Arnošt Vilém Kraus
Arnošt Vilém Kraus (auch: Ernst Kraus) (* 4. November 1859 in Treboraditz/Třeboradice; † 16. April 1943 im Ghetto Theresienstadt) war ein tschechischer Literaturwissenschaftler und Publizist.[1]
Leben und Wirken
Nach dem Abitur 1878 am deutschen Gymnasium in Prag-Neustadt studierte Arnošt Vilém Kraus von 1878 bis 1883 Germanistik und Bohemistik an der Universität Prag, zwischenzeitlich an der Universität München (1881) und der Universität Berlin (1882/83). 1883 promovierte er in Prag bei Johann von Kelle. 1884/85 bzw. 1886 legte er die Staatsexamen für den Schuldienst ab. Bis 1898 war er als Lehrer an verschiedenen Schulen in Prag tätig. Außerdem unterrichtete er von 1884 bis 1898 als Lektor für deutsche Sprache an der Prager Karls-Universität. Dort habilitierte er sich im Jahre 1886 und lehrte bis 1895 zunächst als Privatdozent, anschließend als außerordentlicher Professor. 1905 erhielt er eine ordentliche Professur und lehrte in dieser Funktion Deutsche Sprache und Literatur bis zu seiner Pensionierung 1930. Zwischen 1892 und 1934 unternahm Kraus mehrere Reisen vor allem in skandinavische Länder und förderte die Beziehungen Tschechiens zu diesen Staaten. Hierfür wurde er 1924 mit dem Kommandeurskreuz des dänischen Dannebrogordens ausgezeichnet, 1933 mit dem Kreuz des norwegischen Sankt-Olav-Ordens und 1934 mit dem Kommandeurskreuz des schwedischen Nordstern-Ordens. Von 1920 bis 1940 war Kraus ordentliches Mitglied der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Künste.
Am 20. Juli 1942 wurde Kraus zusammen mit seiner Ehefrau in das Ghetto Theresienstadt deportiert.
In seinen Veröffentlichungen beschäftigte sich Kraus mit der älteren deutschen Literatur und der deutschen Literatur in Böhmen, er übersetzte mehrere Werke in die tschechische Sprache, u. a. Goethes „Faust“.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Über Heinrich von Freiberg. In: Germania, Bd. 30 (1885), S. 1–18 (= Dissertation Universität Prag).
- Das böhmische Puppenspiel von Doktor Faust. Abhandlung und Übersetzung. Koebner, Breslau 1891.
- Johann Ferdinand Opiz' Autobiographie. Aus seiner "Literarischen Chronik von Böheim" gezogen u. mit Anm. begleitet. Verl. d. Königl. Böhm. Ges. d. Wiss., Prag 1910.
- Faustsplitter. Bellmann, Prag 1914.
- Die sogenannte tschechische Renaissance und die Heimatdeutschen (= Politische Bücherei, Bd. 5). Orbis, Prag 1928.
- Alte Geschichte Böhmens in der deutschen Literatur (= Ost-, mittel- und südosteuropäische Literatur-, Theater- und Sprachwissenschaft, Bd. 2). Röhrig, St. Ingbert 1999, ISBN 3-86110-225-0 (dt. Übers. seines Buches "Stará historie česká v německé literatuře", 1902).
Festschrift
- Xenia Pragensia. Ernesto Kraus Septuagenario et Josepho Janko Sexagenario. Ab Amicis collegis discipulis oblata. Soc. Math. et Physicorum, Pragae 1929.
Außerdem zahlreiche Veröffentlichungen in tschechischer Sprache.
Literatur
- Helena Březinová u. a. (Hrsg.): Arnošt Vilém Kraus (1859–1943). Wissenschaftler und Kulturpolitiker (= Intellektuelles Prag im 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 18). Böhlau, Wien/Köln 2021, ISBN 978-3-412-52144-8 (mit Auswahlbibliographie Arnošt Vilém Kraus S. 263ff.).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Lenka Pokorná: Kraus, Arnošt Vilém. In: Christoph König (Hrsg.): Internationales Germanistenlexikon 1800-1850. Bd. 2. De Gruyter, Berlin 2003, S. 1011–1014, ISBN 3-11-015485-4 (mit allen biografischen Daten u. weiteren Literaturangaben).