Bailey-Brücke
Die Bailey-Brücke ist eine aus vormontierten Einzelbauteilen wie Fachwerkträgern und Fahrbahnbalken zusammensetzbare Kriegs-, Not- oder Behelfsbrücke. Sie benötigt keine Spezialausrüstung und Geräte zum Aufbau, kann mit Lastkraftwagen transportiert werden und kann schwerste Lasten bis hin zu Panzern tragen. Ursprünglich für den militärischen Bereich entwickelt, wird sie ebenso im zivilen Bereich für vorübergehende Überbrückungen eingesetzt.
Verwendung
Bailey-Brücken sind mit relativ wenig Aufwand aufbaubar und werden daher nicht nur von Militärs weltweit eingesetzt, auch große Hilfsorganisationen verwenden Bailey-Brücken. Sie werden auch als Brückengeräte oder als Pionierbrückengeräte bezeichnet. So hat die Fachgruppe Brückenbau des THW neben der D-Brücke auch die Bailey-Brücke im Einsatz.
In Deutschland werden in bundeseigenen Brückenlagern auch 2360 t Elemente für Bailey-Brücken vorgehalten; dies entspricht einer Gesamtlänge von rund 790 Metern.[1] Die Segmente bestehen aus Stahlfachwerk. Im Jahr 2016 bestanden 12 % des Brückengerätes des Bundes aus Bailey-Elementen, gemessen am Gewicht. Eine Ausmusterung ist nicht geplant.[2]
Historisch
Donald Coleman Bailey, ein englischer Armeeangestellter, der Modellbrücken zu seinem Hobby hatte, schlug diese Konstruktionsweise seinen Vorgesetzten vor. Die ersten Brücken waren 1944 einsatzbereit.
Bailey-Brücken wurden im Zweiten Weltkrieg gebaut als
- Behelfsbrücke bei Son, nördlich von Eindhoven über den Wilhelminakanal (Operation Market Garden)
- Behelfsbrücke über den Main zur Komplettierung der im April 1945 zerstörten Ludwigsbrücke und der Alten Mainbrücke in Würzburg
- Behelfsbrücken über die Donau zur Überbrückung der im April 1945 gesprengten beiden Joche der Steinernen Brücke in Regensburg
- Behelfsbrücke über die Saar, aufgebaut im Artilleriefeuer der Deutschen
- Behelfsbrücken über den Rhein, z. B. bei Wesel (Operation Plunder); einige sind noch nach dem Krieg bis in die 1950er Jahre verwendet worden.
- Behelfsbrücke über die Werra bei Laubach, errichtet von englischen Pionieren als Ersatz für die gesprengte Autobahnbrücke bis 1952, genutzt bis 1963
- Behelfsbrücke über den Küstenkanal bei Edewechterdamm, errichtet von kanadischen Pionieren als Ersatz für die von deutschen Truppen zur Verteidigung der Seelöwen-Stellung gesprengten Kanalbrücke. In den benachbarten Orten Husbäke und Jeddeloh II wurden gesprengte Kanalbrücken ebenfalls durch Bailey-Brücken ersetzt.
- „Patton“-Brücke als erste, länger genutzte feste Brücke in Köln nach dem Zweiten Weltkrieg (1946–1951)[3]
Bailey-Brücken in neuerer Zeit:
- Behelfsbrücke in Glashütte (Sachsen), nach dem Elbehochwasser 2002 erbaut durch das THW Müllheim und THW Pfedelbach.
- George W. Bush Bridge, Liberia (2006)
- Behelfsbrücke in Judenburg während des Neubaus der Murbrücke (2009–2010)
- Behelfsbrücke im Kirnitzschtal nach dem Hochwasser 2010, erbaut durch das THW Dresden (erbaut 10/2010, bis 09/2012 in Betrieb)[4]
- Behelfsbrücke in Eisenach (Thüringen) – Grabental, Ersatz für beschädigte Straßenbrücke, seit 2008[5]
- Unstrutbrücke an der Zeddenbachmühle bei Freyburg (Unstrut), erbaut 1996. 2016 wurde der Überbau zur Überholung demontiert und danach auf neuen Widerlagern wieder eingebaut.[6]
- Juba-Brücke, die einzige Brücke über den Nil im Südsudan.
- Juli 2019 Überbauung der einsturzgefährdeten Brücke am Hammerkanal in Esslingen am Neckar durch mehrere THW Ortsverbände[7]
- Juli 2020 Bau einer Behelfsbrücke in Wildemann über die Innerste zur Ermöglichung von Sanierungsarbeiten an der bestehenden Brücke durch den THW-Ortsverband Bremen-Süd[8]
- im zweiten Halbjahr 2021 wurden als Ersatz für beim Hochwasser an der Ahr zerstörte Brücken mehrere Bailey- und D-Brücken durch verschiedene Ortsverbände des THW über die Ahr errichtet.[9]
- Im September 2023 wurde, die durch das Hochwasser in Griechenland zerstörte Brücke zwischen Volo und Pilio, durch eine 30 Meter lange Bailey-Brücke ersetzt. Die Errichtung fand durch das griechische Militär statt.
Für andere Zwecke
Der Startturm für den Start der Skylark-Raketen in Woomera, Australien wurde aus Segmenten von Bailey-Brücken zusammengesetzt.
