Anti-Hitler-Bewegung Österreichs
Die Anti-Hitler-Bewegung Österreichs (auch bekannt als Hudomalj-Gruppe) war eine parteiübergreifende österreichische Widerstandsgruppe, die vom slowenischen KP-Funktionär Karl Hudomalj aufgebaut wurde und von 1942 bis 1944 vor allem in Wien aktiv war.
Entstehung
Der slowenische KP-Funktionär Karl Hudomalj hatte sich bereits 1936 längere Zeit illegal in Wien aufgehalten und konnte dabei Kontakte zu verschiedenen widerständigen Personen knüpfen. Seit Februar 1942 lebte er wieder in Wien unter den Decknamen „Juri“ und „Kerner“ im Untergrund, fand mit Hilfe der Schneiderin Ottilie Schörg Unterschlupf bei deren Mutter und kam über sie in Kontakt mit dem Kommunisten Johann Rothfus aus Wien-Hernals. Finanziell wurde Hudomalj vom Buchdruckereibesitzer Otto Steindl unterstützt, mit dem er seit 1936 eine politische Verbindung unterhielt.
Im November 1942 gründete Hudomalj zusammen mit dem Ehepaar Marie und August Kamhuber sowie Karl Suchanek, Mitglied der „Revolutionären Sozialisten“ das „Initiativkomitee der Anti-Hitler-Bewegung Österreichs“, aus dem die spätere Widerstandsgruppe entstand. Das Komitee traf sich wöchentliche und diskutierte über die neuesten Nachrichten des Moskauer und Londoner Rundfunks und die Stimmung unter der Wiener Bevölkerung.
Ziele
Die Bewegung wollte als überparteiliches Netzwerk die verschiedenen, NS-feindlichen Kräfte bündeln; ihr gehörten Kommunisten, Sozialisten und Christlich-Soziale an. Im Unterschied zu anderen Widerstandsgruppen zeichnete sich die Anti-Hitler-Bewegung durch einen hohen Frauenanteil von etwa 56 Prozent, intensive Kontakte zu „Fremdarbeitern“ und Kriegsgefangenen und einen hohen Grad an Militanz aus. In der ab 1942/1943 monatlich herausgegebenen Zeitung Wahrheit veröffentlichte das Initiativkomitee sein Aktionsprogramm, das unter anderem folgende Punkte enthielt:
- Sturz der Naziherrschaft durch alle Hitlergegner und Schaffung einer demokratischen Regierung Österreichs
- Friede, Freiheit und ein unabhängiges Österreich!
- Wiederherstellung des Achtstundentages und aller geraubten Rechte für die gesamte Arbeiterklasse
- Enteignung und Verstaatlichung aller Betriebe der Kriegsverbrecher sowie Heranziehung ihres Privatvermögens zur Entschädigung der Verwundeten, Kriegsinvaliden und der durch Kriegshandlungen schwer geschädigten Bevölkerung
- Sofortige Zurückziehung aller österreichischen Soldaten in die Heimat
- Enthebung von Personen, die durch Verdrängung anderer von Nazis besetzt wurden, und Verjagung von Betriebsführern, die infolge ihrer Nazizugehörigkeit Geschäfte und Betriebe übernommen, seinerzeit auch ‚arisiert‘ haben
Geplant war darüber hinaus die Bildung von „Anti-Hitler-Komitees“ genannten Widerstandszellen als einheitliche Kampforgane in Betrieben und Kasernen. Hudomalj war im Frühjahr 1943 auch Organisator für den Aufbau einer Parallelorganisation für sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die sogenannte „Anti-Hitler-Bewegung der Ostarbeiter“.[1]
Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen und zur KPÖ-Exilregierung
Über den ehemaligen Spitzenfunktionär der Sozialistischen Arbeiter-Jugend (SAJ) Alfred Migsch wurden Kontakte zu katholischen Widerstandskreisen wie der Gruppe um Felix Hurdes hergestellt, dem späteren ÖVP-Unterrichtsminister. Durch die Vermittlung von Irma Machalek hatte die Bewegung ab Ende November 1942 auch Kontakte zu Widerstandsgruppen in Graz, Steyr und Wiener Neustadt.
