Anne Nassauer

Anne Nassauer (* 19. Mai 1982 in Berlin) ist eine deutsche Soziologin, deren Forschung sich vor allem mit den Bedingungen sozialen Handelns beschäftigt. Nassauer ist Professorin für Soziologie, insbesondere politische Soziologie, an der Universität Erfurt.[1]

Ihre Forschung befasst sich mit menschlicher Interaktion, sozialem Handeln und den Dynamiken durch die soziale Prozesse entstehen, stabil bleiben oder eskalieren. Charakteristisch für ihre Arbeiten ist ein situativer und interaktionistischer Ansatz, der soziale Phänomene als dynamische, sequenzielle und relationale Prozesse analysiert.[2][3] Methodisch ist ihre Forschung durch Mixed-Methods-Designs sowie durch die Entwicklung der Video Data Analysis (VDA) geprägt.[4][5]

Leben

Nassauer ist in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen.[6.1] Nach der Promotion 2013 an der Humboldt-Universität zu Berlin war sie von 2016 bis 2022 Juniorprofessorin für Soziologie an der FU Berlin. Seit 2022 ist sie Professorin für Soziologie, insbesondere politische Soziologie an der Universität Erfurt. Im Rahmen ihrer Promotion verbrachte sie ein Jahr an der Columbia University und im Rahmen ihrer Juniorprofessur war sie ein Jahr lang als Gastforscherin an der Yale University tätig. Sie verbrachte längere Forschungsaufenthalte unter anderem an der New York University (NYU) und dem Karisoke Research Center in Rwanda.[1]

Forschung

Situationaler Interaktionismus und dynamische Erklärungsansätze sozialen Handelns

Nassauers Arbeiten sind durch einen interaktionistischen Ansatz geprägt, der an den symbolischen Interaktionismus anschließt und soziale Prozesse als in konkreten Situationen hervorgebracht versteht. Soziales Handeln und soziale Ordnung werden in diesem Verständnis nicht als direkte Folge individueller Eigenschaften oder übergeordneter Strukturen verstanden, sondern als dynamische prozessuale Ergebnisse interaktionaler Verläufe.[6][7][8]

Dabei verbindet Nassauer mikro- und makro-soziologische Ansätze indem sie Kontextfaktoren, die zeitlich vor einer Situation liegen – etwa strukturelle Bedingungen, organisationale Rahmen, biografische Hintergründe oder Motivationen – systematisch in ihre Erklärungsmodelle integriert. Diese Faktoren werden jedoch nicht als unmittelbare Ursachen sozialer Ereignisse, sondern als Risikofaktoren verstanden. Risikofaktoren können beeinflussen, wie Situationen verlaufen, welche Erwartungen Personen mitbringen und welche Interpretationen wahrscheinlich werden. Den analytischen Kern bilden jedoch die situativen Interaktionsdynamiken selbst.[2][9] Nassauer zeigt, dass Eskalationen und andere soziale Ereignisse auch ohne entsprechende vorgelagerte Kontextfaktoren entstehen können, etwa durch Eigendynamiken der Interaktion, wechselseitige Interpretationen, emotionale Dynamiken oder situative Missverständnisse zwischen Beteiligten.[6][10] Ihre Forschung, wie der von ihr entwickelte Erweiterte Symbolische Interaktionismus, leistet so Beiträge zur theoretischen Weiterentwicklung interaktionistischer Erklärungsansätze.[2] In ihrer empirischen Forschung entwickelt sie interaktionistische Ansätze für verschiedene soziale Phänomene wie polizeilichen Schusswaffengebrauch, Proteste, Raubüberfälle, und Amok-Gewalt und zeigt, wie sich diese Ereignisse aus situativen Interaktionsdynamiken heraus erklären lassen. So zeigt sie, dass Protestgewalt nicht systematisch durch vorherige Motivationen von Teilnehmenden oder Polizeistrategien erklärbar ist, sondern durch dynamische situative Prozesse entsteht.[11] In versuchten Raubüberfällen bestimmen diese Interaktionsdynamiken, ob ein Raubüberfall gelingt oder nicht[8] und in Amokläufen sind situative Dynamiken ausschlaggebend dafür, ob ein versuchter Amoklauf in einem mass shooting endet oder scheitert.[10]

Kollektives Handeln, Gewalt-Eskalation und „Situational Breakdowns“

Ein zentrales Programm in Nassauers Forschung ist die Analyse kollektiven Verhaltens, insbesondere kollektiver Eskalations- und Deeskalationsprozesse. Sie untersucht, wie Konflikte in Gewalt umschlagen oder gewaltfrei bleiben und welche Rolle situative Bedingungen im Vergleich zu Kontextfaktoren dabei spielen.[3][11][12]