Technik
Die Fachwerkbrücke kann mit wenigen, einfachen Werkzeugen und mit einer entsprechenden Personenanzahl aufgebaut werden. Auch der Transport kann mit kleineren Fahrzeugen durchgeführt werden.[10] Es gibt drei verschiedene Varianten der Bailey-Brücke, genannt M1, M2 und M3. Die Versionen unterscheiden sich in der Fahrbahnbreite.
- M1 = 10 ft 7 in[11]
- M2 = 12 ft 6 in
- M3 = 13 ft 11¾ in (4,3 m)
Die Brücke kann eine Länge zwischen 30 ft und 210 ft haben. Sie ist unterteilt in 10 ft (3m) Segmenten (engl. Bay). Die Brücke wird in Vorschubauweise von einer Seite aufgebaut. Jedes Segment besteht in der Hauptsache aus drei verschiedenen Elementen: dem Stahlfachwerk (engl. Panel), den Querträgern (engl. Transom) und dem Fahrbahnunterbau (engl. Stringers). Je Brückenseite werden Normalerweise ein, zwei oder drei Stahlfachwerkelemente nebeneinander verbaut. Auch werden bis zu drei Elemente benutzt die übereinander angeordnet sind, je nach Länger der Brücke und deren zu erwartende Belastung. Im 90° Winkel zum Fachwerkelement werden die Querträger verbaut, die Anzahl pro Segment richtet sich auch hier nach der zu erwartenden Belastung. Die Elemente des Fahrbahnunterbaus werden, parallel zu den Fachwerkelementen, auf den Querträger an den entsprechenden Aussparungen befestigt. Hier drauf kann nun die Fahrbahn (engl. Chess) befestigt werden, alternative können auch Holzbohlen genommen werden. Zusätzlich können noch zwei Fußwege an den Außenseite angebracht werden.
Außerdem gibt es die Möglichkeit Klapp-, Spann-, Ponton-, Schwimm-, Bahn- und Hänge-brücken oder Tragfeiler zu errichten.
Eine ausführliche Beschreibung der M2 Brücke ist im US Army Field Manual No. 5-277 zu finden[12].
Bailey-Brücken sind heute technisch überholt, es kommen aber eine Reihe anderer Brückengeräte zum Einsatz, etwa die Z-Brücke, das Brückengerät SBG 66 oder der Nachfolger die Mabey-Johnson-Brücke.
Galerie
-
Bailey-Brücke in Frankreich 2003 (ersetzt 2009)
-
Bailey-Brücke in Libyen. Auch die Stützpfeiler wurden aus Bailey-Brückensegmenten gebaut.
-
Notbrücke in den albanischen Bergen, Nationalstraße 6 bei Burrel
-
Zerstörter deutscher Jagdpanzer IV und Bailey-Brücke am Dortmund-Ems-Kanal bei Dreierwalde im April 1945
-
Bailey-Brücke über die Unstrut an der Zeddenbachmühle, 2018
-
-
Bailey-Brücke in Angola (2019)
-
Royal Engineers bauen eine Bailey-Brücke in Italien, September 1943. Die Fahrbahn besteht aus Holzplanken
-
Versuchsaufbau einer Bailey Hängebrücke in Christchurch, Dorset
Siehe auch
Literatur
- Peter Steinmüller: Die Brücke als System, in: VDI nachrichten Nr. 50/51/52-2016 vom 16. Dezember 2016, S. 26f, online
- Hans Oehme: Das Bailey-Brückengerät In: ZS-Magazin, Nr. 12, 1972, S. 18 (PDF; 26,6 MB)
Einzelnachweise
- ↑ www.strassen.nrw.de ( des vom 29. Februar 2012 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., abgerufen am 8. März 2012
- ↑ Peter Steinmüller: Die Brücke als System, in: VDI nachrichten Nr. 50/51/52-2016 vom 16. Dezember 2016, S. 27, hier:
- ↑ Pattonbrücke auf www.ebertplatz.de
- ↑ Bericht zum Brückenabbau auf thw-dresden.de ( des vom 31. Dezember 2016 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., abgerufen am 11. Dezember 2012
- ↑ Meldung in den Kyffhäuser Nachrichten
- ↑ Artikel im Naumburger Tageblatt (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im Oktober 2022. Suche in Webarchiven) Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis., abgerufen am 5. September 2018
- ↑ 7aktuell.de
- ↑ ov-bremen-sued.thw.de
- ↑ ov-bremen-sued.thw.de
- ↑ Peter Steinmüller: Die Brücke als System, in: VDI nachrichten Nr. 50/51/52-2016 vom 16. Dezember 2016, S. 26, hier:
- ↑ PANEL BRIDGE, BAILEY TYPE, M2, US Army Technical Manual No. 5-277 (1948). (PDF; 71 MB) In: HEADQUARTERS DEPARTMENT OF THE ARMY. 13. April 1948, abgerufen am 30. November 2025 (englisch).
- ↑ BAILEYBRIDGE, US Army Field Manual No. 5-277 (1986). (PDF; 12,9 MB) In: HEADQUARTERS DEPARTMENT OF THE ARMY. 9. Mai 1986, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 23. Januar 2025; abgerufen am 30. November 2025 (englisch).