Hudomalj vermied den Kontakt mit der von Gestapo-Spitzeln unterwanderten KPÖ-Stadt- und Bezirksleitungen und versuchte eine direkte Verbindung mit der Moskauer KPÖ-Exilregierung unter Johann Koplenig und der Kommunistischen Internationale (Komintern) herzustellen. Sein Plan war, dass Wehrmachtsangehörige an der russischen Front überlaufen und der dortigen Parteileitung Informationen übermitteln und Anweisungen entgegennehmen sollten. Kurz vor Weihnachten 1942 erklärte sich der Obergefreite Franz Burda bereit, diese hochriskante Aufgabe zu übernehmen. Hudomalj verfasste daraufhin auf Leinen in winziger Schrift zwei in russischer Sprache geschriebene Briefe. Einen davon sollte Burda bei seiner eventuellen Gefangennahme einem sowjetischen Offizier übergeben und den zweiten Georgi Dimitroff. Diese Schriftstücke nähte Burda in seinen Uniformrock und lernte viele inhaltliche Details auswendig. Im Februar 1943 gelang es Burda, im Kessel von Demjansk seine gefährliche Aufgabe zu erfüllen, zur Roten Armee überzulaufen und die Briefe zu überbringen.[1]
Zur Herstellung einer dauerhaften Kommunikation wurde eine Gruppe Exil-österreichischer Funk- und Fallschirmagenten ausgewählt, bestehend aus Gregor Kersche, Hildegard Mraz und Aloisia Soucek, die am 27. Juni 1943 von einem sowjetischen Bombenflugzeug per Fallschirm bei Rikki in der Nähe von Warschau abgesetzt wurden, wo sie polnische Partisanen in Empfang nahmen und sie sich auf getrennten Wegen nach Wien durchschlugen. Hier stellte die Postsparkassenangestellte Irma Machalek den Kontakt mit Karl Hudomalj her. Wegen technischer Probleme konnte die geplante Funkverbindung jedoch nicht hergestellt werden.
Daneben baute Wilma Trawnitschek eine Kurierlinie zu slowenischen Partisanengruppen auf, über die auch gefährdete Widerstandskämpfer aus Wien flüchten konnten.
Aktivitäten
Hauptaktivitäten der Gruppe waren die Erstellung und Verbreitung der illegalen Monatszeitschrift Wahrheit, die Organisation von Sabotageakten in rüstungsrelevanten Betrieben und die Beschaffung von Waffen, um eine Art Stadtguerilla für den bewaffneten Kampf gegen den Nationalsozialismus aufzubauen.
Die erste Nummer der Wahrheit erschien im Jänner 1943 in einer Auflage von 100 Stück, bis November 1943 folgten neue Ausgaben und die Auflage stieg auf 250. Als Autoren wurden Karl Hudomalj und der Mittelschulprofessor Karl Suchanek angegeben, auch Gregor Kersche verfasste Artikel. An der Erstellung und Vervielfältigung waren Friederike Burda, Marianne Kühnlein, Alfred Migsch und Otto Steindl beteiligt. Zur Vervielfältigung wurde ein Handabziehapparat verwendet, das benötige Papier und die Farbe besorgte der Druckereibesitzer Otto Steindl. Die Verteilung erfolgte vor allem durch Irma Machalek, Marianne Kühnlein und Wilma Trawnitschek entweder per Postversand an Frontsoldaten, durch Einwurf in Briefkästen von bekannten Antifaschisten oder durch persönliche Weitergabe. Monatlich wurde ein Exemplar in das Postfach des Schweizer Konsulats geworfen, um im Ausland auf den Widerstand in Österreich aufmerksam zu machen. Die Basler Nachrichten veröffentlichten im September 1943 einen Auszug aus der Wahrheit, woraufhin im Völkischen Beobachter eine wütende Entgegnung erschien.[2]
Zur Organisation von Sabotageakten wurde kleinere Widerstandszellen in einzelnen Betrieben gegründet, so etwa im Rüstungsbetrieb Kroneis in Wieden mit sechs Mitgliedern, in der Bäckerei Löhr und dem Rüstungsbetrieb Optische Werke Reichert, wo Friederike Burda aktiv war und vom Werkstättenleiter Willy Horwath und mehreren österreichische Arbeitern bei ihren Sabotageaktionen gedeckt wurde.[1][3]
Weitergehende Pläne für umfangreichere Sabotageaktionen konnte die Gruppe nicht mehr realisieren.