Besondere Bedeutung kommt dem Konzept der „situational breakdowns“ zu.[6] Darunter versteht Nassauer Situationen, in denen etablierte Routinen, geteilte Erwartungen oder Koordinationsmechanismen versagen. In solchen Momenten entstehen Unsicherheit und Interpretationsspielräume, die Eskalationen begünstigen können. Gewalt erscheint in diesem Verständnis als emergentes Ergebnis situativer Prozesse. In ihrem Buch “Situational Breakdowns” zeigt Nassauer, wie Protestgewalt systematisch durch die Kombination bestimmter Interaktionsdynamiken im Protestverlauf entsteht.[6][11] Wenn diese Interaktionen in einer von drei Kombinationen auftreten führen sie zu einer Re-Interpration beteiligter Aktuere, einem Wandel emotionaler Dynamiken und anschliessender Gewalt.

Interaktionsordnungen, Rituale und Regelbrüche

Ein weiteres zentrales Thema von Nassauers Forschung ist die Analyse von Interaktionsordnungen und sozialen Ritualen. Aufbauend auf mikrosoziologischen Theorien untersucht sie, wie Interaktionen durch implizite Regeln, Erwartungen und ritualisierte Abläufe strukturiert sind.

Insbesondere in ihren Arbeiten zu Raubüberfällen zeigt sie, angelehnt an Garfinkels Konzept des breaching, wie Regelbrüche innerhalb ritualisierter Interaktionen entscheidend für das Gelingen oder Scheitern einer sozialen Handlung sind.[8] In ihrer Forschung zu kollektiven Regelbrüchen beschäftigt sie sich damit, wie soziale Ansteckung und zeitliche kollektive Dynamiken verschiedene Arten und Schweregrade von Regelbrüchen bedingen, sowohl wenn Personen direkt interagieren als auch wenn sie Spuren früherer Regelbrüche durch Dritte auffinden – beispielsweise im Rahmen von Ausschreitungen,[13] oder bei Regelbrüchen im Rahmen des Naturschutzes.[14]

Soziale Ungleichheit und Zuschreibungen in Interaktionsdynamiken

In mehreren Arbeiten thematisiert Nassauer soziale Ungleichheit als interaktional wirksame Dimension von Gewalt. Sie analysiert, wie Kategorien wie Race und Geschlecht in konkreten Situationen prozessual hergestellt werden und Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsoptionen strukturieren.[6.2][15][16] Ihre Forschung zeigt, dass Zuschreibungen und Dehumanisierungsprozesse situativ aktiviert werden können und Einfluss auf Interaktionsdynamiken haben.[15] Nassauer zeigt unter anderem, wie Geschlecht und Race in polizeilichen Interaktionen Interpretationen und Handlungen von Beamten vor dem Schusswaffeneinsatz beeinflussen[15] oder wie diese die (wahrgenommenen) Handlungsoptionen späterer Amokläufer prägen.[16]

Video Data Analysis, Mixed-Methods-Triangulation und Forschungsethik

Ein weiterer Beitrag von Nassauer liegt in der methodologischen Weiterentwicklung der Sozialwissenschaften. Ausgehend von ihrer Promotionsforschung entwickelte sie die Video Data Analysis (VDA), einen Ansatz zur systematischen Analyse sozialer Interaktionen anhand von Videoaufnahmen, häufig in Kombination mit anderen Datentypen.[17]

VDA ermöglicht die sequenzielle Rekonstruktion sozialer Prozesse und so die Analyse ob bestimmte Dynamiken (wie situative Interaktionen, Interpretationen oder Emotionen Beteiligter) systematisch zu einem Ereignis führen oder nicht. Der Ansatz kann sowohl für die qualitative Forschung verwendet werden, als auch für die quantiative und mixed-methods Forschung.[18] Er bietet einen methodischen Rahmen für ein breites Spektrum von Anwendungen in der Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaften, Kriminologie, Kommmunikationswissenschaften und anderen Feldern.[5][19][20] VDA ermöglicht die systematische Analyse komplexer sozialer Prozesse und trägt zur methodischen Reflexion interaktionistischer Forschung bei.[21]

Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit zu visuellen und digitalen Daten befasst sich Nassauer auch mit forschungsethischen Fragen. Dieser Forschungsschwerpunkt reflektiert die Verantwortung der Sozialwissenschaften bei der Nutzung neuer Datenquellen und leistet einen Beitrag zur Diskussion ethischer Standards in der qualitativen, quantativen und mixed-methods Forschung mit Videodaten. Zur Abwägung der Nutzung und ethischen Reflektion solcher neuerer Videodaten entwickelt sie Flussdiagrame zur Entscheidungsfindung und betont das Abwägen konkreter ethischer Gesichtspunkte auf einer Gewichtbarkeitsskala.[22]

