Ansorge-Verein

Der Ansorge-Verein (ab 1907 Verein für Kunst und Kultur) war ein Wiener Kulturverein, der von 1903 bis 1911 bestand.[1] Er widmete sich der Pflege zeitgenössischer Musik sowie zu Unrecht vergessener älterer Kunst und war nach dem Pianisten und Komponisten Conrad Ansorge benannt.

Geschichte

Gründung

Der Verein wurde im Frühjahr 1903 von drei Jusstudenten gegründet, die sich durch ihr gemeinsames Interesse für künstlerische Entwicklungen kennengelernt hatten: Wilhelm von Wymetal, Paul Stefan und Felix Fischer (20. März 1879 Wien – 18. Oktober 1944 ebd.). Besuche in Berlin, dem neben Wien zweiten Zentrum der deutschsprachigen Moderne, hatten die drei jungen Leute in dem Vorhaben bestärkt, auch in Wien ein Forum zu etablieren, in dem sich Kunstschaffende und Kunstinteressierte treffen sollten.[2]

Wilhelm von Wymetal, der als Obmann die Hauptlast des Vereins trug, hatte die Kunst Conrad Ansorges für sich entdeckt und machte es sich zum Anliegen, dessen Kompositionen dem Wiener Publikum nahezubringen. Bereits 1901 gewann er die Sängerin Marie Gutheil-Schoder für die Idee, Lieder Ansorges vorzutragen.

Tätigkeit

Der Verein orientierte sich an Berliner Vorbildern und verband Liederabende mit Rezitationen, Dichterlesungen, einführenden Vorträgen und kritischen Diskussionen. Besonders in der Anfangszeit bestand eine enge Verbindung zur bildenden Kunst; auch galt eine dem „hohen“ Ereignis angemessene Kleidervorschrift.

Zu den Verdiensten des Vereins zählten die Veranstaltung moderner Liederabende sowie die Einführung Max Regers in Wien. Trotz dieser Leistungen gelang es dem Verein nicht, sich dauerhaft ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit einzuprägen – die Vielfalt seiner Anliegen und das anspruchsvolle Programm überforderten das Publikum bisweilen.

Auflösung

1910 ging der Ansorge-Verein im neu gegründeten Akademischen Verband für Literatur und Musik auf. Am 8. Februar 1910 gab der Verein seine Schlussveranstaltung.[3] 1911 fanden gemeinsame Veranstaltungen mit dem Akademischen Verband statt, im November 1911 erfolgte der Zusammenschluss.

Nachfolgeorganisationen

Der Ansorge-Verein stand in Verbindung mit prominenten Nachfolgeorganisationen der Wiener Musikszene, darunter die Vereinigung Schaffender Tonkünstler (1904–1905) und der Akademische Verband für Literatur und Musik (gegründet 1908). Der Gründer Felix Fischer schuf ab 1904 ein Intimes Theater, das aus dem Ansorge-Verein hervorging und bis 1907 Bestand hatte.[4]

Mitglieder (Auswahl)

Ein Teil der Namen findet sich auf einem Aufruf anlässlich der Gründung des Vereins:[5]

Künstler, die bei Veranstaltungen auftraten

Literatur

  • Eike Rathgeber, Christian Heitler und Manuela Schwartz: Conrad Ansorge 1862–1930. Ein Pianist des Fin de siècle in Berlin und Wien (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte. Band 12). Böhlau Verlag, 2017, ISBN 978-3-205-20307-0.
    • Eike Rathgeber, Christian Heitler: Der Wiener Ansorge-Verein 1903–1910. In: Heidemarie Uhl (Hrsg.): Kultur – Urbanität – Moderne (= Studien zur Moderne. Bd. 4). Passagen, Wien 1999.
  • Eike Rathgeber: Ansorge-Verein. In: Oesterreichisches Musiklexikon. Online-Ausgabe, Wien 2002 ff., ISBN 3-7001-3077-5; Druckausgabe: Band 1, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2002, ISBN 3-7001-3043-0.
  • Paul Stefan: Das Grab in Wien. Reiss, Berlin 1913.
  • Paul Stefan: Aus Zemlinskys Wiener Zeit. In: Der Auftakt. Jg. 1, Nr. 14–15, 1921, S. 227.
  • Besuche von Arthur Schnitzler auf Veranstaltungen des Ansorge-Vereins in: Arthur Schnitzler: Verzeichnis der Kulturveranstaltungen, online

Einzelnachweise

  1. Eike Rathgeber, Christian Heitler und Manuela Schwartz: 'Conrad Ansorge 1862–1930. Ein Pianist des Fin de siècle in Berlin und Wien (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte. Band 12). Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20307-0, S. 385.
  2. Eike Rathgeber, Christian Heitler und Manuela Schwartz: 'Conrad Ansorge 1862–1930. Ein Pianist des Fin de siècle in Berlin und Wien (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte. Band 12). Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20307-0, S. 387.
  3. Eike Rathgeber, Christian Heitler und Manuela Schwartz: 'Conrad Ansorge 1862–1930. Ein Pianist des Fin de siècle in Berlin und Wien (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte. Band 12). Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20307-0, S. 391.
  4. Eike Rathgeber, Christian Heitler und Manuela Schwartz: 'Conrad Ansorge 1862–1930. Ein Pianist des Fin de siècle in Berlin und Wien (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte. Band 12). Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20307-0, S. 391.
  5. Eike Rathgeber, Christian Heitler und Manuela Schwartz: 'Conrad Ansorge 1862–1930. Ein Pianist des Fin de siècle in Berlin und Wien (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikgeschichte. Band 12). Böhlau, Wien 2017, ISBN 978-3-205-20307-0, S. 477, 703–758.