palästina und die Bedeutung ihres Namens gibt es zahlreiche Debatten. Einige vermuten, dass sie sich intensiv mit der Schöpfungslehre befassten, während andere die Banaʾim als einen essäischen Orden sehen, der mit Axt und Schaufel arbeitete.[2]
Bannus und die Banaʾim
Eine Verbindung zwischen dem von Josephus beschriebenen Asketen Bannus und den in der Mischna erwähnten Banaʾim lässt sich quellenmäßig nicht nachweisen. Die gelegentlich angenommene Nähe beruht auf thematischen Analogien und onomastischen Spekulationen, nicht jedoch auf direkter Überlieferung.
Literatur
- Elliot N. Dorff und Arthur Rossett: Living Tree, A: The Roots and Growth of Jewish Law. State University of New York Press, New York 2012, ISBN 978-1-4384-0142-3.
Siehe auch
Anmerkungen
- ↑ Der Wortstamm ist jedoch unsicher und es ist nicht bekannt, wie sich die Gruppe selbst nannte. Ferner ist die Schreibweise eine rekonstruktive, wissenschaftliche Rückprojektion, da die Mischna erst im Mittelalter vokalisiert wurde. Auch sind weder Eigenname, noch Eigeninschriften oder Selbstzeugnisse der Gruppe überliefert, sondern lediglich ein Xenonym.
Einzelnachweise
- ↑ Loren T. Stuckenbruck und Daniel M. Gurtner: T&T Clark Encyclopedia of Second Temple Judaism. Band 2. Bloomsbury Publishing, London 2019, S. 719 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2026]).
- ↑ Marcus Jastrow und Louis Ginzberg: Bannaim or Banaim (בַּנָּאִים). In: Isidore Singer (Hrsg.): Jewish Encyclopedia. Band 2. Funk & Wagnalls, New York und London 1902, S. 495 (jewishencyclopedia.com [abgerufen am 15. Januar 2026]).