Auszeichnungen

Nassauer erhielt mehrere Auszeichnungen für ihre Arbeiten in der Soziologie und Sozialpsychologie. Unter anderem wurde sie in der Sozialpsychologie im Jahr 2021 für ihr Buch Situational Breakdowns mit dem Outstanding Recent Contribution Award der American Sociological Association – Sektion Sozialpsychologie ausgezeichnet. Zudem erhielt sie in der Soziologie im Feld des Symbolischen Interaktionismus den Charles Horton Cooley Buchpreis 2020 der Society for the Study of Symbolic Interaction (SSSI)[23] sowie von der Sektion Politische Soziologie der American Sociological Association die 2020 Book Award Honorable Mention.[24]

Schriften (Auswahl)

  • Video data analysis. How to use 21st century video in the social sciences. Mit Nicolas M. Legewie (2022). Sage Publishing: Los Angeles 2022, ISBN 978-1-5297-2246-8.
  • Situational breakdowns. Understanding protest violence and other surprising outcomes. (2019). Oxford University Press: New York, ISBN 978-0-19-092206-1.
  • “The only friend I had was my gun’: A mixed-methods study of gun culture in school shootings." (2025). PLOS ONE. doi:10.1371/journal.pone.0322195
  • "Two Processes of Dehumanisation: an in-depth study of racial biases in real-life officer-involved shootings of black citizens." (2024). Ethnic and Racial Studies. 47(1): 234-257.
  • "Video Data Analysis: A Methodological Frame for a Novel Research Trend." Mit Nicolas M. Legewie (2021). Sociological Methods and Research, 50(1): 135-174 (online first since 2018).
  • "Situation, Context, and Causality - On a Core Debate of Violence Research." (2022). Violence: An International Journal 3(1):40-64.
  • "Whose Streets? Our Streets! Negotiations of Space and Collective Violence." Mit Nicolas M. Legewie (2021). Social Problems 68 (4): 852-869.
  • "YouTube, Google, Facebook: 21st Century Online Video Research and Research Ethics." Mit Nicolas M. Legewie. (2018). Forum: Qualitative Social Research. 19:03, Art. 32.
  • "Situational Dynamics and the Emergence of Violence During Protests." ( (2018). Psychology of Violence. 8(3):293-304.
  • "How Robberies Succeed or Fail: Analysing Crime Caught on CCTV." (2018). Journal of Research in Crime and Delinquency. 55(1): 125-154.