Zerschlagung der Gruppe durch die Gestapo
Zwischen Oktober 1943 und März 1944 wurden laut Tagesbericht Nr. 4 der Gestapo vom 10. bis 13. März 1944 insgesamt 58 Personen der Parallelorganisation „Anti-Hitler-Bewegung der Ostarbeiter“ verhaftet, darunter der russische Buchdrucker und Metallgießer Ilja Kornossow, der russische Drehergehilfe Nikolaj Baran[4] der serbische Mechaniker Djura Kopanac und der russische Landarbeiter und Heizer Igor Truskowskij.
Ab dem 20. November 1943 geriet Karl Hudomalj ins Visier der Ermittlungen. Zwischen dem 27. und 29. November 1943 wurden weitere „Ostarbeiter“ und die ersten Mitglieder der Anti-Hitler-Bewegung Österreichs verhaftet, darunter die Gründungsmitglieder Marie und August Kamhuber, Johann Hobl, Karl Rimmer, Tatjana und Johann Rothfus sowie Eleonore, Marie und Gustav Schwella. Karl Suchanek beging im Glauben, ebenfalls enttarnt worden zu sein, zusammen mit seinen Eltern Suizid.[2]
Durch das Einschleusen der Spitzel Josef Lochmann und dem ehemaligen Kommunisten Georg Weidinger wurden um die Jahreswende 1943/1944 viele Personen des inneren Zirkels der Bewegung durch die Gestapo enttarnt und zwischen dem 4. und 11. Jänner 1944 verhaftet, darunter Karl Hudomalj, Georg Kersche, Irma Machalek, Alfred Migsch, Hildegard Mraz, Marie und Wilhelm Pirker und Aloisia Soucek. Hudomalj widersetzte sich der Festnahme, indem er einen Schuss aus seiner Pistole abfeuerte, durch den jedoch niemand verletzt wurde.
Karl Hudomalj und Hans Rothfus wurden von der SS am 27. September 1944 im KZ Mauthausen ermordet. Andere Widerstandskämpfer wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet oder in den KZs Dachau und Flossenbürg ermordet. Bisher sind mindestens 23 Frauen der Gruppe bekannt, die zwischen Juli und Oktober 1944 in das KZ Ravensbrück deportiert wurden.
Georg Kersche, Hildegard Mraz und Aloisia Soucek blieben bis zum 5. April 1945 in Gestapo-Haft und flüchteten dann zur Roten Armee, wo sie vom SMERSch (militärische Spionageabwehr) wegen Spionageverdachtes erneut inhaftiert wurden.[2] Kurze Zeit später wurde Aloisia Soucek nach Moskau deportiert und am 28. August 1945 wegen Landesverrats zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Sie starb am 7. März 1948 in einem Lager in der Sowjetrepublik Komi.[5] Hildegard Mraz wurde ebenfalls am 28. August 1945 zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt und in ein Lager nach Workuta deportiert, wo sie als Holzfällerin, in der Landwirtschaft und in einem Steinbruch arbeiten musste. Nach Verbüßung ihrer Lagerstrafe wurde sie bis zum September 1955 nach Kasachstan in eine Kolchose verbannt. Nachdem sie im Mai 1956 ein Ausreiseersuchen an das sowjetische Rote Kreuz gerichtet hatte, konnte sie im Dezember 1956 nach Wien ausreisen.[6][7]
Wilma Trawnitschek konnte den Verhaftungswellen entkommen und flüchtete über ihre organisierte Verbindung zu den slowenischen Partisanen.
