Arbeitserziehungslager Rudersberg

Das Arbeitserziehungslager Rudersberg war vom 1. Juli 1942 bis 19. April 1945 eines der ersten selbstständigen „Arbeitserziehungslager für weibliche Erziehungshäftlinge“ in Rudersberg. Die inhaftierten Frauen mussten Zwangsarbeit im Holzwerk Horn in Rudersberg, bei der Firma Bauknecht in Welzheim und Schorndorf und in der Landwirtschaft verrichten.

Das Lager war auch Durchgangsstation für die Deportation in Konzentrationslager wie Ravensbrück oder das Vernichtungslager Auschwitz. Insgesamt waren etwa 3.500 Frauen aus dem ganzen von den Nationalsozialisten besetzen Europa inhaftiert.

Entstehung

1942 kaufte Otto Horn, Geschäftsführer des Holzwerks Rudersberg, das Hotel „Zur Ritterburg“ und vermietete es an die Stapoleitstelle Stuttgart, die sie zum Arbeitserziehungslager (AEL) für 140 Frauen umbauen ließ.[1] Aufsicht über das Lager hatte der Kriminalkommissar Ludwig Thumm, Leiter des Sachgebiets „Schutzhaft“ der Staatspolizeileitstelle Stuttgart.

Lebens- und Arbeitsbedingungen

Am 1. Juli 1942 wurde das AEL in Rudersberg errichtet, da der Ort günstig an der Bahnlinie nach Schorndorf lag und sich in der Nähe des Schutzhaftlagers Welzheim befand. Die Rudersberger Holzfabrik Horn benötigte außerdem Arbeitskräfte für die Herstellung von Munitionskisten, ebenso die Firma Bauknecht in Welzheim und Schorndorf. Neben Speisesaal, Küche, Waschküche und Näherei gab es zwei Schlafsäle, in denen je einhundert Frauen, getrennt nach Deutschen und Nichtdeutschen Inhaftierten, untergebracht waren. Daneben gab es Strafarrestzellen und den sogenannten Bunker, ein fensterloser, völlig dunkler Raum mit zwei kleinen Einzelzellen. Die hygienischen Zustände sollen teilweise „ekelerregend“ gewesen sein.[2][3]

Das AEL diente auch als „erweitertes Polizeigefängnis“ für politische Häftlinge; die genaue Zahl der inhaftierten Frauen ist nicht mehr feststellbar. Die Frauen stammten aus fast allen europäischen Ländern, rund die Hälfte aus Osteuropa, ein Viertel deutsche Frauen kam aus Deutschland und die übrigen aus Westeuropa. Siebzig bis einhundert Frauen arbeiteten im Holzwerk, andere fuhren mit dem Zug zum Arbeitseinsatz bei der Firma Bauknecht nach Welzheim oder Schorndorf, etwa dreißig Inhaftierte halfen tagsüber den Bauern rund um Rudersberg. Die politischen Häftlinge mussten im Innendienst arbeiten.

Die für sogenannte „erzieherische Aufgaben“ eingesetzten Wärterinnen, darunter Gertrud Gönnenwein, misshandelten und demütigten die Inhaftierten. Die Frauen wurden mit Ausdrücken wie „Ihr Huren, Ihr Drecksäue“ beschimpft. Bei Diebstählen mussten sich alle Frauen solange nackt im Hof aufstellen, bis die Schuldige gefunden war. Andere Demütigungen bestanden im Reinigen der Stuben mit der Zahnbürste oder im Leeren der Jauchegruben durch eine einzige Gefangene. Nach Fluchtversuchen wurde den wieder aufgegriffenen Frauen ein Streifen Kopfhaar mit der Haarschneidemaschine von der Stirn bis zum Nacken wegrasiert, im Wiederholungsfall ein zweiter Streifen von einem Ohr zum anderen.[2]

Bekannte Inhaftierte

  • Marcelle Gramond, französische Zwangsarbeiterin bei der Firma Bauknecht in Welzheim[4]
  • Ruth von Kalkreuth, Ehefrau von Mut Steiner, Schülerin der Reifensteiner Schulen und langjährige Vorsitzende des Landesverbands Württemberg der Landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine
  • Gertrud Müller, Widerstandskämpferin und Mitbegründerin der Lagergemeinschaft Ravensbrück in der BRD

Auflösung des Lagers

Beim Näherrücken der Front im April 1945 befahl der Lagerleiter die Vernichtung sämtlicher Akten, um diese nicht in die Hände der alliierten Truppen fallen zu lassen. Bereits Ende März 1945 waren die Arbeitserziehungs- und andere unpolitische Häftlinge entlassen worden, so dass sich nur noch 95 Frauen im Lager befanden. Diese sollten am 19. April 1945 nach Riedlingen deportiert werden; der Lagerleiter Klein ließ sie jedoch bereits in Baltmannsweiler bei Plochingen frei.

Gedenken

Die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen im Rems-Murr-Kreis errichtete am 9. Oktober 1982 eine Mahn- und Gedenktafel auf dem Friedhof in Rudersberg.

Der informellen Arbeitskreis „Stolperschwelle Ritterburg“, dem die Historikerin Sonja-Maria Bauer und Mitglieder der VVN-BdA Kreisvereinigung Rems-Murr angehörten, initiierte die Verlegung einer Stolperschwelle, die im Gegensatz zu einem Stolperstein für individuelle NS-Opfer in wenigen Zeilen die Geschichte des Ortes dokumentiert. Eine Gedenktafel am Gebäude selbst war nicht möglich, da sich die Nachfahren der Familie Horn dagegen aussprachen.[5] Am 26. Mai 2025 wurde im Rahmen einer Gedenkfeier in Rudersberg anlässlich des 80. Jahrestags der Befreiung des Arbeitserziehungslagers die Stolperschwelle vom Künstler Gunter Demnig verlegt.[6]

Einzelnachweise

  1. Gestapo Stuttgart. In: portal.ehri-project.eu. 3. März 2015, abgerufen am 8. Januar 2026.
  2. a b Sogenannte Arbeitserziehungslager | Gedenkinitiative für die Opfer und Leidtragenden des Nationalsozialismus in Nürtingen und Umgebung. In: www.gedenken-nt.de. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  3. Das „Gestapo-Gefängnis“ in Welzheim und das „Arbeitserziehungslager für Frauen“ in Rudersberg – auf der Spur der Disziplinierung, Bestrafung, Ermordung von Zwangsarbeiter*innen und politischen Häftlingen in der NS-Zeit – Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber. In: hotel-silber.de. Abgerufen am 9. Januar 2026.
  4. Gedenkseite für Marcelle Gramond. In: Gedenkseiten.de. Abgerufen am 9. Januar 2026.
  5. Wo Frauen gedemütigt und gequält wurden – VVN-BdA Baden-Württemberg. In: bawue.vvn-bda.de. 5. Januar 2026, abgerufen am 8. Januar 2026.
  6. Stefan Weber: Stolpersteine des Vergessens: Rudersberg gedenkt der Zwangsarbeiterinnen. In: Mein Stuttgart. 26. Mai 2025, abgerufen am 8. Januar 2026 (deutsch).

Koordinaten: 48° 53′ 9″ N, 9° 31′ 33″ O