Einzelnachweise

  1. a b Universität Erfurt: Prof. Dr. Anne Nassauer. Abgerufen am 13. Januar 2026 (britisches Englisch).
  2. a b c Anne Nassauer: Situation, context, and causality—On a core debate of violence research. In: Violence: An International Journal. Band 3, Nr. 1, 1. April 2022, ISSN 2633-0024, S. 40–64, doi:10.1177/26330024221085981.
  3. a b Anne Nassauer: “Whose streets? Our streets!”: Negotiations of Space and Violence in Protests. In: Social Problems. Band 68, Nr. 4, 19. Oktober 2021, ISSN 0037-7791, S. 852–869, doi:10.1093/socpro/spaa051.
  4. Anne Nassauer: “The only friend I had was my gun”: A mixed-methods study of gun culture in school shootings. In: PLOS ONE. Band 20, Nr. 4, 23. April 2025, ISSN 1932-6203, S. e0322195, doi:10.1371/journal.pone.0322195, PMID 40267040, PMC 12017492 (freier Volltext).
  5. a b Anne Nassauer, Nicolas M. Legewie: Video data analysis: how to use 21st century video in the social sciences. SAGE Publications Ltd, London / Thousand Oaks 2022, ISBN 978-1-5297-2246-8.
  6. a b c d Anne Nassauer: Situational breakdowns: understanding protest violence and other surprising outcomes. Oxford university press, New York 2019, ISBN 978-0-19-092206-1.
    1. Seite xiv
    2. Kapitel 9
  7. Anne Nassauer: Situation, context, and causality—On a core debate of violence research. In: Violence: An International Journal. Band 3, Nr. 1, 1. April 2022, ISSN 2633-0024, S. 40–64, doi:10.1177/26330024221085981.
  8. a b c Anne Nassauer: How Robberies Succeed or Fail: Analyzing Crime Caught on CCTV. In: Journal of Research in Crime and Delinquency. Band 55, Nr. 1, 1. Februar 2018, ISSN 0022-4278, S. 125–154, doi:10.1177/0022427817715754.
  9. Anne Nassauer: Video Data Analysis as a Tool for Studying Escalation Processes: The Case of Police Use of Force. In: Historical Social Research / Historische Sozialforschung. Band 47, Nr. 1, 2022, ISSN 0172-6404, S. 36–57, JSTOR:27160785.
  10. a b Anne Nassauer: The Interactional Pathways of Mass Killings: Toward a Novel Understanding of Rampage School Shootings. In: Symbolic Interaction. ISSN 1533-8665, doi:10.1002/symb.1227.
  11. a b c Anne Nassauer: Situational dynamics and the emergence of violence in protests. In: Psychology of Violence. Band 8, Nr. 3, Mai 2018, ISSN 2152-081X, S. 293–304, doi:10.1037/vio0000176.
  12. Anne Nassauer: From peaceful marches to violent clashes: a micro-situational analysis. In: Social Movement Studies. Band 15, Nr. 5, 11. März 2016, ISSN 1474-2837, S. 515–530, doi:10.1080/14742837.2016.1150161.
  13. Jens Krause, Pawel Romanczuk, Emiel Cracco, William Arlidge, Anne Nassauer, Marcel Brass: Collective rule-breaking. In: Trends in Cognitive Sciences. Band 25, Nr. 12, 1. Dezember 2021, ISSN 1364-6613, S. 1082–1095, doi:10.1016/j.tics.2021.08.003 (sciencedirect.com [abgerufen am 13. Januar 2026]).
  14. William N. S. Arlidge, Robert Arlinghaus, Ralf H. J. M. Kurvers, Anne Nassauer, Rodrigo Oyanedel, Jens Krause: Situational social influence leading to non-compliance with conservation rules. In: Trends in Ecology & Evolution. Band 38, Nr. 12, 1. Dezember 2023, ISSN 0169-5347, S. 1154–1164, doi:10.1016/j.tree.2023.08.003, PMID 37634956.
  15. a b c Anne Nassauer: Two processes of dehumanization: an in-depth study of racial biases in real-life officer-involved shootings of black citizens. In: Ethnic and Racial Studies. Band 47, Nr. 1, 2. Januar 2024, ISSN 0141-9870, S. 234–257, doi:10.1080/01419870.2023.2210654.
  16. a b Anne Nassauer: Race, racism, and rampage: rethinking school shootings through a racial lens. In: Ethnic and Racial Studies. 3. Oktober 2025, ISSN 0141-9870, S. 1–22, doi:10.1080/01419870.2025.2558988.
  17. Anne Nassauer, Nicolas M. Legewie: Video Data Analysis: A Methodological Frame for a Novel Research Trend. In: Sociological Methods & Research. Band 50, Nr. 1, 1. Februar 2021, ISSN 0049-1241, S. 135–174, doi:10.1177/0049124118769093.
  18. Anne Nassauer, Nicolas M. Legewie: Methodologische Entwicklungen in der Gewaltforschung. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie. Band 45, Nr. 1, 1. Juli 2020, ISSN 1862-2585, S. 135–156, doi:10.1007/s11614-020-00412-1.
  19. Video Data Analysis of Body-Worn Camera Footage : A Practical Methodology in Support of Police Reform. In: Taylor & Francis. 1. November 2022, doi:10.4324/9781003285267-5/video-data-analysis-body-worn-camera-footage-eric-piza-victoria-sytsma (taylorfrancis.com [abgerufen am 13. Januar 2026]).
  20. Ben Stickle, Brenda Vose, J. Mitchell Miller: A Video Data Analysis of Pet Theft Incidents: An Examination of Offense Form, Situational Dynamics, & Offender Characteristics. In: Deviant Behavior. Band 46, Nr. 8, 3. August 2025, ISSN 0163-9625, S. 989–999, doi:10.1080/01639625.2024.2378111.
  21. Special Issue: The Present and Future of Video-based Social Science Research. In: Sociological Methods & Research. Band 52, Nr. 3 (sagepub.com [abgerufen am 13. Januar 2026]).
  22. Shing-Ling S. Chen, Zhuojun Joyce Chen, Nicole Allaire: Legal and Ethical Issues of Live Streaming. Bloomsbury Publishing, 2020, ISBN 978-1-978780-12-5 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche [abgerufen am 13. Januar 2026]).
  23. Society for the Study of Symbolic Interaction - Past Awards. Abgerufen am 13. Januar 2026.
  24. Political Sociology Award Recipient History. American Sociological Association (englisch, asanet.org [abgerufen am 13. Januar 2026]).