Mitglieder
Bisher konnten mehr als 70 Personen der Anti-Hitler-Bewegung Österreichs zugeordnet werden.
Weibliche Mitglieder der Anti-Hitler-Bewegung Österreichs
Katharina Büchler, Friederike Burda, Viktoria Chmel, Sophie Exter, Leopoldine Flandera, Johanna Flaschko, Therese Flaschko, Maria Anna Fotter, Maria Freisinger, Hedy Grusch, Leopoldine Halir, Hilde Hasenauer, Rosa Hladik, Dora Hofmann, Else Hofmann, Marie Kamhuber, Johanna Kloc, Marianne Kühnlein, Sophie Leifhelm, Irma Machalek, Emma Mayerhofer, Rosa Mekiska, Hildegard Mraz, Magdalena Onigas, Marie Pirker, Johanna Pleschko, Therese Pleschko, Monika Pölzl, Julianne Rappold, Risa Roschitz, Katharina Rothfus, Tatjana Rothfus, Marie Schlager, Ottilie Schörg, Eleonore Schwella, Marie Schwella, Anna Slivka/Sliwka, Margarete Snittele, Aloisia Soucek, Josefine Stolba, Wilma Trawnitschek, Erna Vachal, Leopoldine Veit, Anna Wagner.
Männliche Mitglieder der Anti-Hitler-Bewegung Österreichs
Viktor Bergner, Johann Büchler, Franz Burda, Wilhelm Chob(t)ot, Ludwig Josef Fotter, Johann Hobs, Wilhelm Horwath, Karl Hudomalj, Hans Jiricek, August Kamhuber, Heinrich Klein, Alois Krehlik, Mitrophan Kusnetzoff, Franz Mayerhofer, Rudolf Mekiska, Alfred Migsch, Wilhelm Pirker, Franz Potensky, Karl Rimmer, Hans Rothfuhs, Rudolf Rothfuhs, Fritz Schmalhofer, Gustav Schwella, Johann Sliwka, Josef Steindl, Karl Suchanek, August Zwickl.[1]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Anti-Hitler-Bewegung Österreichs im Wien Geschichte Wiki der Stadt Wien
- ↑ a b c Hans Schafranek: Frauen im Widerstandsnetzwerk um Karl Hudomalj. Die »Anti-Hitler-Bewegung Österreichs« 1942–1944 - kommunismusgeschichte.de. In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2015. S. 17–38, abgerufen am 27. September 2025.
- ↑ DÖW - Erinnern - Biographien - Erzählte Geschichte - Widerstand 1938-1945 - Friederike Burda: Den Krieg um ein paar Tage verkürzen. Abgerufen am 27. September 2025.
- ↑ DÖW - Erkennen - Ausstellung - Gedenkstätte Salztorgasse - Verschleppt und verfolgt: Ausländische ZwangsarbeiterInnen. Abgerufen am 27. September 2025.
- ↑ Soucek, Aloisia, geb. Jarosch (auch: Kurz, Luise; Michajlova, Luiza) - Terroropfer жертвы террора - Website von Raimund Dehmlow. Abgerufen am 29. September 2025.
- ↑ Österreichische Stalin-Opfer (bis 1945). Abgerufen am 29. September 2025.
- ↑ DÖW - Erinnern - Biographien - Österreichische Stalin-Opfer bis 1945 - Stalin-Opfer: M - Mraz, Hildegard. Abgerufen am 29. September 2025.